Sonntag, 3. Dezember 2017

HANSEPERSONALITY Dr. Jan Evers: Die BWLer sollen aufhören uns zu sagen, wie Unternehmertum geht.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW
Ein verregneter November-Samstag in der Hamburger Altstadt. Hier an der Deichstraße treffen sich in einem alten Kontorhaus 9 Startups und Existenzgründer aus Berlin, Hamburg, Lübeck, Melle, Nürnberg und Reinstorf. Ihr gemeinsames Ziel: Die bevorstehende Gründung zum Erfolg zu führen. Die Hamburger Beratungsgesellschaft Evers & Jung hat eingeladen, ihnen mit Rat, Tat und einem neuen Tool zu helfen. 

Langjähriger Unternehmensberater: Dr. Jan Evers
Foto: Evers & Jung

Die Beratungsgesellschaft bietet den Jungunternehmen ein besonderes Angebot: Die 9 Gründer-/Team checken ihre Idee und ihr Konzept, ihren Business-Plan und ihre Finanzierung mit dem neuen "Gründerportal". Im Gegenzug coacht das erfahrene Team vom Nikolaifleet die jungen Unternehmen individuell auf ihrem ganz persönlichen Weg. Der Mann dahinter: ein erfahrener Unternehmer und fundierter Berater. Unser HANSEPERSONALITY ist Dr. Jan Evers:



Sie haben mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Gründungsförderung. Viele Angebote, die wir heute am Markt sehen, verkaufen Beraterstunden – z. B. über Gutscheinhefte – oder haben ein anderes kommerzielles Angebot im Hintergrund. Wie sollte Gründerförderung für Sie heute aussehen?

Das Internet hat die Aufgaben der Gründungsförderung massiv verändert. Während früher Kammern und Förderbanken den Menschen erstmal beibringen mussten, wie gute Vorbereitung aussieht, lernt das der Gründer nun im Internet alleine. Er wird allerdings zugeschüttet mit Informationen, Checklisten und Tipps. Dabei gerät das Umsetzen leicht aus dem Blick. Und die Provisionsgeschäftsmodelle, die Sie zu Recht erwähnen, helfen auch nicht gerade.

Schon in unserer Studie von 2013 zu moderner Gründungsförderung im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums haben wir festgestellt: Es werden gute Tools gebraucht, mit deren Hilfe an der Gründung gearbeitet werden kann. Genau aus diesem Grund entwickeln wir momentan eine neue Gründerplattform, auf der wir die besten Tools bereitstellen. 

Die Gründerplattform haben Sie in den vergangenen 1,5 Jahren für das Bundeswirtschaftsministerium und die KfW-Förderbank entwickelt, ein Online-Programm von der Inspiration über die Geschäftsentwicklung bis zur Finanzierung. Was macht das Portal anders als alle anderen?

Unsere Plattform will Gründern ein digitales Zuhause geben. Sie ist gerade kein Portal, welches viele weiterführende Informationen und Links aneinanderreiht, sondern bietet eine durchgängige digitale Arbeitsumgebung – von der Ideenfindung mit echten Vorbildern über die Geschäftsmodell- und Businessplanentwicklung mit Hilfe technischer Assistenten bis zur Finanzierungsanfrage auf Knopfdruck.

Wir versuchen, nur die notwendigsten Informationen für den jeweils nächsten Schritt bereit zu stellen. Außerdem legen wir großen Wert auf die Erfolgsfaktoren moderner Gründungspraxis – das stetige Validieren und frühe Ausprobieren, auch bekannt als „Lean Startup“.

Sie verstehen das Portal als "Airbnb für Gründer" und zielen auf die digital-affine Nutzergruppe ab. Was machen Sie mit älteren Gründern, die nicht so online-affin sind, Ihr Angebot aber gut gebrauchen können? Die meisten Gründer in Deutschland sind nicht 25 Jahre jung.

Unser Anspruch ist schon, dass die allermeisten mit unseren digitalen Tools arbeiten können. Unsere Erfahrung mit vier Jahren smartbusinessplan.de, einem digitalen Assistenten für das Schreiben von Businessplänen, hilft uns dabei sehr. Dort gelingt es uns bereits Gründer aller Altersgruppen zu begeistern, auch die technisch nicht so versierten.

Wir sind überzeugt, dass uns das mit der neuen Plattform gelingt, indem wir unseren Nutzern dort die besten Hilfsmittel an die Hand geben. Hunderte von Wirtschaftsförderern können zudem mit der Plattform ihre Gründer vor Ort unterstützen. Wer sich mit Onlineangeboten eher schwertut, kann also auch in den lokalen Beratungsstellen angestupst oder gecoacht werden. Und KfW und BMWi sind kraftvolle Partner genau dafür.

Vor gut 10 Jahren haben Sie die Gründungswerkstatt entwickelt, die heute in 39 Industrie- und Handelskammern als Online-Tool für die Gründungsberatung zur Verfügung steht. Inwiefern unterscheidet sich die Gründungswerkstatt von der neuen "Gründerplattform" von BMWi und KfW?

Das damalige Modell war nicht als eigenständige Plattform, sondern als Betreuungssystem für die Kammern vor dem Hintergrund von damals sehr vielen Gründern konzipiert und es funktioniert bis heute gut. Heute haben wir eine völlig andere Situation: zu wenig Gründer und eine Vielzahl unterschiedlichster Anbieter im Internet.

Jetzt sorgen wir dafür, dass diese Vielzahl von Förderern mit ihren individuellen Leistungen anschlussfähig sind, wobei die Gründerperson im Driverseat sitzt und auswählt, welche Angebote oder Partner sie braucht. Außerdem umfasst die neue Plattform den gesamten Gründungsprozess und aktuelle Methoden des Entrepreneurship.

Sie haben seit 2013 den "Smart Business Plan" entwickelt, ein Online-Tool zur einfachen Erstellung eines Businessplans. Mit dem Business-Plan wie mit der neuen "Gründerplattform" verfolgen Sie den Weg "Weil einfach einfach einfach ist". Wie kommt es, dass Sie so "nutzerzentriert" entwickeln?

Das ist uns tatsächlich sehr wichtig. Zu oft geht der Nutzer verloren, wenn öffentliche oder private Akteure ihre Interessen optimieren. Wir zwingen uns durch praktische Arbeit jeden Tag aufs Neue die Unternehmerperson zu sehen. So führen wir hier in Hamburg seit über 15 Jahren mit öffentlicher Förderung die Firmenhilfe durch: eine telefonische Beratungshotline für Kleinunternehmer und Selbständige.

Und auch für die Bürgschaftsgemeinschaft haben wir fast zehn Jahre Gründer betreut. Das ist eine gute Schule. Dort tauchen immer wieder dieselben Fehler und Probleme auf. Es ist bitter zu sehen, wie vermeidbare Planungsfehler, falsche Finanzierung oder mangelnde Methodik beim Akquirieren das Unternehmerleben sauer machen.

Dies zu ändern, ist unser und mein Antrieb, und das Internet ein wunderbares Tool, unsere Erfahrungen und unsere Beratungskompetenz digital an den Mann und die Frau zu bringen.

Sie arbeiten mit Modellen von Günther Faltin (Entrepreneurship) oder Michael Faschingbauer (Effectuation). Sie sagen: "Die BWLer sollen aufhören uns zu sagen, wie Unternehmertum geht". Wie kommen Sie als promovierter Betriebswirt dahin, Betriebswirten die Gründer-Expertise abzusprechen?

Die genannten sind auch Betriebswirte wie ich und würden gleichwohl meine Skepsis teilen. Es klingt zunächst einleuchtend, Betriebswirten eine besondere Eignung für Gründungen zuzusprechen. Sie verfügen schließlich über all die Fähigkeiten, die es braucht, ein Unternehmen zu gründen: Buchhaltung, Finanzierung, Marketing, Vertrieb. 

Das Ganze beruht aber auf einem Missverständnis: Die Wirtschaft hält sich nämlich gerade nicht an die Regeln der Betriebswirtschaft, sondern umgekehrt sind Heerscharen von Betriebswirten emsig bemüht, das chaotische, kreative Wirtschaftsgeschehen zu ordnen, nachzuvollziehen und Regeln daraus abzuleiten.

Das ist gut, aber für Gründer, die sich ihren Platz im Wirtschaftssystem erkämpfen müssen, nicht die erste Adresse. Bei der Suche nach neuen Geschäftsideen und Produkten sind Betriebswirte nicht besser geeignet als jeder andere, der Lust auf Neues hat.

Zu guter Letzt unsere Hamburg-Frage: Sie sind seit 2001 in Hamburg mit Evers & Jung unternehmerisch im Bereich Investitionsförderung unterwegs. Was läuft in Hamburg in Sachen Gründertum heute schon richtig rund? Und wo würden Sie als Verantwortlicher nachjustieren?

Es wird viel tolle Arbeit gemacht – öffentlich wie privat. In den letzten Jahren ist viel in Bewegung geraten, mit neuen Akteuren, gerade im Start-up-Bereich, und etablierten Akteuren, die ihre Rollen neu definieren. Gerade eine stärkere Aktivität der Hochschulen, wie es die TU Hamburg vormacht, ist für eine innovationsgetriebene Metropolregion wie Hamburg extrem wichtig.

Diese Entwicklung ist spannend, aber auch herausfordernd hinsichtlich einer transparenten Vernetzung zu einem funktionalen regionalen Gründerökosystem, von dem ja am Ende vor allem der Gründer profitieren soll. Wir können auch hier noch mehr von den Lehren der Plattformökonomie lernen. Für Wissensgründer arbeiten wir ja hier mit an einer vernetzten Betreuung in den Hochschulen über die Plattform „beyourpilot“.


*  *  *

Vielen Dank für die spannenden Antworten!
Das Interview führte Thomas Keup.

 Hamburg Digital Background: 

Gründerplattform von BMWE und KfW:
www.gruenderplattform.de

SmartBusinessPlan von Evers & Jung mit Individee Berlin:
https://smartbusinessplan.de/

Gründerwerkstatt von Handelskammer + Handwerkskammer Hamburg: 
www.gruendungswerkstatt-hamburg.de/

"Be Your Pilot - Startup Port Hamburg" (in Planung)
https://hamburginnovation.de/pressemitteilung/beyourpilot-startup-port-hamburg/ 

ENTREPRENEURSHIP:

Prof. Günther Faltin, Hochschullehrer und Unternehmesgründer, Berlin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Günter_Faltin

Stiftung für Entrepreneurship, Berlin:
https://www.entrepreneurship.de/about/

BUSINESS CANVAS:

Patrick Stähler, Lehrbeauftragter Leuphana, St. Gallen u. a.:

www.fluidminds.ch/ueber-uns.htm

Business Model Innovation:

http://blog.business-model-innovation.com/

EFFECTUATION:

Michael Faschingbauer, Organisationsberater und Dozent, Graz:
www.xing.com/profile/Michael_Faschingbauer

Effectuation-Prinzip:
https://de.wikipedia.org/wiki/Effectuation

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen