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Freitag, 24. Juni 2022

HANSEFUTURE: CDU und Grüne wollen SH zum digitalisierungsfreundlichsten Bundesland machen.

Eine Hanse Digital Future aus Kiel
- Update: 24.06.2022, Version 1.1 -

Im Kieler Landeshaus wollen CDU und Grüne künftig die Digitalisierung für SH vorantreiben.
Foto: Landtag SH 

CDU und Grüne haben an der Förde ihren ausgehandelten Koalitionsvertrag für die schwarz-grüne Landesregierung von Schleswig-Holstein vorgestellt. In einem Kapitel geht es über 20 Seiten um die Herausforderungen durch Digitalisierung, Transformation und Kulturwandel. Zu Beginn heißt es "Wir verstehen das Land als eine vernetzte Gestalterin einer souveränen digitalen Gesellschaft und des stetigen digitalen Wandels".

Die neue Landesregierung nimmt sich bei der Digitalisierung ein Beispiel an den Ländern Nordeuropas, nicht der Bundesrepublik: "Wir wollen den Digitalstandort Schleswig-Holstein zur digitalen Vorreiterregion in Europa, vergleichbar mit unseren nördlichen Nachbarn in Dänemark und den baltischen Staaten, machen und das digitalisierungsfreundlichste Land sein." Die Digitalisierung kann SH vor allem als Energieland Nr.1, zur Förderung der Wirtschaft, der Wissenschaft und in der Verwaltung unterstützen.

Im Koalitionsvertrag finden sich neben konkreten Zielen in allen Bereichen, wie Schule und Bildung, Forschung und Wissenschaft, Gesundheitswesen und Verwaltung konkrete Forderungen zu den Technologie-Leitthemen KI, Green IT, Open Data, Datenschutz oder IT-Sicherheit. Das Hanse Digital Magazin hat die wichtigsten digitalpolitischen Aspekte des rd. 250 Seiten starken Programms analysiert:

Digitale Infrastruktur überall im echten Norden

Die neue Landesregierung will die flächendeckende Vernetzung mit Glasfaser, Mobilfunk und WLAN weiter forcieren. In den kommenden Jahren werden dabei vor allem die Verkehrstrassen und die ländlichen Regionen in den Ausbau z. B. mit 5G und Glasfaserleitungen in den Fokus rücken. Bis Ende kommenden Jahres sollen alle Schulen im Land mit Breitband versorgt sein. Bis Ende 2025 soll der echte Norden flächendeckend über Glasfaserleitungen verfügen, und Haushalte wie Unternehmen digital vernetzen.

Breitband und freies WLAN sollen überall im echten Norden selbstverständlich sein.
Screenshot: HANSEVALLEY 

Kompetenzzentrum digitales Bauen und Planen

Mit einem eigenen Kompetenzzentrum für "Digitales Bauen und Planen" wollen CDU und Grüne in der neuen Legislatur das Thema Digitalisierung auf der Baustelle praktisch heben. Auf der Tagesordnung stehen u. a. digitale Zwillinge für Städte und Gemeinden. Ein großes Ziel ist die Verkürzung von Planungs- und Genehmigungsverfahren durch digitale Koordination im Interesse von Bauherren. Dazu gehört künftig auch ein digitales Baustellenmanagement des Landes.

Cyber-Hundertschaft für den sicheren Norden

Wie von HANSEVALLEY gemeldet, bekommt die Landespolizei eine Hundertschaft an Spezialisten mit IT-, Geistes- und Naturwissenschaftlern. In interdisziplinären Teams sollen sie Cyber-Angriffe auf kritische Infrastrukturen und Cyber-Attacken auf Unternehmen frühzeitig erkennen und vereiteln. Ein weiteres Ziel: Die Bekämpfung der Internet-Kriminalität, wie z. B. Online-Betrugsversuche. Die Landespolizei soll bei der Gewinnung von IT-Spezialisten verstärkt unterstützt werden. Ein Cybersicherheitsgesetz soll für einheitliche Standards bei der IT-Sicherheit sorgen.

Vom Distanzunterricht zur digitalen Bildung

Mit lizenzierten Apps soll die digitale Bildung vorangetrieben werden.
Foto: Staatskanzlei Kiel

CDU und Grüne haben für die kommenden fünf Jahre vereinbart, für den Schulunterricht optimale digitale Möglichkeiten zu schaffen. Ziel von Schwarz-Grün ist eine "Kultur der Digitalität". Dazu sollen einheitliche digitale Schulverwaltung und Lernportale sowie lizenzierte Apps genutzt werden und die Zuständigkeiten zwischen Land, Kommunen und Schulträgern bei der Finanzierung digitaler Maßnahmen neu geordnet werden. Außerdem wird ein Schuldigitalisierungsbudget geprüft, um kurzfristig finanziell helfen zu können.

Hochschulen mit Budget für Digitalisierung

Die neue Landesregierung will die neun staatlichen Hochschulen zwischen Nord- und Ostsee bei den Veränderungen in Lehre, Forschung und Transfer auf Grund der Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft mit eigenen Budgets für Digitalisierung, Innovation und Transfer unterstützen. Dies betrifft auch die Digitalisierung der Hochschulverwaltungen. Lehrkräfte und Studenten sollen zudem bei der Nutzung digitaler Möglichkeiten unterstützt werden.

Startups spielen u. a. für wissensbasierte Ausgründungen in SH eine große Rolle.
Grafik: Startup SH

Transfer innovativer Ideen in die Wirtschaft

Damit wissenschaftliche Ergebnisse einfacher zu Produkten werden und in der Wirtschaft eingesetzt werden, plant die neue Regierung in Kiel eine flächendeckende Struktur von offenen Hubs für den Wissenstransfer aus den Hochschulen in die Unternehmen. Hier sollen u. a. auch kreative und kulturelle Studiengänge mit der Software- und der Games-Branche vernetzt werden.

Mit E-Sports zum digital-vernetzten Sportland

Im Bereich E-Sports will die neue schwarz-grüne Landesregierung den Kurs Schleswig-Holsteins zu einer Games-Hochburg weiter fortsetzen, u. a. mit dem Landeszentrum (LEZ SH), einem Landesverband für E-Sports und der Landesmannschaft sowie großen Events, wie der aus Hamburg angeworbenen "Gamevention". Neu ist u. a. das Ziel einer "E-Sports-Akademie" an der Hochschule Westküste. Damit soll der digitale Mannschaftssport auch wissenschaftlich verankert werden.

Mit der Gamevention hat SH das Games- und E-Sports-Event nach Neumünster geholt.
Foto: Gamevention

Künstliche Intelligenz in der Wirtschaft

Nach mehr als 40 Mio. € Investitionen für den Einsatz künstlicher Intelligenz in den vergangenen fünf Jahren u. a. mit dem KI-Sondervermögen will die neue Landesregierung das Thema KI weitertreiben. Mit dem Sondervermögen sollen weitere KI-Projekte von Unternehmen unterstützt werden. Außerdem soll die Weiterbildung für den Einsatz von KI-Software in Unternehmen forciert werden. Für KMUs wird der "DigiBonus II" überarbeitet und zur Förderung der Digitalisierung einschl. KI fortgesetzt.

Ansiedlung digitaler Unternehmen im Norden

Bei der Förderung von neuen Unternehmen für den echten Norden setzt SH in den kommenden fünf Jahren auch auf das Thema Digitalisierung einschl. KI- und Blockchain-Lösungen, aber auch auf die IT-Industrie und die digitale Wirtschaft - z. B. mit industriellem 3D-Druck. Für die erfolgreiche Ansiedlung großer Investoren soll es eine eigene Koordinierungsstelle geben.

Digitale Verwaltung vor und hinter den Kulissen

Dem drohenden Scheitern des Online-Zugangsgesetzes mit seinen 575 digitalen Services setzen CDU und Grüne noch höher gesteckte Ziele entgegen. So sollen in SH alle Verfahren des OZG nicht nur in Service-Portalen digital aussehen, sondern auch in den Amtsstuben voll digitalisiert funktionieren. Darüber hinaus sollen alle Beratungsangebote und -dienste des Landes ebenfalls digital angeboten werden.

Open Source Software in der Landesverwaltung

Mit Open Source unterstützt Dataport die Landesverwaltung in SH.
Foto: HANSEVALLEY

Mit Unterstützung des landeseigenen IT-Dienstleisters soll der Einsatz von Open-Source-Software in der Landesverwaltung weiter vorangetrieben werden. Dazu gehört der von "Dataport" entwickelte OSS-Arbeitsplatz ohne teure "Microsoft"-Lizenzen. Nach dem Grundsatz "Public Money - Public Code" wird eigens entwickelte Software allen lizenzkostenfrei zur Verfügung gestellt. Bei der Beschaffung soll vor allem die schleswig-holsteinische Digitalwirtschaft profitieren. Daten sollen künftig sicher in einer eigenen Landescloud verwaltet und geteilt werden.

Künstliche Intelligenz im echten Norden

Schwarz-Grün wird das Ziel der bisherigen "Jamaika-Koalition" weiter verfolgen, KI in den sinnvollen Bereichen zwischen Nord- und Ostsee einzusetzen. Dazu gehört u. a. die Landesverwaltung mit Chatbots sowie Sprach- und Bilderkennung, der Gesundheitssektor u. a. an Universität und UKSH in Lübeck sowie der Bereich Offshore-Windenergie und die Wasserstoffwirtschaft. So will Kiel u. a. seine Position als führendes Energieland in Deutschland weiter stärken.

Die "Jamaika-Koalition" hatte für die vergangene Legislaturperiode ein Digitalisierungsprogramm aufgesetzt, das für die Themen “Digitales Lernen und Arbeiten”, “Digitalisierung und ländliche Räume”, “Digitalisierung und Nachhaltigkeit” sowie “Moderne und innovative und Verwaltung” konkrete Maßnahmen beinhaltete. Das Programm soll zu einer umfassenden Digitalisierungsstrategie erweitert werden und dann alle Bereiche umfassen.

Ein neues Digitalisierungsprogramm einschl. eines weiterentwickelten KI-Handlungsrahmens wird die konkreten Maßnahmen der acht Ressorts umfassen. Neben fest geplanten Programmen und Förderungen sollen die Ministerien im Rahmen der Strategie weitere Projekte initiieren und nach Möglichkeit agil umsetzen. Die zentrale Verantwortung für die Digitalisierung im Land liegt in der CDU-geführten Staatskanzlei.

Der neue Koalitionsvertrag für SH kann hier heruntergeladen werden. (PDF-Download)

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Mittwoch, 4. Oktober 2017

HANSEPERSONALITY Sören Stamer: "Entweder wir verändern uns oder wir werden scheitern."

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

Das "bedingungsloses Grundeinkommen für alle": eine Idee aus den späten 60ern, in Deutschland salonfähig geworden durch DM-Gründer Götz Werner. Die neue Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein will das Modell erstmals in Deutschland testen. Der Hamburger Software-Unternehmer und Coremedia-CEO Sören Stamer sieht keine Alternative dazu.


Werden Deutschland und Europa scheitern, wenn wir unser System von Arbeit und Sozialleistungen nicht disruptieren? Oder können Hamburgs und Deutschlands Logistiker, Banker oder Medienunternehmer weiter machen, wie bisher? Ein Hamburg Digital Interview mit dem Visionär und Unternehmer Sören Stamer:


Coremedia-Gründer Sören Stamer.
Foto: Coremedia
Sie gehen davon aus, dass Automobilhersteller wie Daimler und VW durch das Model 3 von Tesla das gleiche Schicksal erleiden werden, wie Blackberry und Nokia vor 6-8 Jahren durch das iPhone von Apple. Was macht Sie so sicher, dass hochpreise Konsumgüter "Made in Germany" es nicht schaffen werden, die Disruption durch Visionäre wie Elon Musk zu übereben?

Ich hoffe, es kommt anders, doch die deutschen Autohersteller haben es gleich mit einer Reihe von grundlegend neuen Realitäten zu tun, auf die sie bisher keine Antwort zu haben scheinen. Der Umstieg von Verbrennungsmotoren zum Elektroantrieb wird aus meiner Sicht deutlich schneller vonstattengehen, als bisher öffentlich eingestanden. 

"Dem Tesla Model 3 haben deutschen Anbieter nichts entgegenzusetzen"

Tesla wurde mit seinen zwei Modellen (S + X) in den USA sehr schnell der Marktführer im Luxussegment, vor BMW, Mercedes, Audi und Porsche. Und mit Start der Reservierungen für das Model 3 sind auch die Absätze vom 3er BMW in den USA bereits gesunken. Dem Tesla Model 3 haben deutsche Anbieter bisher nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.

Doch das ist nicht einmal der Kern des Problems. Die Autos von Tesla sind „Computer auf Rädern“. Sie gleichen dem iPhone mehr als konventionellen Autos. Die Software wird laufend weiterentwickelt und automatisch „over the air“ aktualisiert. Anders als konventionelle Autos wird ein Tesla statt zu veralten auch nach der Auslieferung ständig besser. Außerdem lernt jeder Tesla von dem Fahrverhalten aller anderen Teslas auf den Straßen dieser Welt, da die Daten aller Sensoren aus allen Fahrzeugen für kollektives Lernen genutzt werden.

Ein "iPhone auf 4 Rädern": Das Model 3 von Tesla.
Foto: Tesla
Diese beiden Herausforderungen würden genügen, um den deutschen Herstellern
Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. Doch die womöglich größte Bedrohung liegt in der Marketingkraft von Elon Musk. Elon Musk schickt mit seiner anderen Firma, SpaceX, Raketen ins Weltall und landet sie dann punktgenau auf der Erde. Das sieht aus und fühlt sich an wie Science-Fiction. Nicht ohne Grund ohne Grund gilt er als lebendiges Vorbild für "Iron Man".

Elon Musk steht heute für Zukunft schlecht hin, und dabei auch noch für eine verantwortliche, nachhaltige Zukunft. Er ist die Verkörperung einer Marke, die besser in unsere Zeit kaum passen könnte. Da klingen „Vorsprung durch Technik“ und „Freude am Fahren“ fast schon klein und unbedeutend. 

Ich habe das Gefühl, dass in Corporate Innovations Labs und Hubs Hamburger Unternehmen aktuell mehr Innovationsprojekte aufgesetzt werden, als es zukunftsweisende Hamburger Tech-Startups gibt. Sie haben erhebliche Zweifel an der Innovationsbereitschaft deutscher Konzernvorstände, z. B. in der Automobilindustrie. Warum?


Ich bin kein Experte für die deutsche Automobilindustrie, doch von außen betrachtet scheint sie noch nicht mit den aktuellen Entwicklungen im Reinen. Die deutschen Autohersteller müsste den Gedanken zulassen, dass in wenigen Jahren ihr bestehendes Geschäft komplett verschwinden wird: Verbrennungsmotoren sind mit Sicherheit in 4.000 Tagen Geschichte, vielleicht jedoch schon in 1.000 bis 2.000 Tagen. Wenn man von dem zweiten Fall ausgeht und das halte ich für angezeigt, müssten die Hersteller schon heute gigantische Abschreibungen tätigen: Massive Investitionen in Verbrennungsmotoren und Getriebe, Motorfabriken, Patente, trainierte Ingenieure und Fahrzeugbauer usw. wären nun wertlos. 

"Für etablierte Hersteller kaum attraktive Optionen im Wettbewerb"

Hinzu kämen die zu erwartenden Verluste aus dem kollabierenden Wiederverkaufswert von Leasingfahrzeugen, die in ein paar Jahren niemand mehr kaufen wollen wird. Doch damit nicht genug, auch das Händlernetzwerk steht sehr wahrscheinlich vor einer massiven Schrupfung. Elektroautos brauchen nur ein Bruchteil der Wartungsaufwendungen. Damit verschwände die Hälfte der Gewinne der Händler und ein großer Teil ihrer Existenzberechtigung. Es ergäbe sich also noch ein Abschreibungsbedarf auf das Händlernetzwerk. 

Als bezahlter Vorstand täte man sich mit der obigen Analyse vermutlich schwer, da dies bedeuten könnte, dass möglicherweise sogar die Überlebensfähigkeit des eigenen Unternehmens in Frage steht. Möglicherweise gibt es für die etablierten Hersteller kaum attraktive Optionen im Wettbewerb mit Tesla, Google, Apple und chinesischen Elektro-Startups. Da ist es nicht zuletzt für Aktionäre und den Bonus kurzfristig besser, das längerfristige Problem möglichst lang zu ignorieren. Das ebenso menschlich wie fatal.

Deutschland ist ein Land der Tüftler und Erfinder. Kann künstliche Intelligenz in absehbarer Zeit tatsächlich die Intelligenz von Logistikexperten, Maschinenbauern oder Versicherungsmathematikern ablösen und damit die Logik hoch anspruchsvoller Tätigkeiten durch Algorithmen ablösen und in Software giessen?


Künstliche Intelligenz ist heute schon in viele Lebensbereichen Normalität, oft ganz unbemerkt. Wir nützen künstliche Intelligenz bei CoreMedia für die Automation von redaktionellen Prozessen. Auch auf dem Handy werden Bilder per künstlicher Intelligenz sortiert. Es werden Gesichter erkannt, Stimmungen ermittelt und die künstlerische Qualität des Bildes bewertet. Und auch das Filtern von SPAM-Emails, die Erkennung von Sprache und der Schutz von Netzwerken erfolgt per künstlicher Intelligenz.

"Software und das disruptive Potential immer noch unterschätzt"

Die Anwendungsfelder erreichen mittlerweile jedoch auch die Tätigkeit von Krebsspezialisten, Fachanwälten und Ingenieuren. Aktuell geht es dabei weniger um den Ersatz von Experten als die Bereitstellung mächtiger Werkzeuge für Experten. Ein Krebsspezialist plus künstliche Intelligenz ist besser als die künstliche Intelligenz allein. Darin liegt eine große Chance für Deutschland. Doch die Notwendigkeit eines Experten wird bei vielen Anwendungen voraussichtlich nicht immer so bleiben.

Für problematisch halte ich die Wahrnehmung, dass Software und das disruptive Potential von Software in Deutschland wohl noch immer unterschätzt wird.


Die Konzentration schafft immer mehr Verlierer.
Sören Stamer beim TEDxHamburg-Talk.
Foto: HANSEVALLEY
Sie fordern das bedingungslose Grundeinkommen für alle, dass die neue "Jamaika-Koalition" im Nachbarland Schleswig-Holstein erstmals in Deutschland testen will. Warum ist das Grundeinkommen aus Ihrer Sicht eine besondere Chance für Deutschland und Europa - und nicht nur eine finanzielle Absicherung bei Verlust vieler Arbeitsplätze?

Europa muss im Wettbewerb mit China und dem Silicon Valley systematisch an Innovationskraft gewinnen. Das bedingungslose Grundeinkommen ist dafür ein mächtiges Werkzeug der Politik. Wenn nur 5% der Bevölkerung ihre Grundabsicherung nutzen würden, um sich an die Umsetzung ihrer eigenen Ideen zu machen, wäre das schnell ein massiver Gewinn für die Innovationsdynamik in Europa.

Grundeinkommen: "Geringerer Stress und mehr unternehmerische Aktivität"

In verschiedenen nationalen Tests wurden wiederholt positive Effekte in diese Richtung beobachtet. Auch die ersten Ergebnisse aus einem aktuellen Test in Finnland sind vielversprechend. Die Teilnehmer zeigen geringeren Stress, mehr Bereitschaft neue Arbeit anzunehmen und mehr unternehmerische Aktivität.

TED-Talk von Sören Stamer in der Illustration.
Foto: HANSEVALLEY
Insgesamt würde ein bedingungsloses Grundeinkommen es uns erleichtern, den gesellschaftlichen Wandel zu vollziehen, die technologische Entwicklungen mit sich bringen. Wenn mein Lebensunterhalt gesichert ist, fällt es mir leichter, meinen Jobverlust zu akzeptieren und mich neuen Herausforderungen zu widmen.

Europa hat einen starken Sinn für Gemeinschaft und sieht die Notwendigkeit kollektiver Absicherung. Daher ist es hier zum bedingungslosen Grundeinkommen eigentlich kein großer Schritt. In den USA wird dagegen der Mythos vom „Self-Made Man“ zelebriert. Die Abscheu vom sogenannten „Sozialismus“ bestimmt das politische Tagesgeschäft, wie man in der Diskussion um das amerikanische Gesundheitssystem sehen kann. Darin liegt für Europa eine große Chance.


In Ihrer Keynote bei der TEDxHamburg 2017 pointierten Sie Ihre Annahmen mit der Notwendigkeit einer neuen, schweren Krise, um den Kurs in Europa tatsächlich und nachhaltig zu ändern. Dabei sehen Sie insbesondere die Folgen einer Krise, z. B. eine Rezension, als hilfreich an. Was könnte die nächste Krise auslösen und wo sehen Sie die besonderen Chancen?

Wie genau die nächste Krise beginnt, ist schwer zu sagen. Dass sie kommen wird, ist dagegen eine Gewissheit. Mögliche Auslöser gibt es viele: finanzielle Erschütterungen durch den Brexit, ein neuer Krieg im Nahen Osten oder einer mit Nord-Korea, ein Handelskrieg der USA mit einem oder mehreren anderen Ländern, oder auch die wachsende Erkenntnis, dass der Verbrennungsmotor schneller stirbt als erwartet und die Automobilkonzernen in Existenznot geraten könnten.

"Direkte Zahlungen an Bürger, um verheerende Depression zu vermeiden"

Die letzte Krise begann vor zehn Jahren. Damit erleben wir gerade einen ungewöhnlich langen Aufschwung. Auch war es ein seltsamer Aufschwung. Die Zinsen liegen auch zehn Jahre nach der Krise überraschen nah bei 0%. Das ist eine neue Wirklichkeit, die ein besonderes Problem aufwerfen kann. In der Krise wird die Zentralbank nicht die Möglichkeit haben, mit weiteren Zinssenkungen die Wirtschaft zu beleben und gegen deflationäre Tendenzen zu kämpfen. Ich halte es daher für nicht ausgeschlossen, dass stattdessen direkte Zahlungen an alle Bürger getätigt werden, um eine verheerende Depression zu vermeiden.

Meine Erwartung und Hoffnung wäre, dass wir damit den Einstieg ins bedingungslose Grundeinkommen finden und feststellen werden, dass viele Bedenken vor so einem Schritt – wie zum Beispiel der befürchtete Mangel an Arbeitswille – weitgehend unbegründet sind.



Sören Stamer beim TEDxHamburg-Talk 2017
Foto: HANSEVALLEY
Warum beschäftigen Sie sich als Unternehmer mit 46 Jahren, 4 Kindern und 160 Mitarbeitern mit der Zukunft Europas? Was ist ihre ganz persönliche Antriebsfeder, sich aktiv mit den Herausforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft zu beschäftigen und diese in der Öffentlichkeit - z. B. bei der TEDxHamburg diskutieren zu lassen?

Beruflich, als Vorstandsvorsitzender von CoreMedia, befasse ich mich täglich damit, was die Zukunft bringen wird. Ansonsten würden wir in der dynamischen Softwarebranche nicht lang überleben. Sozusagen als Berufskrankheit und Steckenpferd beschäftige ich mich seit 1991 mit technologischen Trends und insbesondere mit deren systemische Auswirkungen auf uns, unsere Organisationen und unsere Gesellschaft. 

Eine möglichst friedliche, erfolgreiche und gerechte Zukunftsvision"

Gleichzeitig liegen mir Hamburg, Deutschland und Europe sehr am Herzen und ich glaube an die Ideale für die die Europäische Union steht. Daher möchte ich – nicht zuletzt auch aus Verantwortung für meine Kinder und Mitarbeiter, dass unsere Gesellschaft eine möglichst friedliche, erfolgreiche und gerechte Zukunftsvision verwirklicht. 

Klares Bekenntnis für Europa: Unternehmer Sören Stamer.
Foto: HANSEVALLEY
Diese beiden Interessen finden nun zusammen. Technologische Trends spielen heute eine entscheidende und wachsende Rolle in Bezug auf gesellschaftliche Veränderungen. Beispielsweise sind die Revolutionen in Nordafrika und Arabien sowie auch die Präsidentschaft von Donald Trump ohne Twitter nicht mehr zu erklären.

Ich hoffe, dass wir die Zeichen der Zeit erkennen und Europa stärken werden, statt es ungewollt zu schwächen; dass wir eine bessere und gerechtere Gesellschaft verwirklichen werden, statt uns gezwungen zu sehen, Standards zu senken. Dafür lohnt es sich aus meiner Sicht als Bürger zu kämpfen und öffentlich Stellung zu beziehen.


Zu guter Letzt unser Hamburg-Frage zum Thema: Wie gut ist Hamburg in Sachen Disruption seiner starken Branchen, wie Logistik, Banking, Versicherungen oder Medien, aufgestellt und welche Herausforderungen sehen Sie für die Freie und Hansestadt? Sollte der Senat dem Kieler Vorbild zum Grundeinkommen folgen?

Hamburg ist eine der schönsten Städte der Welt mit sehr viel Potential. Nicht ohne Grund ist Hamburg eine wachsende Stadt, die es zunehmend auf die Weltkarte schafft und auch Dank der Elbphilharmonie internationale Touristen anzieht. Es gibt viele Initiativen in den einzelnen Branchen, die sie sicher besser kennen als ich. Das ist zu loben.

"Flächendeckend kostenloses Wifi für Wilhelmsburg"


Grundsätzlich würde ich Hamburg in Sachen Innovation und Disruption allerdings mehr Mut zu Experimenten wünschen. Das Thema garantiertes Grundeinkommen halte ich zum Beispiel für eine große Chance für Hamburg. Dass unser nördlicher Nachbar uns dabei voraus ist, hat mich überrascht. Wie bei den kostenlosen Kindergartenplätzen könnte und sollte Hamburg hier Vorreiter sein.

Auch würde ich mir einen zu entwickelnden Stadtteil wie Wilhelmsburg wünschen, in dem flächendeckend kostenloses Wifi bereitgestellt wird und möglichst viele weitere Anreize für Startups und Künstler geschaffen werden.

Wir brauchen in Hamburg mehr Mut zu unkonventionellen Lösungen und Art eine Spaß an der Popkultur. Die Beatles haben in Hamburg ihre Karriere begonnen und mit einem ganz neuen Sound die Welt erobert. Wäre es nicht super, wenn noch ein paar weitere Ideen aus Hamburg die Welt in Begeisterung versetzen? Ich wäre dafür. Dafür lohnt es sich, neue Wege zu gehen.

Vielen Dank für den visionären Ausflug!

Das Interview führte Thomas Keup.

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 Hamburg Digital Background: 

Coremedia AG, Hamburg
www.coremedia.com/web-content-management/-/6164/6164/-/_axt0z/-/index.html

Bindungsloses Grundeinkommen in Schleswig-Holstein
www.huffingtonpost.de/2017/06/27/schleswig-holstein-bedingungsloses-grundeinkommen_n_17306100.html


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