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Montag, 2. April 2018

HANSEEXKLUSIV Klaus von Dohnanyi: "Alles bleibt anders."

HAMBURG DIGITAL EXKLUSIV
in Zusammenarbeit mit Hamburg@work

Hamburgs Vordenker Klaus von Dohnanyi.
Foto: Exspect
Die Digitalisierung ist der größte Umsturz, den die Menschheit je gehabt hat.

Nichts wird so bleiben, wie es war. Weder in der Geschäftswelt noch in der persönlichen Welt. Alles wird anders. Anders. weil die zeitgleiche, umfassende, weltweit umspannende Information und dieser weltweite Dialog, der dadurch möglich wird, eine totale Veränderung der Beziehungen der Menschen und der Politik und der Wirtschaft und der Wissenschaft bedeutet.

Dem kann man sich nicht entziehen. Das ist wie aller technischer Fortschritt. Es ist wenig sinnvoll, sich gegen die Digitalisierung zu stemmen, wie gegen die Eisenbahn oder das Telefon oder das Radio und das Fernsehen. Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit HANSEVALLEY-Chefredakteur Thomas Keup:

'Alle Unternehmen werden in einer digital-vernetzen Welt Nachbarn', brachten Sie anläßlich des Neujahrsempfangs des "IT Executive Club" am 12. Januar d. J. im Norddeutschen Regattaverein auf den Punkt. Sie sprechen von einer Veränderung der Kommunikation, die eine Veränderung der Gesellschaft zur Folge hat. Was meinen Sie damit?

Es ist eine ganz tiefgreifende Veränderung der Kommunikation. Ursprünglich redeten die Menschen miteinander, indem sie sich in die Augen sahen. Jetzt ist man in der Lage, mit einem chinesischen Geschäftspartner oder mit einer Freundin in Tokyo zeitgleich zu korrespondieren, nicht nur, in dem man miteinander redet, man kann sich auch per Skype sehen. Man überwindet alle Distanzen, in denen Menschen miteinander gelebt haben. Das verändert die menschlichen Beziehungen, verändert die Unternehmen, verändert aber auch die Politik. Die Digitalisierung ist der größte Umsturz, den die Menschheit je gehabt hat.

Olaf Scholz mahnte immer wieder unermüdlich und in klaren Worten, dass die Digitalisierung alle Bereiche unserer Gesellschaft umfassen wird und wir es uns nicht leisten können, abzuwarten. Wie nehmen Sie mit ihrem Erfahrungsschatz die Entwicklung der Digitalisierung wahr, welche Themen faszinieren und welche Themen verängstigen Sie ganz persönlich?

"Uns fehlt die Infrastruktur für die Geschwindigkeiten"

Es ist ein vitales Element der Konkurrenz geworden. Man kann sich dem schon deswegen nicht entziehen, weil man in der weltweiten Konkurrenz zurückfallen würde. Das ist das, was auch Olaf Scholz und alle, die sich mit dem Thema befassen, beschäftigt. Deutschland ist in einer Beziehung sehr gut. z. B. bei der Umsetzung von Industrie 4.0. Auf der anderen Seite fehlt uns noch die notwendige technische Infrastruktur, um die erforderlichen Geschwindigkeiten der Kommunikation über das digitale Netz zu ermöglichen.

"Die wirklich guten Leute haben of gar keine Ausbildung"

Wir kommen auch deshalb nicht so gut damit zurecht, weil wir ein hierarchisches System haben, in dem z. B. in der Verwaltung die Beförderungen nach Grundsätzen von Ausbildungsformalitäten entschieden werden. Die wirklich guten Leute im digitalen Handwerk kommen oftmals aus ganz anderen Ausbildungen oder haben gar keine formale Ausbildung - und sind trotzdem mit die besten Leute. Da kommt der deutsche Staat mit seinen formalisierten Vorstellungen natürlich nicht mit voran, weder in der Beurteilung der Befähigung noch in der entsprechenden Bezahlung. Da verliert er zwangsläufig im Wettbewerb mit der Wirtschaft.

"Ihr dürft Kinder nicht zu früh am Netz operieren lassen"

Mich besorgt, dass eine so tiefgreifende strukturelle Veränderung in der Kommunikation auch Nebenfolgen hat, die man nicht übersehen darf. Es gibt Warnungen von klugen Pädagogen, die sagen, ihr dürft die Kinder nicht zu früh am Netz operieren lassen. Sie werden Fähigkeiten der Empathie, der sozialen Zusammenhänge nicht mehr richtig lernen. Und dann gibt es Probleme des Datenschutzes. Es gibt eben nichts in dieser Welt, dass neben seinen positiven Seiten nicht auch negative Folgen hätte und Probleme aufwerfen würde. Um die müssen wir uns auch kümmern.

THEMA POLITIK:

Politisches Engagement findet in engen Systemgrenzen von Parteien und Karrieren statt. Unsere Bürgergesellschaft interessiert sich vor allem für eine lebenswerte Stadt. Welche Impulse und Initiativen bedarf es, dass wir in Zeiten digitaler Verunsicherung nicht nur Klientelgruppen in der politischen Willensbildung von Parlamenten wiederfinden?



Mahnende Worte von Klaus von Dohnanyi.
Foto: HANSEVALLEY
Die Beratung innerhalb der Volksparteien findet in einem relativ geschlossenen Kreis relativ fester Überzeugungen statt - und wird oft auch mit einem recht begrenzten Informationshorizont geführt. Aber auch die politischen Aufgaben und die Methoden der Politik verändern sich natürlich. Wir sehen gegenwärtig, dass in den USA der Präsident keines der klassischen Informationsmittel der Politik überhaupt noch ernst nimmt, geschweige denn bedient. Ihn interessieren nicht Gespräche mit den großen Zeitungen, die eine Auflage von einer halben Millionen haben, er twittert und erreicht fast 50 Mio. Follower.

"Manch altes Gebäude wird dem Sturm nicht gewachsen sein"

Das verändert die Politik, das verändert auch die Chancen in der Politik. Ich glaube, dass wir deswegen auch einen tiefgreifenden Wandel in der Parteienstruktur bekommen werden, vielleicht sogar in der Demokratie wie wir sie gewohnt sind. Wir müssen uns intensiver als bisher um diese Entwicklung bemühen. Trump war kein Zufall. Ich vermute, dass auch in dieser Beziehung die USA nur weiter in der Entwicklung sind. Manches, was heute als altes Demokratie-Gebäude steht, wird dem Ansturm der neuen digitalen Welt nicht gewachsen sein.

Es gibt verschiedene gesellschaftliche Möglichkeiten, sich mit dem Status Quo von Unsicherheit oder Unzufriedenheit auseinanderzusetzen: z. B. durch Anpassung, den Ausstieg oder die Rebellion. Welchen Weg empfehlen Sie Menschen, die sich mit der für sie z. T. dramatisch verändernden Welt nicht zufrieden geben und etwas verändern wollen?

Klare Worte beim IT Executive Club.
Foto: HANSEVALLEY
Mein erster Tipp ist, dass jeder wissen muss, was er für sich selbst braucht und will, und das muss er lernen. Und wenn sich die Welt verändert muss er lernen, wie er in der Welt so sein kann, wie er gern möchte. Mehr bewusste Eigenverantwortung heißt die Devise! Man kann sich nämlich selbst auch manchem Einfluss der Digitalisierung entziehen.


"Wahrgenommene Eigenverantwortung ist die Rettung"

Ich versuche mich jenseits von Twittern und Apps immer noch in der Tiefe zu informieren. Andere mögen das anders sehen, aber das hängt davon ab, wie sie sich selbst verstehen. Mein Rat an alle ist, sich selbst zu betrachten und zu überlegen, was kann ich, was will ich, was will ich tun, was muss ich dafür lernen - also: eine wahrgenommene Eigenverantwortung ist die Rettung vor einer Vermassung durch die digitalisierte Welt.

THEMA TECHNOLOGIEN:

Die Metropolregion ist ein traditionsreicher Produktionsstandort mit Schiff- und Flugzeug-, Anlagen- und Maschinenbau. Industrie 4.0 bietet mit digital-vernetzten Produktions- und Lieferprozessen sowie Echtzeitdaten neue Chancen zur Entwicklung weltweit erfolgreicher Produkte? Reicht das aus Ihrer Sicht aus oder wird die Industrie in Europa zwischen den USA und China zerrieben?

Das hängt sehr davon ab, wie wir damit umgehen. Die Vielfalt in Europa - die auch Brüssel nicht versuchen sollte sinnlos einzuebnen - hat dazu geführt, dass die letzten Jahrhunderte europäische Jahrhunderte waren. Europa hat eine große Chance, wenn wir uns auf das besinnen, was wir können, wenn wir die Dinge, die im großen Stil gemacht werden müssen - wie z. B. den Airbus -, gemeinsam machen. Und wenn wir zugleich in Hamburg, in Lübeck, in Osnabrück, in Frankfurt, in Stuttgart - getragen durch gute kommunale Politik - unsere unterschiedlichen Kräfte entfalten. Das ist nämlich erst wirklich "europäisch": Dezentralisation, Vielfalt und Unterschiede.

In den digitalen Angeboten von Amazon, Apple, Facebook oder Google verbirgt sich bereits künstliche Intelligenz zum Erkennen von Befehlen und Übersetzen von Sprachen. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in der Nutzung von Artifical Intelligence - insbesondere für den internationalen Dienstleistungsstandort Hamburg mit zehntausenden Arbeitsplätzen?

Die Artifical Intelligence ist ein nächster Schritt und wiederum: wer sich dagegen versucht zu stemmen, wäre verloren. Aber die Auswirkungen von AI sind heute noch unüberschaubar, also müssen wir den Prozess auch steuern, soweit das geht. Eine schwierige Aufgabe für die Politik.

THEMA ARBEIT:

Unsere zentrale Ausbildung mit Lehrling, Geselle und Meister stammt aus dem 13. Jahrhundert. Wir haben eine erfolgreiche Entwicklung der Universitäten seit dem 19. Jahrhundert. Wie kann ein lineares Bildungssystem für eine flexible und individuelle Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts geöffnet und erfolgreich weiterentwickelt werden?

Wir haben ein Bildungssystem, das einen großen Erfolg hinter sich hat. Sie können den deutschen Erfolg des vergangenen Jahrhunderts nicht denken ohne ein erfolgreiches Bildungssystem. Jetzt ändert sich natürlich viel. Man muss dafür sorgen, dass auch in den Schulen digitale Instrumente genutzt werden. Aber ich würde das nicht zu früh machen. Ich glaube, Kinder machen heute genug mit dem Smartphone, schon wenn sie 3 Jahre alt sind und man braucht ihnen das in der Grundschule nicht auch noch beizubringen. Rechnen und Lesen lernen ist in diesem Alter vermutlich wichtiger.

Zwischen 10 und 20 Mio. Arbeitsplätze könnten durch Digitalisierung und Transformation in Deutschland in den nächsten Jahren wegfallen. Die Herausforderung wird mit einem bedingungslosen Grundeinkommen als Chance für neue, Sinn stiftende Wertschöpfung diskutiert. Wie stehen Sie zu dem von DM-Gründer Götz Werner in die Diskussion gebrachten Modell?


Da bleibe ich zunächst einmal sehr skeptisch. Ich glaube, dass der Mensch auch eine Anregung braucht, um zu arbeiten. Wenn man ihm das Arbeiten sozusagen wegfinanziert, weil er das gar nicht mehr machen müsste, wird das weder zum Frieden in der Gesellschaft beitragen, noch zur Beseitigung der Unterschiede. Aber es ist auch ein von sehr intelligenten Menschen vorgetragenes Konzept und es wird immer weiter diskutiert werden und vielleicht eines Tages sogar kommen.

"In die Richtung lenken, in der sie einen guten Beruf finden"

Im Übrigen glaube ich nicht Ihre These von den 10 oder 20 Mio. Arbeitsplätzen. Aber es kommt deswegen schon jetzt darauf an, dass man die Arbeitsplätze die Zukunft haben könnten, heute durch eine entsprechende Ausbildung fördert. Ich halte nicht soviel davon, dass so viele Leute an der Universität Kulturwissenschaften studieren, anstatt Informatik. Da muss man die Leute schon ein wenig mehr in die Richtung lenken, in der sie am Ende auch wirklich einen zukunftssicheren Beruf finden werden.

THEMA HAMBURG:

Hamburg ist geprägt von traditionellen Branchen, wie der maritimen Wirtschaft, der Transportlogistik, dem Groß-, Außen- und Einzelhandel. Die Dienstleistungen von Banken, Versicherungen und Medien unterlagen in den vergangenen Jahren erheblichen Umbrüchen. Wie gut ist Hamburg aufgestellt, um die kommenden Herausforderungen zu meistern?

"Ein Fehler, den Wissenschaftsstandort Hamburg zu unterschätzen"

Klaus von Dohnanyi im Dialog mit Olaf Scholz.
Foto: HANSEVALLEY

Hafen und Handel sind heute natürlich lebenswichtig für Hamburg. Und wir müssen alles tun, um hier stark zu bleiben. Aber Transport, Logistik und Handel werden durch Digitalisierung und die Globalisierung im Kern getroffen. Hamburg braucht ein zweites Standbein. Deswegen glaube ich machen wir einen Fehler, indem wir die Bedeutung eines Wissenschaftsstandortes Hamburg noch immer unterschätzen.

"Hamburg wird ohne Wissenschaftsmetropole nicht überleben"


Ich habe deswegen schon 1983 in meiner ersten Übersee-Club-Rede gesagt: 'Hamburgs Zukunft liegt auf dem Land und nicht auf dem Wasser'. Ich bleibe bei dieser Überzeugung: Hamburg wird auf die Dauer ohne einen Schwerpunkt Wissenschaftsmetropole nicht erfolgreich überleben, gerade wenn die Chinesen jetzt ihre Seidenstraße über die Schiene ausbauen und ihren Schiffsverkehr zum Teil nach Südeuropa lenken. An dieser Stelle sind wir noch nicht gut aufgestellt.

"Versuchen, nicht erneut vom Süden abgehängt zu werden."

Das führt natürlich auch dazu, dass wir z. B. bei Startups nicht vorn sind, sondern München oder Berlin. Und das führt auch dazu, dass wir bei anderen Schwerpunkten, z. B. bei Banken von Frankfurt überlagert werden, weil dort das Zentrum der Banken entstanden ist. Wir müssen deswegen mit Wissenschaft versuchen nicht erneut vom Süden abgehängt zu werden. Bürgermeister Scholz hat jetzt versucht, in diese Richtung etwas zu tun, aber nach meiner Meinung ist das noch immer nicht genug.

Der Erfolg unserer Stadt basierte bislang zu einem Großteil auf der weltweit geschätzten Verlässlichkeit - und dies über Generationen hinaus. Reichen in Zeiten digital beschleunigter Veränderungen und global forciertem Wettbewerb hamburgische und hanseatische Werte aus - und welche Werte empfehlen Sie den Hamburgern für die Zukunft?

Die Werte reichen aus, aber sie werden derzeit unterspült von den digitalen Medien. D. h., man verhält sich natürlich anders im Geschäft mit Leuten, die man nicht persönlich kennt. Der "Ehrbare Kaufmann" in Hamburg, bei dem nicht mal ein Handschlag notwendig war und ein gegenseitiger Blick in die Augen reichte, wird durch die großen Entfernungen bei Geschäften und die immer größere Anonymität der Geschäfte vermutlich so nicht fortbestehen.

Es geht nicht darum, das wir neue Werte brauchen. Die große Frage ist, wie wir die alten Werte, mit denen Deutschland so gut gelebt hat, in einer digitalen Welt erhalten werden. Und da sollten wir sorgsam hinschauen.



Ein visionärer Blick in die Zukunft: Klaus von Dohnanyi
Foto: HANSEVALLEY

Herzlichen Dank für die inspirierenden Worte!
Das Interview führte Thomas Keup persönlich.

Das Hamburg Digital Exklusiv ist in Zusammenarbeit mit Hamburg@work entstanden und ab 3. April 2018 auf dem Portal www.digitalcluster.hamburg veröffentlicht.

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 Hamburg Digital Background: 

Klaus von Dohnanyi in der Wikipedia:

Klaus von Dohnanyi in der "F.A.Z":

Klaus von Dohnanyi in der "Welt":

Mittwoch, 4. Oktober 2017

HANSEPERSONALITY Sören Stamer: "Entweder wir verändern uns oder wir werden scheitern."

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

Das "bedingungsloses Grundeinkommen für alle": eine Idee aus den späten 60ern, in Deutschland salonfähig geworden durch DM-Gründer Götz Werner. Die neue Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein will das Modell erstmals in Deutschland testen. Der Hamburger Software-Unternehmer und Coremedia-CEO Sören Stamer sieht keine Alternative dazu.


Werden Deutschland und Europa scheitern, wenn wir unser System von Arbeit und Sozialleistungen nicht disruptieren? Oder können Hamburgs und Deutschlands Logistiker, Banker oder Medienunternehmer weiter machen, wie bisher? Ein Hamburg Digital Interview mit dem Visionär und Unternehmer Sören Stamer:


Coremedia-Gründer Sören Stamer.
Foto: Coremedia
Sie gehen davon aus, dass Automobilhersteller wie Daimler und VW durch das Model 3 von Tesla das gleiche Schicksal erleiden werden, wie Blackberry und Nokia vor 6-8 Jahren durch das iPhone von Apple. Was macht Sie so sicher, dass hochpreise Konsumgüter "Made in Germany" es nicht schaffen werden, die Disruption durch Visionäre wie Elon Musk zu übereben?

Ich hoffe, es kommt anders, doch die deutschen Autohersteller haben es gleich mit einer Reihe von grundlegend neuen Realitäten zu tun, auf die sie bisher keine Antwort zu haben scheinen. Der Umstieg von Verbrennungsmotoren zum Elektroantrieb wird aus meiner Sicht deutlich schneller vonstattengehen, als bisher öffentlich eingestanden. 

"Dem Tesla Model 3 haben deutschen Anbieter nichts entgegenzusetzen"

Tesla wurde mit seinen zwei Modellen (S + X) in den USA sehr schnell der Marktführer im Luxussegment, vor BMW, Mercedes, Audi und Porsche. Und mit Start der Reservierungen für das Model 3 sind auch die Absätze vom 3er BMW in den USA bereits gesunken. Dem Tesla Model 3 haben deutsche Anbieter bisher nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.

Doch das ist nicht einmal der Kern des Problems. Die Autos von Tesla sind „Computer auf Rädern“. Sie gleichen dem iPhone mehr als konventionellen Autos. Die Software wird laufend weiterentwickelt und automatisch „over the air“ aktualisiert. Anders als konventionelle Autos wird ein Tesla statt zu veralten auch nach der Auslieferung ständig besser. Außerdem lernt jeder Tesla von dem Fahrverhalten aller anderen Teslas auf den Straßen dieser Welt, da die Daten aller Sensoren aus allen Fahrzeugen für kollektives Lernen genutzt werden.

Ein "iPhone auf 4 Rädern": Das Model 3 von Tesla.
Foto: Tesla
Diese beiden Herausforderungen würden genügen, um den deutschen Herstellern
Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. Doch die womöglich größte Bedrohung liegt in der Marketingkraft von Elon Musk. Elon Musk schickt mit seiner anderen Firma, SpaceX, Raketen ins Weltall und landet sie dann punktgenau auf der Erde. Das sieht aus und fühlt sich an wie Science-Fiction. Nicht ohne Grund ohne Grund gilt er als lebendiges Vorbild für "Iron Man".

Elon Musk steht heute für Zukunft schlecht hin, und dabei auch noch für eine verantwortliche, nachhaltige Zukunft. Er ist die Verkörperung einer Marke, die besser in unsere Zeit kaum passen könnte. Da klingen „Vorsprung durch Technik“ und „Freude am Fahren“ fast schon klein und unbedeutend. 

Ich habe das Gefühl, dass in Corporate Innovations Labs und Hubs Hamburger Unternehmen aktuell mehr Innovationsprojekte aufgesetzt werden, als es zukunftsweisende Hamburger Tech-Startups gibt. Sie haben erhebliche Zweifel an der Innovationsbereitschaft deutscher Konzernvorstände, z. B. in der Automobilindustrie. Warum?


Ich bin kein Experte für die deutsche Automobilindustrie, doch von außen betrachtet scheint sie noch nicht mit den aktuellen Entwicklungen im Reinen. Die deutschen Autohersteller müsste den Gedanken zulassen, dass in wenigen Jahren ihr bestehendes Geschäft komplett verschwinden wird: Verbrennungsmotoren sind mit Sicherheit in 4.000 Tagen Geschichte, vielleicht jedoch schon in 1.000 bis 2.000 Tagen. Wenn man von dem zweiten Fall ausgeht und das halte ich für angezeigt, müssten die Hersteller schon heute gigantische Abschreibungen tätigen: Massive Investitionen in Verbrennungsmotoren und Getriebe, Motorfabriken, Patente, trainierte Ingenieure und Fahrzeugbauer usw. wären nun wertlos. 

"Für etablierte Hersteller kaum attraktive Optionen im Wettbewerb"

Hinzu kämen die zu erwartenden Verluste aus dem kollabierenden Wiederverkaufswert von Leasingfahrzeugen, die in ein paar Jahren niemand mehr kaufen wollen wird. Doch damit nicht genug, auch das Händlernetzwerk steht sehr wahrscheinlich vor einer massiven Schrupfung. Elektroautos brauchen nur ein Bruchteil der Wartungsaufwendungen. Damit verschwände die Hälfte der Gewinne der Händler und ein großer Teil ihrer Existenzberechtigung. Es ergäbe sich also noch ein Abschreibungsbedarf auf das Händlernetzwerk. 

Als bezahlter Vorstand täte man sich mit der obigen Analyse vermutlich schwer, da dies bedeuten könnte, dass möglicherweise sogar die Überlebensfähigkeit des eigenen Unternehmens in Frage steht. Möglicherweise gibt es für die etablierten Hersteller kaum attraktive Optionen im Wettbewerb mit Tesla, Google, Apple und chinesischen Elektro-Startups. Da ist es nicht zuletzt für Aktionäre und den Bonus kurzfristig besser, das längerfristige Problem möglichst lang zu ignorieren. Das ebenso menschlich wie fatal.

Deutschland ist ein Land der Tüftler und Erfinder. Kann künstliche Intelligenz in absehbarer Zeit tatsächlich die Intelligenz von Logistikexperten, Maschinenbauern oder Versicherungsmathematikern ablösen und damit die Logik hoch anspruchsvoller Tätigkeiten durch Algorithmen ablösen und in Software giessen?


Künstliche Intelligenz ist heute schon in viele Lebensbereichen Normalität, oft ganz unbemerkt. Wir nützen künstliche Intelligenz bei CoreMedia für die Automation von redaktionellen Prozessen. Auch auf dem Handy werden Bilder per künstlicher Intelligenz sortiert. Es werden Gesichter erkannt, Stimmungen ermittelt und die künstlerische Qualität des Bildes bewertet. Und auch das Filtern von SPAM-Emails, die Erkennung von Sprache und der Schutz von Netzwerken erfolgt per künstlicher Intelligenz.

"Software und das disruptive Potential immer noch unterschätzt"

Die Anwendungsfelder erreichen mittlerweile jedoch auch die Tätigkeit von Krebsspezialisten, Fachanwälten und Ingenieuren. Aktuell geht es dabei weniger um den Ersatz von Experten als die Bereitstellung mächtiger Werkzeuge für Experten. Ein Krebsspezialist plus künstliche Intelligenz ist besser als die künstliche Intelligenz allein. Darin liegt eine große Chance für Deutschland. Doch die Notwendigkeit eines Experten wird bei vielen Anwendungen voraussichtlich nicht immer so bleiben.

Für problematisch halte ich die Wahrnehmung, dass Software und das disruptive Potential von Software in Deutschland wohl noch immer unterschätzt wird.


Die Konzentration schafft immer mehr Verlierer.
Sören Stamer beim TEDxHamburg-Talk.
Foto: HANSEVALLEY
Sie fordern das bedingungslose Grundeinkommen für alle, dass die neue "Jamaika-Koalition" im Nachbarland Schleswig-Holstein erstmals in Deutschland testen will. Warum ist das Grundeinkommen aus Ihrer Sicht eine besondere Chance für Deutschland und Europa - und nicht nur eine finanzielle Absicherung bei Verlust vieler Arbeitsplätze?

Europa muss im Wettbewerb mit China und dem Silicon Valley systematisch an Innovationskraft gewinnen. Das bedingungslose Grundeinkommen ist dafür ein mächtiges Werkzeug der Politik. Wenn nur 5% der Bevölkerung ihre Grundabsicherung nutzen würden, um sich an die Umsetzung ihrer eigenen Ideen zu machen, wäre das schnell ein massiver Gewinn für die Innovationsdynamik in Europa.

Grundeinkommen: "Geringerer Stress und mehr unternehmerische Aktivität"

In verschiedenen nationalen Tests wurden wiederholt positive Effekte in diese Richtung beobachtet. Auch die ersten Ergebnisse aus einem aktuellen Test in Finnland sind vielversprechend. Die Teilnehmer zeigen geringeren Stress, mehr Bereitschaft neue Arbeit anzunehmen und mehr unternehmerische Aktivität.

TED-Talk von Sören Stamer in der Illustration.
Foto: HANSEVALLEY
Insgesamt würde ein bedingungsloses Grundeinkommen es uns erleichtern, den gesellschaftlichen Wandel zu vollziehen, die technologische Entwicklungen mit sich bringen. Wenn mein Lebensunterhalt gesichert ist, fällt es mir leichter, meinen Jobverlust zu akzeptieren und mich neuen Herausforderungen zu widmen.

Europa hat einen starken Sinn für Gemeinschaft und sieht die Notwendigkeit kollektiver Absicherung. Daher ist es hier zum bedingungslosen Grundeinkommen eigentlich kein großer Schritt. In den USA wird dagegen der Mythos vom „Self-Made Man“ zelebriert. Die Abscheu vom sogenannten „Sozialismus“ bestimmt das politische Tagesgeschäft, wie man in der Diskussion um das amerikanische Gesundheitssystem sehen kann. Darin liegt für Europa eine große Chance.


In Ihrer Keynote bei der TEDxHamburg 2017 pointierten Sie Ihre Annahmen mit der Notwendigkeit einer neuen, schweren Krise, um den Kurs in Europa tatsächlich und nachhaltig zu ändern. Dabei sehen Sie insbesondere die Folgen einer Krise, z. B. eine Rezension, als hilfreich an. Was könnte die nächste Krise auslösen und wo sehen Sie die besonderen Chancen?

Wie genau die nächste Krise beginnt, ist schwer zu sagen. Dass sie kommen wird, ist dagegen eine Gewissheit. Mögliche Auslöser gibt es viele: finanzielle Erschütterungen durch den Brexit, ein neuer Krieg im Nahen Osten oder einer mit Nord-Korea, ein Handelskrieg der USA mit einem oder mehreren anderen Ländern, oder auch die wachsende Erkenntnis, dass der Verbrennungsmotor schneller stirbt als erwartet und die Automobilkonzernen in Existenznot geraten könnten.

"Direkte Zahlungen an Bürger, um verheerende Depression zu vermeiden"

Die letzte Krise begann vor zehn Jahren. Damit erleben wir gerade einen ungewöhnlich langen Aufschwung. Auch war es ein seltsamer Aufschwung. Die Zinsen liegen auch zehn Jahre nach der Krise überraschen nah bei 0%. Das ist eine neue Wirklichkeit, die ein besonderes Problem aufwerfen kann. In der Krise wird die Zentralbank nicht die Möglichkeit haben, mit weiteren Zinssenkungen die Wirtschaft zu beleben und gegen deflationäre Tendenzen zu kämpfen. Ich halte es daher für nicht ausgeschlossen, dass stattdessen direkte Zahlungen an alle Bürger getätigt werden, um eine verheerende Depression zu vermeiden.

Meine Erwartung und Hoffnung wäre, dass wir damit den Einstieg ins bedingungslose Grundeinkommen finden und feststellen werden, dass viele Bedenken vor so einem Schritt – wie zum Beispiel der befürchtete Mangel an Arbeitswille – weitgehend unbegründet sind.



Sören Stamer beim TEDxHamburg-Talk 2017
Foto: HANSEVALLEY
Warum beschäftigen Sie sich als Unternehmer mit 46 Jahren, 4 Kindern und 160 Mitarbeitern mit der Zukunft Europas? Was ist ihre ganz persönliche Antriebsfeder, sich aktiv mit den Herausforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft zu beschäftigen und diese in der Öffentlichkeit - z. B. bei der TEDxHamburg diskutieren zu lassen?

Beruflich, als Vorstandsvorsitzender von CoreMedia, befasse ich mich täglich damit, was die Zukunft bringen wird. Ansonsten würden wir in der dynamischen Softwarebranche nicht lang überleben. Sozusagen als Berufskrankheit und Steckenpferd beschäftige ich mich seit 1991 mit technologischen Trends und insbesondere mit deren systemische Auswirkungen auf uns, unsere Organisationen und unsere Gesellschaft. 

Eine möglichst friedliche, erfolgreiche und gerechte Zukunftsvision"

Gleichzeitig liegen mir Hamburg, Deutschland und Europe sehr am Herzen und ich glaube an die Ideale für die die Europäische Union steht. Daher möchte ich – nicht zuletzt auch aus Verantwortung für meine Kinder und Mitarbeiter, dass unsere Gesellschaft eine möglichst friedliche, erfolgreiche und gerechte Zukunftsvision verwirklicht. 

Klares Bekenntnis für Europa: Unternehmer Sören Stamer.
Foto: HANSEVALLEY
Diese beiden Interessen finden nun zusammen. Technologische Trends spielen heute eine entscheidende und wachsende Rolle in Bezug auf gesellschaftliche Veränderungen. Beispielsweise sind die Revolutionen in Nordafrika und Arabien sowie auch die Präsidentschaft von Donald Trump ohne Twitter nicht mehr zu erklären.

Ich hoffe, dass wir die Zeichen der Zeit erkennen und Europa stärken werden, statt es ungewollt zu schwächen; dass wir eine bessere und gerechtere Gesellschaft verwirklichen werden, statt uns gezwungen zu sehen, Standards zu senken. Dafür lohnt es sich aus meiner Sicht als Bürger zu kämpfen und öffentlich Stellung zu beziehen.


Zu guter Letzt unser Hamburg-Frage zum Thema: Wie gut ist Hamburg in Sachen Disruption seiner starken Branchen, wie Logistik, Banking, Versicherungen oder Medien, aufgestellt und welche Herausforderungen sehen Sie für die Freie und Hansestadt? Sollte der Senat dem Kieler Vorbild zum Grundeinkommen folgen?

Hamburg ist eine der schönsten Städte der Welt mit sehr viel Potential. Nicht ohne Grund ist Hamburg eine wachsende Stadt, die es zunehmend auf die Weltkarte schafft und auch Dank der Elbphilharmonie internationale Touristen anzieht. Es gibt viele Initiativen in den einzelnen Branchen, die sie sicher besser kennen als ich. Das ist zu loben.

"Flächendeckend kostenloses Wifi für Wilhelmsburg"


Grundsätzlich würde ich Hamburg in Sachen Innovation und Disruption allerdings mehr Mut zu Experimenten wünschen. Das Thema garantiertes Grundeinkommen halte ich zum Beispiel für eine große Chance für Hamburg. Dass unser nördlicher Nachbar uns dabei voraus ist, hat mich überrascht. Wie bei den kostenlosen Kindergartenplätzen könnte und sollte Hamburg hier Vorreiter sein.

Auch würde ich mir einen zu entwickelnden Stadtteil wie Wilhelmsburg wünschen, in dem flächendeckend kostenloses Wifi bereitgestellt wird und möglichst viele weitere Anreize für Startups und Künstler geschaffen werden.

Wir brauchen in Hamburg mehr Mut zu unkonventionellen Lösungen und Art eine Spaß an der Popkultur. Die Beatles haben in Hamburg ihre Karriere begonnen und mit einem ganz neuen Sound die Welt erobert. Wäre es nicht super, wenn noch ein paar weitere Ideen aus Hamburg die Welt in Begeisterung versetzen? Ich wäre dafür. Dafür lohnt es sich, neue Wege zu gehen.

Vielen Dank für den visionären Ausflug!

Das Interview führte Thomas Keup.

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 Hamburg Digital Background: 

Coremedia AG, Hamburg
www.coremedia.com/web-content-management/-/6164/6164/-/_axt0z/-/index.html

Bindungsloses Grundeinkommen in Schleswig-Holstein
www.huffingtonpost.de/2017/06/27/schleswig-holstein-bedingungsloses-grundeinkommen_n_17306100.html


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