Donnerstag, 6. August 2020

HANSESERVICE: Die Corona-Krise als Katalysator für den E-Commerce-Wandel

Ein Hanse Digital Service von
- Gastautor Marvin de Vries -

Die Corona-Krise hat den Vormarsch des E-Commerce beschleunigt.
Foto: Mark König, Unsplash 

Bis zu 40% Umsatzeinbruch des Einzelhandels in der Hamburger Innenstadt. Krisensitzungen der Top-Manager beim Shoppingcenter-Betreiber ECE in Poppenbüttel. Die Krise hat Hamburgs Wirtschaft voll erwischt. Was können kleine und mittlere Unternehmer jetzt tun? Wie können Sie Ihr Geschäft ins Internet verlegen? Unser Autor ist Hamburger Unternehmer, Inhaber einer E-Commerce-Agentur und teilt sein Wissen, wie man mit E-Commerce Schritt für Schritt aus der Krise kommen kann. Ein Hanse Digital Gastbeitrag von Marvin de Vries:

Das bisherige Jahr ist durch COVID-19 eines der schwierigsten Jahre für kleine und mittelständische Unternehmen, aber auch für große Unternehmen. Die wirtschaftliche Nachfrage ging in sehr vielen Branchen enorm zurück. Im Speziellen ist der Einzelhandel sowie die Gastronomie stark betroffen und auch Kundenaufträge insbesondere im Dienstleistungsbereich sind um rund 90% eingebrochen.


Eine Wirtschaftskrise die sehr kurzfristig, auch durch Entscheidungen der Politik, eingetreten worden ist. Für den Großteil aller Unternehmen hieß es in einem ersten Schritt die Situation zu bewerten, erste Maßnahmen einzuleiten (z. B. Anträge auf Kurzarbeit und Kostenreduktionen). Wer schnell auf die veränderten Rahmenbedingungen reagierte, hat nicht nur seine Verluste reduziert sondern auch die Zeit gehabt kurz- und mittelfristige Maßnahmen zu treffen, um die wirtschaftliche Stabilität zu erhalten oder wieder herzustellen.

Ein sinnvoller 5-Punkte Plan, wie er von vielen Unternehmen in den vergangenen Wochen und Monaten durchgeführt worden ist:

1. Wirtschaftliche kritische Situation verstehen und offen analysieren
2. Business Continuity über Home Office und digitale Tools umsetzen
3. Ausgaben auf wirtschaftliche Ziele hin überprüfen und anpassen
4. Personalkapazitäten anpassen und u. a. über Kurzarbeit reduzieren
5. Status Quo definieren und nächste Schritte und Ziele festlegen


In den ersten zwei Wochen zu Beginn der Coronakrise haben wir den Markt genau beobachtet und live miterlebt, wie es einen regelrechten Ansturm auf digitale Lösung gegeben hat. Wie nie zuvor haben Unternehmen, insbesondere die ganze Gastronomie sowie der Einzelhandel feststellen müssen, wie elementar eine digitale Strategie und eine breite Aufstellung vom Business ist. Der stationäre Handel erlebte bereits in den letzten Jahren einen langsamen, aber stetigen Rückgang. 

Das sprunghafte Umdenken von Einzelhandel zum E-Commerce

Die Corona-Pandemie und die daraus resultierende vorübergehende Schließung von Läden, Restaurants, Bars sowie weiteren Betrieben war nicht der Auslöser für den Wandel zum E-Commerce, beschleunigte diesen aber enorm. Vielen Händlern und Betreibern war vor dem Beginn der Krise das Potenzial von digitalen Geschäftsmodellen und Plattformen nicht bewusst. Durch die Stilllegung des Einzelhandels erfolgte sprunghaft ein Umdenken in Richtung Digitalisierung, was den E-Commerce immens katalysierte. 

Für kleine Händler wurden provisorisch regionale Verkaufsplattformen aufgebaut oder Hilfe von größeren Unternehmen wie Ebay bereitgestellt. Die Plattformen kristallisierten sich zu einer schnellen und effektiven Lösung heraus, welche von den Konsumenten in die Krise akzeptiert wurden. Die Kunden haben in den vergangenen Monaten vermehrt die bequemen Vorteile des Online-Handels kennen und schätzen gelernt. 


Die Corona-Krise hat den Online-Handel beschleunigt.
Grafik: Adence

Digitale Geschäftsmodelle sind die Zukunft des Handels

Der E-Commerce punktet damit, im Vergleich zum stationären Handel Zeit und Aufwand einzusparen und der Möglichkeit, sich die Ware direkt nach Hause liefern zu lassen. Auch wenn wieder Normalität einkehrt, werden Verbraucher weiterhin stark darauf achten, was sie kaufen und vor allem, wo sie ihre benötigten Produkte erwerben. Das digitale Geschäftsmodell wird die Zukunft des Handels sein und ist bereits jetzt obligatorisch für Verkäufer. 

Vor allem kleine Händler sollten neben einem kurzfristigen Fahrplan, um den Bestand des Unternehmens abzusichern, ihren Fokus jetzt auf stabile Digitallösungen setzen. Händler sollten die Chance wahrnehmen mit dem Aufbau einer eigenen Website bzw. Webshop langfristig am Markt zu bestehen und nachhaltig einen Erfolg zu erzielen. 

Auch die Wirkung eines professionellen Online-Marketings, unter anderem die Rolle von Social-Media-Marketing, gewinnt immer mehr an Bedeutung und darf heutzutage nicht unterschätzt werden. Zum einen, um Kunden für sich zu gewinnen und zum anderen, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen.

Ich empfehle diese 8 Schritte für ein nachhaltige und strategische Aufstellung:

1. Mittel- und langfristige Entwicklung einer digitalen Strategie
2. Sortierung der Maßnahmen nach Priorität und Umsetzungszeit
3. Definition von messbaren Zielen nach Aufgaben und Zeiten (KPIs)
4. Fokussierte Entwicklung eines praktikablen Umsetzungsplans

5. Zuweisung der Maßnahmen an verantwortliche Mitarbeiter/innen
6. Verbindlicher Projektstart mit realistischen Meilensteinen
7. Regelmäßiges Tracking des Fortschritts und Optimierung
8. Checkpoints zur Evaluation des Return on Investment (ROI)


Mit dem 8-stufigen High-Level Plan haben Unternehmen die Möglichkeit, sich digital neu aufzustellen und zielgerichtet zu arbeiten. Wer bei der Planung und Umsetzung Hilfe benötigt, dem empfehle ich eine Agentur mit ins Boot zu holen, die Sie mindestens bei den Anfängen Ihrer digitalen Strategie unterstützt und Ihnen die Methoden an die Hand gibt, die Sie brauchen, um Ihr Unternehmen erfolgreich
digital aufzustellen.

Über den Autor:


Der Hamburger E-Commerce-Spezialist Marvin de Vries.
Foto: privat

Marvin De Vries ist Gründer und CEO der Online-Agentur ADence und des Stadtportals "We Love Hamburg" mit fast 200.000 Fans sowie weiteren Online- und Technologie-Projekten. Die Gruppe sitzt in Hamburg-Winterhude am Leinpfad und bietet für Unternehmen und Selbständige individuelle Leistungen rund um E-Commerce und Online-Marketing an. 

Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung und weitreichendem Know-how im Bereich E-Commerce ist Marvin de Vries ein ausgewiesener Experte auf seinem Gebiet. Besonders gefällt ihm das Gefühl, etwas verändern zu können und Verantwortung für Kunden, Mitarbeiter und seine Stadt Hamburg zu tragen. 

Für Rückfragen steht der Autor unter mail@adence.de zur Verfügung. Weitere Informationen zur Arbeit von ADence gibt es unter www.ecommerce-agentur.hamburg 

*  *  *

 Hamburg Digital Background 

HANSESTATEMENT Peter F. Schmid: Nur wer digitalisiert, überlebt diese Krise.

Dienstag, 21. Juli 2020

HANSESTATEMENT Peter F. Schmid: Nur wer digitalisiert, überlebt diese Krise.

Hanse Digital Autoren

Digitalunternehmer und Visionär: Peter F. Schmid, Visable
Foto: Visable

Seit mehr als vier Monaten befinden wir uns durch die Corona-Krise in einem weltweiten Ausnahmezustand. Zahlreiche Unternehmen und ganze Branchen bangen um ihre Existenz. Peter F. Schmid ist CEO von "Visable", dem Dach der europäischen B2B-Plattform "Europages" und des deutschen Marktführers im Bereich digitaler B2B-Marktplätze "Wer liefert was“ (WLW). Der Vorsitzende der Landesfachkommission Internet und Digitale Wirtschaft des Wirtschaftsrats Hamburg beobachtet die Situation von Beginn an und identifiziert sieben eindeutige Entwicklungen. Ein Gastbeitrag von Peter F. Schmid:

Das IfO-Institut prognostiziert bereits eine Insolvenzwelle für die kommenden Monate. In diesen Zeiten zeigt sich so deutlich wie noch nie, dass KMU ohne den Einsatz von digitalen Tools vor dem Aus stehen. Ich beobachte die Situation von Beginn an und identifiziere die folgenden sieben Entwicklungen:

1. Beschleunigung der Digitalisierung der KMU im Bereich Einkauf und Vertrieb

Die klassischen, bekannten und bewährten Marketing- und Vertriebstools standen mit einem Mal nicht mehr zur Verfügung. Die Absage von zahlreichen Messen sowie die Abordnung von Vertriebsmitarbeiterinnen- und Mitarbeitern ins Homeoffice brachte den Vertrieb in vielen Unternehmen kurzfristig zum Erliegen. Ohne den zeitnahen, gezielten Einsatz von digitalen Tools müssten eine Vielzahl von KMU in Europa um ihre Existenz fürchten. Zugespitzt bedeutet das: Nur wer digitalisiert, überlebt diese Krise. 

Besonders im Vertrieb mussten und müssen neue Wege gegangen werden, um den Einkauf ohne persönlichen Besuch zu erreichen. Ob Sales-Pitches via Videocall oder der Einsatz eines virtuellen Messestands – die Möglichkeiten sind vielfältig und die Nachfrage nach Weiterbildung groß. Mehr als 350 Interessierte informierten sich beispielsweise in unserem Webinar zu dem Umgang mit neuen digitalen Vertriebslösungen. Das war ein toller Erfolg und eine erneute Bestätigung für Visable als digitaler Partner für KMU in Europa.

2. Messe als primäres Verkaufs- und Marketing-Tool nicht mehr zeitgemäß 


Jede vierte Messe wird es nach der Krise so nicht mehr geben. Schon vor dem Einsetzen der Coronakrise gab es die Diskussion um die Zweckmäßigkeit von vielen Messen weltweit. In Zeiten der Digitalisierung ist es weder zeitgemäß noch ökologisch und ökonomisch sinnvoll, komplexe Güter wie Maschinen um die halbe Welt zu transportieren, um sie für eine oder zwei Wochen auf einer Leitmesse auszustellen. Auch der enorme Reiseaufwand von Ausstellern und Besuchern sowie der Einsatz von finanziellen sowie ökologischen Ressourcen steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. Der Erhalt der Messebranche als Selbstzweck sollte für die Zeit nach Corona hinterfragt werden.

3. Besonderes Bedürfnis nach persönlichem Austausch und Wissensvermittlung 

Für viele sind die jährlichen Messebesuche auch immer Anlass zum Austausch innerhalb der eigenen Branche. Key Notes, Experten-Panels und Masterclasses dienen außerdem zum Wissenstransfer und zur Inspiration. Das Bedürfnis nach persönlichen Treffen, zwischenmenschlichem Austausch und Networking wird auch nach Corona nicht verschwunden sein – im Gegenteil. Konferenzen und Summits kommen ganz ohne den gewohnten Druck aus, möglichst viele Leads oder Abschlüsse generieren zu müssen, sie bieten einen echten Mehrwert und werden deutlich stärker nachgefragt werden.

4. Ausgaben für Online-Marketing steigen massiv 

Das durch die Absage von Messen freigewordene Marketingbudget wird von vielen Unternehmen nun für Tools wie SEA, Content Marketing und Social Media eingesetzt werden. Einer Umfrage von "iBusiness" zufolge will mehr als jedes vierte Unternehmen (27 Prozent) vermehrt auf virtuelle Lösungen setzen. Die Vorteile von Online-Marketing überzeugen auch in Krisenzeiten. Reichweite und Inhalte können gezielt gesteuert werden. Die Leadgenerierung via Plattformen ist einfach und flexibel möglich.

5. Die Bedeutung von Digital Sourcing in Europa wächst

Viele Unternehmen wurden Covid19-bedingt dazu gezwungen, ihre Beschaffungs-Strategie vollständig zu überdenken oder waren kurzfristig auf alternative Lieferquellen angewiesen, weil ihnen die etablierten Lieferketten weggebrochen sind. Auch rücken lokale, nationale und Anbieter aus den umliegenden Märkten mit kürzeren Lieferwegen wieder stärker in den Fokus. Der harte Shutdown am chinesischen Markt brach bewährte Lieferketten, die in den letzten 20 Jahren mit der Zuwendung nach Asien etabliert wurden. 

Sie überzeugten einst durch Flexibilität, Vielfältigkeit und günstige Konditionen. Jedoch wurde die Möglichkeit einer erneuten weltweiten Wirtschaftskrise von den meisten schlicht ignoriert. Durch Digital Sourcing sichert der Einkauf seine Lieferketten und kann schnell und flexibel auf Veränderungen durch Krisensituationen reagieren. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen die Beschaffung auf nur eine, enge Lieferantenbeziehung setzte. In eine solche Abhängigkeit wird sich besonders nach dieser Krise niemand mehr begeben wollen.

6. Noch nie waren Online-Plattformen für Europas B2B-Markt wichtiger

Ein schneller Überblick über alle verfügbaren Anbieter, Akquisitionen von neuen Kunden lokal bis weltweit, die Messbarkeit des Budgeteinsatzes und die Verfügbarkeit an 365 Tagen im Jahr sind nur einige Vorteile, die Plattformen wie "Europages" und "WLW" bieten. "Visable" konnte in den ersten Wochen nach dem deutschlandweiten Lockdown einen signifikanten Anstieg der Zugriffszahlen verzeichnen.

Der Traffic wuchs seit Beginn der Coronakrise im Mittel um mehr als 25 Prozent auf "WLW" und um 22 Prozent auf "Europages" im Vergleich zum Vorjahr. In Spitzen lag der Zuwachs auf beiden Plattformen sogar über 50 Prozent im Vergleich zur Vorjahreswoche. Das Potenzial für den digitalen B2B-Markt ist nach wie vor enorm. Bereits vor Corona wuchs der Markt seit 2013 um durchschnittlich 13 Prozent jährlich. Prognosen zeigen, dass sich an diesem Wachstumstrend nichts ändern wird.

7. Der Einkauf nimmt die Schlüsselrolle des Unternehmens ein

Was vor der Coronakrise eher als ein Schattengewächs der Unternehmen galt, hat sich nun zu einer der wichtigsten Säulen eines Unternehmens entwickelt. Der Einkauf rückt durch den Ausfall der etablierten Lieferketten und Liefermärkte wie bspw. China in den Mittelpunkt und sichert durch schnelles Reagieren und die Nutzung von digitalen Tools das Überleben der Company. Es geht schon lange nicht mehr nur um den Einkauf von Waren. Mittlerweile ist es das Digitalisierungs-Know-how und das strategische Verhandlungsgeschick, was zum langfristigen Erfolg führt. 

Über den Autor:

Peter F. Schmid ist CEO des europäischen Plattformanbieters "Visable" mit den B2B-Marktplätzen "Europages" und "Wer liefert was". Visable unterhält Büros an den Standorten Hamburg, Berlin sowie Paris und beschäftigt heute in den Bereichen Marktplätze und Online-Marketing über 380 Mitarbeiter. Zusammen erreichen die Marktplätze der Hamburger Firmengruppe monatlich über 3,7 Millionen B2B- Einkäufer, die nach detaillierten Unternehmens- und Produktinformationen suchen. Insgesamt sind über 3,6 Millionen Firmen auf beiden Plattformen registriert. Weitere Informationen unter www.visable.com.

Ein Gastbeitrag von Peter F. Schmid. Die inhaltliche Verantwortung des Autorenbeitrags liegt beim Urheber.
 
 Hanse Digital Background: 

HANSEPERSONALITY Peter Schmid: Ein Leuchtturm für die Digitalwirtschaft in Hamburg.

Dienstag, 7. Juli 2020

HANSEBUSINESS: Assets statt Anstand - Der tiefe Fall des Otto-Versands.

Hanse Digital Background
- 1.000+ Leser. Und Sie. -

+++ Abwimmeln von Kundenbeschwerden +++ Herabsetzung von Stammkunden +++ Launische Konzernpressesprecher +++ Verleumdung von Journalisten +++ Aussperren von Redaktionen +++ Intolleranz gegenüber Amazon +++

Otto Group Flaggen vor der Firmenzentrale in Bramfeld
Der Schein trügt: Stolze Flaggen vor der Otto-Zentrale in Bramfeld.
Foto: HANSEVALLEY
*Update 05.08.2020*


Eine Otto.de-Supporterin zickt am Telefon: "Sie hätten ja nicht bei uns zu kaufen brauchen". Otto Asset-Geschäftsführer Tarek Müller pöbelt auf Facebook: "Auch wir hatten Interaktion mit ihm. Da war ich fassungslos über Umgangsform, Verhalten und Geltungsbedürfnis." Otto Group-Sprecher Thomas Voigt betreibt gleich direkt Verleumdung: "Ihre Mails sind nun schon seit Jahren von Verunglimpfungen gegenüber führenden Persönlichkeiten des Konzerns oder den Kommunikationsverantwortlichen geprägt." So reden Otto Group-Mitarbeiter öffentlich über Kunden und Multiplikatoren - ohne die Behauptungen zu belegen - und sperren Journalisten aus ihren Presseverteilern aus. Willkommen in der Welt der Otto Group. Willkommen in Bramfeld.

Kunden anpöbeln oder Journalisten verunglimpfen zeigt, wie man hier denkt. Und damit zeigt man, wie man agiert. Unabhängig der vorsätzlichen Pöbeleien bringt eine Tatsache auf den Punkt, worum es dem Hamburger Otto-Personal nur noch geht: "Assets". Das ist der Fachbegriff der Finanzindustrie u. a. für Unternehmensteile oder Geschäftsbereiche. Die Absolventen von privater FH Wedel oder HSBA denken nicht etwa an Kunden, sondern an "Assets". Genau diese BWL- und Berater-Denke macht hemmungslose Pöbeleien gegenüber denjenigen möglich, die für das Unternehmen entscheidend sind - nämlich Kunden und Multiplikatoren (vgl. Amazon-Kundenzentrierung).


Gestellte Otto-Welt: Mit Ex-BCG-Berater Sebastian Klauke (links)
keinen "Day One"-Experten im Vorstand.
Foto: Marc Ackermann

Der Unterschied zwischen Otto und Amazon: Ein kleines Kino im Hamburger Westen. Die Presseabteilung von Amazon Prime lädt zur Premiere einer neuen Serie in die Hansestadt. Beim anschließenden Interview mit dem zuständigen Deutschland-Geschäftsführer unterbricht eine Agentur-Mitarbeiterin unversehens das Gespräch. Der Hinweis gegenüber den Presseverantwortlichen sorgt für sofortige Abhilfe. Die PR-Frau wird aus dem Verkehr gezogen, das Interview kann ungestört beendet werden. Hier hat man verstanden, dass es um ein gemeinsames, publizistisches Ziel geht. Das nennt man Professionalität in der Pressearbeit.


„Tag zwei bedeutet Stillstand, gefolgt von Bedeutungslosigkeit, gefolgt von einem fürchterlichen, schmerzvollen Niedergang, gefolgt von Tod. 
Und deswegen ist immer Tag eins.“
Jeff Bezos, Gründer und CEO, Amazon.com Inc.
Aktionärsbrief, 2017

Während Otto-Supporterinnen auch 2020 nicht auf Konflikt- oder Krisensituationen souverän regieren können, regeln Amazon-Supporter im ersten Telefonat fast alle Fälle offen, ehrlich und fair. Denn Sie bekommen die notwendigen Tools an die Hand. Hier entscheidet sich die Schlacht um die Kunden, hier entscheidet sich, ohne Gutschein oder nur mit 20% oder mehr Rabatt einzukaufen. Hier haben die BWL-Experten der "Asset"-Fraktion aus Bramfeld verloren. Der Unterschied zwischen der "Day One"-Philosophie eines Jeff Bezos und "Müssen nicht bei uns kaufen"-Arroganz der Hamburger Firmengruppe. Für Otto ist das der Anfang vom Ende. Und das beweise ich:


Nicht gegendertes Vorstands-Klo im Otto-Hochhaus:
So digital geht's hier wirklich zu.
Foto: HANSEVALLEY

*Update 06.08.2020*

Von lokal zu regional, von national zu global: Bereits bei dieser Entwicklung ist die Otto Group auf dem Abstellgleis. Beweis: Der Rückzug aus Ländern und die de facto Gleichschaltung von Baur, Otto, Schwab und Witt. Während Amazon Flugzeuge und Schiffe kauft, um die globale Logistik zu steuern und Aliexpress, Joom & Wish die nationalen Märkte erobern, ziehen sich die Bramfelder zurück. Während Amazon ein eigenes nationales Logistiknetz mit aktuell 15 Umschlagzentren und 30 Verteilstationen gespannt und mit 20 weiteren Niederlassungen ausbaut, jammert die oberste Otto-Heeresleitung über einen unfairen Wettbewerb. Der hat am Beispiel Amazon in den vergangenen 20 Jahren 20.000 Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen, 28 Mrd. € investiert und im vergangenen Jahr 1,6 Mrd. € Steuern gezahlt - in Deutschland.


Seit 2018 verspricht Otto.de zum Marktplatz zu werden, integriert im 1. Jahr gerade einmal rd. 70 Händler - per Faxlisten. Konzernvorstand und HSBA-Absolvent Alexander Birken erinnert sich noch heute an die Frage auf der Bilanz-Pressekonferenz. Mit jeder Jahresbilanz versprechen Birken und sein Lautsprecher Voigt, jetzt tausende Händler zu onboarden - verantwortet von einem nur bedingt kund*innenorientierten Ex-BCG-Berater Klauke. Im vergangenen Jahr weist die Group-Bilanz 166 Mio. € Kosten für den Plattform-Umbau aus. Bis heute dominieren konzerneigene Händler, wie Mirapodo. Das ist die Sollbruchstelle und der Genickbruch.


1. Otto-Versand Standort 1949 in Hamburg-Schnelsen
1949 in Hamburg-Schnelsen: So fing alles mit Schuhversand an.
Foto: Otto Group

Der Schnellere frisst den Größeren: 1994 wurde Amazon in Bellevue, Washington, gegründet. 25 Jahre später weist Amazon allein in Deutschland offiziell mit 19,9 Mrd. € insgesamt 19% aller E-Commerce-Umsätze aus - eine Steigerung in nur einem Jahr um 11,8%. Der Amazon.de-Marketplace erwirtschaftet hierzulande mit gut 30 Mrd. € weitere 29% aller E-Commerce-Umsätze. Damit dominiert Amazon mit rd. 50 Mrd. € Umsatz und fast 50% alle E-Commerce-Käufe in Deutschland. Global macht Amazon 58% mit seinen Händlern - und nicht selbst. Damit wird klar, wer heute das Geld verdient, wenn man kein Fax mehr benutzt. Stand heute hat Otto.de gerade einmal 500 Marktplatz-Händler, die zumeist über Wochen händisch integriert wurden.

1949 gründet Werner Otto in Hamburg-Schnelsen mit drei Mitarbeitern einen Schuhversand - mit Geld der Sparkasse. 70 Jahre später weist die Otto Group in Deutschland E-Commerce-Umsätze von 5,4 Mrd. € aus - eine Steigerung von 5,9% - die Häfte des vergleichbaren Zuwachses im deutschen Onlinehandel. Deutlich erkennbar: Die Otto Group ist in Deutschland nur noch 1/4 so groß wie Amazon.de - und das ohne den milliardenschweren Amazon-Marktplatz. 2018 lag das Verhältnis noch bei 1:3. Mit 3,5 Mrd. € ist Otto.de das einzige Milliarden-"Asset" der Gruppe. Das ist der Unterschied von Geschwindigkeit zu einstiger Größe. Und Otto läuft die Zeit weg, weil man bis heute rd. 3 Jahre gebraucht hat, einen automatisch funktionierenden Marktplatz zu entwickeln.

Übersicht Otto Brand Connect Strategie
Bunte Folien im Kampf gegen die bösen Plattformen: Otto Brand Connect
Foto: HANSEVALLEY

Der Gewinner von gestern - wie gesagt: Wir haben die Otto Group im April 2018 im Hamburg Digital Ranking zum hoffnungsvollsten Unternehmen in Sachen Digitalisierung an Alster und Elbe gekürt. Im Vergleich zu den damaligen Verfolgern HPA, Haspa, Hapag-Lloyd & Co. stimmte das auch. Nur zwei Jahre später sieht die Welt in Hamburg jedoch bereits ganz anders aus: Während Otto sein neues "Mitmach-Intranet" abfeiert, hat sich Marc Fielmann mit der Digitalisierung von Optikerleistungen ebenso auf den Weg gemacht, wie Lufthansa Technik mit Aviator eine digitale Plattform für Verkehrsflugzeuge anbietet und DNV GL den digitalen Zwilling für Handelsschiffe ermöglicht.

Auch heute gibt es neue, spannende Beispiele für Digitalisierung, Transformation und Kulturwandel an Alster und Elbe. Fernab von Sonntagsreden der Verbandsvertreter und Halbherzigkeiten im Koalitionsvertrag von Rot-Grün machen sich Firmen wie z. B. Fehrmann aus Hamburg daran, ihr Geschäft in die digital-vernetzte Zukunft mit 3D-Druck und Blockchain-Technologien zu führen. Was 1995 bei Otto.de mit einem der ersten deutschen Online-Shops begann, mit Projekt Collins und About You seit 2014 - im Gegensatz zu Zalando - kein Millarden-Überflieger geworden ist, droht durch globale Plattformen zur Hamburgensie zu verkümmern.

AR-App für die Möbel-Einrichtung mit Otto.de
Nettes Otto.de-Schaufenster-Projekt: Die AR-Möbel-App
Foto: HANSEVALLEY

Wenn Firmen zu Ladenhütern werden: Durch unseren Blick auf beide Freien (und) Hansestadtstaaten, die drei Metropolregionen und alle fünf norddeutschen Bundesländer haben wir den direkten Vergleich auf Industrien in Bremen und Oldenburg, in Hannover und Braunschweig, in Rostock und Schwerin sowie in Lübeck und Kiel. Unser Fazit zur Otto Group lautet heute: Wer mit einzelnen Pilotprojekten - wie Paketauskunft via Google Home, Spültab-Bestellung der Bosch-Spülmaschine oder Wohnungseinrichtung via AR-App - glaubt, die Zukunft des E-Commerce zu gewinnen, der lebt hinterm Deich: in Hamburg. Gegenbeispiel: Amazon - ein Technologiekonzern mit eigener Hardware, eigener Infrastruktur, eigenen Software-, Apps-, Medien- und Datenservices. Denn alles wird digital, alles.

Die aktuelle Studie das Handelsinstituts EHI aus Köln untermauert unsere persönlichen Erfahrungen: Wenn wir auf Nr. Sicher gehen, dass alles klappt und im Falle eines Falles nicht den Schaden haben werden, kaufen wir bei Amazon und auf dem Marktplatz. Wenn wir für alltägliche Artikel so wenig Geld wie möglich ausgeben wollen, kaufen bei wir Aliexpress, Joom & Co. Aber nicht bei Otto. Das sage auch ich mit rd. 2.500,- € Amazon-Umsatz im Jahr und “Diamant”-Status bei Aliexpress. Gut 18% Amazon-Pakete allein bei DHL im Jahr (heisst: rd. 288 Mio. Sendungen) und Berge über Berge von grauen China-Einschreibetüten in den Postfilialen zeigen, dass ich nicht allein bin.

Amazon Prime Mehrwert-Dienste im Zeitstrahl
Mit Systematik zu glücklichen Stammkunden: Amazon Prime.
Grafik: Amazon Presse

Zwischen Sicherheit und Schnäppchen: Wer Kunden anpöbelt, wer Journalisten beleidigt, zeigt, was er nicht kann: Zahlungsbereite Geschäftspartner mit herausragenden Leistungen bei Produkt und Service zu begeistern und so langfristig überzeugend an sich zu binden. Das ist dagegen die Philisophie der "Amazon Leadership Principals". Herausragende Leistungen können ein goldener Prime-Käfig bei Amazon mit Next Day-Delivery, freundlichen Kurierfahrern und neuen Streaming-Serien sein. Herausragende Leistungen können ebenso Spottpreise von chinesischen Direktversendern sein - ohne Gewinnmargen für Importeure und Versandhändler.

Wenn Sicherheit oder Schnäppchen die erste Wahl sind, bleibt dem E-Commerce von Otto nicht viel übrig. Die seit Jahren gebetsmühlenartig wiedergekaute Argumentation von verantwortungsvollem Handeln wird von den eingangs erwähnten Protagonisten Müller, Voigt & Co. öffentlich mit Füssen getreten. Wenn in den Online-Shops überall die gleichen Sneakers aus Vietnam, die gleichen T-Shirts aus Bangladesh und die gleichen Jeans aus China verkloppt werden, sind die von Michael Otto aufgebauten Bemühungen für eine nachhaltige Produktion und fairen Handel spätestens mit laufend offerierten 20-, 25- und 30%-Gutscheinen passé.


Die Otto Group Imagewand in der Konzernzentrale
Der Lack ist ab - der Firmenname ist auch schon ramponiert.
Foto: HANSEVALLEY
*Update 06.08.2020 *


Die Vermögensillusion von Bramfeld: Solange die Umsätze bei Otto.de & Co. die strukturellen Probleme übertünchen, solange das Hamburger Öko-System den Otto-Machern mit einem “Weiter so” auf die Schulter klopft, solange Kleinanleger mit nachrangigen Anleihen der Familie Otto frisches Kapital ins Haus und die Familie auch in Krisenzeiten kräftig rauszieht, wird sich an der Werner-Otto-Straße nichts ändern. Damit reiht sich der Closed Minded-Händler mit seinem Paketsklavendienst Hermes und dem Geldeintreiber EOS in die Reihe der Unternehmen ein, die mit Schaufensterprojekten ihre Lage gern öffentlich übertünchen.

Diese Projekte fliegen den Otto's auch gleich um die Ohren - z. B. das Vorgaukeln schneller Lieferungen bei Otto Group-Shops über die 6 Hermes-Hauptumschlagbasen. Entweder die Lieferung Corona-Masken wird nach 4 Wochen Wartezeit unversehens gecannelt (Danke, Otto.de!) oder Hermes braucht bis zu 2 Wochen, um in die Hufen zu kommen, wie Chip.de im Test bestätigt. Von den dreisten Lügen in den konzerneigenen Online-Shops, in 2-3 Werktagen zu liefern, ganz zu schweigen. Kein Wunder, dass die Familie ihr ungeliebtes Schmuddelkind lieber heute als Morgen loswerden will und clevere Pressesprecher lieber heute denn morgen zur Mutter nach Bramfeld flüchten ...

Die Corona-Fakten sprechen eine eigene Sprache: Tausende jetzt wegfallender Jobs bei Airbus, Galeria, Lufthansa Industry Solutions und Lufthansa Technik, über 90.000 bereits arbeitslose Hamburger - gut 30% mehr als vor einem Jahr -, 368.000 Kurzarbeiter bei 24.000 Betrieben in Industrie, Hafen, Logistik und Medien - das sind fast 40% aller 1 Mio. Arbeitnehmer an Alster und Elbe. Die Zahlen zeigen der Freien und Hansestadt, über Jahre hinweg die Augen vor der Wahrheit - insbesondere der allumfassenden Digitalisierung ihrer Industrien, Dienstleistungsbranchen und der Gesellschaft - verschlossen und den Menschen rot-grünen Öko-Sand in die Augen gestreut zu haben.

Bedrohte Galeria Filiale im AEZ Shopping-Center Hamburg Pfuhlsbüttel.
Von der Schließung bedrohte Galeria im ECE-Shoppingcenter AEZ.
Foto: HANSEVALLEY

Die Beispiele sind erst der Anfang: Mit Mietausfällen, Ladenkündigungen und rückläufigen Umsätzen steht die ECE als nächster Kandidat aus der Otto-Familie zur Restrukturierung an: Hamburgs Einzelhändler melden laut City-Managerin Brigitte Engler Umsatzeinbrüche von 35-40%. Vom Wegbruch des für die eigenen “Schäfchen” genutzten Gewerbeimmobilienmarktes durch 30% weniger Büroarbeitsplätze und 50% weniger Geschäftsreisen - wie von Allianz-Chef Oliver Bäte provezeit - sowie de facto 75% Einbrüchen bei Hotelübernachtungen ganz zu schweigen. So viele Büro- und Gewerbeimmobilien in Hamburger Alt- und Neustadt können gar nicht in bezahlbare Wohnungen umgewandelt werden. Womit es ans Eingemachte selbstherrlicher Pfeffersäcke, ihrer Makler, Verwalter, Anwälte und Notare geht. Willkommen in der Krise.


Hamburgs Senats-Chefvernebler “WildWestWasserstoffMan” aka Michael Westhagemann übt sich noch in Selbstbeweihräucherung für das großzügige Verteilen von Bundeshilfen, während 1.600 Unternehmer durch den Shutdown bereits zu Sozialfällen wurden und der Export u. a. über den Hamburger Hafen im April und Mai d. J. jeweils um 30% eingebrochen ist. Das ist der ganze Blick auf die Krisen- und Katastrophenstadt Hamburg, deren vermeintliche Musterschüler Otto & Co. längst wanken und keinen Plan haben, wie sie nach Verlust der Medien- und Internethauptstadt nun den Bedeutungsverlust der Handels- und Logistikmetropole verhindern können. Stattdessen versucht man es mit Unisex-Toiletten auf dem Otto-Campus und fremden Starship-Robotern auf der “letzten Meile” - weil man damit ja die Handelskriege von Amazon und Alibaba gewinnen kann ...



Starship Roboter im Hermes Praxis-Test in Hamburg.
Mit Starship-Robotern in Hamburg im Kampf gegen die Plattformen.
Foto: Hermes Logistik


Hamburg Digital Background:

HANSEINVESTIGATIV: Die Machenschaften des Otto-Marktplatzhändlers Alexander Mendler.

HANSECHAMPIONS: Otto.de macht ernst mit digitalem Firmenumbau.

HANSECHAMPIONS: Die visionären Trüffelsucher der digitalen Otto Group
hansevalley.de/2018/04/hansechampions-otto-group-innovationen.html

HANSERANKING: Die digitalen Tops + Flops der Hamburger Wirtschaft
hansevalley.de/2018/04/hanseranking-tops-und-flops.html

HANSEMOBILITY: Das Mobile Lab und die Zukunft der Otto Group
hansevalley.de/2017/10/hansemobility-otto-mobile-lab.html

Dienstag, 30. Juni 2020

HANSESTATEMENT: Wir alle sind ein Stück Wirecard.

Ein Hanse Digital Statement von
Chefredakteur Thomas Keup
* Update *

Nur ein Betrüger unter Deutschlands Wirtschaftsunternehmen: Wirecard.
Foto: Leo Molatore, Lizenz CC BY-SA 2.0

Blamage! Betrug! Beschiss! Die Kraftausdrücke zum "Wirecard"-Desaster können nicht kräftig genug sein. Schummelei! Sauerei! Skandal! Die Kommentatoren der Wirtschaftspresse haben alle Hände voll zu schreiben. Zumindest für ein, zwei Wochen - bis der nächste Aufreger übern Hof gejagt wird. Anders ausgedrückt: Der Beschiss ist an der Tagesordnung. Beispiele? Kursbetrug durch die "Deutsche Bank". Abgasbetrug durch "Volkswagen". Und jetzt Bilanzbetrug durch DAX-Neuling "Wirecard". Wir alle sind ein Stück "Wirecard" - jeden Tag, jeden Monat, immer wieder:

In Gesprächen mit unserer Frankfurt-Korrespondentin Yvonne Hess kam die langjährige Bankerin und Finanzmarkt-Expertin immer wieder zu einer rhetorischen Frage: 'Wieso gibt es Wirecard immer noch?' Nein, wir wissen als Digitalmagazin nicht mehr, als die britischen Kollegen der "Financial Times" und wir versuchen auch nicht, die Arbeit der Hamburger Kollegen von "finanz-szene.de" zu toppen. Aber durch unsere Einblicke in die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main sehen wir bestimmte Dinge. Und sind erschrocken.

Dreh- und Angelpunkt ist Gier.

Eigentlich wollte ich den systematischen und den Wirtschaftsprüfern von "Ernst & Young" offenbar bekannten Bilanzbetrug eines oberbayerischen Finanzdienstleisters nicht zum Thema machen, obwohl "Wirecard" als Zahlungsdienstleister für Bank- und Kreditkarten mit technologischen Vorteilen geworben hat. Inwiefern die frühere Bank hinter "N26", hinter "Allianz"-Mobile Payment sowie "Holvi"- und "Kontist"-Kreditkarten samt "Aldi"-Kartenterminals tatsächlich technologisch fortschrittlich ist, spielt nicht wirklich eine Rolle - dank digitaler Wettbewerber wie "Ayden" aus den Niederlanden oder "Concardis" aus Deutschland.

Der Dreh- und Angelpunkt des "Wirecard"-Betrugs ist ganz einfach: Gier. Gier, die wieder einmal eine Menge Hirn gefressen hat. Gier, die nicht etwa wenige verantwortungslose Top-Manager in der Chefetage von "Wirecard" in Aschheim bei München allein betrifft. Sondern eine Gier, die seit Ende der 70er Jahre zunächst in den USA, dann in West-/Europa und nun auch in Asien systematisch zum Geschäftsprinzip erhoben worden ist. Die Stichworte: "Business Administration" - statt Kaufmannslehre, "Business Opportunities" - statt Unternehmenswerte, "Quick Wins" - statt Nachhaltigkeit.

Asset Business Administration. 

Das alles erlernen "Business Administratoren" in Bachelor- und Master-Studium - statt Diplomstudiengängen - vor allem an "Business Schools" - statt Hochschulen. Die Folge: Eine "Otto Group", in denen genau jene Absolventen nach vermeintlich trackbaren KPIs die "Assets" wie "Otto.de" und Co. kaputt managen. Die Konsequenz: Kunden, die sich von überforderten Supporterinnen genervt und von überlasteten "Hermes"-Paketfahrern hängengelassen fühlen, flüchten zu "Amazon" und zu "Alibaba". Und die "Otto Group"? Deren Sprecher verunglimpft kritische Redakteure, sodass der Staatsanwalt das Wort bekommt.

Hinter der Trackbarkeit von allem und jedem steht eine Wirtschaftsphilosophie der Harvard Universität - einschl. kommerzieller Bachelor- und Masterstudiengänge. Mit US-Präsident Ronald Reagan wurde die Methode des gnadenlosen Kapitalismus Anfang der 1980er in den USA hoffähig, mit dem Export von Business Schools weltweit ausgerollt, mit der Übernahme von Bachelor und Master 1999 in Deutschland und Europa verankert. Bologna lässt grüßen. Genauso, wie die Politik: Mit den Hartz-Gesetzen von SPD-Kanzler Schröder und dem menschenverachtenden "Hartz IV" war 2005 der Dammbruch perfekt.

Wer im Glashaus sitzt, und so ...

Spätestens mit der kontinuierlichen Angst um den Verlust des eigenen Jobs, der eigenen Zahlungsfähigkeit und damit von Familie und Existenz gilt: "Geiz ist geil" - und das heißt in Psychologie-Deutsch: "Gier ist geil". Beispiel 1: Schnäppchenjäger*innen mit "Lidl-Ticket", die Geschäftsreisende hysterisch anbrüllen, wenn diese die für Vielfahrer reservierten Sitzplätze im ICE beanspruchen - verteidigt von der Chefkundendienstlerin der Bahn in Frankfurt. Weil man neue Kunden gewinnen will. Und da ist sie, die nimmersatte Gier. Beipsiel 2: Angestellte BWLer, die am Jahresende dank Verbrauchertipps auch die letzten Steuerschlupflöcher nutzen, um ihre Einkommenssteuer wegzudrücken.

Sie sind steuerehrlich? Sie sind niemals gierig? Dann werfen Sie bitte den ersten Stein. Doch Vorsicht! Vielleicht sitzen Sie ja doch im Glashaus. Das Grundprinzip der über Preis geweckten Gier macht sich auch Ihr Bankberater z. B. bei der Sparkasse zu Nutze, wenn er Ihnen mit Musterkurven hauseigene Verbundfonds und Versicherungen andreht. Das nennt man dann "Teaserprodukte". Die Möglichkeiten der globalen Abrufbarkeit von Informationen, Hintergründen und Einordnungen über das Internet haben Geschwindigkeit und Intensität des Beschisses an allen Ecken und Enden weiter massiv beschleunigt.

Die Online Marketing Abzocke.

Wenn die "Stiftung Warentest" in Sichtweite unseres Berliner Firmensitzes Verbrauchern empfiehlt, die "Vergleichsportale zu vergleichen", wenn Sie als Leser die nächste Anschaffung von Fernseher, Waschmaschine oder Bausparvertrag und Familienauto in nächtelanger Online-Recherche vorbereiten, sind sie mittendrin in der gesellschaftlich seit 2002 mit "Geiz ist geil" etablierten Form das Sparens, des Geizens, des Abzockens. Und das hat sich mit dem Online-Handel eine ganze Industrie zu Nutze gemacht: Die Online Marketing-Branche - einschließlich des vom Hamburger Senat mitfinanzierten AbzockMarketing-Festivals "OMR".

Wo wir bei rücksichtslosen Geschäftemachern sind: Jetzt ist der Aufschrei groß, "Facebook" toleriere Hass und gestatte Falschmeldungen. Jetzt schwingen sich 90 Werbekunden als Gutmenschen auf. Jetzt, nachdem "Ben & Jerrys", "Coca-Cola", "The North Face" und "Unilever" uns über Jahre systematisch ausspioniert haben, nachdem ihre Marketing-Abteilungen über Jahre geschwiegen haben zum illegalen Verkauf von Nutzerdaten. Es ging ja nur um Werbung aka Profit. Wie verlogen ist das denn? Und wir alle wissen spätestens seit Anfang 2018 durch "Camebrigde Analytica", dass wir mit unseren vertraulichen Daten bezahlen. Aber die Gier nach einem Gratis-Account für bunte Essensbilder war größer.

Per Auktion zum Profit plus.

Warum verfolgen Sie Rucksäcke, Sneakers oder Fernseher über diverse Internetseiten hinweg, nachdem Sie diese in einem Onlineshop gesehen haben? Weil eine ganze Industrie darauf getrimmt ist, Sie zu verfolgen und zum "Checkout" zu treiben, damit Sie "konvergieren", so die neudeutschen Begriffe für Kassenzone und Kaufabschluss. Und weil der E-Commerce heute "Karstadt" und "Kaufhof" entgültig platt macht und Marktpätze morgen "Otto" und "ECE" das Genick brechen, haben sich die Online-Marketer gleich noch was einfallen lassen.

Was die Rinderauktion in Holstein und die Tulpenauktion in den Niederlanden können, das können Online Marketer schon lange: So werden Anzeigenplätze auf Internetseiten und in Mobile Apps per Auktion vergeben. Damit sind "Google", "Facebook" und die nach China verkaufte Mobile Advertising-Plattform "Smaato" groß und reich geworden. Nichts gegen Geldverdienen. Aber auch hier gilt das Prinzip der Gier, oder anders ausgedrückt: "Haben müssen" treibt den Preis hoch. Nicht Ihr Thema? Dann haben Sie noch nie alten Plunder über "Ebay" per Auktion vertickt? Sehen Sie? Nix anderes, als Online Marketing.

... und alle machen mit, gell!?

Was haben Schnäppchen-Angebote und Online-Auktionen mit "Wirecard" zu tun? Über die vergangenen 21 Jahre wurde der Shootingstar der deutschen Fintech-Szene systematisch gehypt - von Bankanalysten, die mehr Anleihen und Fondsanteile verticken konnten, von Wirtschaftsjournalisten, die mit der Erfolgsstory mehr Magazine und Online-Abos verhöckern konnten und von (bayerischen) Lokal-/Politikern, die den Traum vom ungebrochenen Wachstum mit 2018 testierten 2 Mrd. € Umsatz, rd. 350 Mio. € Gewinn und mehr als 5.000 Mitarbeitern für sich missbrauchen konnten. Wenn das keine Story ist?!

Womit wir bei den kommunikativen Auswüchsen und katastrophalen Folgen des Gier-Prinzips sind: Ich rede von "Storytelling", "Sucess Stories" und "Rainmakern". Ja, wir wollen die Erfolgsgeschichten hören, ja wir wollen sie glauben und ja, wir fallen immer wieder auf das Storystelling nach den "Rainmaker principals" rein. Dabei sind wir gern bereit, den gesunden Menschenverstand abzuschalten. Jetzt wissen Sie, warum HANSEVALLEY so langweilig ist - weil wir kein "Storytelling" bringen und "Rainmaker" bei uns keine Experten für irgendwas sind - besonders keine Bachelor-Absolventen mit weißen Sneakern mit der nächsten weltverändernden "Cutting Edge"-Plattformidee. Danke, reicht.

Wenn VC zu Roulette wird.

Der erwartete Zusammenbruch von bis zu 50% der deutschen Startup-Szene in Folge der Corona-Krise, die nach dem amerikanischen Venture Capital-Prinzip schnell aufsteigender "Rockets" alle 18 Monate ihren vermeintlichen Unternehmenswert verdoppeln, um für die nächste Runde der Risikofinanzierung weiter aufgebläht zu werden, ist das Beispiel für genau jenes US-Gier-Prinzip. Und "Wirecard" hat mit Finanzierungsrunden, Anleihen und schließlich dem Börsengang genau jene Karten gespielt, die jedes Tech-/Startup in Berlin, München oder Köln spielt - auch wenn Hamburg mit seinem "IFB"-Schnarchladen raus ist.

Um nicht auf einen falschen Pfad zu geraten: Wir brauchen mehr mutige Gründer - nicht nur "Copycat"-Startupper. Wir brauchen mehr fundierte Gründungen - wissensbasiert aus den Hochschulen heraus. Wir brauchen mehr finanzielle Unterstützung - statt Gründer in den ersten Jahren über den Tisch zu ziehen und sie im VC-Laufrad im besten Fall 5-7 Jahre für Private Equity-Anleger schuften zu lassen. Die Wette nach dem VC-/Startup-Modell, dass eines von zehn "Unicorns" überhaupt zum fliegen kommen kann, ist sicher keine nachhaltige Idee für fundierte Jungunternehmen - auch wenn es einzelne Beispiele gibt.

Middelhof macht es uns vor.

Gier frist Hirn. Damit wurde und wird schon immer eine Menge Geld verdient. Und die verantwortlichen Manager von "Wirecard" sind einfach ein wenig gieriger gewesen, so, wie die Kollegen bei "Deutscher Bank" und "Volkswagen". Mit etwas Glück werden die ertappten Betrüger dank cleverer Rechtsverdreher eine milde Bewährungsstrafe kassieren, die Strafzahlungen aus der Portokasse bezahlen und im schlimmsten Fall wie Ex-Bertelsmann- und Ex-Karstadt-Plünderer Thomas Middelhof am Ende des Tages mit Büchern und Lesereisen ihr Gewissen erleichtern.

Ob Finanzsenator Olaf Scholz eine härtere Aufsicht fordert oder in China ein Sack Reis umfällt, läuft unterm Strich aufs Gleiche hinaus, denn ändern wird sich nichts. Wir haben das "Minimax-Prinzip" übernommen, bei minimalem Einsatz maximal abzukassieren - mit Schnäppchenjagd, Versteigerungen und hochriskanten Wetten. Das ist mit der Schlacht um die letzten Klopapierrollen bei der "Schlecker"-Leichenfledderei 2012 ebenso in widerlichen Bildern festgehalten worden, wie zu Beginn der Corona-Krise mit Hamsterkäufern und anschließenden "Ebay"-Auktionen von Klopapier. Wie krank kann man im Hirn sein?

Von wegen "ehrbar" handeln.

Wir haben gelernt, Kunden und Partner zu unserem Vorteil über den Tisch zu ziehen - auch und trotz "Ehrbarer Kaufleute" an Elbe und Weser. Eine ganze Zunft von Anwälten lebt davon, dass wir meinen, uns immer einen Schluck mehr aus der Pulle genehmigen zu dürfen. Natürlich kommen irgendwo irgendwelche cleveren "Game Changer" auf neue Tricks und Raffinessen, ihre Finger noch tiefer in die Torte stecken zu können - wie bei "Worldcon" 2001, "Enron" 2002 oder "Lehman Brothers" 2008 - den Originalen "Made in USA". Und so, wie wir das Gier-Prinzip übernommen haben, haben wir auch die Pleiten übernommen. "Wirecard" ist nicht der erste Betrügerladen - und sicher nicht der letzte.

Nein, wir haben nicht gelernt, den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Nein, wir haben nicht verstanden, dass Werte erarbeitet und geschützt werden müssen. Nein, wir haben nicht kapiert, dass wir mit Sneakers "Made in Vietnam"; T-Shirts "Made in Bangladesh" und Handys "Made in China" Menschen ausbeuten - mit Hilfe globaler Logistikketten, die genau das ermöglichen. Jetzt müssen Hamburger Kaufleute sich nicht mehr die Finger schmutzig machen und afrikanische Sklaven in den USA gegen Rohstoffe eintauschen. Jetzt importieren sie einfach Sneakers, T-Shirts und Handys von blutigen Kinderhänden zusammengetackert.

Spreche ich mich von der Verantwortung frei? Nein, denn ich bin ein Teil genau dieses Systems - mit möglichst billigen Konsumgütern, die nach genau 2 Jahren kaputt gehen, mit Schnäppchenjagd und Online-Preisvergleich. Wie jeder von uns. Werden wir das Prinzip verändern können? Sicher nicht von heute auf morgen. Aber wir können unseren gesunden Menschenverstand einschalten und versuchen, nicht zu betrügen - wie Redaktionen, die durch Datenanalyse Beiträge "Keyword-optimiert" texten, um Suchmaschinen zu bescheissen. Und warum? Aus Gier!

Auch wenn wir in tiefen Abhängigkeiten des Systems stecken, die Entscheidung zum harmlosen Schnäppchenjagen, zum eiskalt Abzocken oder zum systematisch Betrügen trifft am Ende des Tages jeder für sich. Niemand kann sich davon frei machen, denn die Gier regiert unseren Alltag, unsere Arbeit, unser Leben. Wir alle sind ein Stück "Wirecard" - und morgen gibt es eine neue Ralley um die Maximierung des eigenen Profits. Ich sehe schon die widerwärtigen Bilder bei der Leichenfledderei von "Galeria Kaufhof" und "Karstadt Sports" auf der Hamburger Mö. Traurig ... 



*   *   *

Dienstag, 9. Juni 2020

HANSESTATEMENT: 205 Seiten Hamburg analog: Oder warum Rot-Grün digital nicht kann.

Ein Hanse Digital Statement von
Landeskorrespondent Gerd Kotoll

* Update 10.06.2020 *

Handels- und Logistikmetropole an der Elbe: Freie und analoge Stadt Hamburg.
Foto: Bernd Staerck, Pixabay

195 mal taucht das Wort “digital” im neuen Koalitionsvertrag von Rot-Grün für Hamburg auf. Auf 205 Seiten stellen die Koalitionäre ihr Programm für die Senatspolitik der Jahre 2020 bis 2025 vor. HANSEVALLEY hat die digitalen Ideen, Konzepte und Pläne von SPD und Grünen in einer journalistische Analyse offengelegt. Landeskorrespondent Gerd Kotoll ordnet das vermeintliche Leitthema des neuen Senats neben Klimaschutz und Verkehrswende ein.

Dass man zum Abschluss eines langen Vertrages blumige Worte findet, ist üblich und zu erwarten. Leider war es ebenso erwartbar, dass diese Worte mit der Realität wenig zu tun haben. Von der Blumigkeit bleibt das schnelle Verwelken der inhaltlichen Relevanz der Worte. Hinzu kommt, dass die digitalen Innovationen - und was man im Senatsgehege dafür hält - unter einem allgemeinen Finanzierungsvorbehalt stehen. Angesichts der wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns offenbar der einzig dauerhafte Bezug zum wirklichen Leben. 

Freie und analoge Stadt Hamburg

Da Hamburg in den letzten 9 Jahren vom überwiegend gleichen Personal regiert verwaltet wurde, kennt man es schon: Im allerschönsten Buzzword Bingo wird mit (d)englischen Begriffen um sich geworfen, ohne dass diese mit einer irgendeiner Bedeutung für Hamburg oder gar einem Nutzen für die Menschen in der Stadt gefüllt würden. Stattdessen wird das digitale Wolkenkuckucksheim versprochen, dass seinesgleichen - wenn überhaupt - nur noch in chinesischen Metropolen findet. Wir halten uns da an die PR-bewährten Vergleiche eines Wasserstoffsenators ... 

Man schwelgt in Träumen von Datenmengen, ohne geklärt zu haben, wer sie zu welchem Zweck nutzen kann und darf. Dieser juristisch belegbare Kritikpunkt ist übrigens bereits gut ein Jahr alt. Trotzdem gibt es dazu keine Klärung. Da ist es konsequent, dass weder aus der hastig, kurz vor der Wahl veröffentlichten digitalen Verwaltungs”strategie” des Senats noch aus den von uns veröffentlichten Wahlbausteinen von Rot oder Grün im Koalitionsvertrag nennenswerte Positionen auftauchen (nein, das “Haus der Digitalen Welt” ist nichts Besonderes, da eine geklaute abgekupferte Idee nach einem Helsinki-Ausflug). Da nützt auch die 195-fache Nutzung des Wortes “digital” nichts, wenn man es nur analog denkt.

Große Worte - k(l)ein(es) Budget

Wer morgen in einer sinnvoll nutzbaren digitalen Welt leben will, muss dafür heute die Grundlagen legen (ja, eigentlich hätten die schon längst liegen müssen...). Bildung & Wissenschaft sind der Schlüssel dafür. Zu dieser Erkenntnis sind auch die Landesregierungen von - lassen Sie mich kurz überlegen - genau: 4 der 5 Nordländer gekommen. Und wer hat den Unterricht geschwänzt? Stimmt, die Freie und Hansestadt. “Nicht an den Worten, sondern an den Taten sollt Ihr Sie erkennen!” Diese biblische Erkenntnis gilt auch heute noch - auch für die Hamburger Koalition, auch für den neuen Hamburger Senat unter Rot-Grün.

Schauen wir mal in die Schulen. Da gibt es den “Digitalpakt Schule”. Wie nötig der auch für Hamburgs Schüler und Lehrer ist, zeigt sich während der Corona-Schulschließungen mit größter Dramatik. Das Versenden von eingescannten Aufgaben ist zwar auch irgendwie digital, das war’s dann aber auch schon. Jetzt hofft der Senator medienwirksam, dass die aus den üppig klingenden 128 Mio. € Bundesmitteln für 340 allgemeinbildende Schulen in Hamburg angeforderten Laptops und Tablets zum Beginn des kommenden Schuljahres da sein werden, so dass für jeden fünften Schüler ein Gerät zur Verfügung stehen soll. Die rund 40 neu geplanten Schulen sind da übrigens nicht berücksichtigt. 

38.000 digitale Geräte für 20% Schüler

Ja, genau: 80 % der Schüler werden an den Schulen keinen Zugriff auf ein digitales Endgerät haben. Wie wenig sich der Senator an die Digitalisierung heran traut, zeigt sich, wenn man ihn an den Taten misst: Hamburg wird sagenhafte 12 Mio. € aus dem eigenen Haushalt zur Verfügung stellen. Vom Haushalt 2020 mit etwa 15,2 Mrd. € entspricht das 0,08 % - aufgerundet. So sieht in Hamburg das Bekenntnis zur digitalen Bildung jenseits blumiger Worte im Koalitionsvertrag faktisch aus. Würde dem Senat hierfür ein Zeugnis ausgestellt, wäre es nicht mal ein “mangelhaft” - es wäre ein Armutszeugnis. 

Das ist der nächste Schlag ins Gesicht der Lehrer und der Eltern schulpflichtiger Kinder. Der nächste? Ja, der nächste. Denn welcher Bereich wurde bei der Hamburger Corona-Soforthilfe “HCS” vollständig ausgespart? Richtig: der Bildungsbereich. Während andere Bundesländer eigene Mittel mobilisierten - z. B. Mecklenburg-Vorpommern 1 Mio. € aus dem Sozialfonds für sofort bereitgestellte Laptops zugunsten sozial schwacher Schüler -, wartete man in Hamburg ab, bis die Bundesmittel flossen. 

Tablets oder mehr digitales Know How?

Hamburg spart sogar noch mehr: Nämlich bei der digitalen Aus- und Fortbildung der Lehrer. So ist es heute immer noch möglich, praktisch ohne elektronische Unterstützung das Lehramtsstudium zu beenden. Ebenso bei der Fortbildung: die wurde seit März d. J. überhaupt erst spürbar digital begonnen. Ein hanseatischer Blick über die Stadtgrenzen zeigt: auch in diesem Punkt sind die Nachbarländer bereits unterwegs, z. B. Schleswig-Holstein, das die digitale Lehrerbildung bereits systematisch betreibt. 

Dafür lobt sich der Hamburger Senator öffentlich umso lieber selbst, am schnellsten am meisten Bundesmittel abgerufen zu haben. Anderer Leute Geld ausgeben ist natürlich leicht. Ist dies die weitgehend bekannte sozialdemokratische Regierungs(un)tugend?

Große Träume - noch weniger Budget?

Immerhin soll die TU Hamburg jetzt DIE “führende technische Universität im Norden” werden. Gut, das sollte sie in der letzten Legislatur auch schon. Immerhin wird schon mal fleißig gebaut. Ansonsten zeigen die Universitäten von Bremen, Lüneburg und Osnabrück, wo der Hammer bei den Zukunftsthemen Informatik, Entrepreneurship und Zukunftstechnologien hängt. Selbst die Hansestadt Greifswald gräbt parallel mit ihrer hanseatischen Schwester Lübeck beim Zukunftsthema KI und Medizin der Freien und analogen Hafenstadt das Wasser ab. Nochmal zum Mitschreiben: KI, Medizin, Greifswald, Lübeck, Punkt.

Noch vor Anker, im schlickigen Hafenbecken des politischen Unvermögens, liegt das Projekt “Ahoi Digital” (bei dieser Formulierung hatte ich wirklich Spaß …). Statt der gern gefeierten 35 Professuren sind jetzt vielleicht gerade mal fünf besetzt, die auch noch von den Hochschulen selbst mitfinanziert werden müssen. Wenn von den erwarteten 1.500 zusätzlichen Student*innen jetzt wenigstens weitere 200 die Angebote der Hamburger Universitäten im Bereich IT wahrnehmen könnten, dann wären es viele. Das hat selbst das Plenum der Handelskammer mittlerweile öffentlich gebrandmarkt.

Und wie soll jetzt die TU zur führenden Universität “ertüchtigt” werden? Mit dem vergleichbaren TU-Engagement, wie bei “Ahoi Digital”? Von den gleichen handelnden “Akteur*innen und Akteuren - m/w/d”, wie bei “Ahoi Digital”? Mit der gleichen getricksten Finanzierungsverpflichtung für die Hochschule, wie bei “Ahoi Digital”? Für das digitale Ahoi! waren rund 32 Mio. € bewilligt. Warum schaffen andere Städte in der Metropolregion mit weniger Geld eigentlich viel mehr für Ihre Universitäten? Ach, darüber spricht man lieber nicht? Stimmt: “Ahoi Digital” wurde von der Koalition auch nur einmal erwähnt, in einem Nebensatz. 

Ahnungslos, orientierungslos, mutlos

Wenn man sich die Pressestatements des Senats zur Bewältigung der Corona-Krise, aber auch zur Regierungsbildung ernsthaft ansieht, dann findet man viele Aussagen, Willensbekundungen und Absichtserklärungen - immerhin mit 195 mal “digital”. Ein Wort, das gleichzeitig eine Haltung ausdrückt, kommt aber nicht vor: “Mut”. Profi-Tipp für die Koalitionäre: “Mut” findet man als Botschaft am Eingang der Bucerius Law School - vis-a-vis des Helmut-Schmidt-Auditoriums. Nur zur Orientierung, sollten Sie das mal für Ihre Politik suchen. Könnte ja passieren ... 

Keinen “Mut” findet man in der Auflistung von allgemeinen Unverbindlichkeiten zum Thema Wirtschaft im Koalitionsvertrag. Kein Wort zu konkreten digitalen Impulsen für die meist kleinen und mittleren der 160.000 Hamburger Unternehmen nach Corona. Stattdessen das typische Hamburger Klein-Klein: überall ein bisschen, aber nichts richtig - ein bisschen Gießkanne und noch weniger Strategie. Zieldefinition? Fehlanzeige. Konkrete finanzielle Anreize zur eigenverantwortlichen Digitalisierung der Wirtschaft? Nicht geplant, nicht gewollt, nicht existent. 

Cluster und Brücken statt Zukunft

In Hamburg werden die analogen Branchen-Cluster gehegt, gepflegt und jetzt auch noch mit “Cluster-Brücken” gezwungen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Impulse für zukunftsweise Branchen? Null, null in Hamburg. Wie es besser geht? Mit 1.850 Anträgen seit September ‘19 ist der “Digitalbonus Niedersachsen” das beliebteste Förderprogramm der kleinen und mittleren Betriebe. Mit knapp 2.000 Anträgen wurden bislang 14,7 Mio. € bewilligt und lösten mehr als 41 Mio. € Investitionen in digitale Hardware, Software und IT-Sicherheit aus. Ursprünglich waren 15 Mio. € geplant. Auf Grund des Erfolgs wird das Volumen um weitere 10 Mio. € auf 25 Mio. € erhöht. Danke an die Handelskammer, den Ball aufgenommen zu haben. Aber bitte nicht zu viel Hoffnung für Hamburg.

Wo wir gerade über Hoffnung, Visionen, Zukunft plaudern: Erinnern Sie sich noch, wie oft in den zurückliegenden Jahren vom “ITS-Weltkongress 2021” in Hamburg in Koalitionsreden und Presseterminen die Rede war? Mindestens drei städtische Institutionen vernetzen, verplanen, verkaufen das Leuchtturmprojekt. Weil der Kongress doch DIE entscheidenden Impulse für die rot-grüne Verkehrswende bringen sollte. Und jetzt? Im Koalitionsvertrag kommt er noch auf einen bescheidenen Absatz. Einzig genanntes Projekt: der Ausbau der Dauerzählstellen für den Radverkehr. Impulse für einen autonomen Verkehr wie auf den 280 km Teststrecke in Niedersachsen? Bitte, wie kann man das in Hamburg nur fragen!

Bereits fast schon so gut wie China...

Die Buchstabenkombination “ITS” kommt übrigens mehr als 300 mal im Koalitionsvertrag vor - z. B. im Wort “bereits” (genau 88x). Womit deutlich wird, dass die rot-grünen Pläne (bereits) aus der Vergangenheit stammen und nicht (bereits) die Zukunft beschreiben. Deswegen finden sich auch keine Überlegungen, wie man (bereits) die Wettbewerbsfähigkeit als Medienstandort zurückgewinnen könnte oder welche Impulse als Standort für deglobalisierte Produktion (z.B. mit einem 3D-Druck-Zentrum im Hafen) (bereits) gesetzt werden könnten - von den Zukunftsbranchen IT, Internet und digitale Medien gar nicht erst zu reden. Der Zug ist längst in Berlin eingetroffen.

Bleiben wir bei was Bodenständigem: Der für 156.000 Arbeitsplätze wichtige Hamburger Hafen bekommt immerhin etwas ab. Das HPA-Projekt “Smart Port”, das es bereits in der Version 2.0 gibt und (bereits) in den vergangenen 5 Jahren mehrfach ausgebremst werden sollte und von der Hafenverwaltung über Jahre nur unter der Bettdecke vorangetrieben wurde. Jetzt ist der “Smart Port” laut Papier sogar Hoffnungsträger für exportierbare maritime IT-Anwendungen. Nein, bitte gucken Sie jetzt nicht nach Rotterdam und Antwerpen, um festzustellen, wie viel weiter die (bereits) sind. 

So wird das nichts für Hamburg

Es droht die größte anzunehmende Gefahr Wirklichkeit zu werden: ein “Weiter so”! Und zwar weitgehend unreflektiert und uninspiriert. Man versucht, es Jedem und Allen in der eigenen, subventionierten Community recht zu machen und möglichst Niemanden zu verprellen. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Das ist die Devise der neuen, alten, bekannten Senatoren von Rot und Grün. 

Natürlich, Politik ist die Kunst des Machbaren und lebt vom Kompromiss, erst Recht bei der Aushandlung einer Koalition, die fünf Jahre halten soll. Unter den erschwerten Rahmenbedingungen der Corona-Situation gilt das sicher ganz besonders. Aber warum muss es immer der kleinste gemeinsame Nenner sein, auf den man sich einigt? Warum werden Dinge vermengt, die per se nichts miteinander zu tun haben, erst recht wenn Perspektive und Strategie fehlen? 

Solange Digitalisierung vor allem Verkehrswende, Klimaschutz und Geschlechtergerechtigkeit bedienen soll, werden wertvolle Chancen für eine 2 Mio.-Einwohner-Stadt mit 1 Mio. Arbeitnehmern in traditionellen, der Transformation unterworfenen, Branchen vertan. Natürlich können wir uns nicht alles leisten, was wünschenswert ist, erst recht nicht vor dem Hintergrund der Kosten für die Bewältigung der Shutdown-Folgen. Am allerwenigsten können wir uns aber leisten, Chancen nicht wahrzunehmen.

Dass sich diese gerade im Feld der Digitalisierung bieten könnten, scheint nicht im Bereich des Vorstellbaren dieses Senats zu liegen. Denn nur so ist zu erklären, dass es in Hamburg weder einen Digital-Senator noch Staatsrat geben wird - als einziges Land in der Metropolregion und darüber hinaus. 

Wo es an einem eigenständigen Werteverständnis für Digitalisierung als notwendige Grundlage für die technische, organisatorische aber auch die kulturelle Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft fehlt, gibt man das Heft des Handelns aus der Hand: so werden wir nicht transformieren, so werden wir aus den USA und China transformiert werden.

*  *  *

 Hamburg Digital Background: 

HANSEPOLITICS: Wie Rot-Grün Hamburg in die digitale Zukunft bringen will.
hv.hansevalley.de/2020/06/hansepolitics-koalitionsvertrag-hamburg-2020.html

 Hamburg Digital Statements: 

Digitalisierung und Verwaltung
HANSESTATEMENT: Klimaschutz-App in Hamburg - auf dem chinesischen Weg?

Digitalisierung und Bildung
HANSESTATEMENT: Wenn Du einen toten Gaul durch die Schule reitest ... steig' ab!

Digitalisierung und Wissenschaft
HANSESTATEMENT: Das digitale Wolkenckuckucksheim. Wer hat hier die letzten 5 Jahre eigentlich regiert?
HANSESTATEMENT: Rot-Grün: Digitalstrategie? Echt jetzt?

Digitalisierung und Wirtschaft
HANSESTATEMENT: Die Digitalisierung wartet nicht auf Hamburg.

 Hamburg Digital Wahlprüfsteine: 

Digitalisierung und Stadtentwicklung
HANSEPOLITICS: Die stadtentwicklungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020
https://hv.hansevalley.de/2020/02/hansepolitics-stadtentwicklung-hamburg-2020.html

Digitalisierung und Verwaltung
HANSEPOLITICS: Die verwaltungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Digitalisierung und Bildung
HANSEPOLITICS: Die bildungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020
HANSEPOLITICS: Die forschungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Digitalisierung und Wirtschaft
HANSEPOLITICS: Die wirtschaftspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020