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Mittwoch, 17. März 2021

HANSEMOBILITY: Wie Volkswagen zum Software-Hersteller für Elektrofahrzeuge werden will.

HANSE DIGITAL MOBILITY
* Update 3.2 - 24.03.2021 *

+++ Software-Updates für "VW OS" aus Wolfsburg ab Juni '21 +++ Agile Software-Einheit "ID digital" soll Update-Chaos verhindern +++ Online-Shopping für "ID 3" und "ID 4" ab Sommer d. J. +++ Virtuelle "Audi"-Showroom-Beratung kommt von "Sinner-Schrader" aus Hamburg +++

+++ Einheitsbatterie für 80 % aller Konzernmodelle ab 2023 aus Salzgitter +++ "VW"-Elektromodelle für Emden, Hannover, Osnabrück und Wolfsburg geplant +++ "Tesla"-Jäger "Artemis" von "Audi" läuft ab Ende 2024 in Wolfsburg vom Band +++ 

+++ Volkswagen testet LiDAR-Infrarot-Technologie für autonomes Fahren in Hamburg +++ Digital-vernetztes Werk in Wolfsburg ab 2026 für "VW"s erstes Robotercoupé "Trinity" +++ "Moia" aus Hamburg und Hannover wird zum autonomen Shuttle-Service +++ Autonomer Shuttle-Bus "ID Buzz" kommt aus Hannover  +++

Volkswagen-Präsentation in der gläsernen Fabrik in Dresden.
Foto: HANSEVALLEY

Der "Volkswagen"-Konzern setzt in den kommenden Jahren vor allem auf Elektromobilität auf Basis einer einheitlichen Produktions- und einer eigenen Softwareplattform mit dem im Jahr 2020 eingeführten, konzernweiten Betriebssystem "VW OS". Das ist eine der zentralen Kernaussagen des "VW"-Vorstands anlässlich der Jahrespressekonferenz 2021 zur technologischen Entwicklung beim Wolfsburger Autobauer. Die Digitalisierung beim größten europäischen PKW-Hersteller besteht aus drei zentralen Themenfeldern: 1. einem eigenen Betriebssystem, 2. automomem Fahren und 3. digitalen Mobilitätsdienstleistungen. Innovationstreiber im Konzern ist der elektrische Vorreiter "Audi". 

Thomas Keup mit allen aktuellen Daten und Fakten aus Wolfsburg und Ingolstadt:

Die digital-vernetzte Zukunft der Elektromobilität hat für den Diesel-Sünder "Volkswagen" vor gut einem Jahr alles andere als hoffnungsvoll begonnen: Mit Einführung seiner neuen IT im "E-Golf 8" und im "ID 3" geriet "VW" auf Grund fehlerhafter Funktionen massiv in die Kritik. Bis zu 2,7 % aller neuen "ID 3" kreppierten nach Insiderangaben - pro Tag im Großraum Hannover allein bis zu sechs Stück, so Medienrecherchen. Auch bei der Edeltochter "Porsche" lief es nicht so ganz rund: Für ein Software-Udate des bis zu 186.000,- € teuren Elektro-"Taycan" wurden die Kunden schnellstmöglich in die Werkstätten beordet. Statt "Over-the-Air" gab es "
Over-the-Workbench" lästerte die Community.

In den vergangenen Monaten waren in Interviews, Beiträgen und Veröffentlichungen erste Fakten zur Zukunft fernab von Pleiten, Pech und Pannen bekanntgegeben worden, ganz zum Mißfallen von Großaktionär Wolfgang Porsche. In den drei Jahrespressekonferenzen des Konzerns und der Marken "Audi" und "VW" im März d. J. kam eine hoffnungsvolle Zukunft auch nur stückchenweise zum Vorschein. Mit der Sortierung aller Zahlen und Daten zu Elektromobilität, Bauplattformen, Betriebssystem, Entwicklung und künftigen Geschäftsmodellen beginnt am Himmel über Wolfsburg ein wenig die solare Zukunft durchzuscheinen. 

NEUE PLATTFORM-STRATEGIE:

Einheitliche Hardware, Software und Batterien für alle Segmente.
Grafik: VW AG

Der niedersächsische Automobil-Konzern konzentriert seine PKW-Produktion mit z. Zt. gut 9 Mio. Fahrzeugen im Jahr zunehmend auf die konzerneigene E-Mobilitätsplattform für Volumenfahrzeuge namens "MEB", die bereits in den beiden aktuellen Elektromodellen "ID 3" und "ID 4" eingesetzt wird. Sie besteht aus einem "Batterie-Skatebord" unter der Fahrgastzelle sowie Antriebseinheiten an Vorder- und Hinterrädern, benötigt nur noch drei digitale Steuereinheiten, statt bislang bis zu 16 Rechnern in einem "E-Golf". Die "MEB"-Bauplattform wird in den kommenden gut vier Jahren vor allem in kleinen und mittleren Fahrzeugen der Volumenmarken, wie "VW", Seat" und "Skoda" zum Einsatz kommen. 

Eine Bauplattform für kleine Volumenpflitzer, eine Plattform für dicke Schiffe.

Bereits ab Juni dieses Jahres sind Software-Updates für die Elektro-Fahrzeuge "ID 3" und "ID 4" - wie bereits bei Konkurrent "Tesla" - per Mobilfunk und WLAN geplant. Im kommenden Jahr wird die "MEB"-Plattform um eine Premium-Plattform für Elektromobilität ("PPE") von "Audi" und "Porsche" ergänzt, parallel dazu mit einem Update des konzernweiten Software-Stacks auf "VW OS" 1.2. Dann laufen Coupés, Limousinen und Sportwagen von "Audi", "Bentley", "Lamborghini" und "Porsche" Stück für Stück auf einer gemeinsamen, leistungsstarken Batteriegrundlage. Künftig unterscheiden sich Elektro-Autos von "Audi", "Porsche", "Skoda" oder "VW" vor allem über die unterschiedliche Batterieleistung, nicht mehr über Antriebskonzepte und Motoren. 

Die "MEB"-Plattform für Volumenfahrzeuge von "VW" & Co.
Grafik: VW AG

Ab 2024 eine Batterie- und Produktionsplattform für 80% alle E-Mobile.

So verspricht die "PPE" schnellere Batterieladezeiten, höhere Endgeschwindigkeiten, kürzere Beschleunigung und eine größere Reichweite. Ab Ende 2024 setzt der "VW"-Konzern schließlich eine neue, gemeinsame Batterieplattform in bis zu 80 % aller Neufahrzeuge ein - beginnend mit dem im vergangenen Jahr angekündigten "Tesla"-Jäger "Artemis" aus Ingolstadt - einer "Audi"-Limousine oberhalb des "A8", die im "VW"-Nutzfahrzeuge-Werk in Hannover vom Band rollen soll. Die neue Batterieeinheit ist Basis für die gleichzeitig ausgerollte "Scalable System Platform - SSP" für die meisten Konzern-Elektromodelle - verbunden mit einem neuen Geschäftsmodell: zusätzlich freischaltbarer Batterieleistung. In Verbindung mit einem neuen Major-Release von "VW OS" auf die Version 2.0 folgt "Volkswagen" dem "Tesla"-Konzept eines erweiterbaren Computers auf vier Rädern - wenn sie es denn schaffen.

Digital-vernetzte Produktion in Neckarsulm - und dann in Wolfsburg.

Die Kernkompetenz für Elektromobilität im "Volkswagen"-Konzern liegt in Ingolstadt: "Audi" brachte vor 3 Jahren mit dem "E-Tron" den ersten serienreifen Stromer auf die Straße - ein Modell, dass heute international neben "Tesla" führend unterwegs ist, in Norwegen sogar vor allen Benzinern. In vier Jahren wollen die Ingolstädter weltweit mehr als 20 vollelektrische Modelle auf den Markt bringen - mit einem Drittel Elektroflitzern unter allen zugelassenen Neuwagen. Bei "Audi" wird die Kompetenz u. a. im Stammwerk Neckarsulm gebündet - mit digital-vernetzter Produktion des küfntigen "Q6 E-Tron" auf einer ehemaligen "A3"-Linie und einer neuen Batterieproduktion mit allein 70 Robotern. Dazu kooperiert "Audi" in der Rhein-Neckar-Region mit der IT-Industrie sowie der TU in München.

Sechs Gigafabriken in Deutschland, Schweden, der Tschechei und Katalonien.

Neben der "Audi"-Gigafabrik in Neckarsulm spielt vor allem der "VW"-Standort Salzgitter mit einer Gigafactory für die Einheitszelle des Konzerns eine Rolle, die ab 2023 in rd. 80 % aller Fahrzeuge und ab 2024 über die neue "SSP"-Plattform zum Einsatz kommt. Neben den beiden großen Konzernmarken und Standorten in Deutschland baut auch "Skoda" eine Gigafactory in der Tschechei und "Seat" zusammen mit "Iberdrola" in Katalonien. Als erste Fabrik wird "Volkswagen" zusammen mit seiner schwedischen Beteiligung "Northvolt" 2023 im südschwedischen Skellatea mit der eigenen Batterieproduktion starten, Im Moment pilotiert der Konzern seine Batterieentwicklung am Komponentenstandort Salzgitter in Ost-Niedersachsen. 

KONZERNWEITE SOFTWARE:

Mit "VW OS" zum Computer auf vier elektrisch angetriebenen Rädern. 

Eine integrierte Software-Plattform für Automobil-Bereiche.
Grafik: VW AG

"VW" will seine einheitliche Software-Plattform "VW OS" für elektrische Antriebe, intelligente Assistenzsysteme, vernetzte Fahrzeuge, autonomes Fahren sowie digitale Anwendungen und Mobilitätsservices zu rd. 60 % selbst entwickeln - um alle kritischen, prüfungsrelevanten Funktionen im Griff zu haben. Dies betrifft den eigentlichen Betriebssystemkern von "VW OS" ebenso, wie alle entscheidenden Fahrzeugfunktionen - z. B. Bremsen und Notfallsysteme. Aktuell sind es rd. 10 % "VW"-Eigenleistung bei der PKW-Software. Noch läuft es bei der Fortentwicklung von "VW OS" jedoch eher in Trippelschritten, so Insider. Auch künftig soll nicht jede Mobilitäts- und Service-App von der eigenen Software-Group entwickelt werden, wie Kooperationen mit "Accenture" (bei "Audi") oder "IBM" (bei "Volkswagen") zeigen.

TECHNOLOGIE-ENTWICKLUNG:

Die neue gemeinsame Datenplattform für autonomes Fahren bei VW.
Grafik: VW AG

"VW" entwickelt für das autonome Fahren zusammen mit "Microsoft" eine "Automated Driving Platform - ADP" (nachzulesen auf HANSEMACHINE.de). Die Cloud-, Daten- und Machine-Learning-Dienste von "Microsoft Azure" werden Basis für den Aufbau der zentralen Entwicklungsumgebung für die weltweiten Teams der Software-Organisation sein. Die Belegschaft für die Entwicklung des autonomen Fahrens bei der Software-Gruppe soll in den nächsten Jahren zudem weiter ausgebaut werden. Als Sollbruchstelle für autonomes Fahren nannte "VW"-Konzernchef Dies den "Big Loop"-Prozess mit Auswertung von Kamerabildern. Hier soll auch mehr Einfluss auf die Grafikchip-Hersteller, wie "Mobile Eye" und "Nvidia" genommen werden.

Die Vision: Millionen von "Volkswagen" online-vernetzt unterwegs.

Ab 2026 - so ist es in einer Meldung der "VW"-PKW-Sparte zu entnehmen - wird "Volkswagen" damit beginnen, den dann an den Start gehenden "Trinity" - aus dem digitalisierten, vernetzten und damit intelligenten Stammwerk in Wolfsburg - und alle weiteren autonomen und online ansprechbaren Fahrzeuge zu einem neuronalen Netz zu verknüpfen. So sollen die elektrisch rollenden Computer auf vier Rädern kontiulierlich Daten austauschen - z. B. zu Wetterbedingungen, Straßenlage oder Unfällen. Millionen von Fahrzeuge von "Audi" über "Cugar" bis zu "Porsche", von "Seat über "Skoda" bis zu "VW" werden eine vernetzte Flotte bilden, so das Konzept. 

Software-Group als größter deutscher Technologie-Anbieter nach "SAP".

Langfristig sieht der nicht unumstrittene Konzernchef Herbert Dies die "Car Software Group" des "Volkswagen"-Konzerns als zweite führende Software-Gesellschaft aus Deutschland - nach "SAP" aus Waldorf. Software für den Automomobilsektor sei die einzige verbliebene Chance für digitale Technologien aus Europa, so der Vorstand. "Volkswagen" sieht sich in diesem Zusammenhang künftig als einer von wenigen globalen Anbietern umfassender Software-Plattformen für die Automobilbranche. Aktuell integriert der Konzern dafür 15 IT-Töchter und übernommene Beteiligungen. Bereits ab 2023 wird die Software-Plattform auch bei "Ford" in Köln für ihre Elektrofahrzeuge eingesetzt werden.

AUTONOMES FAHREN:

Sammeln in Hamburg Daten für autonome Mobilitäts-Dienste von VW.
Foto: Moia

Automomes Fahren in der vollen Ausbaustufe Level 4 soll ab 2024 bei der Premium-Tochter "Audi" serienmäßig möglich werden. Basis für das autonome Fahren sind die Assistenzsysteme von "VW Travel Assist" (mit Level 2+). "Audi" hat Anfang 2020 die Führung für die - aus den "Audi"- und "VW"-IT-Töchtern entstandene - Software-Entwicklung im Konzern übernommen (die HANSENEWS berichteten). Die Hälfte aller Mitarbeiter der neuen "Car Software Group" mit bis zu 10.000 Ingenieuren in 2025 beschäftigt sich bereits heute mit autonomen Funktionen. Aktuell arbeiten rd. 4.000 Mitarbeiter an der einheitlichen Software-Plattform für die 12 Konzernmarken aus sieben europäischen Ländern und das autonome Fahren.

Der "Trinity" aus Wolfsburg: das "Software Dream Car"?!

Mit "Trinity" hat sich "VW" eine besonders große "Möhre" vor die Nase gehangen - "Software Dream Car" genannt. Das erste vollautonome Elektrofahrzeug der Marke soll ab 2026 im dann digital-vernetzten Werk in Wolfsburg vom Band laufen. Mit dem Flachsitzer plant der Konzern auch neue Geschäftsmodelle einzuführen. Dazu gehören neben der digitalen Erweiterung von Entertainment-Funktionen - z. B. mittels Augmented Reality in der Frontscheibe - digitale Services für Zeit zu Zweit via Videofunktion oder ein digital vernetzter Arbeitsplatz, wenn  Autofahrer ohne Hände am Lenkrad über die Autobahn rollen. Markenvorstand Ralf Brandstätter träumt bereits von einer "Zeitmaschine, die Kunden Zeit schenkt und Stess erspart".

Das erste "VW"-Massenmodell für autonomes Fahren.

Konzeptstudie des autonomen "VW Buzz" für den US-Markt und Flotten.
Grafik: VW AG

Das autonome Fahren wird ein kostenpflichtiger Digitalservice werden. Brandstätter verspricht zugleich, "Trinity" für viele Kunden bezahlbar zu machen. Dabei sollen die in vielen Fahrzeugen genutzten Komponenten beitragen, wie die einheitliche Produktionsplattform (dann "SSP"), das gemeinsame Betriebssystem ("VW OS") und neue, günstige Produktionsverfahren in Wolfsburg, wie die Leichtbauweise. Parallel zu "VW" entwickelt die Technologieschmiede "Audi" in Ingolstadt unter dem Projektnamen "Apollon" autonome Fahrzeuge im Luxussegment, z. B. SUVs, während das "VW"-Projekt "Trinity" auf Flachsitzer wie Coupés und Limousinen abzielt. 

Jedermann auf der Autobahn - und "Moia" in der Innenstadt.

Parallel zum autonomen Fahren außerhalb der Städte treibt "Volkswagen" mit dem amerikanischen Joint Venture "Argo AI" autonome Services für Flotten voran. Auf Basis der Infrarotlicht-Technologie "LiDAR" wird "Argo" als Beteiligung von "Ford" und "VW" autonome Mobilitäts- und Transport-Services ("MaaS" + "TaaS") entwickeln. Die Besonderheit liegt auf komplexen Umgebungen in Innenstädten mit Fußgängern, Radfahrern und Hunden - bei gleichzeitig geringer Geschwindigkeit. Das testet der Konzern aktuell in Hamburg rund um die Alster und in der Hafencity im Rahmen des Senats-Projekts "TAVF". In Zukunft wird das "Argo-LiDAR"-System, der elektrische "Bulli"-Nachfolger "ID Buzz" aus Hannover und der Shuttleservice "Moia" aus Hamburg und Hannover zu einem neuen Mobilitätsangebot vereint.

DIGITALE GESCHÄFTSMODELLE:

Vierstufige Strategie zu Elektrifizierung und Digitalisierung.
Grafik: VW AG

Neben aktuell bereits bestehenden Assistenzsystemen, zunehmend intelligenten Fahrzeuggehäusen sowie digital-vernetzten und künftig kontinuierlich upgedateten Automobilen, dem eigenen Software-Betriebssystem und dem automomen Fahren über die gemeinsame Datenplattform "ADP" sowie die "LiDAR"-Technologie wird "VW" seine Mobilitätsdienstleistungen weiter vorantreiben. Dazu gehören die Kurzzeit-/Vermietungsservices von "We Share" ebenso, wie die Fahrdienste von "Moia" und neuartige Geschäftsmodelle, wie Fahrzeug-Abonnements - vergleichbar mit "Volvo". Die ersten Abos sollen bei "VW" in diesem Jahr zunächst in sechs deutschen Städten für den "ID 3" verfügbar sein. Abos sollen neue, junge Käuferschichten für Mobiltität auf eigenen vier Rädern zurück-/gewinnen. 

Nutzungsmodelle von Stunden und Tagen über Monate bis zu Jahren.

Auch die bayerische Tochter "Audi" setzt ab 2. Quartal '21 auf Abo-Modelle - und erläutert, wie die All-Inklusive-Pakete einzuordnen sind: Während die Kurzzeit-Nutzung von Fahrzeugen über Minuten und Stunden bis zu max. 28 Tagen mittels "Pay-per-Mile" läuft, sind Pauschal-Abonnements für eine Nutzungsdauer von einem bis 12 Monaten angedacht. Darauf aufbauend kommen die Leasingmodelle für ein bis drei Jahre - oder länger. Was in Ingolstadt mit der eigenen Abo-Plattform über die Digitalservices "Audi on demand" vorgedacht wurde, wird so und ähnlich auch bei "VW", "Seat", "Skoda" & Co. in Zukunft für verschiedene Kundengruppen wiederzufinden sein. Unter dem Strich fließen die Erfahrungen in eine gemeinsame Vermarktungsplattform der Braunschweiger "Financial Services" ein.

Abos, Flatrates und individuelle Angebote für digitale Fahrzeugnutzer.

Schließlich denkt man in den "VW"-Digitallaboren über buchbare Zusatzfunktionen für die künftig vollvernetzten vier Räder nach. Dazu gehört eine Ladeflatrate, die bei hohem kW-Bedarf ad-hoc zugebucht werden kann. Auch das gute, alte Infotainmentsystem steckt voller Zusatzgeschäfte, wie z. B. individuell buchbarer Navigationsrouten. Die Ideen sollen zunächst bei Elektromodellen ausgerollt und später bei allen Fahrzeugmodellen Wirklichkeit werden. Unter dem Strich will der Fahrzeughersteller zu einem "softwareorientierten Mobilitätsanbieter" werden. "Audi"-Vertriebsvorständin Hildegard Wortmann unterstrich in der Jahrespressekonferenz, dass die Services von "Audi", "VW" & Co. allerdings nicht vergleich- und austauschbar sein sollen.

Von Elektromobilität über autonomes Fahren bis zu digitalem Business.

Das einheitliche Betriebssystem "VW OS" und eine neue agile Projekteinheit tragen vor allem zum Erfolg der digitalen Geschäftsmodelle bei: "ID digital" kümmert sich um die alle 3 Monate geplanten Software-Updates "over-the-air" mit Verbesserungen und neuen Anwendungen für die "ID"-Elektroflotte. Schon in 2 Jahren sollen insgesamt 500.000 vernetzte "VW"-Elektrofahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein und regelmäßig upgedated werden - Grundlage für die künftige neuronale Vernetzung. Die "ID"-Produktfamilie wird damit neben "Audis E-Tron" zum Vorreiter für skalierbare, softwarebasierte Individualmobilität - mit dem "ID 4" in Europa ebenso, wie in China und den USA. In den kommenden Jahren erwartet der Konzernvorstand Erlöse aus digitalen Services in dreistelliger Millionenhöhe.

FEHLENDE COMPUTERCHIPS:

VW-Konzernchef Herbert Dies muss für die Zukunft Farbe bekennen.
Foto: VW AG

"Wir sind im Häuserkampf" pointierte Konzern-Beschaffungs-Vorstand Murat Aksel zur "VW"-Marken-Pressekonferenz die kritische Situation bei der Zulieferung von 54 Nanometer-Chips beim weltweit produzierenden Autobauer mit seinen 118 Werken in 30 Ländern Europas, Amerikas und Asiens (von "Ducati" über alle Automarken bis zu "MAN" und "Scania"). Grund: "VW" steht z. Zt. in direktem Konkurrenzkampf um die - mit der Corona-Pandemie in den Branchen IT, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik - verstärkt nachgefragten Prozessoren, z. B. mit "Apple", "Huawei" oder "Samsung". Mit dem Anziehen der Nachfrage nach Fahrzeugen im 4. Quartal '20 geriet der Hersteller wie viele seiner Konkurrenten in Produktionsengpässe für die - vor allem durch "Bosch" und "Continental" - zugelieferten Steuerungseinheiten mit den integrierten Chips.

100.000 nicht produzierte Fahrzeuge durch weltweit akuten Chipmangel. 

Konzernchef Herbert Dies geht aktuell von einem Verlust von 100.000 nicht produzierten Fahrzeugen, Vorstandskollege Aksel von Engpässen über das gesamte Jahr 2021 aus. "VW" PKW-Finanzvordand Alexander Seitz rechnet frühestens im 2. Halbjahr mit einer leichten Entlastung, u. a., da der Konzern auf eine alternative Rechnerarchitektur zurückgreifen will. Bis dahin sorgt eine 40-köpfige Task Force weltweit jeden Tag für eine einigermaßen ausreichende Chipversorgung in den Werken. "Audi"-Finanzvorstand Arno Antlitz bestätigte in der Ingolstädter Jahrespressekonferenz vor den internationalen Medien, dass sich die angespannte Situation bei der Chipversorgung frühestens im kommenden Jahr entspannen werde. Voraussetzung: Neue Chip-Fabriken, was im Schnitt 18 bis 24 Monate dauert.

Direktbezug von Mikrochips - wie bei seltenen Rohstoffen für PKW.

Konzern-Chef Dies kündigte an, Halbleiter in Zukunft - wie bereits andere seltende und global gehandelte Rohstoffe - z. B. beim führenden Lieferanten "Infinion" - selbst einzukaufen und sich nicht mehr auf die großen Automobil-Zulieferer, z. B. "Bosch" und "Continental", (allein) zu verlassen (HANSEVALLEY berichtete). Unter dem Strich haben die Zulieferer ihre OEM-Kunden wohl unverhofft hängen gelassen, während die Chiphersteller ihre Chancen im Corona-Lockdown für Smartphones und Tablet-PCs, Laptops und Webcams genutzt haben. Das Klima zwischen den Tier 1-Lieferanten und den OEM-Produzenten in der Automobilindustrie gilt aktuell edenfalls als äußerst angespannt.

STANDORTE FÜR ELEKTROMOBILITÄT:

Das "VW"-Stammwerk in Wolfsburg produziert ab 2026 den "Trinity".
Foto: VW AG

"Volkswagen" erwartet, dass bereits in vier Jahren 20 % aller ausgelieferten Fahrzeuge elektrisch angetrieben sein werden. Bei "VW" waren es im vergangenen Jahr 212.000 Stück, 2021 werden bis zu 450.000 verkaufte Fahrzeuge vor allem vom Typ "ID 3" und "ID 4" erwartet. In 2030 plant der deutsche Autobauer weltweit über alle Marken hinweg 50 % seiner Modelle mit Elektroantrieb herzustellen. Bei der Wolfsburger Stammmarke sollen es sogar 70 % sein - europaweit. In neun Jahren sieht der Konzernvorstand den generellen Durchbruch der Elektromobilität bei der Zulassung von Fahrzeugen im Vergleich zu konventionellen Antrieben. 2035 sollen dann bereits rd. 40 % aller Fahrzeuge weltweit auch autonom unterwegs sein. Übergeordnetes Ziel für den "Diesel-Schmutzfink": CO2-neutral bis 2050.

Die Heimat der Elektroproduktion wird in Niedersachsen sein.

Norddeutschland spielt beim Wandel zur Elektromobilität für den Konzern eine herausragende Rolle. Allein in Niedersachsen arbeiten rd. 120.000 Menschen für "VW" (3 % aller Beschäftigten im Flächenland). So werden die Werke in Emden ("ID"-Klein- und Mittelklassewagen) und Hannover ("ID Buzz") ab kommendem Jahr E-Fahrzeuge produzieren, das Werk in Wolfsburg (Projekt "Trinity") ab 2026. Dazu kommt ein neuer Hybrid in Osnabrück ("Arteon Shooting Brake") und eventuell ein "ID 3" für die Friedensstadt. Schließlich spielt die Produktion von Komponenten in Braunschweig und Salzgitter (Batterien) eine Rolle. Heute baut "VW" seine Elektrofahrzeuge an den sächsischen Standorten Dresden mit der "Gläsernen Fabrik" ("ID 3") und ("Sachsenring") Zwickau ("ID 3", "ID 4" + 4 künftige Konzernmodelle).

Zukunftsweisende Elektromobilität aus Martorell bei Barcelona.

Die Zukunft der Elektromobilität "Made by VW" wird allerdings ganz woanders entwickelt: Der "Seat"-Standort Martorell unweit von Barcelona soll mit millionenschwerer Förderung aus den Corona-Mitteln der Europäischen Union und Unterstützung der spanischen Zentralregierung zum "E-Mobility-Hub" für den Konzern werden. Die Entwicklung der im Süden populären Kleinwagen wird hier u. a. im Fokus stehen. 
Lässt sich "Tesla" mit Millionen-Beiträgen in Brandenburg fördern, setzt "Volkswagen" auf Katalonien. Zugleich macht die Luxustochter "Audi" in Ingolstadt zusammen mit "VW" im Geheimprojekt "Artemis" in einem eigenen Startup-Schnellboot Jagd auf "Tesla" - auf Grund der mangelnden Reife von "VW OS" allerdings bereits mit sechs Monaten Verzögerung, so "Business Insider". Der "Landjet" soll es mit der dann neuesten Generation des "Tesla Model S" aufnehmen.

SEAT-Headquarter und R&D-Standort in Martorell bei Barcelona.
Luftbild: Seat SA

ALLES WIRD DIGITAL BEI "VW":

Auch beim größten deutschen Automobilbauer ist die Zukunft online eingezogen: 2020 führte die Marke "VW" in 112 Ländern eine neue, einheitliche Website ("One Hub") mit einem neuen Konfigurator ein. Erste messbare Erfolge: Bislang schauten sich über 430 Mio. Besucher auf der "VW"-Seite um. 87 Mio. mal konfigurierten Interessierte einen neuen Wagen - 35 % mehr als über die alte Website im Jahr zuvor. Daraus entstanden rd. 700.000 Kundenkontakte, die an die Händler gingen. Aktuell können Kunden ihren neuen "ID 3" oder "ID 4" komplett online konfigurieren. Ab Sommer '21 startet "Volkswagen" auch den Kaufabschluss über das Internet - einschließlich Leasing und Finanzierung. Dazu kommt ein Online-Marktplatz für Lagerfahrzeuge und Gebrauchtwagen - zunächst für Deutschland, gefolgt von weiteren EU-Ländern.

Vom Autohändler zur Onlineberatung zum E-Commerce-Erlebnis.

Wie das Thema E-Commerce in der weiteren Ausbaustufe aussehen kann, zeigt ebenfalls die Innovationstochter "Audi": Hier startet mit der starken Jahreshälfte im Herbst '21 eine umfassende Online-Shopping-Plattform - von der Konfiguration über die Bestellung inkl. Leasing und Finanzierung, von der verbindlichen Reservierung von Lager- und Gebrauchtfahrzeugen bis zum Buchen von Wartungs- und anderen Servicepaketen. Was 2017 mit einem Online-Marktplatz in Ingolstadt begann, wird bei "Audi" in diesem Jahr (noch) gemeinsam mit seinen Händlern zu einem umfassenden Online-Shopping-Angebot, dass den Besuch im Autohaus weiter zur Rarität werden lassen könnte.

Beratung via Virtual Reality - powered by "Sinner-Schrader" Hamburg.

Wie die Zukunft aussehen kann, zeigen die Ingolstädter in ihrer während der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr gestarteten Live-Beratung. Dabei gehen Kundenberater mit einer AR-Brille durch den Showroom und zeigen dem Kunden am Bildschirm zu Hause Fahrzeuge, Fahrgastzellen, Ausstattungsdetails und Optionen für Lackierung und Innenausstattung. Heute bieten laut aktueller "Audi"-Mitteilung alle Händler deutchlandweit den AR-Service mit der virtuellen Beratung über das Netz an. Dahinter steht neben der "Audi Business Innovation GmbH" auch die bekannte Hamburger Digitalagentur "Sinner-Schrader" - heute ein Teil von "Accenture digital".

Der neue virtuelle "VW"-Autosalon im Internet.
Illustration: VW AG

Für den "Volkswagen"-Konzern geht es in den kommenden Jahren um nicht weniger als einen Paradigmenwechsel vom Fahrzeugbauer mit der Denke in Marken und Fahrzeugen sowie Plattformen und Bauteilen zu einem Dienstleister für nachhaltige Konzepte und digitale Kundenerlebnisse rund um individuelle Mobilität. Mit einem eigenen "TE-Masterplan" will die "Volkswagen AG" den Wandel mit einem neuen Modell der Zusammenarbeit meistern. 

Bei "Audi" haben agile Methoden bereits bei der Entwicklung digitaler Angebote Einzug gehalten. Der Software-Stack wird immer wichtiger, als die Blechkarosserie. Zugleich werden die Ingolstädter sowohl die "PPE"-Plattform als auch neue Produkte mit der schwäbischen Schwester "Porsche" aus Zuffenhausen zusammen entwickeln, die Elektromobilität mit der neuen Stiefschwester "Bentley" in England - Kollaboration unter Luxusmarken.

Der Kulturwandel für die weltweit gut 660.000 Belegschaftsangehörigen bei "Volkswagen" in 30 Ländern rund um den Globus wird die Archillesverse, ob es der Automobilkonzern mit Volumenherstellern, Luxusmarken sowie Motorrad- und Sportwagen-Manufakturen in die nachhaltige, digital-vernetzte Zukunft schafft - oder von "Tesla" & Co. auf die Plätze verwiesen werden wird. Im Moment wird laut Insidern "Porsche" mangelndes Interesse an "Artemis" vorgeworfen und "Audi" ein schlechtes Projektmanagement. Und auch die Fusion der konzernweiten IT zur "Software Group" schmeckt einigen Marken gar nicht.

Die Chancen für die Wolfsburger Top-Manager mit ihrer skalierbaren Plattformdenke sind mit den neuesten Strategien durchaus realistisch, wenn sie - wie Wolfgang Porsche es jüngst im Kreis der Eigentümerfamilie fordert - "den Mund nicht so voll nehmen", heißt: weniger Sabbeln, mehr schaffen.

Die Rede von "VW"-Konzernchef Herbert Dies kann hier abgerufen, von "VW"-Markenchef Ralf Brandstätter hier gedownloaded werden. Einen Überblick zur Elektromobiltität bei "VW" gibt es auf der Konzern-Presseseite.

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Das Hanse Mobility Magazin: hansemobility.de



Dienstag, 30. Juni 2020

HANSESTATEMENT: Wir alle sind ein Stück Wirecard.

Ein Hanse Digital Statement von
Chefredakteur Thomas Keup
* Update *

Nur ein Betrüger unter Deutschlands Wirtschaftsunternehmen: Wirecard.
Foto: Leo Molatore, Lizenz CC BY-SA 2.0

Blamage! Betrug! Beschiss! Die Kraftausdrücke zum "Wirecard"-Desaster können nicht kräftig genug sein. Schummelei! Sauerei! Skandal! Die Kommentatoren der Wirtschaftspresse haben alle Hände voll zu schreiben. Zumindest für ein, zwei Wochen - bis der nächste Aufreger übern Hof gejagt wird. Anders ausgedrückt: Der Beschiss ist an der Tagesordnung. Beispiele? Kursbetrug durch die "Deutsche Bank". Abgasbetrug durch "Volkswagen". Und jetzt Bilanzbetrug durch DAX-Neuling "Wirecard". Wir alle sind ein Stück "Wirecard" - jeden Tag, jeden Monat, immer wieder:

In Gesprächen mit unserer Frankfurt-Korrespondentin Yvonne Hess kam die langjährige Bankerin und Finanzmarkt-Expertin immer wieder zu einer rhetorischen Frage: 'Wieso gibt es Wirecard immer noch?' Nein, wir wissen als Digitalmagazin nicht mehr, als die britischen Kollegen der "Financial Times" und wir versuchen auch nicht, die Arbeit der Hamburger Kollegen von "finanz-szene.de" zu toppen. Aber durch unsere Einblicke in die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main sehen wir bestimmte Dinge. Und sind erschrocken.

Dreh- und Angelpunkt ist Gier.

Eigentlich wollte ich den systematischen und den Wirtschaftsprüfern von "Ernst & Young" offenbar bekannten Bilanzbetrug eines oberbayerischen Finanzdienstleisters nicht zum Thema machen, obwohl "Wirecard" als Zahlungsdienstleister für Bank- und Kreditkarten mit technologischen Vorteilen geworben hat. Inwiefern die frühere Bank hinter "N26", hinter "Allianz"-Mobile Payment sowie "Holvi"- und "Kontist"-Kreditkarten samt "Aldi"-Kartenterminals tatsächlich technologisch fortschrittlich ist, spielt nicht wirklich eine Rolle - dank digitaler Wettbewerber wie "Ayden" aus den Niederlanden oder "Concardis" aus Deutschland.

Der Dreh- und Angelpunkt des "Wirecard"-Betrugs ist ganz einfach: Gier. Gier, die wieder einmal eine Menge Hirn gefressen hat. Gier, die nicht etwa wenige verantwortungslose Top-Manager in der Chefetage von "Wirecard" in Aschheim bei München allein betrifft. Sondern eine Gier, die seit Ende der 70er Jahre zunächst in den USA, dann in West-/Europa und nun auch in Asien systematisch zum Geschäftsprinzip erhoben worden ist. Die Stichworte: "Business Administration" - statt Kaufmannslehre, "Business Opportunities" - statt Unternehmenswerte, "Quick Wins" - statt Nachhaltigkeit.

Asset Business Administration. 

Das alles erlernen "Business Administratoren" in Bachelor- und Master-Studium - statt Diplomstudiengängen - vor allem an "Business Schools" - statt Hochschulen. Die Folge: Eine "Otto Group", in denen genau jene Absolventen nach vermeintlich trackbaren KPIs die "Assets" wie "Otto.de" und Co. kaputt managen. Die Konsequenz: Kunden, die sich von überforderten Supporterinnen genervt und von überlasteten "Hermes"-Paketfahrern hängengelassen fühlen, flüchten zu "Amazon" und zu "Alibaba". Und die "Otto Group"? Deren Sprecher verunglimpft kritische Redakteure, sodass der Staatsanwalt das Wort bekommt.

Hinter der Trackbarkeit von allem und jedem steht eine Wirtschaftsphilosophie der Harvard Universität - einschl. kommerzieller Bachelor- und Masterstudiengänge. Mit US-Präsident Ronald Reagan wurde die Methode des gnadenlosen Kapitalismus Anfang der 1980er in den USA hoffähig, mit dem Export von Business Schools weltweit ausgerollt, mit der Übernahme von Bachelor und Master 1999 in Deutschland und Europa verankert. Bologna lässt grüßen. Genauso, wie die Politik: Mit den Hartz-Gesetzen von SPD-Kanzler Schröder und dem menschenverachtenden "Hartz IV" war 2005 der Dammbruch perfekt.

Wer im Glashaus sitzt, und so ...

Spätestens mit der kontinuierlichen Angst um den Verlust des eigenen Jobs, der eigenen Zahlungsfähigkeit und damit von Familie und Existenz gilt: "Geiz ist geil" - und das heißt in Psychologie-Deutsch: "Gier ist geil". Beispiel 1: Schnäppchenjäger*innen mit "Lidl-Ticket", die Geschäftsreisende hysterisch anbrüllen, wenn diese die für Vielfahrer reservierten Sitzplätze im ICE beanspruchen - verteidigt von der Chefkundendienstlerin der Bahn in Frankfurt. Weil man neue Kunden gewinnen will. Und da ist sie, die nimmersatte Gier. Beipsiel 2: Angestellte BWLer, die am Jahresende dank Verbrauchertipps auch die letzten Steuerschlupflöcher nutzen, um ihre Einkommenssteuer wegzudrücken.

Sie sind steuerehrlich? Sie sind niemals gierig? Dann werfen Sie bitte den ersten Stein. Doch Vorsicht! Vielleicht sitzen Sie ja doch im Glashaus. Das Grundprinzip der über Preis geweckten Gier macht sich auch Ihr Bankberater z. B. bei der Sparkasse zu Nutze, wenn er Ihnen mit Musterkurven hauseigene Verbundfonds und Versicherungen andreht. Das nennt man dann "Teaserprodukte". Die Möglichkeiten der globalen Abrufbarkeit von Informationen, Hintergründen und Einordnungen über das Internet haben Geschwindigkeit und Intensität des Beschisses an allen Ecken und Enden weiter massiv beschleunigt.

Die Online Marketing Abzocke.

Wenn die "Stiftung Warentest" in Sichtweite unseres Berliner Firmensitzes Verbrauchern empfiehlt, die "Vergleichsportale zu vergleichen", wenn Sie als Leser die nächste Anschaffung von Fernseher, Waschmaschine oder Bausparvertrag und Familienauto in nächtelanger Online-Recherche vorbereiten, sind sie mittendrin in der gesellschaftlich seit 2002 mit "Geiz ist geil" etablierten Form das Sparens, des Geizens, des Abzockens. Und das hat sich mit dem Online-Handel eine ganze Industrie zu Nutze gemacht: Die Online Marketing-Branche - einschließlich des vom Hamburger Senat mitfinanzierten AbzockMarketing-Festivals "OMR".

Wo wir bei rücksichtslosen Geschäftemachern sind: Jetzt ist der Aufschrei groß, "Facebook" toleriere Hass und gestatte Falschmeldungen. Jetzt schwingen sich 90+ Werbekunden als Gutmenschen auf. Jetzt, nachdem "Ben & Jerrys", "Coca-Cola", "The North Face" und "Unilever" uns über Jahre systematisch ausspioniert haben, nachdem ihre Marketing-Abteilungen über Jahre geschwiegen haben zum illegalen Verkauf von Nutzerdaten. Es ging ja nur um Werbung aka Profit. Wie verlogen ist das denn? Und wir alle wissen spätestens seit Anfang 2018 durch "Camebrigde Analytica", dass wir mit unseren vertraulichen Daten bezahlen. Aber die Gier nach einem Gratis-Account für bunte Essensbilder war größer.

Per Auktion zum Profit plus.

Warum verfolgen Sie Rucksäcke, Sneakers oder Fernseher über diverse Internetseiten hinweg, nachdem Sie diese in einem Onlineshop gesehen haben? Weil eine ganze Industrie darauf getrimmt ist, Sie zu verfolgen und zum "Checkout" zu treiben, damit Sie "konvergieren", so die neudeutschen Begriffe für Kassenzone und Kaufabschluss. Und weil der E-Commerce heute "Karstadt" und "Kaufhof" entgültig platt macht und Marktpätze morgen "Otto" und "ECE" das Genick brechen, haben sich die Online-Marketer gleich noch was einfallen lassen.

Was die Rinderauktion in Holstein und die Tulpenauktion in den Niederlanden können, das können Online Marketer schon lange: So werden Anzeigenplätze auf Internetseiten und in Mobile Apps per Auktion vergeben. Damit sind "Google", "Facebook" und die nach China verkaufte Mobile Advertising-Plattform "Smaato" groß und reich geworden. Nichts gegen Geldverdienen. Aber auch hier gilt das Prinzip der Gier, oder anders ausgedrückt: "Haben müssen" treibt den Preis hoch. Nicht Ihr Thema? Dann haben Sie noch nie alten Plunder über "Ebay" per Auktion vertickt? Sehen Sie? Nix anderes, als Online Marketing.

... und alle machen mit, gell!?

Was haben Schnäppchen-Angebote und Online-Auktionen mit "Wirecard" zu tun? Über die vergangenen 21 Jahre wurde der Shootingstar der deutschen Fintech-Szene systematisch gehypt - von Bankanalysten, die mehr Anleihen und Fondsanteile verticken konnten, von Wirtschaftsjournalisten, die mit der Erfolgsstory mehr Magazine und Online-Abos verhöckern konnten und von (bayerischen) Lokal-/Politikern, die den Traum vom ungebrochenen Wachstum mit 2018 testierten 2 Mrd. € Umsatz, rd. 350 Mio. € Gewinn und mehr als 5.000 Mitarbeitern für sich deklarieren konnten. Wenn das keine Story ist?!

Womit wir bei den kommunikativen Auswüchsen und katastrophalen Folgen des Gier-Prinzips sind: Ich rede von "Storytelling", "Sucess Stories" und "Rainmakern". Ja, wir wollen die Erfolgsgeschichten hören, ja wir wollen sie glauben und ja, wir fallen immer wieder auf das Storystelling nach den "Rainmaker principals" rein. Dabei sind wir gern bereit, den gesunden Menschenverstand abzuschalten. Jetzt wissen Sie, warum HANSEVALLEY so langweilig ist - weil wir kein "Storytelling" bringen und "Rainmaker" bei uns keine Experten für irgendwas sind - besonders keine Bachelor-Absolventen mit weißen Sneakern mit der nächsten weltverändernden "Cutting Edge"-Plattformidee. Danke, reicht.

Wenn VC zu Roulette wird.

Der erwartete Zusammenbruch von bis zu 50% der deutschen Startups in Folge der Corona-Krise, die nach dem amerikanischen Venture Capital-Prinzip (schnell aufsteigender "Rockets") alle 18 Monate ihren vermeintlichen Unternehmenswert verdoppeln, um für die nächste Runde der Risikofinanzierung weiter aufgebläht zu werden, sind das Beispiel für genau jenes US-Gier-Prinzip. Und "Wirecard" hat mit Finanzierungsrunden, Anleihen und schließlich dem Börsengang genau jene Karten gespielt, die jedes Tech-/Startup in Berlin, München oder Köln spielt - auch wenn Hamburg mit seinem "IFB"-Schnarchladen raus ist.

Um nicht auf einen falschen Pfad zu geraten: Wir brauchen mehr mutige Gründer - nicht nur "Copycat"-Startupper. Wir brauchen mehr fundierte Gründungen - wissensbasiert aus den Hochschulen heraus. Wir brauchen mehr finanzielle Unterstützung - statt Gründer in den ersten Jahren über den Tisch zu ziehen und sie im VC-Laufrad im besten Fall 5-7 Jahre für Private Equity-Anleger schuften zu lassen. Die Wette nach dem VC-/Startup-Modell, dass eines von zehn "Unicorns" überhaupt zum fliegen kommen kann, ist sicher keine nachhaltige Idee für fundierte Jungunternehmen - auch wenn es einzelne Beispiele gibt.

Middelhof macht es uns vor.

Gier frist Hirn. Damit wurde und wird schon immer eine Menge Geld verdient. Und die verantwortlichen Manager von "Wirecard" sind einfach ein wenig gieriger gewesen, so, wie die Kollegen bei "Deutscher Bank" und "Volkswagen". Mit etwas Glück werden die ertappten Betrüger dank cleverer Rechtsverdreher eine milde Bewährungsstrafe kassieren, die Strafzahlungen aus der Portokasse bezahlen und im schlimmsten Fall wie Ex-Bertelsmann- und Ex-Karstadt-Plünderer Thomas Middelhof am Ende des Tages mit Büchern und Lesereisen ihr Gewissen erleichtern.

Ob Finanzsenator Olaf Scholz eine härtere Aufsicht fordert oder in China ein Sack Reis umfällt, läuft unterm Strich aufs Gleiche hinaus, denn ändern wird sich nichts. Wir haben das "Minimax-Prinzip" übernommen, bei minimalem Einsatz maximal abzukassieren - mit Schnäppchenjagd, Versteigerungen und hochriskanten Wetten. Das ist mit der Schlacht um die letzten Klopapierrollen bei der "Schlecker"-Leichenfledderei 2012 ebenso in widerlichen Bildern festgehalten worden, wie zu Beginn der Corona-Krise mit Hamsterkäufern und anschließenden "Ebay"-Auktionen von Klopapier. Wie krank kann man im Hirn sein?

Von wegen "ehrbar" handeln.

Wir haben gelernt, Kunden und Partner zu unserem Vorteil über den Tisch zu ziehen - auch und trotz "Ehrbarer Kaufleute" an Elbe und Weser. Eine ganze Zunft von Anwälten lebt davon, dass wir meinen, uns immer einen Schluck mehr aus der Pulle genehmigen zu dürfen. Natürlich kommen irgendwo irgendwelche cleveren "Game Changer" auf neue Tricks und Raffinessen, ihre Finger noch tiefer in die Torte stecken zu können - wie bei "Worldcon" 2001, "Enron" 2002 oder "Lehman Brothers" 2008 - den Originalen "Made in USA". Und so, wie wir das Gier-Prinzip übernommen haben, haben wir auch die Pleiten übernommen. "Wirecard" ist nicht der erste Betrügerladen - und sicher nicht der letzte.

Nein, wir haben nicht gelernt, den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Nein, wir haben nicht verstanden, dass Werte erarbeitet und geschützt werden müssen. Nein, wir haben nicht kapiert, dass wir mit Sneakers "Made in Vietnam"; T-Shirts "Made in Bangladesh" und Handys "Made in China" Menschen ausbeuten - mit Hilfe globaler Logistikketten, die genau das ermöglichen. Jetzt müssen Hamburger Kaufleute sich nicht mehr die Finger schmutzig machen und afrikanische Sklaven in den USA gegen Rohstoffe eintauschen. Jetzt importieren sie einfach Sneakers, T-Shirts und Handys von blutigen Kinderhänden zusammengetackert.

Spreche ich mich von der Verantwortung frei? Nein, denn ich bin ein Teil genau dieses Systems - mit möglichst billigen Konsumgütern, die nach genau 2 Jahren kaputt gehen, mit Schnäppchenjagd und Online-Preisvergleich. Wie jeder von uns. Werden wir das Prinzip verändern können? Sicher nicht von heute auf morgen. Aber wir können unseren gesunden Menschenverstand wieder einschalten und versuchen, nicht zu betrügen - wie Redaktionen, die durch Datenanalyse Beiträge "Keyword-optimiert" texten, um Suchmaschinen zu bescheissen. Und warum? Aus Gier!

Auch wenn wir in tiefen Abhängigkeiten des Systems stecken, die Entscheidung zum harmlosen Schnäppchenjagen, zum eiskalt Abzocken oder zum systematisch Betrügen trifft am Ende des Tages jeder für sich. Niemand kann sich davon frei machen, denn die Gier regiert unseren Alltag, unsere Arbeit, unser Leben. Wir alle sind ein Stück "Wirecard" - und morgen gibt es eine neue Ralley um die Maximierung des eigenen Profits. Ich sehe schon die widerwärtigen Bilder bei der Leichenfledderei von "Galeria Kaufhof" und "Karstadt Sports" auf der Hamburger Mö. Traurig ... 



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Dienstag, 28. Mai 2019

HANSESTATEMENT: MOIAs Mobilitäts-Märchen - eine Zeitreise ganz besonderer Art.


Hamburg Digital Statement


Viele Hamburger wünschen sich ein weiteres Feld:
"Welche MOIA Fahrt?"
Screenshot: HANSEVALLEY

Fast 2.000 Leser über unsere Media-Outlets HANSEVALLEY.de und MEDIUM.com. Unzählige Netzwerkpartner an Alster und Elbe, die von ähnlichen Erlebnissen in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis berichten. Und unsere Informanten bestätigen: Das Chaos bei "Moia" in Hamburg geht weiter: Fahrgäste, die durch die halbe Stadt kutschiert werden, um neue Mitfahrer abzuholen.  

Vor allem aber: Reihenweise Anfragen, die selbst mit stadtweit diskutierten Tricks für die App nicht bedient werden - und ein Pressesprecher, der Märchenstunde macht. Zeit für eine ganz besondere Zeitreise des Hamburg Digital Magazins - mit einem Mobilitäts-Märchen aus Wolfsburg, das zum Gespött Hamburger Innovatoren und Multiplikatoren zu werden droht. Gerd Kotoll ist Protagonist:

Üblicher Weise beginnen Märchen mit: „Es war einmal …“. Im Falle eines Wolfsburger Mobilitätsanbieters lautet der Einstieg ausnahmsweise „Es wird einmal …“.  Dabei wäre „Es hätte wirklich was werden können…“ der bessere Beginn unseres Märchens gewesen. Vor allem: der wahre. Von allen Mobilitätsanbietern in Hamburg ist "Moia" der Auffälligste: das liegt zum einen an den völlig überdimensionierten VW-Kleinlastern aka "E-Crafter", zum anderen an der mit Abstand auffälligen Langsamkeit, wofür offenbar eine unausgereifte Softwareplattform die Ursache zu sein scheint. 


Schaut man sich den Neuling an, ist es gar nicht innovativ und schon gar nicht service-orientiert, Menschen an virtuellen Haltestellen abzuholen, anstatt vor der eigenen Haustür. Zum anderen schafft es wirklich jeder Taxifahrer in Hamburg, mich exakt dorthin zu fahren, wo ich hin will, oft sogar ohne Navi - die heute vor allem den Weg durch Stau und Baustellen-Wirrwarr leiten und nicht etwa die mangelnde Ortskenntnis des Fahrers beheben sollen. 


Das Hauptptoblem von "Moia": Zu wenige Fahrer.
Foto: HANSEVALLEY

Anders bei Moia: hier wird auf Weisung der Software mit der einen oder anderen Runde um den Block noch eine Landeschleife gedreht, bevor der Fahrgast zumindest ungefähr dort abgesetzt wird, wo er wohl hinwollte. Vielleicht wird vorher aber noch ein anderer Fahrgast eingesammelt, was zumindest im Moment aber noch eher die Ausnahme als die Regel ist, denn ein Großteil der bronzierten Crafter transportiert nur einen Gast. 

Dabei sollte Ridesharing die öffentliche Mobilität eigentlich revolutionieren. Dieses Märchen wird aber nicht wahr - jedenfalls bisher nicht. Welch' innovative Disruptoren in Hamburg aber tatsächlich unterwegs sind (vermutlich ohne es zu wissen), kann man an den Fahrgastzahlen des HVVs ermessen: Schließlich ist Ridesharing – also: Fahrgemeinschaften bilden – dort ehernes Prinzip, denn in Bus & Bahn fahren Sie immer mit mehreren Fahrgästen in einem Fahrzeug. Und das übrigens regelmäßig schneller und günstiger als mit Moia ...



"Moia"-Pressesprecher Christoph Ziegenmeier wiegelt ab:
"Wir haben festgestellt, dass das Frontend schon sehr stabil läuft ...
und dass es keine größeren Schwierigkeiten gab."
Foto: HANSEVALLEY

'Aber sie fahren mit Strom', heißt es von standfesten Verteidigern des Corporate-Innovation-Startups. Stimmt. Das machen viele andere aber auch. Und auch nicht erst seit diesem Jahr. Hinzu kommt, dass man begründete Zweifel daran haben kann, dass elektrische Fortbewegung jenseits von Bahnen eine sinnvolle Energieverwendung ist. Hamburgs Wirtschaftssenatoren - von Frank Horch bis Michael Westhagemann - denken da schon weiter.

Ganz sicher ist es aber sinnfrei, mit einem Crafter  - ursprünglich als Transporter für Handwerker entwickelt - ein sehr viel schwereres Fahrzeug einzusetzen, dessen Kapazität zumindest bislang kaum benötigt wird. Denn der Verbrauch wird hier eben auch sehr viel höher sein, als bei einem E-betriebenen PKW als normales Taxi – das ja zusätzlich auch noch weniger Zeit benötigt, wie wir dank diverser Pressetests lernen durften.

Wir wollen an dieser Stelle nicht hinterfragen, warum ein Unternehmen mit einem derart holprigen Konzept eine Stadt als Werbefläche mißbrauchen darf, während man parallel mit Durchfahrverboten  - die ihren Ursprung letztlich beim gleichen Unternehmen aus Wolfsburg haben - versucht, die Luft sauberer zu machen. Trifft sich hier die vereinte Sinnfreiheit an Alster und Elbe? Oder wird der Bock mal wieder zum Gärtner?

Mein Fazit: An Moia ist nichts wirklich innovativ und schon gar nicht ausgereift. Mobilität schaffen andere besser und schneller. Auch das snobistische Interieur der Moia-Flotte wiegt das nicht auf. So ist dieser Dienst bestenfalls eine Stadtrundfahrt, leider als Stummfilm. Happy End geht aus meiner Sicht anders. Erst Recht, wenn es märchenhaft sein soll. 


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 Hamburg Digital Autor Gerd Kotoll: 

Gerd Kotoll vernetzt Entrepreneure mit potentiellen Partnern und Kunden - und berichtet von ausgewählten Events und Entwicklungen im Ökosystem der Hamburger Startup-Szene. 

Als unabhängiger Makler berät und betreut Gerd Kotoll er Vereine, Verbände und Unternehmen in Fragen der betrieblichen Absicherung. Besonderen Fokus legt er auf junge Unternehmen und Startups. 

Gerd Kotoll ist Freier Autor des Hamburg Digital Magazins.

Die inhaltliche Verantwortung des Autorenbeitrags liegt beim Urheber.

 Hamburg Digital Background: 

HANSETECHTEST: MOIA - Versuchtskaninchen für Bananen-Software.
https://hv.hansevalley.de/2019/05/hansetechtest-moia-hamburg.html

Mittwoch, 28. Februar 2018

HANSEMOBILITY: Elektrisch zur Mobilititätsmetropole Hamburg.

HAMBURG DIGITAL REPORT

2.400 Elektroautos und Hybrid-PKW sind auf Hamburgs Straßen täglich unterwegs, in der Metropoleregion insgesamt rd. 3.800. 650 Ladepunkte hat der Senat im Stadtgebiet bis heute aufbauen lassen, ist rd. 1 Jahr hinter dem Plan. Der ADAC Hansa stellt fest: Die Ladeinfrastruktur ist eine der größten Hemmungen beim Kauf eines Elektroautos. Die schwache Infrastruktur sorgt dafür, dass nur wenige ein E-Auto kaufen. 



Ladeinfrastruktur an Alster und Elbe. Stand: Februar 2018.
Grafik: OpenStreetMap/stromnetz.hamburg.de

HANSEVALLEY ist dem 2014 beschlossenen Masterplan des Senats auf den Grund gegangen. Verantwortlich für den Aufbau der öffentlichen Ladesinfrastrukur ist Stromnetz Hamburg, ein Unternehmen der Stadt. Die Spezialisten für Elektrizität planen und errichten die Ladesäulen. Wie weit sind Hamburgs E-Mobility-Spezialisten auf dem Weg zum emissionsfreien Autoverkehr rund um Binnen- und Außenalster? Ein Hamburg Digital Report.


50 E-Golfs für die Mobilitätsmetropole Hamburg.
Foto: auto-medienportal.net/Volkswagen
Donnerstag vergangener Woche am Fischmarkt. Der in die Schlagzeilen geratene Autobauer Volkswagen übergibt an Firmen und Pendler in Hamburg 50 E-Golfs. Mit Unterstützung des Berliner Wirtschaftsministeriums werden die VWs in den kommenden 3 Jahren zusammen 1,5 Mio. km über Hamburgs Straßen rollen. Die Nutzer zahlen im Rahmen von "E-Drive 2018" pro Monat 218,- € reduzierte Leasing-Rate. Die Nutzer der sauberen Golfs sind u. a. die städtischen Beteiligungen Hamburg Airport, die Hafenbhörde HPA und Bezirksämter, außerdem der NDR, Hermes und Unilever.

"Der Zug ist abgefahren und geht klar in Richtung Elektromobilität", bringt Diplom-Verfahrenstechniker Stefan Zisler den Trend auf den Punkt. Zusammen mit seinen Kollegen im Innovationsmanagement kümmert sich der Kenner bei Stromnetz Hamburg seit 2015 aktiv um den Aufbau der Ladeinfrastruktur. Mit 29.000 km öffentlichen Stromtrassen, 55 Umspannwerken und 1,1 Mio. Stromzählern in Betrieben und Haushalten weiß die Stromnetz GmbH und frühere Vattenfall-Tochter, wie man Infrastrukturen aufbaut und betreibt. Dabei ist Elektromobilität in Hamburg bereits seit 1990 ein Thema. 

"Kein Bedarf mehr, ein eigenes Auto zu haben."

Erst jetzt schafft es die neueste Generation Batterien, mit einer Stromladung auch 300 km und mehr unterwegs zu sein - ein wichtiger Standard für die Anschaffung eines E-Autos im Privat- wie Flotteneinsatz. 35 bis 45 km fährt der durchschnittliche Autofahrer pro Tag. Für den langjährigen Experten ist die Kurzstrecke ein klares Argument für die Batterie, während Vertreter und Lieferanten künftig auf der Langstrecke mit Wasserstoffantrieb unterwegs sein werden. Stefan Zisler fährt selbst einen 24 Jahre alten Volvo 850, bringt im Interview aber auf den Punkt: "Ich sehe eigentlich keinen Bedarf mehr, im Ballungsraum ein eigenes Auto zu haben."


Inbetriebnahme 600. Ladestation durch Olaf Scholz im Oktober 2017.
Foto: Senatskanzlei Hamburg/Frederik Sperber
Für das neue Elektro-Ladesäulennetz an Hamburgs Straßen hat die Wirtschaftsbehörde mit dem Stadtplanungsbüro "Argus" n einem ausgeklügelten System die künftigen Standorte geplant und die Kosten kalkuliert. Für eine Wechselstrom-Ladesäule werden laut Liste rd. 8.000,- € fällig, für eine Gleichstrom-Schnelladesäule das Dreifache. Dazu kommen Anschlusskosten für Leitung und Zähler von 1.000,- bis 3.000,- €. Das gilt für jeweils eine Säule mit zwei Ladepunkten, sprich Steckern. Der E-Mobilitätsexperte Zisler ist stolz auf den Senat: "Keine andere Stadt treibt das so vehement wie Hamburg."

Ökostrom an Elbstrand, Strandperle & Ladestation.

Die Ladesäulen in der Mobilitätsmetropole werden über ein eigenes IT-Backend von Stromnetz Hamburg gemanagt. So können heute 7 Dienstleister mit 160.000 nationalen und internationalen Ladekarten auch an den Hamburger Ladesäulen abrechnen, rd. 40 Interessenten sind mit den Profis von Stromnetz Hamburg im Gespräch. Nutzer der Hamburger Ladesäulen können sowohl mit RFID-Chipkarten der zugelassenen Anbieter, aber auch direkt per E-Charging-App auf Android- und iPhones sowie per SMS ihre Stromrechnung an Ort und Stelle bezahlen.

Mit Umstellung der Car Sharing-Flotten von Car2Go und DriveNow sowie der Markteinführung von Moia werden auch sie die Hamburger Infrastruktur nutzen. "Jeder hat bei uns freien Zugang", betont Elektromobilitäts-Entwicker Zisler. Und die Kosten sind ebenfalls transparent: Je Vorgang werden einmalig 1,73 € fällig, dazu kommen pro Kilowattstunde 27 ct. im "Direct Pay"-Verfahren. Obendrauf fallen 19% Abrechnungsgebühr an. Ob via App, SMS oder eine der zertifizierten Ladekarten bezahlt: an Hamburgs E-Säulen kommt nur sauberer Ökostrom aus der Dose, nämlich aus 100% Wasserkraft - wie bei den "Energie Hamburg"-Tarifen "Elbstrand" und "Strandperle".

Genügend Ladesäuen? Niemals? & Schon immer!


1.000 Ladepunkte soll es bis 2019 in Hamburg geben.
Foto: HANSEVALLEY
Mittlerweile werden pro Monat rd. 10.500 Ladevorgänge an den 650 Hamburger Säulen gezählt, eine Verdoppelung zu den Vorjahren - Tendenz kräftig steigend. Bis 2019 sollen in ganz Hamburg insgesamt mindestens 1.000 Ladepunkte für Elektroautos zur Verfügung stehen, kommen jede Woche rd. 6 neue Ladesäulen im Straßengebiet dazu. Hinzu kommen laut Senat weitere 150 Ladepunkte an Switchh-Stationen für die dort parkenden Elektro-Smarts und -Minis der Car-Sharing-Anbieter. Bleibt die Gretchenfrage nach ausreichend Ladesäulen in und für Hamburg, wie vom ADAC aufgeworfen. 

Gesprächspartner Stefan Zisler hat darauf eine zwiespältige Antwort, zwischen "niemals" und "schon immer" - je nachdem, aus welcher Perspektive man das Thema beleuchtet. Einerseits steht Hamburg sowohl bei den täglich auf unseren Straßen emissionsfrei rollenden E-Autos bundesweit ganz vorn, ebenso wie bei den monatlich immer mehr werdenden Ladesäulen. Andererseits steht Deutschland bei der Elektromobilität generell noch ganz am Anfang. 


Ladesäulen und Fahrzeugflotte bei Stromnetz Hamburg
Foto: HANSEVALLEY
Bis 2030 sollen auf Hamburgs Straßen laut Metatudie mehr als 100.000 Elektroautos rollen. Das bedeutet auch: rd. 50 GWh Stromverbrauch pro Jahr zusätzlich. Stefan Zisler gibt zu bedenken: "Nur Benziner gegen Elektrofahrzeuge zu ersetzen, ist eine Sackgasse." Ein Thema, das bei HANSEVALLEY ganz oben auf der Tagesordnung bleibt.

 Hamburg Digital Background: 

Übersicht Elektromobilität Projekte + Nachrichten:
https://elektromobilitaethamburg.de/

Übersicht Elektromobiliät bei Stromnetz Hamburg:
www.stromnetz.hamburg/ueber-uns/innovationen/e-mobility/

Übersicht Abrechnungsmöglichkeiten in Hamburg:
www.stromnetz.hamburg/ueber-uns/innovationen/e-mobility/zugang-zur-ladeinfrastruktur/

Vergleich Ladekarten Hamburg und bundesweit:
www.energieheld.de/photovoltaik/elektromobilitaet/ladekarten-stromtankstellen#kosten-vergleich

Masterplan Ladeinfrastruktur Freie und Hansestadt Hamburg (PDF):
www.hamburg.de/contentblob/4479262/dcabd1a0157d6ac7c2ab1bfb06b22dc7/data/masterplan-ladeinfrastruktur.pdf