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HANSE DIGITAL KOMMENTAR

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HANSEVALLEY veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Kommentare und Meinungsbeiträge von Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Verwaltung, Bildung und Gesellschaft. Die veröffentlichten Positionen bietet einen Impuls zu aktuellen Entwicklungen im Kontext Digitalisierung, Transformation und Kulturwandel. 

Die Meinungen fördern den offenen, demokratischen Austausch und einen Diskurs ohne Denkverbote und politische Einflussnahme. Die veröffentlichten Positionen spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion des Hanse Digital Magazins wider. Wir freuen uns auf Vorschläge und Manuskripte unter hanseremark@hansevalley.de.


Haltung geht nicht ohne Rückgrad.

Umstrittene Reklame des Hamburger Cola-Abfüllers "Fritz Cola"
Motiv: Fritz Cola

Alexander Becker, Head of Newsroom und Chefredakteur der Zeitschrift "Clutch" bei der Hamburger PR-Agentur "Frau Wenk", schreibt in der aktuellen Ausgabe des "C-Level Briefings für Digital-Profis" am 18.10.2020:

"Eine besondere Connection baut Fritz Kola gerade zu einigen Hatern auf. Die Hamburger Cola-Experten haben ein wunderbar kritisches Trump-Plakat in der Hansestadt platziert, um die eigene Zero-Brause zu promoten (Claim: „Zwei Nullen. Eine schmeckt“). Bei Facebook wurde Fritz Kola deshalb nun heftig von Trump-Sympathisanten für die Kampagne kritisiert. Antwort des Unternehmens: „Für jeden Hasskommentar unter diesem Beitrag spenden wir einen Euro an Flüchtlingsprojekte der ‚Aktion Deutschland hilft‘ und ‚EXIT-Deutschland‘, einer Initiative gegen Rechts.“ Das nenne ich einmal gelebte Haltung von Seiten einer Firma."

Gerd Kotoll, Landeskorrespondent Hamburg des Hanse Digital Magazins HANSEVALLEY, antwortet ihm in einer E-Mail am 22. Oktober 2020, die wir hiermit im vollständigen Wortlaut veröffentlichen:

Lieber Alexander Becker,

Ihren Newsletter lese ich wirklich gern, immer wieder. Das wird auch so bleiben, auch wenn ich im letzten Aussagen lesen musste, die mir derart die Sprache verschlagen haben, dass es fast eine Woche dauerte, bis ich diese wieder gefunden habe und Ihnen nun schreiben kann.

Stein, pardón, Satz des Anstosses ist Ihre Einleitung und darin der Absatz zu Fritz Cola. Sind Sie sicher, dass so etwas Haltung sein kann? Und nicht nur Gratismut nach Feierabend? Also: nur 'ne billige Mainstream-Clickbaiting-Nummer?

Man kann zu Trump stehen, wie man will. Ihn als (Anti)-Werbefigur zu nutzen bleibt aber nur billig (abgesehen davon ist es unkreativ). 

Im Anschluss dann moralin-besoffen Haltung vorzugaukeln und für jeden "Hass-Kommentar" zu spenden ist eben nur wohlfeil. Abgesehen davon, dass es schon ziemlich irre ist, den guten Zweck um so höher zu bedenken, je mehr Hass geäußert wird, bleibt da einiges zu Hinterfragen:

Zum Beispiel was denn alles Hass sein könnte. Auch schon sachliche Kritik, wie meine (was bei Facebook derzeit reihenweise zensiert wird)? Und: wer legt das überhaupt fest?

Tatsächlich erleben wir hier einmal mehr einen kommunikativen Auswuchs, der in der Konsequenz zu Cancel Culture und damit einer Einschränkung der Meinungsfreiheit führt. Das als Haltung zu verbrämen ist nicht mehr als Framing, das es scheinbar legitimiert, abweichende Meinungen zu verurteilen: als "falsche Haltung". 

Oder wenigstens als fehlende Haltung, was am Ende auch falsch ist, solange es sich eben um "diese" Haltung handelt. Im Ergebnis geht damit einmal mehr die Diskursfähigkeit um der Sache willen verloren. 

Stattdessen wird wieder einmal nur zwischen schwarz oder weiß, vermeintlich richtig oder falsch, Freund oder Feind unterteilt.

Haltung ist hingegen etwas, das man grundsätzlich hat, obwohl man weiß, dass es Proteste gegen diese Haltung geben wird. Die, letztlich bewusst provozierten, mindestens aber in Kauf genommen Hass-Kommentare zu dieser Werbung sind eben das aber genau deswegen nicht.

Die Kommerzialisierung des Haltungsbegriffes beraubt dessen Funktion. Und zwar als conditio sine qua no. Stattdessen wird hier nur eine Fahne in den Wind gehängt. 

Würde dieser sich drehen, würde die Fahne nur verändert erneut gehisst werden. Das ist aber das Gegenteil von Haltung. Das ist Beliebigkeit.

Haltung wäre es, wenn das Unternehmen grundsätzlich spendet oder sich anders engagiert - unabhängig von Werbeerfolgen, Kommentaranzahl oder anderen Parametern: Engagement mit Haltung aus innerer Überzeugung, stabil, langfristig, werteorientiert. Diese fehlt hier offensichtlich, jedenfalls weitgehend.

Woanders war kürzlich folgendes zu lesen: 

'Haltung ist 'ne feige Sau!'

Wenn Ihnen bisher ein praktisches Beispiel fehlte: jetzt kennen Sie eines. Wenn Sie ein weiteres haben möchten: lesen Sie die Stellungnahme des Bundespräsidenten zum jüngsten Terrorakt in Paris. Und dann vergleichen Sie das mit der Stellungnahme von Kevin Kühnert dazu, der sicher unverdächtig ist, hier eine "falsche" Haltung zu haben.

Anders formuliert: 

Wo war eigentlich "Haltung Hamburg" bspw. nach dem Angriff auf den jüdischen Studenten neulich? Beredtes Schweigen herrschte seitens der Initiatoren.

Was sind die Aussagen nach derlei Ereignissen wert, die mantra-artig immer wieder geäußert werden: "wir dulden nicht, dass...", "... darf keinen Platz in unserer Gesellschaft haben.", " wir werden nicht zulassen, dass sich... wiederholt." und "... stehen fest an der Seite von..."? Jeder einzelne dieser Sätze strotzt nur so vor Haltung - oder das, was man mittlerweile dafür hält. Oder dazu gemacht hat. 

Alle, wirklich alle wissen, dass nach solchen Sätzen genau nichts folgt. Gar nichts. Es ändert sich nichts.

Weil man sich die Hände nicht schmutzig machen will im Sediment der Gesellschaft, in der widerliche Ansichten und perfide Menschenverachtung vor sich hinmodern und hin und wieder einer stinkenden Methanblase gleich an die Oberfläche kommen und für kurze Zeit ein explosives, brennbares Gemisch bilden, das zum Glück in der Regel nicht zündet.

Man meint, sich die Hände nicht schmutzig machen zu müssen, weil man ja die richtige Haltung hat. 
Das muss reichen. 

Wie armselig diese gebückte Haltung ist, wird deutlich, wenn man sich andere Gesellschaften im Umgang bspw. mit Opfern von Anschlägen ansieht. Diese bekommen ihren Namen, ihr Gesicht und damit ihr Gedenken. Die deutsche Haltung dazu ist eine andere, eine feige, wie wir spätestens seit dem Anschlag auf dem Breidscheidtplatz wissen.

In diese Sinne grüßt Sie mit geradem Rücken ;-)

Gerd Kotoll

Korrespondent Hamburg

HANSEVALLEY - Das Hanse Digital Magazin

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Digitale Schulen: Ein Digitalpakt 2.0 ist überfällig.

Die Hamburgerin Katja Suding kämpft in Berlin für digitale Bildung.
Foto: Lisa Schwietzke, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Hamburger FDP-Vorsitzende und stellvertretende Fraktionschefin im Deutschen Bundestag Katja Suding schrieb für den Berliner "Tagesspiegel“ (04.08.2020) den folgenden Gastbeitrag:


In vielen Bundesländern enden in den kommenden Wochen die Sommerferien. Gleichzeitig sind viele Eltern und ihre Kinder besorgt um regionales Aufflammen von Corona-Fällen oder gar einer zweiten Welle. Es stellt sich die Frage: 

Wie kann Unterricht in diesen unbestimmten Zeiten aussehen?

Diese Frage ist für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft von immenser Bedeutung. Der Staat muss jeder und jedem Einzelnen den Zugang zu Bildung ermöglichen – zu jeder Zeit. Weltbeste Bildung ist der Schlüssel zu individuellen Lebenschancen. Nur sie ermöglicht es dem Einzelnen, das eigene Leben in Freiheit zu gestalten. 

Dass in Deutschland immer noch die soziale Herkunft über den Bildungserfolg und die persönlichen Verwirklichungschancen entscheidet, ist ein ernüchternder Befund. Dass der teilweise über Wochen ausgefallene Unterricht während der Coronakrise die Chancen vieler Schülerinnen und Schüler auf soziale Mobilität noch weiter reduziert hat, ist eine Blamage.

Die Coronakrise hat die Probleme unseres Bildungswesens wie unter einem Brennglas sichtbar gemacht. Das System Schule ist streckenweise krachend zusammengebrochen, das Recht auf Bildung konnte nicht eingelöst werden. Der Grund dafür: Es fehlen digitale Systeme und technische Geräte, um kurzfristig vom Präsenzunterricht auf das Lernen von zu Hause umzustellen. 

Nur dem Engagement tatkräftiger Lehrkräfte und nervenstarker Eltern ist es zu verdanken, dass zahlreiche Kinder trotz aller Widrigkeiten nicht noch viel mehr Lernstoff verpasst haben. Ein solches Unterrichtsdesaster dürfen wir nicht noch einmal zulassen. Nie wieder dürfen die Schülerinnen und Schüler die Leidtragenden verpasster Investitionen in die Digitalisierung der Schulen sein.

Zum Start in das neue Schuljahr müssen wir daher alles daran setzen, eine erneute Chancenkrise zu vermeiden – mit pandemie-festem Präsenzunterricht in den Schulen, aber eben auch mit einem lange überfälligen Turbo für die Digitalisierung des Unterrichts. Die Bemühungen der Bildungsministerin Anja Karliczek, in der Hochphase der Pandemie zusätzliche Mittel für digitale Bildung an die Schulen zu bekommen, waren ehrenwert, aber viel zu unambitioniert.

Schon vor einem Jahr haben wir Freie Demokraten deutlich gemacht, dass der Digitalpakt nicht ausreicht. Wie ein Mantra wiederholen wir seither: Ein Digitalpakt 2.0 ist überfällig. An den entscheidenden Stellen muss der Bund den Schulen und Schulträgern mehr unter die Arme greifen.

Erstens:
Schulen brauchen dauerhaft Unterstützung bei der technischen Ausstattung und Wartung. Lehrkräfte können nicht gleichzeitig Pädagogen, Administratoren und Technikexperten sein.

Zweitens:
Lehrkräfte müssen sich schon im Studium, vor allem aber im Beruf mit digitaler Bildung in Fort- und den Weiterbildungen vertraut machen – und zwar nachhaltig.

Drittens: Digitale Lernplattformen und -mittel müssen mit klaren Anforderungen gefördert werden. Anbieter müssen wissen, welche Richtlinien sie einhalten müssen, um ihre Dienste an Schulen anbieten zu können.

Viertens:
Es muss klare rechtliche Vorgaben zum Datenschutz aus den Kultusministerien geben, zum Beispiel dafür, welche Dienste und Programme in Schulen unter welchen Voraussetzungen genutzt werden können. Bei Rückfragen müssen Ansprechpartner zur Verfügung stehen, die für Schulleitungen direkt erreichbar sind.

Fünftens: Für die Zukunft muss daran geforscht werden, wie Algorithmen diskriminierungsfrei das Lernverhalten der Kinder unterstützen können und wie KI sinnvoll und datenschutzkonform eingesetzt werden kann. Hier könnten wir noch innovativ und Vorreiter sein.

Bei aller Notwendigkeit zusätzlicher Investitionen brauchen Schulen und Schulträger vor allem zwei Dinge: die Möglichkeit, die Investitionen auszuweiten, um in Fort- und Weiterbildungen für Lehrkräfte zu investieren sowie vereinfachte Antragsverfahren, die die Schulträger entlasten, zum Beispiel mit einer zentralen digitalen Plattform zur Beantragung der Gelder.


Bitte, liebe Bildungsministerin Anja Karliczek, wachen Sie endlich auf und stellen sie sich in den Dienst der Lebenschancen unserer Schülerinnen und Schüler. Bei mutigen und kreativen Lösungsansätzen für chancengerechte digitale Bildung unterstützen wir Sie gern. Es geht um die Zukunft vieler Generationen.

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Probleme mit Corona-App sind eine Blamage für den Technologiestandort Deutschland.

Stefan Holowaty aus Bad Segeberg findet klare Worte:
Die Corona-Warn-App ist eine Katastrophe.
Foto: FDP SH

Die Corona-App funktioniert auf vielen Smartphones nicht richtig. Dazu erklärt der digitalisierungspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion in Kiel, Stephan Holowaty:

„Diese Corona-App ist eine Katastrophe für den Technologiestandort Deutschland. Wer eine App veröffentlicht, die auf fast der Hälfte aller Smartphones im Land nicht funktioniert, der hat einiges grundlegend falsch gemacht. Auch für Software gilt: Testen, testen, testen.

Besonders blamabel ist die jetzige Abwiegelei des Bundesgesundheitsministeriums. Wer darauf verweist, dass in den FAQs ‚seit langem‘ eine ‚11-stufige-Anweisung‘ versteckt war, wie das Problem zu lösen sein, der hat nicht verstanden, wie eine Smartphone-App funktioniert und wie die berechtigten Erwartungen der Benutzer sind. Das zeigt: Digitalisierung muss man nicht nur wollen, sondern auch können.

Auch in der Politik ist Digitalisierung eine Vollzeitaufgabe für Profis. Deshalb unterstützen auch wir in Schleswig-Holstein die Forderung der FDP-Bundestagsfraktion, ein eigenes Digitalisierungsministerium zu schaffen, das solche Projekte mit eigener Fachkenntnis besser unterstützen kann. Es zeigt sich auch, dass selbst Projekte spezialisierter Dienstleister eng über-wacht und mit Fachkenntnissen in Politik und Verwaltung begleitet werden müssen.

Auch in Schleswig-Holstein gibt es da noch Luft nach oben. Spätestens die Corona-Krise hat uns gezeigt, wo wir deutlich besser werden müssen. Digitalisierung ist ein Querschnittsthema und kann nicht ‚nebenbei‘ betrieben werden.“

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Bildungsbericht 2020: Wir müssen Schule komplett neu denken.

Innovator und Digitalexperte der Liberalen im Bundestag:
FDP-Abgeordneter Thomas Sattelberger.
Foto: Thomas Sattelberger, MdB

„Der Bildungsbericht 2020 ist noch trauriger als seine Vorgängerberichte. Deutschland hat auf wichtigen Feldern noch schlechtere Ergebnisse erzielt als im Bericht 2018. 

So geht es wirklich nicht weiter: Wir müssen Schule komplett neu denken. Die Zahl der jungen Menschen ohne Hauptschulabschluss ist um fast 20 Prozent gestiegen. Die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsausbildung zwischen 25 und 34 Jahren ist von 1,35 Millionen auf 1,51 Millionen gestiegen. 

Das heißt: Jeder siebte dieser jungen Menschen in Deutschland hat keine abgeschlossene Berufsausbildung. Und die Corona-Schulschließungen, die zeigen das gesamte Fiasko. Der Erwerb digitaler Kompetenzen für finanziell Schwächere scheitert schon am Zugang zu Medien und zu Hardware. Deutsche Schulen bereiten nicht auf eine digitalisierte Welt vor. 

Während Corona haben nur 30 Prozent der Grundschüler Zugang zu ihrem Lehrer gehabt. Angela Merkel hat vor zwölf Jahren die Bildungsrepublik ausgerufen. Heute haben wir im internationalen Vergleich keine Bildungsrepublik, sondern eine Bildungsarmutsrepublik. 

Die nächsten drei Monate werden über eine Bildungsgeneration entscheiden. Corona ist jetzt die rote Lampe für Bund wie für Länder. Schüler sind schulpflichtig, Umkehrschluss: Die Unterrichtspflicht für den Staat, digital wie analog. Schulen müssen ab Herbst sowohl Präsenzunterricht wie auch Distanzunterricht anbieten können. 

Aber noch wichtiger: Jeder Schüler, jede Schülerin braucht einen Schulabschluss und braucht einen qualifizierten Berufsabschluss. Corona hat gezeigt: Schulen brauchen Freiheit, bei Personal, bei Finanzen, bei der Pädagogik. Und egal ob digital oder analog, Schule muss ein Biotop der Chancenfairness werden.“

Dr. h. c. Thomas Sattelberger ist bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. Weitere Informationen gibt es auf seiner Homepage.

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Mehrwertsteuersenkung: Online-Handel generell ausklammern?!

Am Konjunkturpaket der Bundesregierung mehrt sich die Kritik. Neben Experten bezweifeln auch Händler, dass von der ab 1. Juli 2020 geplanten Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 16 Prozent, überhaupt eine Wirkung auf den Konsum ausgeht.

Die Steuersenkung fördert nach dem Gießkannenprinzip, statt die Unternehmen zu stützen, die wirklich in Not sind", kritisiert der Junior-Chef der Drogeriekette Raoul Rossmann im Handelsblatt. „Sinnvoller wäre eine stärkere Mehrwertsteuersenkung für wirklich betroffene Branchen. Der Onlinehandel müsste dabei generell ausgeklammert werden.

Der Geschäftsführer der Lübecker Online-Marketing-Agentur Web-Netz - Patrick Pietruck - sagt dazu:

Web-Netz Co-Geschäftsführer Patrick Pietruck.
Foto: Web-Netz

„Herr Roßmann verkennt die Gesamtsituation des Online-Handels, wenn er fordert, dass dieser von der Mehrwertsteuersenkung ausgeklammert werden sollte. Neben dem klassischen Einzelhandel, der von der Corona-Pandemie zweifelsohne sehr hart getroffen wurde, haben auch zahlreiche Online-Händler mit erheblichen Umsatzrückgängen zu kämpfen. Ich befürchte, dass die geplante Mehrwertsteuersenkung höchstens zu einer Steigerung der Abverkäufe von Investitionsgütern führt, aber die Masse der Händler, sowohl Online als auch Offline, keinen Effekt spüren wird.“

Aufwand durch die Mehrwertsteuersenkung

Der Aufwand bei vielen Händlern ist allerdings nicht zu unterschätzen. Wobei klassische Händler den größeren Aufwand haben werden. Die müssen theoretisch alle Preisschilder neu produzieren, bzw. alle Preisschilder händisch ändern.

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Trennung von Konjunktur- und Zukunftspaket nicht sinnvoll.


Prof. Dr. Florian Lüdeke-Freund - Foto: Privat

Prof. Dr. Florian Lüdeke-Freund - Professor für unternehmerische Nachhaltigkeit an der ESCP Business School Berlin - erklärt zum Konjunktur- und Zukunftspaket der Bundesregierung:

Die Bundesregierung will die Wirtschaft nach Corona wieder ankurbeln. Zur Vielseitigkeit der Fördermaßnahmen sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder: „Zusätzlich haben wir noch etwas für das Klima gemacht.“ In diesem Satz liegt der entscheidende Fehler.

Warum wird zwischen Konjunktur- und Zukunftspaket unterschieden? Warum wird einerseits pauschal die Kaufkraft gefördert, nur um andererseits die negativen Folgen des Konsums mit extra Aufwand einzufangen? Warum kann das Konjunkturpaket selbst kein Zukunftspaket sein? Hebel hierfür hätte es gegeben. Zum Beispiel bei der Mehrwertsteuersenkung: 

Mit einer differenzierten Senkung könnten nachhaltige Alternativen wie ökologisch zertifizierte Produkte stärker berücksichtigt werden. Die nun beschlossene pauschale Kaufkraftförderung führt im Zweifel dazu, dass unnötige Zweitprodukte angeschafft werden. Das ist allerdings wenig nachhaltig, weil Ressourcen verschwendet werden. Der Hebel hätte zudem genutzt werden können, um neue und nachhaltigere Marktsegmente zu schaffen.

Gleiches gilt für den Kinderbonus: Es ist, ebenso wie bei der Mehrwertsteuersenkung, völlig richtig und wichtig, jenen zu helfen, die Einkommenseinbußen erleiden. Jedoch wäre ein „grüner Konsumgutschein“ hier die bessere Alternative. Klimaschutz, Ausbau der erneuerbaren Energien und die Wasserstoffstrategie sind wichtige und zukunftsweisende Elemente. 

Vizekanzler Olaf Scholz will mit dem Zukunftspaket Impulse für eine nachhaltige Transformation der Gesellschaft in den nächsten zehn Jahren setzen. Die Tendenz ist richtig. Es darf jedoch nicht der Eindruck vermittelt werden, wir hätten noch zehn Jahre Zeit, um die nachhaltige Transformation anzugehen. Die Impulse müssen jetzt gesetzt werden. Und jetzt muss auch die Förderlogik auf den Prüfstand. Um mit Kanzlerin Merkel zu sprechen: Statt „klassische“ sind nun „mutige“ Antworten erforderlich. 

Hierzu haben wir fünf Thesen zur Diskussion gestellt.

(Thesenpapier der ESCP Business School Berlin, der LEUPHANA Universität Lüneburg in Zusammenarbeit mit der Tchibo GmbH, Hamburg)

Der Autor:

Prof. Dr. Florian Lüdeke-Freund ist Akademischer Leiter des Masters in Sustainability Entrepreneurship and Innovation an der ESCP Business School Berlin und Gründer des Forschungsblogs www.SustainableBusinessModel.org

Prof. Dr. Florian Lüdeke-Freund ist Professor für unternehmerische Nachhaltigkeit der ESCP. Seit 2018 leitet er den Master in Sustainability Entrepreneurship and Innovation, ist Mitglied des SustBusy Research Center und des Nachhaltigkeitsbeirats der ESCP Berlin.

Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind nachhaltiges Unternehmertum, Nachhaltigkeitsinnovationen und Geschäftsmodelle. 

Weitere Informationen gibt es bei der ESCP Berlin:

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