Posts mit dem Label Datenschutz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Datenschutz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 8. Juli 2024

HANSEMACHINE: Künstliche Intelligenz im Recruiting - ein Leitfaden für strategische Vorteile im Unternehmen.

HANSE DIGITAL GASTBEITRAG


Zwei Drittel der C-Level-Führungskräfte sind der Überzeugung, dass KI die Personalarbeit signifikant verändern wird. 

Hays HR-Report 2024



Immer mehr Bewerbungstools arbeiten mit eingebauter KI.
KI-Grafik: Oliver Welling

Die Digitalisierung hat nahezu jeden Bereich unseres Lebens beeinflusst, und das Recruiting bildet da keine Ausnahme. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, offene Stellen schnell und effizient mit qualifizierten Kandidaten zu besetzen, während sie gleichzeitig - zumindest im Idealfall - auch gegen den Fachkräftemangel mit einer Vielzahl an Bewerbungen umgehen müssen. In diesem Kontext gewinnt Künstliche Intelligenz fast täglich an Gewicht und entsprechend an Bedeutung. Norddeutschlands KI-Experte Oliver Welling mit neuesten Insides:

Was genau ist KI im Recruiting und wie kann sie den Prozess optimieren? In diesem Artikel habe ich das Thema „Künstliche Intelligenz im Recruiting“ ausführlich beleuchtet. Wie immer gibt es mehr Informationen, als in einen Artikel passen - aber der Inhalt gibt eine sehr gute Basis für weiterführende Gedanken. Ein Blick auf die aktuelle Lage, aus der sich die Notwendigkeit des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz im Recruiting leicht erkennen lässt, bieten die folgenden Zahlen, die aus der Hays-HR-Report 2024 stammen:

Zwei Drittel (66%) der C-Level-Führungskräfte sind der Überzeugung, dass KI die Personalarbeit signifikant verändern wird. Trotz dieser Überzeugung betonen knapp 75% der befragten Unternehmensentscheider, dass HR-Abteilungen sich beim Thema KI weiterbilden müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Aktuell fühlen sich 58% der C-Level-Entscheider nicht ausreichend sicher, dass ihr HR-Team die notwendigen technischen und analytischen Fähigkeiten besitzt, um mit der digitalen Transformation Schritt zu halten. Dies zeigt einen klaren Bedarf an Weiterbildung und strategischer Entwicklung innerhalb der HR-Abteilungen.

Datenbasierte Entscheidungen sind ein weiterer wesentlicher Vorteil, den KI im Recruiting bietet. 71% der befragten C-Level-Führungskräfte halten es für entscheidend, dass Kennzahlen und Metriken zeigen, wie die HR-Abteilung auf die Geschäftsziele einzahlt. Die Digitalisierung erleichtert HR-Teams durch die Automatisierung wiederkehrender, administrativer Aufgaben, sodass sie sich stärker auf strategische Themen konzentrieren können. Die Bedeutung von HR nimmt laut 66% der Führungskräfte in Zukunft weiter zu, wobei 34% HR als strategischen Partner wünschen. Dennoch geben rund 47% der C-Level-Führungskräfte zu, nicht genau zu wissen, wie sie ihr HR-Team effektiv und strategisch einsetzen können. 
Obwohl bereits 40% der befragten Unternehmen KI nutzen und fast 60% in der Umsetzungsphase sind, fehlt vielen Organisationen eine klare Strategie zur Nutzung dieser Technologie. Nur 32% der Organisationen verfügen über eine KI-Nutzungsstrategie, während 40% der KI-nutzenden Unternehmen noch keine entwickelt haben. Die größten Vorteile von KI sehen Unternehmen in der Beschleunigung von Prozessen (45%) und der Verarbeitung großer Datenmengen (34%). 
Herausforderungen wie Datenschutzbedenken (32%) und der Verlust von Kompetenzen bei Mitarbeitenden (31%) bleiben jedoch bestehen. Dennoch zeigt sich, dass der Einsatz von KI im Recruiting unerlässlich ist, um die Effizienz zu steigern, fundierte Entscheidungen zu treffen und letztlich die besten Talente für das Unternehmen zu gewinnen.
Künstliche Intelligenz im Recruiting nutzt fortschrittliche Technologien wie Machine Learning (ML), Natural Language Processing (NLP) und Predictive Analytics, um verschiedene Aufgaben im Bewerbungsprozess zu automatisieren und zu verbessern. Diese Technologien ermöglichen es, große Mengen an Daten in kurzer Zeit zu analysieren, Muster zu erkennen und noch fundiertere Entscheidungen zu treffen, als es bisher möglich war.
Von der Vorauswahl der Bewerber bis hin zum Matching von Stellenprofilen mit Kandidaten bietet KI vielfältige Lösungen, die den Recruiting-Prozess effizienter und präziser gestalten. Unternehmen können dadurch nicht nur Zeit und Kosten sparen, sondern auch die Qualität ihrer Einstellungen verbessern und die „Candidate Experience“ (also die Erfahrung, die ein Bewerber mit dem Unternehmen bereits im Bewerbungsprozess macht) optimieren.

Ein entscheidender Vorteil von KI im Recruiting ist die Fähigkeit, unbewusste Vorurteile zu reduzieren und eine objektivere Bewertung der Bewerber zu gewährleisten. KI-Systeme können standardisierte Kriterien anwenden, um Bewerber fair und transparent zu bewerten, wodurch die Vielfalt und Inklusion im Unternehmen gefördert werden. 

Obwohl natürlich auch KI-Systeme aufgrund ihrer Trainingsdaten gewisse Vorurteile enthalten können, sind sie dennoch in der Regel in der Lage, objektivere und konsistentere Entscheidungen zu treffen als Menschen. Zudem ermöglichen KI-gestützte Tools eine personalisierte und meistens auch schnellere Ansprache und Betreuung der Kandidaten, was die Chancen erhöht, die besten Talente für das Unternehmen zu gewinnen. Diese Technologien tragen dazu bei, den gesamten Rekrutierungsprozess effizienter und angenehmer für die Bewerber (und auch für die HR-Abteilung des Unternehmens) zu gestalten. 

Trotz dieser Vorteile müssen jedoch auch ethische und rechtliche Aspekte beachtet werden, um den verantwortungsvollen Einsatz von KI sicherzustellen und das Vertrauen der Bewerber in den Prozess zu stärken.
Vorteile von KI im Recruiting
Der Einsatz von KI im Recruiting bietet zahlreiche Vorteile, die den gesamten Bewerbungsprozess effizienter und effektiver gestalten, als dies heute „klassisch“ möglich ist. 
Hier zeige ich einige der wichtigsten Vorteile:

  •  Automatisierte Bewerbervorauswahl: KI-Systeme können heute bereits Lebensläufe scannen und bewerten. Anhand von definierten Kriterien wie Qualifikationen, Berufserfahrung und Soft Skills filtern sie geeignete Kandidaten heraus. Dies spart Zeit und ermöglicht es Recruitern, sich auf die vielversprechendsten Bewerber zu konzentrieren.

  • Stellenmatching: Eine der bedeutendsten Anwendungen von KI im Recruiting ist das Stellenmatching. KI-gestützte Systeme vergleichen die Profile von Bewerbern mit den Anforderungen der offenen Stellen. Durch Algorithmen und maschinelles Lernen wird eine präzise Passgenauigkeit zwischen Bewerber und Position gewährleistet. Dies führt zu schnelleren und besseren Einstellungsentscheidungen. Und entlastet die HR-Abteilung im administrativen Bereich.
  • Predictive Analytics: Durch die Analyse historischer Daten kann KI Vorhersagen über die Eignung von Kandidaten treffen und Trends im Bewerbungsprozess erkennen. Dies hilft, den gesamten Recruiting-Prozess zu optimieren.
  • Chatbots und virtuelle Assistenten: KI-gestützte Chatbots, oder virtuelle Assistenten können Fragen von Bewerbern beantworten und den Kommunikationsaufwand für Recruiter reduzieren. Sie können auch automatisierte Vorstellungsgespräche durchführen und erste Screenings vornehmen.
Herausforderungen und ethische Aspekte
Trotz der vielen klaren Vorteile von KI im Recruiting gibt es – wie immer bei KI - auch Herausforderungen und ethische Aspekte, die berücksichtigt werden müssen:
  • Datenschutz und Diskriminierungsverbot: Der Einsatz von KI im Recruiting muss den datenschutzrechtlichen Vorgaben entsprechen. KI-Systeme dürfen keine unzulässigen Diskriminierungen aufgrund von Merkmalen wie Geschlecht, Alter oder Herkunft vornehmen. Transparenz und Fairness sind essenziell.
  • Transparenz der Entscheidungsfindung: Bewerber sollten nachvollziehen können, wie das KI-System zu seinen Empfehlungen gelangt. Dies erfordert eine verständliche Kommunikation der zugrunde liegenden Kriterien und Mechanismen.
  • Verantwortung und Rechenschaftspflicht: Unternehmen müssen für die Entscheidungen der KI-Systeme verantwortlich sein. Menschliche Aufsicht bleibt unverzichtbar, insbesondere bei kritischen Prozessen.
Praktische Anwendung: Kühne + Nagel
Ein beeindruckendes Beispiel für den erfolgreichen Einsatz von KI im Recruiting ist das globale Logistikunternehmen Kuehne + Nagel mit Hauptsitz in Hamburg. Um die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter zu steigern und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, setzte das Unternehmen auf eine KI-gestützte interne Rekrutierungsstrategie. 
Durch den Einsatz eines intelligenten Talentmarktplatzes, der darauf ausgelegt ist, Mitarbeiter mit Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu verbinden, konnte Kuehne+Nagel offene Stellen an ihre Mitarbeiter vermarkten, personalisierte Jobempfehlungen bereitstellen und den internen Recruitern ein intelligentes Tool zur Verfügung stellen, um qualitativ hochwertige Talente innerhalb des Unternehmens zu finden und entsprechend in neue Positionen zu setzen.
Mit diesem Talentmarktplatz verwandelten sich die internen Recruiter in „interne Headhunter“, die aktiv nach passenden Mitarbeitern suchten, diese vorab prüften und ihnen interessante Jobmöglichkeiten anboten, bevor externe Kandidaten in Betracht gezogen wurden. Dies führte zu einer stärkeren internen Talentpipeline, verkürzten Einstellungszeiten und einer insgesamt besseren Mitarbeitererfahrung. 
Innerhalb von nur zweieinhalb Monaten konnte Kuehne + Nagel die Konversionsrate interner Kandidaten um 22 % erhöhen, die Zeit zur Besetzung interner Positionen um 20 % reduzieren und eine Mitarbeiterzufriedenheitsrate von 74 % erreichen. Darüber hinaus ermöglichte der Talentmarktplatz den Mitarbeitern, ihre beruflichen Netzwerke für offene Stellen zu empfehlen, was die Rekrutierungsbemühungen beschleunigte und zur langfristigen Mitarbeiterbindung beitrug. 
Innerhalb eines Jahres wurden 11.000 Empfehlungen ausgesprochen, 6.000 Bewerbungen eingereicht und 500 Einstellungen vorgenommen – eine beeindruckende Konversionsrate von 10 %, die zehnmal höher ist als bei rein externen Ausschreibungen.


Fazit und persönliches Statement
Aus meiner Sicht bietet der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Recruiting ein enormes Potenzial, um die Effizienz zu steigern und die Qualität der Einstellungen signifikant zu verbessern. Durch die Automatisierung von Routineaufgaben können sich HR-Teams endlich wieder auf strategische Themen konzentrieren, anstatt in administrativen Tätigkeiten zu versinken. 
Dies ermöglicht es HR-Abteilungen, als strategische Partner der Unternehmensführung zu agieren und einen entscheidenden Beitrag zur Erreichung der Geschäftsziele zu leisten. Für Entscheidungsträger bedeutet dies, dass Investitionen in KI-Technologien und entsprechende Schulungen unerlässlich sind. Nur so können die erforderlichen technischen und analytischen Fähigkeiten entwickelt werden, die notwendig sind, um mit der digitalen Transformation Schritt zu halten. 
Ebenso wichtig ist die Entwicklung von Richtlinien zur ethischen Nutzung von KI, um sicherzustellen, dass diese Technologien fair und transparent eingesetzt werden.
Angesichts des globalen Talentmarktes bietet KI die Möglichkeit, einen internationalen Talentpool zu erschließen und effizient zu verwalten. Dies ist besonders in Zeiten des Fachkräftemangels von unschätzbarem Wert. Die strategische Bedeutung von KI im HR kann nicht genug betont werden: Sie ist ein Schlüsselelement für die Transformation des Personalwesens und die Sicherstellung, dass Unternehmen die besten Talente anziehen und halten können.
Mit der richtigen Herangehensweise kann KI das Recruiting stark unterstützen, entlasten und Unternehmen im Wettbewerb um die besten Talente einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Es liegt an den Führungskräften, diese Chance zu erkennen und proaktiv Maßnahmen zu ergreifen, um die Vorteile von KI voll auszuschöpfen – und wer bisher Boden verloren hat und Digitalisierung noch nicht ausreichend integriert hat, hat mit dem Einsatz von KI die Chance extrem schnell aufzuholen. 

Über KI-Experte und Publizist Oliver Welling:

Foto: Oliver Welling, privat
Oliver Welling hat digitale DNA im Blut: Heute 56, hatte Oliver bereits mit 14 den ersten PC. Den ersten Chatbot hat Oliver schon 1987 mit "ELIZA" kennengelernt. Die Faszination für IT und digitale Wirtschaft mündete in der Gründung der Digital-Agentur "Spot-Media", die Oliver als Vorstandsvorsitzender führte und 2008 verkaufte. Seitdem hat er strategische Unternehmensberatung im deutschen Mittelstand durchgeführt. 


Als Kurator des "Reeperbahnfestivals" konnte er das Thema Künstliche Intelligenz nicht nur in Hamburg weiter vorantreiben. Als Gründer der KINEWS24.de berichtet er täglich über aktuelle News und die besten Tools auf dem Markt. Heute berät er mittelständische Unternehmen beim Einsatz von KI zur Steigerung von Effizienz, hält Vorträge über das Thema und hilft Unternehmen die eigene KI-Strategie zu entwickeln.

 Hanse Digital Background: 

Gastbeitrag Oliver Welling:
Die stille Revolution der KI-Sprachmodelle."

Gastbeitrag Oliver Welling:
"Prompt Engineering - Mit besseren Prompts zu viel besseren Ergebnissen"
hansevalley.de/2024/02/hansemachine-gastbeitrag-olliverwelling.html

 Hanse Digital Service: 

HANSEMACHINE - Das Hanse KI Magazin:

Oliver Welling bei LinkedIn: 
linkedin.com/in/oliver-welling-58529653/

Die KINEWS24 im Netz:

Mittwoch, 30. Juni 2021

HANSEPOLITICS: Bremen und Hamburg diskutieren Gutachten zur Digitalisierung von Anträgen.

HANSE DIGITAL POLITICS
Bremen und Hamburg treiben die Digitalisierung der Verwaltung voran.
Foto: Normenkontrollrat

In einer digitalen Diskussion in der Berliner Landesvertretung der Freien und Hansestadt Hamburg haben Bremens Jugend- und Sozialstaatsrat Jan Fries und Finanzstaatsrat Martin Hagen mit Vertretern des Normenkontrollrats, der Ruhr-Universität Bochum und der Technologie-Beratung "MSG Systems" Chancen und Herausforderungen für eine künftige, einheitliche Definition von Einkommen in digitalen Anträgen diskutiert. Chefredakteur Thomas Keup hat das Event verfolgt:
Auf Einladung des Hamburger CDO's Christian Pfromm als Vorsitzendem des IT-Planungsrates von Bund und Ländern wurde ein 130-seitiges Gutachten der Ruhr-Universität Bochum und der Unternehmensberatung "MSG Systems" im Auftrag des Normenkontrollrats vorgestellt. Darin werden insgesamt sechs Arten von Einkommen beleuchtet, um in Zukunft in möglichst vielen der bundesweit rd. 60.000 Fachverfahren bestehende Daten zu Einkommen mehrfach nutzen zu können.
Im Fokus einer künftig digitalen, einfachen Nutzung bestehender Einkommensarten stehen u. a. zu versteuernde wie soziale Bezüge, damit verbundene Freibeträge, gegenzurechnende Aufwendungen für den Beruf und im Privaten, wie z. B. Vorsorgebeiträge. Aktuell definieren alle Ämter für die Gewährung von staatlichen Leistungen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene Einkommen aus Gehältern und Sozialleistungen unterschiedlich.
In Zukunft sollen Angaben zu verschiedenen Einkommensformen einheitlich definiert und einmal erhobene Daten modular wie in einem "Lego"-Baukasten digital wiederverwendet werden können. Daten aus den einheitlich definierten Bausteinen sollen dann aus verschiedenen Registern mehrfach für Anträge und ihre Bewilligung genutzt werden können. Um dies zu erreichen, sind unter anderem ein gemeinsames Dictionary für Erklärungen zu den Bausteinen und passende Repositorys für die Datenhaltung notwendig.
Laut Werner Achtert von der Technologieberatung "MSG Systems" ist die Wiederverwendung von bestehenden Elementen in der IT seit Jahrzehnten gang und gäbe. Um zu einheitlichen Begriffen zu kommen sei das Zusammenspiel von Verwaltungen und ihren Rechtsbegriffen sowie IT-Dienstleistern und der Computersprache notwendig. Bestehende Silos sollen - so Staatsrat Jan Fries - vor allem durch offene Kommunikation und Veröffentlichung von Zwischenerfolgen überwunden werden. 
Zugleich sollen Systeme offen gehalten werden, um individuelle Anpassungen auf Landes- oder Kommunalebene zu ermöglichen. Positive Beispiele seien u. a. die digitalen Verfahren für das Kindergeld der beiden Stadtstaaten Bremen und Hamburg sowie für das Unterhaltsgeld der Freien (und) Hansestädte zusammen mit NRW.
Bislang werden Digitalisierungsmaßnahmen - so die Diskussionsteilnehmer - linear nacheinander abgearbeitet. Der Grüne Politiker Jan Fries unterstrich dazu: "Eine halbherzig gemachte Digitalisierung schafft Frust auf allen Ebenen." Unter dem Strich müsse man weg vom einseitigen Blick auf die eigene bzw. fremde Verantwortung. Fries weiter: "Jeder ist für die Reformagenda verantwortlich."
In Zukunft sollen Gesetze von Anfang an auf die Nutzung in digitalen Antragsverfahren hin geprüft werden. Dabei sollen die rechtlichen Grundlagen inkl. der Auslegung mit den Grundsätzen der Computersprache von "Ja", "Nein" und "Wenn, dann" abgeglichen werden. Der bisherige Versuch, alles in einen Rahmen zu pressen, sei gescheitert, so Jan Fries.
Eine gemeinsame Koordinierungsstelle von Bund und Ländern soll die Entwicklung einheitlicher Einkommensbegriffe übernehmen. Dies kann z. B. bei der Förderalen IT-Kommission (FITKO), beim IT-Planungsrat oder beim Bund angesiedelt werden. Im kommenden Jahr erwarten die Digitalisierungsexperten aus Bremen eine intensive Diskussion in den Fachministerkonferenzen der Länder mit dem Bund sowie Beratungen auf Ebene der Bundesregierung und des Bundesrats. Die Umsetzung wird über die neue Legislaturperiode - und damit über das Jahr 2025 - hinausdauern.
Im Rahmen der Diskussion wurde auch das Thema Datenschutz angesprochen: 
Die beiden Bremer Staatsräte verwiesen darauf, dass bei Bürgern bis heute nicht bekannt sei, welche Behörde welche Daten abfragen und nutzen. Landrätin Dorothea Störr-Ritter betonte als Mitglied des Nationalen Normenkontrollrats, dass der Datenschutz bis heute immer wieder als "Show-Stopper" missbraucht werde. Aus ihrer Erfahrung sei der Datenschutz ein immer wieder vorgeschobenes Instrument - zuletzt, um das Registermodernisierungsgesetz zu verhindern. Als Lösung des Themas wird u. a. ein Datenschutz-Cockpit nach Einführung des Modernisierungsgesetzes diskutiert.
Bremens Jugendstaatsrat Jan Fries verwies auf den heutigen Frust vieler Bürger, auf Grund komplexer und widersprüchlicher Abfragen frühzeitig aufzugeben, berechtigte Anträge zu stellen. Finanzstaatsrat Martin Hagen machte in Berlin klar: "Alle erwarten, wie mit einer Netflix-App oder Google Maps zu arbeiten. Aber wir liefern Formulare. Am Ende geht es darum, das es die Bürgerinnen und Bürger einfach haben - und unsere Kollegen nicht alles abtippen müssen."
Eine ausführliche Meldung zum Thema und der Link zum vollständigen Gutachten ist auf der Seite des Normenkontrollrats zu finden. (Foto: NKR)

Samstag, 28. März 2020

"Die Zögerlichen": Wie Hamburg den Vorsprung gegen das Corona-Virus verspielt.


EIN HAMBURG DIGITAL STATEMENT
von Landeskorrespondent Gerd Kotoll


Wahlkampfplakat der Hamburger SPD zur Bürgerschaftswahl 2020.
Grafik: SPD Hamburg

Hilflose Appelle an die menschliche Vernunft, deren Halbwertszeit beim Anblick leerer Klopapier-Paletten im Discounter und zugleich gefüllter Strassencafés bereits abgelaufen ist. Eine völlig unverständliche und damit verantwortungslose Salami-Taktik bei der Kommunikation und Umsetzung der notwendigen Maßnahmen: In Hamburg ist man nicht Vorreiter, man schleicht feige den anderen Bundesländern hinterher und macht bestenfalls nur das, was die bereits machen. Handeln aus eigener Erkenntnis oder gar Überzeugung? Nee, lieber nicht. Landeskorrespondent Gerd Kotoll spricht Tacheles:

So versucht man sich in Hamburg durch die Corona-Krise zu lavieren


Angeführt von einem Bürgermeister, bei dem man eigentlich hätte erwarten können, dass etwas mehr Sachverstand vorhanden wäre; immerhin ist er Mediziner. Sekundiert von einer amtsmüden Gesundheitssenatorin, die sich von Journalisten auf der Pressekonferenz erstmal auf den aktuellen Stand bringen lassen musste, dass am Vorabend Italien komplett mit einer Ausgangssperre belegt wurde. Willkommen in Hamburg.


Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks:
Die 20.00 Uhr Tagesschau immer fest im Blick.
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Als würden Nachrichten heute immer nur um 20.00 Uhr zur Verfügung stehen - vor allem die Tagesschau aus Lockstedt, die Leib- und Magensendung des gepflegten Senatsmitglieds an Alster und Elbe. Die Nutzung digitaler Medien könnte einer Situation wie dieser … aber vielleicht ist das auch zu viel verlangt. Kurz vor der Rente wird in Hamburg wie im Bund die unausweichliche Entscheidung lieber hinausgezögert.

Und dann ist da noch der Bildungssenator, der bei Exponentialfunktionen lieber bei anderen abguckt und deswegen anderen Bundesländern bei Schulschließungen den Vortritt lässt, um sich dann, weil es ja nun alle machen, doch noch zu bewegen. Das war vor gut einer Woche, in der Zwischenzeit wurde die Schulschließung spontan von Ende März auf den 19. April verlängert. Dass dann die Schule wieder Präsenzunterricht machen können wird, glaubt in Hamburg nur einer: der Präses der Schulbehörde.

Übrigens ging die Nachricht der Schulschließungsverlängerung abends über einen regionalen TV-Sender auf die Reise. Schulleitungen und Kollegien wurden erst am nächsten Tag informiert, was an anderer Stelle mit dem berechtigten Feierabend des Pressesprechers begründet wurde. Gut, dass wir keine Ausnahmesituation in der Stadt haben - Helmut Schmidt würde sich bei dieser Art Amtsauffassung im Grabe umdrehen.

Man stelle sich vor, ein Senator würde anweisen, dass die Homepage der eigenen Behörde auch noch nach 17.00 Uhr unter Missachtung jeglicher behördlicher Arbeitszeiterfassung auf den neuesten Stand zu bringen sei. Womöglich noch aus dem Home Office, Gott bewahre. 


Schulsenator Ties Rabe und seine Schulschließungen.
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Nein, das wäre wirklich schier unerträglich und überhaupt unvorstellbar. Der Feierabend muss auch digitaler Freiraum sein können. Echt jetzt? Genau diese Haltung ist es, die die digitale Entwicklung der Stadt verzögert. Smart City entsteht aber nur durch smart decisions - by smart people. Okay, also wird das erstmal nichts mit der smarten Stadt. 

Kurz wurde der Senator doch noch einmal mutig. "Die Abiturprüfungen werden stattfinden!“, verkündete er von der Kanzel, somit sei sichergestellt, dass alle Abiturientinnen und Abiturienten ihr Studium pünktlich beginnen könnten. Die Bildungsministerin von Schleswig-Holstein und Exil-Hamburgerin Karin Prien legte noch einen drauf: Sie wollte so eine Art "Durchschnitts-Abi" für alle. Und wurde damit von der Kultusministerkonferenz vom gemeinsamen Schul-/Hof gejagt.

Währenddessen sind die Schulleitungen und Lehrer hoch engagiert dabei, den Kindern auf allen möglichen digitalen Wegen das notwendige Wissen zu vermitteln. Übrigens: Eduport - die hauseigene Bildungsplattform der Schulbehörde BSB - ist es seit der zunehmenden Nutzung in der vergangenen Woche oft-immer wieder-fast täglich ... nicht. 


Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar mag kein Skype.
Foto: HmbBfDI

Was den Hamburger Datenschutzbeauftragten nicht davon abhält, auf die Datenunsicherheit von Skype-Konferenzen hinzuweisen und ein 20-seitiges Pamphlet zur sicheren Internetnutzung herauszugeben. Skype würde ja - so Johannes Caspar - einen Einblick ins Private ermöglichen, was unbedingt verhindert werden müsse. Es fällt schwer, an dieser Stelle keine Wortspiele mit dem Namen des Mannes zu machen. 

Wenn Sonderwege zu Irrwegen werden

Ist es einfach deutsche Dummheit oder Überheblichkeit, die unsere Regierungen im Land wie im Bund mal wieder Sonderwege gehen lassen? Sind die anderen europäischen Länder allesamt doof und von Unfähigen regiert, weil sie relativ konsequent – und vor allem: früher als wir - die Grenzen geschlossen und umfangreiche Ausgangsverbote beschlossen haben?

Warum schauen wir nicht auf die Maßnahmen, die in anderen asiatischen Ländern getroffen wurden? Damit ist nicht das chinesische Zuschweißen der Wohnungstüren bei Infizierten gemeint, sondern zum Beispiel die konsequenten Massentestungen (und bedarfsweisen Isolationen) etwa in Südkorea, mit denen die Neuansteckungsrate wirksam verlangsamt werden konnte.

"Wir können die Grenzen nicht schließen!“ hieß es stattdessen mantraartig aus dem Kanzleramt. Diese seit fünf Jahren behauptete “Alternativlosigkeit" ist nichts anderes als eine Lüge, wie wir mittlerweile wissen: natürlich können wir unsere Grenze schließen - aber unsere Regierung wollte das nicht.

Stattdessen bleibt jetzt, als Ultima Ratio, die Ausgangssperre. Anstatt rechtzeitig das Land abzuschotten, müssen wir jetzt jeden einzelnen Menschen abschotten. Ultima Ratio Ausgangssperre? Nein! Es hätte auch einen anderen Weg gegeben: Testen. Testen, Testen, Testen, Testen!! Massiver Einsatz von Tests mit konsequenter medizinischer Isolation positiv Getesteter. Und Quarantäne der Hochrisikogruppen.

Wie im Bund, so im Land - oder der Stadt

In Hamburg getestet werden? Probieren Sie das mal aus. Wenn Sie nicht fiebern und husten und nicht aus einem Risikogebiet kommen und/oder mit einem Infizierten Kontakt hatten … dann, ja, dann wird sich das mit dem Test für Sie leider etwas verzögern, so die Rückmeldung aus Hamburger Arztpraxen.

Gut, in Hamburg machen Bürgermeister und Gesundheitssenatorin ja auch noch Werbung für den Impfpass auf Papier. Dass es längst intelligentere und praktischere digitale Lösungen der Krankenkassen gibt, war nicht Bestandteil der Impf-Werbeaktion. Wir sind ja in Hamburg ...


Peter Tschentscher ist um die Gesundheit der Hamburger bemüht.
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Aber wenn Sie nicht getestet werden, sind Sie in guter Gesellschaft. Oder: zumindest nicht allein. Denn in Hamburg werden auch die Menschen nicht getestet, die aus einem Flieger mit Abflug im Iran oder anderen Risikogebieten aussteigen. Die werden vielleicht beim Zoll gefilzt, aber danach: Herzlich Will… röchelräusperhüstel…kommen in der Freien und Viren-… ääh… Ansteckungs- - pardon - Hansestadt Hamburg.

Oh, ich höre schon, wie sich jetzt einige “Hanseaten” ohne zu zögern(!) darüber echauffieren werden, wie ich denn so etwas schreiben könne. Denen antworte ich: Sehen Sie sich die Steigerungsrate der Infizierten, der Behandlungsbedürftigen und der Intensivpatienten an. Und dann warten Sie eine Woche und schauen Sie sich das nochmal an. Wenn Sie das dann immer noch nicht verstanden haben, dann dürfen Sie sich auch weiter so richtig “gut regiert” fühlen.

Liebe Ischgl-Rückkehrer: Da nich für ...

Ja, ich weiß: Hanseaten halten zusammen. Dieser beinahe inzestuöse, in jedem Fall so arrogant wie dämliche, Slogan einer Hamburger Oppositionspartei wurde am letzten Ferienwochenende auch umgesetzt, nur anders: Alkoholselig lagen sich die Rückkehrer aus den Ski- und jetzt Risikogebieten mit den Daheimgebliebenen in den Armen und feierten auf dem Kiez ihr Wiedersehen.

Dass es auch andernorts sog. Corona-Partys gab, weil man als Angehöriger der jungen Generation ja vermeintlich nicht betroffen ist, zeigt nicht nur, wie wirkungslos Appelle an den gesunden Menschenverstand sind. Das bringt uns auch zu der Frage, wie weit es denn mit dem Verantwortungsbewusstsein der Generation her ist, die sich vor kurzem noch in schulschwänzender Weise Freitags (nicht in den Ferien!) aufschwang, der älteren Generation den Klima-Moral-Spiegel vorzuhalten. 

Diverse Äußerungen von "Klima-Luise" & Co. zeigen, dass sie diesbezüglich nichts verstanden haben – und erst recht nicht, was eine Exponentialfunktion ist. Mathe war wohl immer freitags ... Exponentiell dumm ist übrigens auch dieser "Lasst-die-Alten-doch-verrecken"-Sketch vom WDR.

Ganz Deutschland liegt also im politischen Entscheidungsunfähigkeitsfieber. Moment! Nicht das ganze Deutschland. Immerhin zeigen die Bayern, dass es auch anders, evtl. besser, in jedem Fall schneller gehen kann: Schulschließungen, Grenzkontrollen, Ausgangssperren. Jedes Mal waren die Bayern schneller als der Rest der Republik. Und weisen damit dem Kabinett Merkel den Weg, wie man's richtig machen kann.


Bürgermeister Peter Tschentscher auf der Corona-PK im Rathaus.
Foto: Senatskanzlei Hamburg



Das Hamburgs Erster sich öffentlich in bester Kanzlerkandidaten-Manier ohne zu zögern über den vermeintlichen Alleingang der Bayern empörte, zeigte nur, dass er nicht das ganze Land im Blick hat/te. Als Norddeutsche kann man da nur feststellen: Deiche taugen halt nicht als Feldherrenhügel.

Ein löchriges Hamburger Rettungsschirmchen 

Hinter der Handelskammer, also: im Rathaus, gibt man sich zaghaft und zögerlich. Zwar präsentierte die Troika Dressel, Brosda und Westhagemann die Rahmenbedingungen für einen Hamburger Rettungsschirm für Unternehmen und Kulturschaffende. Aber die drei Musketiere hatten kaum Pulver im Rohr und kamen nicht nur wegen der miserablen Tonqualität mehr als Ritter der traurigen Gestalt rüber.

So sollten zunächst nur Unternehmen unter dem löchrigen Schirm Schutz finden, die direkt von den Allgemeinverfügungen betroffen sind. Allen anderen wurde ernsthaft der Weg zum Sozialamt gewiesen. Erinnern Sie sich noch an den Wahlkampfslogan, dass man “die ganze Stadt im Blick” habe? Nicht mal einem Monat nach der Wahl will im Senatsgehege lieber niemand daran erinnert werden. Wir haben mal das Plakat als Beitragsmotiv ausgesucht. 

Ebenso wenig will man übrigens an die zahlreichen Versprechen zum digitalen Ausbau der Stadt erinnert werden, der jetzt bitter fehlt, weil er zu spät begonnen und dann nie umgesetzt wurde und wird. Wir sind gespannt, was das dynamische Duo IFB & Dataport mit Freischaltung des Online-Formulars für die Sofort-Hilfe abliefert. In Berlin warteten am Auftakt-Freitag 132.000 Hilfesuchende, dass es weiter geht - eventuell nächste Woche, nächsten Monat oder so.

"Hamburg hilft", so ist die Pressemitteilung unseres Senats überschrieben. In Wahrheit muss es heißen: Hamburgs Finanzsenator heuchelt. Und zwar bis zur Landespressekonferenz am Freitag, als die Bundeshilfen beschlossen wurden. Wir sind mal ganz mutig und tippen beim Beantragen der Sofort-Hilfe auf a) die Webseite der IFB bricht zusammen, b) man bietet ein PDF zum ausdrucken an und c) verzichtet man Schluss auf alle Formalitäten, wie es die Bundesagentur für Arbeit macht. 

Norddeutsch, ja, klassisch hanseatisch zurückhaltend, war man, als es um konkrete Zahlen zur Sofort-Hilfe ging: Während sich die Künstler der Stadt zur Verteilung von 25 Mio. € anstellen dürfen, wird das Schälchen für die Wirtschaft mit sagenhaften ... Achtung, Trommelwirbel! ... 10 Mio € (in Worten: zehn Millionen Euro) gefüllt. Damit will Hamburg die laut Kanzlerin “größte Herausforderung seit Ende des zweiten Weltkrieges” angehen. So, so.

Damit sind für Solo-Selbständige, sofern betroffen und auch nur dann, unglaubliche 2.500,- € vorgesehen. Einmalig. Logisch. Ist ja so vieles einmalig in “Hamburch”. Tja, liebe Solo-Selbständige, in anderen Bundesländern wärt ihr mehr Wert. In Thüringen zum Beispiel 5.000,- €, in Berlin werden ebenfalls 5.000,- € geboten (aus einem 100 Mio. €-Topf!) und in Bayern sogar bis zu 20.000,- €. Aber wir sind ja in ... richtig! - "Hamburgch"!

Eine süddeutsche Zeitung wirbt übrigens gerade: „An der Elbe wird man nur mit Substanz zur Instanz.“

Genau: Substanz. Nicht Zögern.

* * *

Samstag, 22. Februar 2020

HANSESTATEMENT: Klimaschutz-App in Hamburg - auf dem chinesischen Weg?

HAMBURG DIGITAL WAHLSTOLPERSTEIN
- von Landeskorrespondent Gerd Kotoll -

- 1.000+ Leser. Und Sie. -

Tagesgeschäft Schiffsbetrieb im Hamburger Hansahafen.
Foto: HANSEVALLEY

Im typischen Hamburger Understatement gilt die eigene Stadt gern mal als die "Schönste der Welt". Tatsächlich ist die Lebensqualität, die unsere Stadt bieten kann, hoch - trotz aller Herausforderungen, die eine wachsende Metropole mit sich bringt. Die "schönste App der Welt" hat Hamburg jedoch definitiv noch nicht erfunden. Denn die seitens der Stadt zur Verfügung stehenden mobilen Apps sind größtenteils Stückwerk und mit überschaubarem Nutzen für Bewohner und Gäste der Hansestadt.

"Melde-Michel" und die App der Stadtreinigung sind schön und gut - mit der Letzteren kann man sogar die Standorte öffentlicher Toiletten finden. Das ist allerdings ein ebenso gut gehütetes Geheimnis, wie der Mehrwert von Bürgermeister-Reden in der Hamburg-App. Da wird aus Bescheidenheit kurz mal Unwissenheit, Ungläubigkeit und mehr ... Smart City geht anders. Und wir meinen auch nicht die nach Lübeck verkaufte "Stauplanungs"-Software "ROADS" ...

Tatsächlich ist unsere Stadt so ebenmäßig mit Glasfaser und Breitbandanbindung versorgt, wie ein Schweizer Käse Löcher hat. Auch wenn man im Wahlkampf lieber den "flächendeckenden" Schmelzkäse auspackt. Selbst kostenloses, halbwegs stabiles und leistungsfähiges WLAN sind in der City immer noch mehr Glückssache als Standard. Aber gemach, gemach: Gemäß 5-Jahres-Plan soll das 2025 wohl fertig sein. Nicht mal mehr die - wie auch immer glaubwürdigen - Absichtserklärungen der roten Regierungspartei sind mehr ambitioniert ...

Immerhin flackert beim Thema Mobilität kurz so etwas wie Begeisterung auf: An vielen Stellen der Stadt wird entwickelt, programmiert und an (kleinen) Lösungen gebastelt. Für den bevorstehenden ITS-Kongress setzt mittlerweile operative Hektik ein, um Insellösungen präsentieren zu können, die – neutral formuliert – "ganz nett“ sind. Sie sind aber sicher nicht der große Wurf. Deswegen gibt es die "Hamburg Card"-App und die "Hamburg Tourismus"-App auch nebeneinander. Warum? Weiß man nicht. Kombinierte Mobilitätsangebote finden Sie übrigens in anderen Apps.

"Digital Detox by Funkloch" - ist immer noch keine Digitalstrategie.

Die Grünen loben unterdessen das „Hamburg Free WiFi“ als 5-Jahres-Ziel aus – so, als ob sie in der letzten Regierung nicht dabei gewesen wären. Und geben damit Linken und Liberalen vielfältigen Anlass für ziemlich präzise Kritik. So bleibt das Hauptproblem, die Übersicht über die Vielzahl der städtischen Service-Apps zu behalten – bzw. überhaupt erstmal zu gewinnen. Angesichts des oft sehr singulären Nutzens ist es dann aber auch nicht so schlimm, dass WLAN im ÖPNV genauso ruckelig ist, wie die Fahrt mit der S3 über Uralt-Weichen. "Digital Detox by Funkloch" (Sie erinnern sich sicher!) ... ist halt immer noch keine Digitalstrategie.

Zum Glück gibt ja noch sozialistische - pardon - sozialdemokratische Fantasien fernöstlicher Qualität. Wer sich nur im Ansatz damit auskennt, wie der chinesische Staat moderne Technologien - etwa die der Gesichtserkennung und Künstliche Intelligenz - nutzt, um das eigene Volk zu überwachen und zu drangsalieren, um ein gewünschtes Norm-Verhalten zu erreichen, bekommt eine Ahnung davon, was auf uns zukommt, wenn die kühnen Träume Hamburger Alt- und Neu-Sozialistendemokraten Realität werden. Da hilft auch keine Hamburgische Wirtschaftsliberalität des Kurt-Schumacher-Hauses.

Michael Westhagemann: Unsere Daten, wie in Chinas Metropolen.

Schon der auf SPD-Ticket fahrende, parteilose Wirtschaftssenator Westhagemann ließ aufhorchen, als er öffentlich von den (nahezu) unbegrenzten Datensammelmöglichkeiten durch die Kamera-gesteuerten Ampeln in der Stadt träumte und die Datenquellen üppig sprudeln sah. Und all die vielen Daten - so seine von Fachkenntnissen nicht zu sehr getrübte gute Laune - würden der Stadt gehören. Und das, so die ungebremste Euphorie des Ex-Siemens-Managers, sei einmalig, so dass „Hamburch“ sich da nicht mehr mit irgendwelchen europäischen Metropolen messen müsse, sondern natürlich mit den chinesischen Mega-Städten wie etwa Shenzhen. Die wenigsten Anwesenden trauten ihren Ohren. Hat er das wirklich gesagt? Ja, hat er.

Dann ist da die aktuell in den Wahlprüfsteinen von der SPD-Zentrale offenherzig kommunizierte Idee einer harmlos daher kommenden Hamburger Klima-App, mit der Sie anhand eines vorgegebenen Klima-Budgets selbst ermessen können, ob Sie mit Ihren Alltagsverhalten eher klimafreundlich sind oder doch eher eine heimliche Klima-Sau. Ähem… heimlich? Also, jetzt mal unter uns (und die Pressestellen des Senats als Stammleser zählen nicht): Glauben Sie wirklich, dass die Daten, die Sie mit dieser App produzieren, ausschließlich Ihnen zur Verfügung stehen werden? Oder könnte es nicht auch sein - rein hypothetisch natürlich - dass Menschen in Machtpositionen Zugriff auf diese Daten haben wollen, um – sagen wir mal – eine "Steuerungswirkung" erzielen zu können?

"Menschen Markierungen zu verpassen, ist mir höchst zuwider."

Glauben Sie nicht? Vielleicht interessiert es Sie dann, dass es andernorts (in Deutschland!) die Idee gab, grüne Hausnummern an die Mitmenschen in der Gemeinde zu verteilen, die sich Klima-vorbildlich verhalten würden – und rote Schilder an die in dem umgedichteten Kinderlied besungenen "Umwelt-Säue". Bislang ist das zwar nicht Realität geworden. Aber allein der Gedanke, dass man hierzulande wieder auf die Idee kommen kann, Menschen Markierungen zu verpassen, ist mir höchst zuwider und passte bisher nicht in meine Vorstellungskraft. Erst recht nicht, wenn der vermeintlich gute Ansatz einer solchen Entwicklung Bahn bricht. Was bitte kommt denn als Nächstes, Herr Tschentscher?

Das Nächste? Oh sorry, ist ja schon Realität: Die Linke hat herausgefunden, dass über das fast zu 100% der Stadt gehörende Portal hamburg.de 117 - in Worten: EIN-HUNDERT-SIEBZEHN - "externe Dienstleister" (im Original selbstredend gegendert) Sie belauschen dürfen. Ja, das ist die Seite, über die Sie und ich auf das "Hamburg Serviceportal" mit seinen mehr oder weniger ausgereiften, datenschutzrelevanten Behördenservices zugreifen. Und ja, das ist das Portal, über das Sie Ihre persönlichen hamburg.de-Emails abrufen und verschicken. Ach ja: Das ist auch das Portal, über das Sie - vermeintlich vertraulich - im Falle eines Falles nach Beratungsstellen und Hilfsangeboten der Stadt suchen. Genau das .. mit 117 Datenschnüfflern.

Hamburger Senat: Digitaler Optimismus statt Digitale Kompetenz.

Das wussten Sie nicht? Machen Sie sich nichts draus, da sind Sie nicht alleine. Aber vielleicht denken Sie künftig daran, wenn Sie wieder mal Hamburger Politiker vom "mündigen Bürger" reden hören. Und wie toll Sie mit dieser pfiffigen App Einfluss auf das Weltklima nehmen können. Digitale Kompetenz? Dem Ersten Bürgermeister reicht "Digitaler Optimismus" – und Ihr Vertrauen darauf, dass er "die ganze Stadt im Blick" hat. Angesichts der Hamburger Ampel- und App-Alpträume im China-Stil kann einem nur noch Angst und Bange werden.

Da ist es auch kein Trost, dass der Fachkräftemangel auch bis an diese Stelle der SPD reicht und die oben dunkel beschriebenen Möglichkeiten sicher nicht beabsichtigt waren – aber deren Möglichkeit auch nicht berücksichtigt wurden. Da man bei der SPD aber auch nicht beabsichtigt, Informatik jenseits von freiwilligen Kursen an Hamburger Schulen zum verpflichtenden Unterrichtsfach zu machen, wird eine digitale Mündigkeit auch nicht aufwachsen. Im Gegenteil zu benachbarten, SPD-regierten Bundesländern, wo die Landesregierungen Digitalisierung und Bildung auf die Agenda gesetzt haben. Aber wir sind ja in Hamburg ...

Die ganze Stadt im Blick: Wie 117 Datenschnüffler auf hamburg.de

In der Kombination mit den Verschärfungen beim Netzwerkdurchsetzungsgesetz einerseits und dem Ausbleiben der ePrivay-Verordnung andererseits kann man diese Entwicklung mindestens einmal bemerkenswert finden. Die ePrivacy-Verordnung sollte Sie und Ihre Daten übrigens vor Missbrauch durch böse Unternehmen schützen. Stellen Sie sich vor, die würden hundertfach Ihr Internet-Surfverhalten ausspionieren und Ihnen dann womöglich unaufgefordert Werbung ins Mail-Postfach spülen, oder einfach im Internet anzeigen, während Sie hamburg.de nutzen? Das geht natürlich nicht. Wie gut, dass der Senat sich da um Sie kümmern wird. Er hat Sie im Blick. In der ganzen Stadt. Wie die 117 "Partner" bei hamburg.de.

Die Hamburger CDU fordert in ihrem Wahlprogramm statt politischer Großmannsträume einen Digitalrat mit unabhängigen Experten, der den Einsatz zukunftsweisender Technologien begleiten soll. Allerdings anders "unabhängig", als in dem von der SPD-Brosda-Medienverwaltung zusammengestellten SPD-Web 2.0-Kaffeekränzchen im Senatsgästehaus. Okay, die Idee eines Digitalrates ist - sagen wir mal - "abgekupfert", aber immerhin geht die Idee in die richtige Richtung. Dazu eine ganzheitliche Digitalstrategie für Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Verwaltung und Stadtleben - nicht 60 Seiten bunte Bilder, wie die aktuellen Leitlinien des Senats. Wäre mal eine Idee.

In diesem Sinne: wählen Sie wohl!

Ihr

Gerd Kotoll

*  *  *


 Hamburg Digital Statements: 

Digitalisierung und Bildung
HANSESTATEMENT: Wenn Du einen toten Gaul durch die Schule reitest ... steig' ab!

Digitalisierung und Wissenschaft
HANSESTATEMENT: Das digitale Wolkenckuckucksheim. Wer hat hier die letzten 5 Jahre eigentlich regiert?
HANSESTATEMENT: Rot-Grün: Digitalstrategie? Echt jetzt?

Digitalisierung und Wirtschaft
HANSESTATEMENT: Die Digitalisierung wartet nicht auf Hamburg.

 Hamburg Digital Wahlprüfsteine: 

Digitalisierung und Stadtentwicklung
HANSEPOLITICS: Die stadtentwicklungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020
https://hv.hansevalley.de/2020/02/hansepolitics-stadtentwicklung-hamburg-2020.html

Digitalisierung und Verwaltung
HANSEPOLITICS: Die verwaltungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Digitalisierung und Bildung
HANSEPOLITICS: Die bildungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020
HANSEPOLITICS: Die forschungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Digitalisierung und Wirtschaft
HANSEPOLITICS: Die wirtschaftspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Donnerstag, 24. Oktober 2019

HANSEPERSONALITY Tobias Rothkegel: Online-Cookies - aus dem Esel wird kein Pferd.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

Zuhören, analysieren, Lösungen finden: Spezialist Tobias Rothkegel.
Foto: Karsten Eichhorn, Hamburg
Kochbücher, Rücksäcke und Turnschuhe - sie verfolgen uns über Wetter-Portale, Nachrichten-Streams und TV-Programme hinweg. Schuld sind hinterlistige "Kekse", die sich als kleine Textprogramme auf unserem Browser einnisten - und mit Produkten nerven, die wir nicht haben wollen. Die 1,7 Mrd. € schwere Performance-Marketing-Industrie von Dmexco bis OMR spioniert uns aus bis aufs Unterhemd.

Hinter Cookies und penetranten Rücksäcken steckt eine Branche, die mit tausend Tricks und noch mehr Druck versucht, uns immer wieder zum Online-Shopping zu treiben. Doch jetzt schlägt das Gesetz zurück: Schluss mit erschlichenen Cookies, Schluss mit fadenscheinigen Begründungen. In der Hamburger Online-Marketing-Szene können schon mal die Koffer gepackt werden.

Der Hamburger Rechtsanwalt Tobias Rothkegel ist Experte für Datenschutz und Datennutzung sowie technologiezentrierte und datengetriebene Geschäftsmodelle. Er ist zu Hause in Technologien, Medien und in der Kommunikation - und unser Experte für "Cookies", die alles andere als lecker sind. Unser HANSEPERSONALITY ist Osborne Clarke-Anwalt Tobias Rothkegel:

Zum Auftakt eine ganz persönliche Frage an Dich als Online-User: Nerven Dich Rucksäcke und Turnschuhe, die Dich über diverse Internet-Seiten hinweg verfolgen? Und wie stehst Du zu Ad Blockern? Jetzt ist die Stunde der Wahrheit!


Entweder ich bin für diese Art von Marketing nicht empfänglich oder mittlerweile abgestumpft. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, jemals etwas gekauft bzw. bestellt zu haben, nur weil es mir im Rahmen eines Werbebanners oder ähnlichem vorgeschlagen worden ist. Grundsätzlich ist mir die signifikante Bedeutung von Werbung für die Wirtschaft sowie insbesondere für die Finanzierung von kostenfreien Inhalten im Internet durchaus bewusst. 

Status Quo: Nicht die nötige Transparenz für den Nutzer.

Gleichwohl nervt es unfassbar, wenn man gewisse Seiten vor lauter Bannern, Popups u. ä. gar nicht mehr besuchen bzw. die dortigen Inhalte nicht mehr rezipieren kann. Hinzu kommt der Umstand, dass auf zahlreichen Webseiten mehrere Analyse- und Tracking-Cookies eingesetzt werden und dabei oftmals nicht die nötige Transparenz für den Nutzer geschaffen wird. Insofern sind auch deren Interessen an einem möglichst ungestörten Surfen sowie an dem Schutz ihrer Privatsphäre zu berücksichtigen.

Online-Marketing-Cookie-Praxis: Die Geister, die ich rief ...

In den letzten Jahren ist diese Balance nach meinem Empfinden sehr zulasten der Nutzer gekippt. Der Erfolg von Ad Blockern sowie die gegenwärtige Rechtsprechung des EuGH, nicht nur im Hinblick auf die Voraussetzungen für Marketing-Cookies, sondern auch auf die gemeinsame Verantwortlichkeit von Webseitenbetreibern für die Einbindung von Social-Plugins, sind eine direkte Reaktion darauf. Die Geister, die ich rief, wenn Du so willst.

Es ist fast untergegangen: Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass die in Deutschland gängige Praxis zur Einbindung von Cookies nicht den europarechtlichen Vorgaben entspricht. Was heißt das für Webseitenbetreiber und E-Commerce-Anbieter?

Diese werden größtenteils ihre Cookie-Praktiken fundamental überdenken und überarbeiten müssen. Hintergrund der ganzen Debatte ist, dass der Einsatz von Cookies zu Werbezwecken in Deutschland bislang zulässig war bzw. streng genommen per Gesetz nach wie vor auch noch zulässig ist, solange der Nutzer dem nicht widerspricht. Die korrespondierende europarechtliche Vorgabe sieht jedoch seit 2009 vor, dass das Setzen von Cookies zu solchen Zwecken stets der Einwilligung der Nutzer bedarf.

Anerkannt unzureichende deutsche Widerspruchslösung.

Da es sich hierbei im Gegensatz etwa zur allbekannten DSGVO jedoch um eine Richtlinie handelt, müssen diese Vorgaben durch die Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt werden. So ergeben sich auch die von Land zu Land teilweise unterschiedlichen Regelungen sowie insbesondere die wohl allgemein anerkannt unzureichende deutsche Widerspruchslösung. 

Tracking-Cookies: Eine Einwilligung wird erforderlich sein.

Dies hat der EuGH nunmehr auch bestätigt und statuiert, dass für nicht „unbedingt erforderliche“ Cookies eine Einwilligung der Nutzer eingeholt werden muss. Der BGH muss nunmehr entscheiden, was dies für die bisherige deutsche Regelung bedeutet. Klar ist jedoch, dass die Widerspruchslösung so nicht bestehen bleiben und – wie auch immer im Endeffekt begründet – eine Einwilligung erforderlich sein wird.

Unzählige Tracking-Anbieter spionieren uns als Leser oder Online-Shopper systematisch aus. Wenn Europa mit dem Cookie-Urteil und der E-Privacy-Verordnung den Riegel endgültig vorschiebt: Ist das das Ende des Performance-Marketings, wie wir es bislang kennen?

Für die Online-Marketing-Welt ist das natürlich ein Paukenschlag. Auf der Hand liegt, dass die Conversion-Rate bei der Widerspruchslösung um ein Vielfaches höher ist, als wenn ich im Vorfeld von jedem Nutzer eine Einwilligung erfragen muss. Hierbei ist zu beachten, dass der EuGH auch bereits vorselektierte Ankreuzfelder als nicht hinreichend ansieht. Entsprechendes wird für kleine, leicht übersehbare Cookie-Banner gelten, bei denen durch Weitersurfen eine entsprechende Einwilligung konkludent erteilt werden soll. Das Ende des Performance-Marketings wird es nicht bedeuten.

Eine erhebliche Konsolidierung des Marktes zu erwarten.

Es ist jedoch zu erwarten, dass eine erhebliche Konsolidierung des Markts eintreten wird. Insofern werden Webseiten-Betreiber durch die neue Rechtsprechung – auch im Hinblick auf eine mögliche datenschutzrechtliche Mitverantwortung – gezwungen, sich viel bewusster mit den von ihnen eingesetzten Diensten und Tools zu befassen. Es entspricht eher der Regel, dass Webseitenbetreiber keine Ahnung davon haben, was mit den Daten ihrer Nutzer eigentlich passiert. Dabei haben sie oftmals nicht einmal Schuld daran, da viele solcher Dienste eine Blackbox darstellen. 

Zahlreiche Tracking-Anbieter werden es nicht überleben.

Mit diesem Scheuklappen-Denken werden sie jedoch in vielen Fällen so nicht mehr länger durch die Tür kommen. Dies wird einerseits dazu führen, dass Webseitenbetreiber genauer überlegen werden, welche Analyse-, Tracking- und Retargerting-Dienste sowie Tools sie auch wirklich benötigen. Anderseits werden die Anbieter solcher Dienste stärker die Karten auf den Tisch legen müssen. Dieses Umdenken werden zahlreiche Tracking-Anbieter nicht überleben.

Nun haben wir alle gelernt: Wo ein Urteil ist, bedarf es einer Auslegung. Wie könnten Cookies und damit verbundene Analyse-Tools hinten durch die kalte Küche doch noch zu unseren Nutzerdaten und unserem Surfverhalten kommen. Gibt es womöglich noch ein Schlupfloch?

Die durch das Urteil bestätigte Cookie-Regelungen sind schon äußerst streng. Gänzlich ohne Einwilligung wird es – jedenfalls legal – nicht mehr gehen. Aber Werbe-Cookies sind ja nicht per se tot. Es müssen nur neue, rechtskonforme Einwilligungsmechanismen gefunden werden. So ist zu beachten, dass weder das Gesetz noch der EuGH eine ausdrückliche Einwilligung voraussetzt. So verbleibt nach wie vor grundsätzlich Raum für konkludente, mithin durch schlüssiges Verhalten erteilte Einwilligungen. 

Werbe-Einwilligungen: Die Anbieter müssen kreativ werden.

Solch implizierte Einwilligungen müssen jedoch per Gesetz „unmissverständlich“ sein. Demnach müssen die Anbieter hier kreativ werden. Das Fenster für derartige Einholungsmechanismen ist infolge des Urteils jedoch erheblich kleiner geworden. Denkbar ist der Einsatz alternativer Technologien, die nicht unter die Cookie-Regelung fallen; wie auch immer diese aussehen mögen. Quatsch sind hingegen etwaige Versuche, die auf den Endgeräten der Nutzer abgelegten Dateien nicht als „Cookies“ sondern als „Token“, „Local Storage“ oder wie auch immer zu bezeichnen. 

Cookies, Token, Local Storage? Aus dem Esel wird kein Pferd.

Aus dem Esel wird kein Pferd, nur weil ich ihn als Pferd bezeichne. Auch wird abzuwarten sein, welche Cookie-Regelung die im nächsten oder übernächsten Jahr zu erwartende ePrivacy-Verordnung mit sich bringen wird. Ziemlich sicher ist zwar, dass es bei dem grundsätzlichen Einwilligungserfordernis bleiben wird. Gegenwärtig werden jedoch gewisse Ausnahmen diskutiert, wie etwa für werbefinanzierte Webseiten. Wir werden sehen, wie stark die Lobbyarbeit sich dann im Gesetzestext niederschlagen wird.


Nehmen wir an, der Wildwuchs mit unendlich gesammelten Daten über unser Surfverhalten hat ein Ende: Wie könnte die Vermarktung redaktioneller Inhalte von Online-Publishern und der Vertrieb von Produkten via Internet in Zukunft aussehen? Welche Alternativen siehst Du als Jurist?

Meines Erachtens ist eine entsprechende, zukünftige Ausnahme für werbefinanzierte Inhalte nicht unwahrscheinlich. Dies erscheint mir auch im Rekurs auf die eingangs angesprochenen Interessenausgleich zwischen Nutzern und Webseitenbetreibern als angemessene Lösung. Insofern muss beachtet werden, dass zahlreiche Webseiten ausschließlich über Werbung finanziert werden. Ich sehe auch nicht, dass sich dies in Zukunft ändern wird. So ist die Erwartungshaltung der Nutzer auch, die allermeisten Webseiteninhalte kostenfrei rezipieren zu können. 

Was es heute umsonst gibt, wird zukünftig auch nicht bezahlt.

So faszinierend ich etwa blockchain-gestützte Micro-Payment-Lösungen finde, glaube ich nicht, dass hierdurch das Konsumverhalten der Nutzer maßgeblich beeinflusst werden kann. Was es heute umsonst gibt, für das wird zukünftig auch nicht bezahlt werden. Daher gehe ich auch nicht davon aus, dass sich Abo-Modelle in der Breite durchsetzen werden. Für wahrscheinlich halte ich, dass Webseiten immer mehr zu „Cookie-Walls“ greifen werden. Wenn man den jeweiligen Dienst umsonst nutzen möchte, muss man eben Werbe-Cookies akzeptieren. Alternativ kann man für die Nutzung Betrag X bezahlen. 

Kein Zwang, einen Dienst umsonst und werbefrei anzubieten.

Inwieweit ein solches Vorgehen datenschutzrechtlich zulässig ist, ist bislang wenig ergründet. Maßgebliche Fragestellung ist hierbei, ob eine so erteilte Einwilligung als freiwillig angesehen werden kann. Ich erachte dies als durchaus vertretbar, da vor dem Hintergrund der neben dem informationellen Selbstbestimmungsrecht ebenfalls grundrechtlich geschützten unternehmerischen Freiheit niemand gezwungen werden kann, einen Dienst umsonst und werbefrei anzubieten.

Zu guter Letzt unsere Hamburg-Frage: Du arbeitest in Hamburg als Rechtsanwalt mit Technologie-Themen, wie Datenschutz und Datennutzung, E-Commerce, aber auch der Blockchain. Hand aufs Herz: Was läuft bei uns in Sachen Technologien und deren Förderung richtig gut? Und wo könnte man noch eine Schüppe zulegen?


Da ich besonderes Interesse an der Blockchain-Technologie habe und darin massives Transformationspotential sehe, freut es mich sehr, dass in Hamburg gerade im vergangenen Jahr deutlich mehr „Buzz“ um das Thema entstanden ist. Die Blockchance-Konferenz ist hier ein super Beispiel für diese Entwicklung. So wird auch immer mehr internationales Tech-Publikum auf Hamburg aufmerksam. Super ist auch, dass immer mehr Rückendeckung seitens offizieller Einrichtungen, wie der Bürgerschaft, der Handelskammer, der Senatskanzlei u. a. kommt. 

Rückendeckung für Technologie: Die Politik muss am Ball bleiben.

Hamburg war sehr lange – jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung – von der Verlags- und Online-Marketing-Branche dominiert. Daher begrüße ich diese Entwicklung sehr. Die Politik muss jetzt jedoch am Ball bleiben. Auch entwickeln immer mehr mit hinreichendem Kapital ausgestattete Hamburger Traditionsunternehmen langsam Interesse an neuen Technologien, sei es Blockchain, AI oder IoT im Zusammenhang mit der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle. Hier sehe ich auch einen klaren Standortvorteil im Vergleich etwa zu Berlin. Gleichwohl ist dies nur ein Anfang. 

Für Hamburg halte ich es für besonders zielführend, stärker darauf zu setzen, den hier ansässigen Unternehmen das Potential all dieser neuen Technologien für die Transformation ihres jeweiliges Geschäftsmodell vor Augen zu führen.

Herzlichen Dank für Deine Offenheit!
Das Interview führte Thomas Keup.

*  *  *

 Hamburg Digital Background: 

Urteil des Europäischen Gerichtshofes zur Cookie-Richtlinie und die Folgen (EN):

Rechtsanwalt Dr. Tobias Rothkegel bei Osborne Clarke Hamburg:

Kommentar zu Cookies und Targeting im Online-Marketing auf Adzine:

*  *  *