Dienstag, 3. März 2020

HANSESTATEMENT: Die Hamburg-Box – Einmalige Innovation oder nur ein Etikettenschwindel?

HAMBURG DIGITAL STATEMENT
- von Landeskorrespondent Gerd Kotoll -


Die Macher der Hamburg-Box bei der Premiere in Barmbek.
Foto: Hochbahn

Für eine Stahlbox mit rund 100 unterschiedlich großen Fächern im Packstation-Design war es ein größerer Auflauf am Montag-Mittag in der S-Bahn-Station Barmbek, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Landeskorrespondent Gerd Kotoll war live dabei - und achtete auf die Details hinter der Box.

Ohne Frage: Die Idee hinter der schlichten "Hamburg-Box" ist gut. Päckchen und Pakete, die ich online bestellt habe, kann ich quasi im Vorbeigehen abholen – solange mich mein Weg an eine der jetzt 15, später vielleicht einmal 50 Stationen vorbeiführt.

Faktisch ist Sie ohne Zweifel ein Gewinn für alle Beteiligten: Die Paketdienste haben weniger erfolglose Zustellungen und die Online-Kunden müssen nicht erst von zu Hause wieder los, um mit der Benachrichtigungskarte in der Hand im Paketshop am A. d. W. ihre Sendung abzuholen.

Eine Hamburger Paketstation ohne Amazon und DHL

Kannte man bislang vor allem die Paketstationen einzelner Anbieter, wie Amazon und DHL, kommt jetzt die neudeutsch "White Label" genannte Lösung: eine Box für alle Paketdienste.
Für alle? Äh, leider nein. Denn weder Amazon noch DHL sind bei der "Hamburg-Box" dabei. Das Fehlen des gelben Platzhirsches mit immer noch mehr als 50 % Marktanteil wurde deswegen von Box-Partner Hochbahn laut beklagt.

Vielleicht liegt das Fehlen von DHL (Amazon wurde irgendwie vergessen) aber auch daran, dass das schlichte Design der Box eben doch keine "White Label-Lösung" ist, wie behauptet. Denn der "Erfinder" der Box, das Hamburger Unternehmen ParcelLock, gehört zufällig den Paketdienstleistern DPD und Hermes.

Einmalige Innovation oder nur ein Etikettenschwindel?

"White Label" steht drauf, ist aber nicht drin? Hm?! Nun, wenn nicht drin ist, was drauf ist, dann nennt man das andernorts Etikettenschwindel. In Hamburg nennt man das - wie so oft - hingegen "einmalig". So oft, wie in Hamburg das Etikett "einmalig" aufgeklebt wird, kann einem davon geradezu schwindelig werden. 

Erst recht, wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass es mit der "Einmaligkeit" nicht so einmalig weit her ist. So auch hier: Denn es gibt die ParcelLock-Box bereits, u. a. in Wuppertal. Ebenso wie vergleichbare Lösungen, teilweise sogar technisch deutlich anspruchsvoller. Pssst! Da war die Bahn auch schon mal Partner, z. B. am "Innovationsbahnhof" Berlin-Südkreuz zusammen mit EDEKA. 

Die "ganze Stadt im Blick" - außer Bergedorf und Harburg.

Ebenso oft wie "einmalig" wird die berühmte "letzte Meile“ (Meile? Ja klar! Die "letzten 1,6 km" klingt ja auch einfach irgendwie nicht so) ins Spiel gebracht. So auch hier. D
ie nicht mal 10 m breite "Hamburg-Box" als Überbrückung der "letzten Meile". Nur, wer genauer hinsieht erkennt, dass die letzte Meile höchst unterschiedlich lang sein kann.

Treue Leser kennen es schon von Moia, dessen "Geschäftsgebiet“ bestimmte Stadteile nicht abdeckt. Auch bei der "Hamburg-Box" hat man nicht die "ganze Stadt im Blick". Und genau deswegen ist die letzte Meile für Menschen aus Bergedorf oder Harburg viiieeel viiieeel länger, da in diesen Bezirken erstmal keine "Hamburg-Box" stehen wird.

Die "Hamburg-Box": Wieder nur ein Innenstadt-Ding?

Vor dem Hintergrund, dass im kommenden Jahr die Stadt Gastgeber des ITS Weltkongresses sein wird, sollte man aber erwarten können, das ITS genau den Impuls setzt, intelligente Lösungen für alle Menschen in Hamburg zu schaffen (vgl. Intelligente Transport Systeme).

Immerhin können sich Menschen im schleswig-holsteinischen Halstenbek oder Wedel über mehr Service freuen - solange sie nicht via Amazon oder DHL beliefert werden. Ansonsten sehen die Verantwortlichen das vielleicht mehr als so ein "Innenstadt-Ding". Und dass einige Bezirke einfach nicht urban genug sind. So, so.

Sorry, es hat gerade geklingelt. Ich muss zur Tür: Könnte der DHL-Bote sein ...

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