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Dienstag, 25. Januar 2022

HANSEPERSONALITY Jens Meier: Quanten-inspirierte Technologie für eine Verkehrssinfonie im Hamburger Hafen.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

HPA-Chef und Informatiker Jens Meier
Foto: HPA/Andreas Schmidt-Wiethoff

Digitales Vertrauen und Hackerangriffe, künstliche Intelligenz und autonom fahrende Wasserdrohnen, quanten-inspirierte Algorithmen und... "MOZART". Die Hamburg Port Authority (HPA) und ihr "smartPORT"-Konzept zeigen, dass es bei der Digitalisierung des Hafens um weit mehr als nur um technologischen Fortschritt geht.

Die maritime Branche erlebt weltweit einen Paradigmenwechsel. Er wird getrieben von Industrie 4.0-Ansätzen und grünen Technologien. Die amerikanischen Marktforscher von Kenneth Research prognostizieren in einer aktuellen Studie, dass der globale Markt für intelligente Häfen bis 2026 mit einer Wachstumsrate von mehr als 25% wachsen wird. 

Deutschlands größter Seehafen Hamburg hält mit den globalen Trends Schritt. Unser HANSEPERSONALITY ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Hamburg Port Authority, Jens Meier:

Herr Meier, Sie sind studierter Informatiker. Inwieweit erfordert der heutige Status quo IT-Kenntnisse von einem Hafenchef?

Ich habe mein Studium 1993 abgeschlossen. Mein Schwerpunktthema war IT-Sicherheit in der Luftfahrtindustrie. Schon damals ging es mir darum, wie man verhindern kann, dass IT-Systeme kompromittiert werden. Wir haben uns auch mit dem Konzept der künstlichen Intelligenz beschäftigt. Aber das war noch auf einem ganz anderen Niveau als heute. An der Universität Hamburg haben wir uns mit IDA-Systemen (Intrusion Detection and Avoidance Systems, einbruchsentdeckende und einbruchsvermeidende Systeme, Anm. d. Red.) befasst. Für mich ist es eine ganz interessante Gegebenheit, dass dieses Thema jetzt, rund 30 Jahre nach meinem Abschluss, wieder in den Fokus geraten ist.
"Wir bereiten uns darauf vor, dass wir in wenigen Jahren keinen Nachwuchs mehr kriegen werden."
Seit 2013 arbeiten Sie an dem "smartPORT"-Konzept. Laut dem ehemaligen HPA-CDO Sebastian Saxe,  basiert es auf zwei Säulen: Auf neuen Ansätzen für Logistik und Energie. Was bedeutet das ganz konkret?
Im Jahr 2016 haben wir beispielsweise das digitale Projekt "Virtuelles Depot" eingeführt. Wir wollten Logistikprozesse optimieren, Staus vermeiden und Emissionen reduzieren. Unser Ziel war es, die Leertransporte von Containern im Hafen zu minimieren. Die Clearance findet online statt, ohne dass die Container zu einem Depot gebracht werden müssen. Wir müssen auch nachweisen, dass die Energieversorgung am Standort auf nachhaltigen Konzepten beruht: Dass wir entweder Windräder bauen, mit Erdwärme arbeiten oder Solarinstallationen durchführen. Doch das war nur ein Anfang. Die Pandemie hat alle Digitalisierungsprozesse enorm beschleunigt, sie wirkte wie ein Stresstest. Wir konnten zeigen, dass wir Brücken- und  Schleusenöffnungen im Hafen fernsteuern und viele Tätigkeiten im Homeoffice oder im Mobile Office erledigen können.
Hat das zu Entlassungen geführt? 
Nein. Wenn wir Fernsteuerung durch IT im Rahmen der Digitalisierung durchführen, ist unser Ziel nicht in erster Linie Arbeitsplätze abzubauen, sondern unsere Service-Angebote ohne zusätzliches Personal zu erweitern. Der Effekt ist andersherum: Wir bereiten uns darauf vor, dass wir in wenigen Jahren, also im Jahr 2030 oder 2040, gar keinen Nachwuchs mehr kriegen werden.
Finden junge Leute die Arbeit im Hafen unattraktiv? Oder liegt es an den mangelnden Ausbildungsmöglichkeiten?
Es hat etwas mit der Geburtenrate zu tun. Es kommen zahlenmäßig überhaupt nur sehr wenige Menschen dazu. Dann gibt es den sogenannten "War for talents". Wir gehen davon aus, dass es immer schwieriger wird, aus den wenigen Fachkräften, die kommen, die Exzellenten für uns zu gewinnen.
Der Hamburger Hafen in der Abenddämmerung.
Foto: HPA/Andreas Schmidt-Wiethoff
"Der digitale Zwilling ist eine Weiterentwicklung des computergestützten Designs."
Sie arbeiten mit dem virtuellen Zwillingsmodell des Hamburger Hafens. Es basiert auf einer dreidimensionalen Computervision von Teilen der Hafenanlagen. Wofür wird es eingesetzt?
Der digitale Zwilling hat mehrere Aspekte. Wenn es um neue Bauwerke im Infrastrukturbereich geht, können dort alle Zeichnungen und alle statischen Berechnungen entworfen werden. Das ist eine Weiterentwicklung des Computer Aided Designs (CAD, Computergestützte Entwurfsmethoden, Anm. d. Red.). Es geht auch um die Analyse von Verkehrsflüssen. Wenn ich eine Drohne starte, kann ich sie zunächst im digitalen Zwilling mit Augmented Reality "fliegen" lassen. Das hilft uns, Prozesse vorher zu planen und zu simulieren, um sie dann in der Realität besser umsetzen zu können. Auf dieser Weise haben wir etwa in unserem Projekt "smart Bridge" einen digitalen Zwilling der Köhlbrandbrücke erstellt.
Die HPA ist Teil der globalen Initiative "chainPORT", in der sich mehrere Häfen weltweit zusammengeschlossen haben. Sehen Sie diese eher als Partner oder als als Konkurrenten?
Mit dem Hafen von Los Angeles zum Beispiel stehen wir nicht im Wettbewerb. Wenn sie eine Brücke bauen oder einen IT-Prozess umsetzen, dann freuen siich unsere Partner in L A sich, wenn wir das übernehmen. Wenn Schiffe von Hamburg nach Los Angeles fahren, muss es auf beiden Seiten optimal laufen. Auch dafür können wir den digitalen Zwilling nutzen: Ich nenne es "Pattern Matching" (Musterübereinstimmung, Anm. d. Red.). Wenn ich eine Lösung eins zu eins in Hamburg übernehme, kann ich mir vielleicht die ganze Planung und Vorüberlegung sparen. Ich kann von anderen Häfen weltweit lernen.
Grüne Welle für Container-Brummis im Hamburger Hafen.
Foto: HPA/Andreas Schmidt-Wiethoff
"MOZART - das ist wie eine große Sinfonie von Ampelschaltungen im Hafen."
Sie haben Ihr neues Projekt "MOZART" auf dem ITS World Congress 2021 vorgestellt. Was verbirgt sich hinter diesem Kürzel?
Das Projekt heißt eigentlich "Mobility Optimization, digital-twin Analysis in Real time Traffic". Aber das versteht natürlich kein Mensch. Deshalb haben wir gesagt: Wir nehmen eine Abkürzung, die schön klingt.
Es geht um digitale Verkehrssteuerung im Hafen... 
Es handelt sich um eine quanten-inspirierten Technologie. Es ist noch kein Quantencomputer, aber es ist schon eine Vorstufe – wir sprechen von Quantum Computing Annealing. Mit extrem hoher Rechnerleistung führen wir eine Verkehrsanalyse von historischen Daten und Echtzeitdaten durch, bei der wir versuchen, ein Netz von Ampeln intelligent miteinander zu schalten. In einem speziellen Knotenpunkt, wo mehrere Ampeln hintereinander kommen, besteht die höchste Gefahr von Staus, wenn die Ampeln nicht vernünftig aufeinander abgestimmt sind.
In den Ampeln haben wir so genannte Digital Annealing Units verbaut. Sie korrespondieren mit den Fahrzeugen, die auf Ampeln zufahren. Durch die Verschiebung der grünen und roten Wellen, manchmal nur um eine Sekunde, können wir den Verkehrsfluss auf diesem Straßennetz um mehr als 10 Prozent erhöhen. Das ist eine enorme Größenordnung, denn wir haben zwischen 10.000 und 20.000 Lkw pro Tag im Hafen.
Ein anderes digital Projekt ist diesem Bereich ist „Green4Transport“. Wenn mehrere Lkw hintereinander kommen, versuchen wir hier, eine grüne Welle zu ermöglichen, damit sie nicht anhalten müssen, denn das Wiederanfahren führt zu unnötigen Emissionen. Die Ampeln "verständigen sich" also hintereinander. 
Woher bekommen Sie die benötigte Rechenleistung?
Wir arbeiten mit "Fujitsu Technology Solutions" zusammen und beziehen die Rechenleistung aus der Cloud. In der aktuellen Projektphase haben wir den Konzeptnachweis erbracht und das System bereits mit unseren Daten gespeist. Es ist wie eine Komposition... Eine Komposition von Ampelschaltungen im Hafen. Es ist wie eine große Sinfonie, denn alle Punkte müssen richtig zusammenspielen, um diesen Erfolg und diese Schönheit hinzubekommen. 
Die Wasserdrohne "Echo 1" der HPA im Hamburger Hafen
Foto: ASVGlobal
"Autonome Schifffahrt kann nur mit Digital Trust funktionieren."
Wir haben über die Veränderungen an Land gesprochen. Jetzt lassen Sie uns über die Entwicklungen auf See sprechen. Im November 2021 stach in Norwegen das erste rein elektrische und autonome Containerschiff der Welt "Yara Birkeland" in See. Wie weit seid ihr in puncto autonome Schifffahrt?
Wir haben dazu verschiedene Versuche mit unserer Wasserdrohne "echo.1" durchgeführt. Diese Drohnen müssen viele Dinge können, sie müssen manövrierfähig sein. Wir haben Algorithmen getestet, um Kollisionen zu vermeiden. Die Drohne sendet ein AIS-Signal (Automatic Identification System, Automatisches Identifikationssystem,  Anm. d. Red.), damit sie auf der elektronischen Seekarte erkannt werden kann.
Technologisch ist vieles möglich, aber wir müssen immer aufpassen, dass die Akzeptanz im Hafen und auch im Umfeld funktioniert, denn wir wollen jede Art von Unfällen und Karambolagen verhindern. Als Informatiker bin ich überzeugt, dass autonomes Fahren nur funktionieren kann, wenn wir Digital Trust (digitales Vertrauen, Anm. d. Red.) in die Infrastruktur schaffen.
Was sind für Sie die Kernelemente dieses Vertrauens bei smartPORT? Geht es um technische Transparenz, um die Widerstandsfähigkeit der IT-Systeme?
Meine Botschaft ist: Der schwächste Punkt bei jedem Computersystem sitzt immer vor dem Bildschirm. Das Bewusstsein dafür muss geschult werden. Wir haben hier Spezialisten, die dafür zuständig sind, einen Sicherheitsschirm um unsere IT-Welt zu betreiben, damit möglichst niemand eindringen kann. Aber es gibt nie eine 100-prozentige Sicherheit.
"Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen Ethik, Datenschutz, Automatisierung und Ausbildung finden."
Sind Sie häufig mit Hackerangriffen konfrontiert?
Ja, wir werden regelmäßig angegriffen, wie viele andere Unternehmen auch. Deshalb arbeiten wir mit Predictive Security Systems, vorausschauenden Sicherheitssystemen, um alle Arten von offenen Türen und Löchern zu identifizieren und sie zu schließen, bevor der Hacker sie findet. Man braucht ein Red-Team, das in das System eindringen kann, und ein Blue-Team, das die Türen schließt. Es ist eine Art "Back-Hack" (Zurückhacken, bei dem nach möglichen Spuren des Hackers gesucht wird, Anm. d. Red.). Daneben machen wir natürlich wie alle professionell aufgestellten Unternehmen regelmäßige Pentests.
Treibt die Digitalisierung des Hafens voran: HPA-Chef Jens Meier
Foto: HPA/Andreas Schmidt-Wiethoff
Was ist mit dem Faktor Mensch?
Es ist natürlich wichtig, dass Menschen, die bisher nichts mit IT-Lösungen und Digitalisierung zu tun hatten, bei der Transformation von der heutigen Welt in die Welt der Zukunft mitgenommen werden. Technologisch ist vieles möglich, aber wir müssen ein Gleichgewicht zwischen Ethik, Datenschutz, Automatisierung und Ausbildung finden, damit die Menschen auf die Zukunft vorbereitet sind.
Vielen Dank für die spannenden Einblicke!
- Das Interview führte Ekaterina Venkina -
*     *
 Hanse Digital Backgorund: 
Über Jens Meier:
Jens Meier ist seit 2008 Vorsitzender der Geschäftsführung der Hamburg Port Authority (HPA). Er ist Gründungsvorstand des Hamburger Informatik Forums e.V. Seine berufliche Laufbahn begann er 1993 bei der "Software Design & Management AG" ("Ernst & Young"-Gruppe). Zuvor absolvierte er ein Studium der Informatik mit dem Ergänzungsfach Wirtschaftwissenschaften an der Universität Hamburg. Der gebürtige Hamburger ist verheiratet und hat drei Kinder.



Dienstag, 9. Juni 2020

HANSESTATEMENT: 205 Seiten Hamburg analog: Oder warum Rot-Grün digital nicht kann.

Ein Hanse Digital Statement von
Landeskorrespondent Gerd Kotoll

* Update 10.06.2020 *

Handels- und Logistikmetropole an der Elbe: Freie und analoge Stadt Hamburg.
Foto: Bernd Staerck, Pixabay

195 mal taucht das Wort “digital” im neuen Koalitionsvertrag von Rot-Grün für Hamburg auf. Auf 205 Seiten stellen die Koalitionäre ihr Programm für die Senatspolitik der Jahre 2020 bis 2025 vor. HANSEVALLEY hat die digitalen Ideen, Konzepte und Pläne von SPD und Grünen in einer journalistische Analyse offengelegt. Landeskorrespondent Gerd Kotoll ordnet das vermeintliche Leitthema des neuen Senats neben Klimaschutz und Verkehrswende ein.

Dass man zum Abschluss eines langen Vertrages blumige Worte findet, ist üblich und zu erwarten. Leider war es ebenso erwartbar, dass diese Worte mit der Realität wenig zu tun haben. Von der Blumigkeit bleibt das schnelle Verwelken der inhaltlichen Relevanz der Worte. Hinzu kommt, dass die digitalen Innovationen - und was man im Senatsgehege dafür hält - unter einem allgemeinen Finanzierungsvorbehalt stehen. Angesichts der wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns offenbar der einzig dauerhafte Bezug zum wirklichen Leben. 

Freie und analoge Stadt Hamburg

Da Hamburg in den letzten 9 Jahren vom überwiegend gleichen Personal regiert verwaltet wurde, kennt man es schon: Im allerschönsten Buzzword Bingo wird mit (d)englischen Begriffen um sich geworfen, ohne dass diese mit einer irgendeiner Bedeutung für Hamburg oder gar einem Nutzen für die Menschen in der Stadt gefüllt würden. Stattdessen wird das digitale Wolkenkuckucksheim versprochen, dass seinesgleichen - wenn überhaupt - nur noch in chinesischen Metropolen findet. Wir halten uns da an die PR-bewährten Vergleiche eines Wasserstoffsenators ... 

Man schwelgt in Träumen von Datenmengen, ohne geklärt zu haben, wer sie zu welchem Zweck nutzen kann und darf. Dieser juristisch belegbare Kritikpunkt ist übrigens bereits gut ein Jahr alt. Trotzdem gibt es dazu keine Klärung. Da ist es konsequent, dass weder aus der hastig, kurz vor der Wahl veröffentlichten digitalen Verwaltungs”strategie” des Senats noch aus den von uns veröffentlichten Wahlbausteinen von Rot oder Grün im Koalitionsvertrag nennenswerte Positionen auftauchen (nein, das “Haus der Digitalen Welt” ist nichts Besonderes, da eine geklaute abgekupferte Idee nach einem Helsinki-Ausflug). Da nützt auch die 195-fache Nutzung des Wortes “digital” nichts, wenn man es nur analog denkt.

Große Worte - k(l)ein(es) Budget

Wer morgen in einer sinnvoll nutzbaren digitalen Welt leben will, muss dafür heute die Grundlagen legen (ja, eigentlich hätten die schon längst liegen müssen...). Bildung & Wissenschaft sind der Schlüssel dafür. Zu dieser Erkenntnis sind auch die Landesregierungen von - lassen Sie mich kurz überlegen - genau: 4 der 5 Nordländer gekommen. Und wer hat den Unterricht geschwänzt? Stimmt, die Freie und Hansestadt. “Nicht an den Worten, sondern an den Taten sollt Ihr Sie erkennen!” Diese biblische Erkenntnis gilt auch heute noch - auch für die Hamburger Koalition, auch für den neuen Hamburger Senat unter Rot-Grün.

Schauen wir mal in die Schulen. Da gibt es den “Digitalpakt Schule”. Wie nötig der auch für Hamburgs Schüler und Lehrer ist, zeigt sich während der Corona-Schulschließungen mit größter Dramatik. Das Versenden von eingescannten Aufgaben ist zwar auch irgendwie digital, das war’s dann aber auch schon. Jetzt hofft der Senator medienwirksam, dass die aus den üppig klingenden 128 Mio. € Bundesmitteln für 340 allgemeinbildende Schulen in Hamburg angeforderten Laptops und Tablets zum Beginn des kommenden Schuljahres da sein werden, so dass für jeden fünften Schüler ein Gerät zur Verfügung stehen soll. Die rund 40 neu geplanten Schulen sind da übrigens nicht berücksichtigt. 

38.000 digitale Geräte für 20% Schüler

Ja, genau: 80 % der Schüler werden an den Schulen keinen Zugriff auf ein digitales Endgerät haben. Wie wenig sich der Senator an die Digitalisierung heran traut, zeigt sich, wenn man ihn an den Taten misst: Hamburg wird sagenhafte 12 Mio. € aus dem eigenen Haushalt zur Verfügung stellen. Vom Haushalt 2020 mit etwa 15,2 Mrd. € entspricht das 0,08 % - aufgerundet. So sieht in Hamburg das Bekenntnis zur digitalen Bildung jenseits blumiger Worte im Koalitionsvertrag faktisch aus. Würde dem Senat hierfür ein Zeugnis ausgestellt, wäre es nicht mal ein “mangelhaft” - es wäre ein Armutszeugnis. 

Das ist der nächste Schlag ins Gesicht der Lehrer und der Eltern schulpflichtiger Kinder. Der nächste? Ja, der nächste. Denn welcher Bereich wurde bei der Hamburger Corona-Soforthilfe “HCS” vollständig ausgespart? Richtig: der Bildungsbereich. Während andere Bundesländer eigene Mittel mobilisierten - z. B. Mecklenburg-Vorpommern 1 Mio. € aus dem Sozialfonds für sofort bereitgestellte Laptops zugunsten sozial schwacher Schüler -, wartete man in Hamburg ab, bis die Bundesmittel flossen. 

Tablets oder mehr digitales Know How?

Hamburg spart sogar noch mehr: Nämlich bei der digitalen Aus- und Fortbildung der Lehrer. So ist es heute immer noch möglich, praktisch ohne elektronische Unterstützung das Lehramtsstudium zu beenden. Ebenso bei der Fortbildung: die wurde seit März d. J. überhaupt erst spürbar digital begonnen. Ein hanseatischer Blick über die Stadtgrenzen zeigt: auch in diesem Punkt sind die Nachbarländer bereits unterwegs, z. B. Schleswig-Holstein, das die digitale Lehrerbildung bereits systematisch betreibt. 

Dafür lobt sich der Hamburger Senator öffentlich umso lieber selbst, am schnellsten am meisten Bundesmittel abgerufen zu haben. Anderer Leute Geld ausgeben ist natürlich leicht. Ist dies die weitgehend bekannte sozialdemokratische Regierungs(un)tugend?

Große Träume - noch weniger Budget?

Immerhin soll die TU Hamburg jetzt DIE “führende technische Universität im Norden” werden. Gut, das sollte sie in der letzten Legislatur auch schon. Immerhin wird schon mal fleißig gebaut. Ansonsten zeigen die Universitäten von Bremen, Lüneburg und Osnabrück, wo der Hammer bei den Zukunftsthemen Informatik, Entrepreneurship und Zukunftstechnologien hängt. Selbst die Hansestadt Greifswald gräbt parallel mit ihrer hanseatischen Schwester Lübeck beim Zukunftsthema KI und Medizin der Freien und analogen Hafenstadt das Wasser ab. Nochmal zum Mitschreiben: KI, Medizin, Greifswald, Lübeck, Punkt.

Noch vor Anker, im schlickigen Hafenbecken des politischen Unvermögens, liegt das Projekt “Ahoi Digital” (bei dieser Formulierung hatte ich wirklich Spaß …). Statt der gern gefeierten 35 Professuren sind jetzt vielleicht gerade mal fünf besetzt, die auch noch von den Hochschulen selbst mitfinanziert werden müssen. Wenn von den erwarteten 1.500 zusätzlichen Student*innen jetzt wenigstens weitere 200 die Angebote der Hamburger Universitäten im Bereich IT wahrnehmen könnten, dann wären es viele. Das hat selbst das Plenum der Handelskammer mittlerweile öffentlich gebrandmarkt.

Und wie soll jetzt die TU zur führenden Universität “ertüchtigt” werden? Mit dem vergleichbaren TU-Engagement, wie bei “Ahoi Digital”? Von den gleichen handelnden “Akteur*innen und Akteuren - m/w/d”, wie bei “Ahoi Digital”? Mit der gleichen getricksten Finanzierungsverpflichtung für die Hochschule, wie bei “Ahoi Digital”? Für das digitale Ahoi! waren rund 32 Mio. € bewilligt. Warum schaffen andere Städte in der Metropolregion mit weniger Geld eigentlich viel mehr für Ihre Universitäten? Ach, darüber spricht man lieber nicht? Stimmt: “Ahoi Digital” wurde von der Koalition auch nur einmal erwähnt, in einem Nebensatz. 

Ahnungslos, orientierungslos, mutlos

Wenn man sich die Pressestatements des Senats zur Bewältigung der Corona-Krise, aber auch zur Regierungsbildung ernsthaft ansieht, dann findet man viele Aussagen, Willensbekundungen und Absichtserklärungen - immerhin mit 195 mal “digital”. Ein Wort, das gleichzeitig eine Haltung ausdrückt, kommt aber nicht vor: “Mut”. Profi-Tipp für die Koalitionäre: “Mut” findet man als Botschaft am Eingang der Bucerius Law School - vis-a-vis des Helmut-Schmidt-Auditoriums. Nur zur Orientierung, sollten Sie das mal für Ihre Politik suchen. Könnte ja passieren ... 

Keinen “Mut” findet man in der Auflistung von allgemeinen Unverbindlichkeiten zum Thema Wirtschaft im Koalitionsvertrag. Kein Wort zu konkreten digitalen Impulsen für die meist kleinen und mittleren der 160.000 Hamburger Unternehmen nach Corona. Stattdessen das typische Hamburger Klein-Klein: überall ein bisschen, aber nichts richtig - ein bisschen Gießkanne und noch weniger Strategie. Zieldefinition? Fehlanzeige. Konkrete finanzielle Anreize zur eigenverantwortlichen Digitalisierung der Wirtschaft? Nicht geplant, nicht gewollt, nicht existent. 

Cluster und Brücken statt Zukunft

In Hamburg werden die analogen Branchen-Cluster gehegt, gepflegt und jetzt auch noch mit “Cluster-Brücken” gezwungen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Impulse für zukunftsweise Branchen? Null, null in Hamburg. Wie es besser geht? Mit 1.850 Anträgen seit September ‘19 ist der “Digitalbonus Niedersachsen” das beliebteste Förderprogramm der kleinen und mittleren Betriebe. Mit knapp 2.000 Anträgen wurden bislang 14,7 Mio. € bewilligt und lösten mehr als 41 Mio. € Investitionen in digitale Hardware, Software und IT-Sicherheit aus. Ursprünglich waren 15 Mio. € geplant. Auf Grund des Erfolgs wird das Volumen um weitere 10 Mio. € auf 25 Mio. € erhöht. Danke an die Handelskammer, den Ball aufgenommen zu haben. Aber bitte nicht zu viel Hoffnung für Hamburg.

Wo wir gerade über Hoffnung, Visionen, Zukunft plaudern: Erinnern Sie sich noch, wie oft in den zurückliegenden Jahren vom “ITS-Weltkongress 2021” in Hamburg in Koalitionsreden und Presseterminen die Rede war? Mindestens drei städtische Institutionen vernetzen, verplanen, verkaufen das Leuchtturmprojekt. Weil der Kongress doch DIE entscheidenden Impulse für die rot-grüne Verkehrswende bringen sollte. Und jetzt? Im Koalitionsvertrag kommt er noch auf einen bescheidenen Absatz. Einzig genanntes Projekt: der Ausbau der Dauerzählstellen für den Radverkehr. Impulse für einen autonomen Verkehr wie auf den 280 km Teststrecke in Niedersachsen? Bitte, wie kann man das in Hamburg nur fragen!

Bereits fast schon so gut wie China...

Die Buchstabenkombination “ITS” kommt übrigens mehr als 300 mal im Koalitionsvertrag vor - z. B. im Wort “bereits” (genau 88x). Womit deutlich wird, dass die rot-grünen Pläne (bereits) aus der Vergangenheit stammen und nicht (bereits) die Zukunft beschreiben. Deswegen finden sich auch keine Überlegungen, wie man (bereits) die Wettbewerbsfähigkeit als Medienstandort zurückgewinnen könnte oder welche Impulse als Standort für deglobalisierte Produktion (z.B. mit einem 3D-Druck-Zentrum im Hafen) (bereits) gesetzt werden könnten - von den Zukunftsbranchen IT, Internet und digitale Medien gar nicht erst zu reden. Der Zug ist längst in Berlin eingetroffen.

Bleiben wir bei was Bodenständigem: Der für 156.000 Arbeitsplätze wichtige Hamburger Hafen bekommt immerhin etwas ab. Das HPA-Projekt “Smart Port”, das es bereits in der Version 2.0 gibt und (bereits) in den vergangenen 5 Jahren mehrfach ausgebremst werden sollte und von der Hafenverwaltung über Jahre nur unter der Bettdecke vorangetrieben wurde. Jetzt ist der “Smart Port” laut Papier sogar Hoffnungsträger für exportierbare maritime IT-Anwendungen. Nein, bitte gucken Sie jetzt nicht nach Rotterdam und Antwerpen, um festzustellen, wie viel weiter die (bereits) sind. 

So wird das nichts für Hamburg

Es droht die größte anzunehmende Gefahr Wirklichkeit zu werden: ein “Weiter so”! Und zwar weitgehend unreflektiert und uninspiriert. Man versucht, es Jedem und Allen in der eigenen, subventionierten Community recht zu machen und möglichst Niemanden zu verprellen. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Das ist die Devise der neuen, alten, bekannten Senatoren von Rot und Grün. 

Natürlich, Politik ist die Kunst des Machbaren und lebt vom Kompromiss, erst Recht bei der Aushandlung einer Koalition, die fünf Jahre halten soll. Unter den erschwerten Rahmenbedingungen der Corona-Situation gilt das sicher ganz besonders. Aber warum muss es immer der kleinste gemeinsame Nenner sein, auf den man sich einigt? Warum werden Dinge vermengt, die per se nichts miteinander zu tun haben, erst recht wenn Perspektive und Strategie fehlen? 

Solange Digitalisierung vor allem Verkehrswende, Klimaschutz und Geschlechtergerechtigkeit bedienen soll, werden wertvolle Chancen für eine 2 Mio.-Einwohner-Stadt mit 1 Mio. Arbeitnehmern in traditionellen, der Transformation unterworfenen, Branchen vertan. Natürlich können wir uns nicht alles leisten, was wünschenswert ist, erst recht nicht vor dem Hintergrund der Kosten für die Bewältigung der Shutdown-Folgen. Am allerwenigsten können wir uns aber leisten, Chancen nicht wahrzunehmen.

Dass sich diese gerade im Feld der Digitalisierung bieten könnten, scheint nicht im Bereich des Vorstellbaren dieses Senats zu liegen. Denn nur so ist zu erklären, dass es in Hamburg weder einen Digital-Senator noch Staatsrat geben wird - als einziges Land in der Metropolregion und darüber hinaus. 

Wo es an einem eigenständigen Werteverständnis für Digitalisierung als notwendige Grundlage für die technische, organisatorische aber auch die kulturelle Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft fehlt, gibt man das Heft des Handelns aus der Hand: so werden wir nicht transformieren, so werden wir aus den USA und China transformiert werden.

*  *  *

 Hamburg Digital Background: 

HANSEPOLITICS: Wie Rot-Grün Hamburg in die digitale Zukunft bringen will.
hv.hansevalley.de/2020/06/hansepolitics-koalitionsvertrag-hamburg-2020.html

 Hamburg Digital Statements: 

Digitalisierung und Verwaltung
HANSESTATEMENT: Klimaschutz-App in Hamburg - auf dem chinesischen Weg?

Digitalisierung und Bildung
HANSESTATEMENT: Wenn Du einen toten Gaul durch die Schule reitest ... steig' ab!

Digitalisierung und Wissenschaft
HANSESTATEMENT: Das digitale Wolkenckuckucksheim. Wer hat hier die letzten 5 Jahre eigentlich regiert?
HANSESTATEMENT: Rot-Grün: Digitalstrategie? Echt jetzt?

Digitalisierung und Wirtschaft
HANSESTATEMENT: Die Digitalisierung wartet nicht auf Hamburg.

 Hamburg Digital Wahlprüfsteine: 

Digitalisierung und Stadtentwicklung
HANSEPOLITICS: Die stadtentwicklungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020
https://hv.hansevalley.de/2020/02/hansepolitics-stadtentwicklung-hamburg-2020.html

Digitalisierung und Verwaltung
HANSEPOLITICS: Die verwaltungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Digitalisierung und Bildung
HANSEPOLITICS: Die bildungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020
HANSEPOLITICS: Die forschungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Digitalisierung und Wirtschaft
HANSEPOLITICS: Die wirtschaftspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Freitag, 6. September 2019

HANSELOGISTICS: Wie man Schiffe, Daten und Container an die Block/-Kette legt.

HAMBURG DIGITAL REPORT

Einladung zum "LogisticsTech Talk" mit "blockshipping.io" und "HVCC".
Screenshot: HANSEVALLEY

Die global-vernetzte Datenbank-Technologie Blockchain ist in aller Munde. Mit der "BLOCKCHANCE"-Konferenz, der Branchenvereinigung "Hanseatic Blockchain Institute" und einer wachsenden Business-Community hat sich Hamburg unter den Blockchain-Zentren Deutschlands mit an die Spitze gesetzt. Die Blockchain ist als "Trust Engine" ist eine der spannensten Technologien für die Logisitik - z. B. für das Containermanagement. Ein Event-Bericht vom LogsticsTech Talk Hafen-Spezial - Hamburg-Korrespondent Gerd Kotoll:

Dass Schiffe angekettet werden, ist nichts Neues, erst recht nicht in einer Hafenstadt wie Hamburg. Dass und wie man Container an die Kette legt, wusste Daniel Gerhardt, Nautiker und Blockchain-Architect bei Blockshipping zu berichten.

Tatsächlich stellt die Blockchain auch hier ihr ungeheures Potential sehr anschaulich unter Beweis, verdeutlicht am Beispiel der Global Shared Container Plattform (GSCP). Diese ist - vereinfacht dargestellt - ein Eigentumsnachweis zum jeweiligen Container. Wie notwendig ein vertrauenswürdiges Container-Register ist, zeigt der Skandal um die ruinöse Anlagebetrügerei der P+R-Gruppe, deren Schneeball-Modell einer Finanzierung letztlich nicht vorhandener Container einen Schaden von rd. 3,5 Mrd. € hinterlassen hat.

Die Blockshipping Global Shared Container Plattform

Tatsächlich kann durch die Blockchain-Technologie hier eine Lücke geschlossen werden. Dabei werden die Container-spezifischen Daten in einen individuellen Hash-Wert umgerechnet und in einen Token kopiert. Diesen digitalen Zwilling verwaltet der Container-Eigentümer dann über seine entsprechende Wallet. Damit wird nicht nur der Kauf und Verkauf dieser Container erleichtert (Stichwort Smart Contracts), auch die Finanzierung kann damit leichter und billiger werden. 

Screenshot blockshipping.io
Foto: HANSEVALLEY

Selbst Container-Sharing wird vor diesem Hintergrund leicht möglich, da man die Position und die Auslastung der Container jederzeit transparent verfolgen kann. Vor dem Hintergrund, dass rund 40% der transportierten Blechkisten leer aufs Schiff oder LKW gehen und an rd. 200 von 365 Tagen auch leer bleiben, zeigt das enorme Potential. 

Allerdings würde mit einer Public Blockchain-Technologie - wie etwa Ethereum - auch deutlich, wie es in den Büchern der Reeder und Spediteure aussehen dürfte. Das ist den (meist) Herren in den Führungsetagen dann doch zu viel des Guten, weswegen der funktionierende Prototyp noch auf seinen Einsatz wartet.

Deswegen versucht das dänische Unternehmen Blockshipping derzeit, Terminalbetreiber von der selbst entwickelten KI zu überzeugen, die vorherzusagen versucht, wie lange ein Container an der Kaikante stehen bleiben wird. Damit kann einerseits die Stauung am Terminal optimiert werden, gleichzeitig kann der Reeder besser kalkulieren, wann er den Container wieder einsetzen kann.

Das Hamburg Vessel Coordination Center HVCC

Einen großen Schritt weiter ist Gerald Hirt vom HVCC, dem Hamburg Vessel Coordinaton Center. Denn das HVCC legt Daten an die Kette, wenn auch noch nicht an die Blockchain. Immerhin gelingt es aber, die Schiffsbewegungen im Hafen und auf dem Weg dahin viel besser zu koordinieren und zu optimieren. Vorteil: die Schiffe verkürzen die Liegezeit im Hafen, sparen Treibstoff (und damit auch CO2-Emissionen) und damit bares Geld für die Reeder. 

Übersicht Vernetzung des HVCC
Grafik: HVCC

Auch die Dienstleister im Hafen profitieren davon, weswegen das HVCC die Software entlang der Nutzeranforderungen immer weiter optimiert. Das Schiffsmanagement erfolgt dabei in enger Abstimmung mit der HPA, der Hamburg Port Authority, die für die Sicherheit des Schiffsverkehrs im Hafen verantwortlich ist. So sollen im nächsten Schritt auch andere Häfen in den Datenaustausch eingebunden werden. Weiteres Optimierungspotential im Betrieb erwartet Hirt auch von der Fahrrinnenanpassung der Elbe. 

Die LogisticsTech Talks im HK 100 in Hamburg

Bei Pizza und kühlen Getränken wurde am 28. August d. J. im Anschluss an die Vorträge in den Räumen von "Forward Cargo" im Karo-Viertel weiter gefachsimpelt und genetzwerkt. Der nächste Logistik Tech Talk wird am 25. September stattfinden. Die LogisticsTech Talks sind eine Initiative von Philip John Mordechai, Gründer von Movemates und Forward mit Unterstützung vom HK100, dem Coworking-Space der Kravag. Unter dem Publikum waren auch interessierte Spezialisten der Hafenverwaltung HPA.

 Hamburg Digital Background: 

Blockshipping:

Hamburg Vessel Coordination Center, HVCC:

LogisticsTech Talks Hamburg:

Montag, 12. November 2018

HANSEEXKLUSIV: Teamsport und KI in der Digitalen Stadt.

HAMBURG DIGITAL SPEZIAL

'Ich glaube aber im Bereich der Digitalisierung haben wir riesen Potenziale - und die durchziehen alle Bereiche, sowohl den Hafen wie den Verkehr wie auch die Mobilität.' Hamburgs neuer Wirtschaftssenator Michael Westhagemann macht in seinem ersten Interview klar: Digitalisierung, Transformation und Kulturwandel sind in der Freien und Hansestadt angekommen. Die "Digitale Stadt" kommt - mit Projekten im Hafen, rund um die Alster und für jeden einzelnen Hamburger.



Die Hamburger CDOs Christian Pfromm und Dr. Sebastian Saxe
wollen Hamburg zusammen digitalisieren. (v.l.n.r.)
Foto: HANSEVALLEY

Während die bürgerliche Opposition auf der Suche nach Wahlkampfthemen mit der Kuchengabel in IT-Projekten herumstochert, haben die Chief Digital Officer von Senatskanzlei, Wirtschaftsbehörde und Hafenmanagement eine andere Blickrichtung: nach vorn. Im Hamburg Digital Magazin stehen Christian Pfromm und Dr. Sebastian Saxe erstmals gemeinsam Rede und Antwort - in einem Hamburg Digital Spezial zu Zukunftsprojekten, einem Schulterschluss und einer Vision:

HANSEVALLEY: Wir haben Sie beide auf der "Solutions Hamburg" erleben dürfen. Erstmals haben Sie dort gemeinsam die Aktivitäten Hamburgs in Sachen Digitalisierung vorgestellt. Auffällig war, dass Sie nicht nur den Gemeinschaftsstand "Hamburg Digital“ unterstützt haben, sondern auch zusammen auf der Bühne waren und mit einer Stimme sprachen. Was hat es auf sich mit „Hamburg gemeinsam digitalisieren“ - Ihrem Titel für die Präsentation?

Christian Pfromm: Das Motto der "Solutions Hamburg" lautete in diesem Jahr „Digitalisierung ist Teamsport“. Dies sehen wir in der Stadtverwaltung ganz genauso. Digitalisierung ist ein Thema, das die gesamte Gesellschaft beeinflusst. Wichtig ist, dass wir die Chance nutzen und die Player auf Seiten der Verwaltung sensibilisieren und fit machen, um mit der Digitalisierung positive Effekte zu erzeugen, die Lebensqualität zu verbessern und wirtschaftliche Attraktivität zu steigern. 


Hamburgs CDOs im Schulterschluss für die "Digitale Stadt".
Foto: HANSEVALLEY

Mit dem gemeinsamen Auftritt "Hamburg Digital“ haben wir gezeigt, dass Zusammenarbeit ein entscheidender Aspekt der Digitalisierung ist. Hier zeigen sich Institutionen, die sich aktiv in die "Digitale Stadt" einbringen. So unterstreicht der Hafen - vertreten durch die Hamburg Port Authority - seine Rolle als Motor der Veränderung und Impulsgeber. Und dies nicht nur aufgrund seiner historischer Bedeutung für die Stadt, sondern eben auch mit Blick auf digitale Themen.

"Zusammenarbeit ein entscheidender Aspekt der Digitalisierung."

Dr. Sebastian Saxe: Wir erleben gerade einen digitalen Wandel, dem wir uns stellen müssen – und zwar in allen Lebenslagen und -bereichen. Der Hafen war und ist vielfältigen Einflüssen ausgesetzt, national wie international. Es liegt an uns, die Veränderungen zu steuern und geeignete Impulse zu setzen, dass sie zum Wohle der Stadt gedeihen. Wir haben in der Vergangenheit wertvolle Erkenntnisse gewonnen, die die Basis unseres jetzigen Handelns sind. Solides Vorgehen schafft hier Vertrauen und dies müssen wir auch der Öffentlichkeit gegenüber deutlich machen. 

"Verwaltung arbeitet solide, aber aus Sicht vieler nicht besonders innovativ."

Die gemeinsame Präsentation demonstriert das funktionierende Zusammenspiel zwischen den Playern der Stadt und wie sich die Aktivitäten in die Gesamtstrategie einordnen. Das Stichwort lautet "Digitale Stadt“ - mit dem Teilaspekt Hafen und vielschichtigen Innovationen. Schauen wir einmal genauer hin: Was ist denn konkret neu oder anders als vorher? Die Verwaltung arbeitet solide, verlässlich aber aus Sicht vieler Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen nicht besonders innovativ. Was muss getan werden, um dies zu ändern?

HANSEVALLEY: Der Fachsprecher der CDU hat mit seiner kleinen Anfrage zu den IT-Projekten in der Hamburger Verwaltung und der Organisation des neu gegründeten Amts für IT und Digitalisierung auf operative Projekte und die Personalstruktur Ihrer Organisation abgehoben. Ist das neue Amt mit seinen Projekten doch eher 'alter Wein in neuen Schläuchen'? 

Christian Pfromm: Mit dem Amt für IT und Digitalisierung hat die Verwaltung an zentraler Stelle ein Team zusammengestellt, bestehend aus der Leitstelle "Digitale Stadt“ und insbesondere aus den Bereichen der "IT- und E-Government-Strategie“ (ehemals Finanzbehörde). Dies ist die Steuerungseinheit für die Digitalisierung der Stadt. Für das Gelingen einer strategischen Umsetzung der Digitalisierung ist es zwingend, dass verschiedene Akteure - innerhalb und außerhalb der Verwaltung - zusammenfinden, sich austauschen und Herangehensweise und Lösungen entwickeln.

Hamburgs CDO Christian Pfromm auf dem "Hamburg Digital"-Stand.
Foto: HANSEVALLEY

Aus unserer Sicht haben sich vier Eckpfeiler herauskristallisiert, die maßgeblich für eine erfolgreiche Digitalisierung stehen: 1. Die Transformation der Beziehung zwischen Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen mit der Verwaltung. 2. Die Gestaltung des Arbeitsalltags der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 3. Der weitere Ausbau der "Digitalen Stadt" und 4. die Automatisierung der Verwaltung – Stichwort ist hier unter anderem KI.

HANSEVALLEY: Da muss ich nachfragen: Künstliche Intelligenz - ein Thema für die Hamburger Verwaltung?

Christian Pfromm: KI ist ein großes Thema. Ich sehe hier das Zusammenspiel zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft. In vielen Bereichen wird KI diskutiert und nach Einsatzmöglichkeiten geschaut. Ein typisches, scheinbar eher staubiges Thema in der Verwaltung ist das Dokumentenmanagement. Also die Frage, wie wir unsere Akten rechtssicher archivieren und Inhalte auffindbar und damit langfristig zugänglich halten. Dafür müssen die Akten verschlagwortet und im richtigen Aktenzeichen elektronisch abgelegt sein. Dabei kann uns KI sehr gut unterstützen. Wir arbeiten in meinem Amt an einem Proof of Concept, der darauf abzielt, dass eine KI künftig in weiten Teilen die Archivierung von Dokumenten unterstützen oder übernehmen kann. 

"Die Mitarbeiter werden uns eine solche Lösung aus den Händen reißen."

Konkret: Aus Textzusammenhängen heraus werden Schlagworte generiert und das passende Aktenzeichen vorgeschlagen. Auf diese Weise werden Dokumente einheitlich abgelegt, übergreifend auffindbar und ein echter Mehrwert hinsichtlich der Verfügbarkeit geschaffen. Und die Mitarbeiter, die Akten nicht länger händisch verschlagworten müssen, werden uns eine solche Lösung vermutlich aus den Händen reißen. Auch bei der Auswertung von Stellungnahmen aus Beteiligungsverfahren kann der Einsatz von KI unterstützen. Algorithmen sollen die Auswertung vornehmen, aufbereiten und so mit ihren Analysen Anhaltspunkte geben.

Topthema Elbbefahrung: Sedimentmanagement mit KI statt Umlaufbaggern.

Dr. Sebastian Saxe: Um auch aus dem Hafen noch ein anschauliches Beispiel einzustreuen: Auch für uns ist die Künstliche Intelligenz eine sehr spannende und vielseitig einsetzbare Basistechnologie, die enorm viel Potenzial für künftige Fortschritte in verschiedenen Bereichen birgt. So evaluieren wir derzeit beispielsweise, ob das Sedimentmanagement mittels KI-Entscheidungsvorschlägen auf Basis vorhandener Daten -  u. a. Wetter- und Strömungsdaten - möglich ist. Genauso lassen sich aber auch diverse Verwaltungsprozesse unterstützen und hier stehen wir mit der Senatskanzlei im engen Austausch, um voneinander zu lernen und zu profitieren.

HANSEVALLEY: Bislang galt in der öffentlichen Verwaltung generell eher der Grundsatz 'Paragraph Eins: Jeder macht seins'. Nicht selten spielten dabei Budgets, Ressourcen und persönliche Anerkennung eine nicht ganz unwichtige Rolle. Wie wollen und können Sie die übergreifenden Vorhaben in der "Digitalen Stadt" über "liebgewonnene Gewohnheiten" hinweg anschieben und abstimmen?

Keine Angst vor offenen Fragen:
CDO Christian Pfromm (li.) auf der "Solutions Hamburg".
Foto: HANSEVALLEY

Christian Pfromm: Die Digitalisierung ist ein exzellentes Beispiel, an dem deutlich wird, wie wichtig es ist, dass Behörden selbst aktiv werden und Teilstrategien entwickeln. Bei allem Überblick, was die Entwicklung der Stadt angeht, sind wir auf das Zusammenspiel mit den fachlich zuständigen Behörden angewiesen, um echten Nutzen zu schaffen. Die Senatskanzlei nimmt dabei die Rolle des „Ermöglichers“ ein, die versucht durch strategische, technische oder rechtliche Beratung Hindernisse zu erkennen und aus dem Weg zu räumen, so dass ein Gesamtbild entsteht.

"Digitale Stadt": Gesamtbild, Teilstrategien, thematische Umsetzung.

Dr. Sebastian Saxe: Konkret leiten sich die Aktivitäten der Wirtschaftsbehörde BWVI aus den Leitplanken der Senatskanzlei ab. Übergreifende Impulse werden von uns im Diskurs erarbeitet. Da ich in Personalunion für das Hafenmanagement als CDO zuständig bin, kenne ich wiederum den Prozess aus Sicht der HPA - und deren Digitalisierungsaktivitäten leiten sich entsprechend von den BWVI-Leitplanken ab. Die Themenbereiche aber sind von der jeweiligen Behörde selbst zu füllen.

HANSEVALLEY: Das klingt ein wenig so, dass die Verwaltung in Hamburg schon „digital ready“ ist - oder zumindest den Einsatz ganz aktueller Entwicklungen und Möglichkeiten plant. Jetzt mal 'Butter bei die Fische': Wie sieht das konkret aus?

Christian Pfromm: Die Digitalisierung hat längst begonnen und wir sind mitten drin, wie das Stichwort „Urbane Daten“ zeigt. Als es darum ging, Flächen in der Hansestadt zu identifizieren, um mögliche Unterkünfte für Flüchtlinge zu planen, musste auf unterschiedliche Daten zurückgegriffen werden. Es hat sich gezeigt, dass wir über eine Vielzahl von Daten verfügen, diese bislang aber nicht vernetzt genutzt wurden. 'Wir befreien die Daten aus ihren Silos' klingt plakativ, ist aber genau das erforderliche Mittel. Die Vernetzung bestehender IT-Systeme macht urbane Daten erst fachübergreifend nutzbar. 

"Ein Vielzahl von Daten, bislang aber nicht vernetzt genutzt."

Als Institution hierfür haben wir Mitte 2017 den "Urban Data Hub" gegründet. Als Kooperationsvorhaben zwischen dem "City Science Lab" an der Hafencity Universität und dem Landesbetrieb für Geoinformation und Vermessung kümmert er sich technisch und organisatorisch darum, städtische Datenquellen übergreifend nutzbar zu machen. Und wir können schon jetzt erkennen, dass damit immer neue Themen im Sinne der "Digitalen Stadt" vorangetrieben werden können. So wird dort auch das genannte Vorhaben zu Flüchtlingsunterkünften für generelle Stadtentwicklungsprozesse weiterentwickelt.


"Viele Schritte sind ohne Wissenschaft und Wirtschaft nicht möglich."

Dr. Sebastian Saxe: Gerade im Bereich Verkehrswege und Logistik kann sich die Handels- und Logistikmetropole keinen Stillstand erlauben. Für manche wirkt der Hafen wie ein Experimentierfeld, was nicht von ungefähr kommt. Dabei müssen wir abwägen, welche Trends sich tatsächlich für die praktische Umsetzung eignen. Dies muss mit Augenmaß erfolgen, so dass es nicht zu Störungen im Betrieb kommt. Wir setzen an dieser Stelle ganz ausdrücklich auf Kollaboration. Viele Schritte sind ohne Beteiligung von Wissenschaft und Wirtschaft nicht möglich. 

Ein eingespieltes Hamburg Digital-Team (v.l.n.r.):
Christian Pfromm (FHH) und Dr. Sebastian Saxe (BWVI, HPA)
Foto: HANSEVALLEY

Das Hamburg hier auf dem richtigen Weg ist, zeigt der Gewinn des E-Government-Preises 2018 sowie die Ausrichtung des Weltkongresses für Intelligente Verkehrs- und Transportsysteme (ITS) in 2021. 

HANSEVALLEY: Zurück zu dem, was uns in naher Zukunft betrifft: Die Verwaltung bietet eine Vielzahl an Leistungen an, viele dieser Services finde ich heute aber noch nicht online. Was passiert, um wirklich zu einer "Digitalen Stadt" Hamburg für uns als Einwohner, für die Hamburger Wirtschaft und die Verwaltung zu kommen?

Christian Pfromm: Das Onlinezugangsgesetz des Bundes entfaltet gerade seine Wirkung. Es bedeutet, dass Bund und Länder dazu verpflichtet sind, alle Verwaltungsleistungen bis zum Jahr 2022 auch elektronisch zur Verfügung stellen zu müssen. Das sind gerade einmal 4 Jahre. Hier sehen wir eine Chance des Aufbruchs. Es ist wichtig, jetzt die Weichen zu stellen und Behörden zu befähigen, ihre Dienstleistungen online zu konsolidieren. Mit dem Programm "Digital First“ schaffen wir als Freie und Hansestadt eine „Factory“, die die Komplexität reduziert, so dass Services standardisiert online gehen können. 

Das Onlinezugangsgesetz: eine Chance des Aufbruchs.

Mit der Asbestmeldung und dem Anwohnerparken ist der Anfang gemacht. Darüber hinaus ist es eine gute und wichtige Gelegenheit, Kooperationen voranzutreiben. Hamburg hat da keine Berührungsängste und entwickelt gemeinsam mit Bremen „Kinderleicht zum Kindergeld“. Ein initialer Antrag stößt Dienste wie Namenbestimmung, Anzeige der Geburt, Bestellung der Geburtsurkunde und den Antrag auf Kindergeld an. Junge Eltern wissen, wie beschwerlich die Beantragung sein kann. 

Schon jetzt haben rund 500 Eltern ihr Kindergeld auf diesem Weg beantragt und sind begeistert, wie schnell dies funktioniert, wenn sich alle Beteiligten in den Verwaltungen an einen Tisch setzen. Obwohl der Prozess im Moment noch auf Papier ablaufen muss.

HANSEVALLEY: Lassen Sie uns in guter Tradition unserer Interviews einen praktischen Blick in die Zukunft wagen: 

Dr. Sebastian Saxe: Hinter vielen Erfolgen der Digitalisierung stehen nicht zuletzt Netzwerke mit ganz unterschiedlichen Disziplinen. Bereits in der Vergangenheit sind hier außergewöhnliche Ergebnisse erzielt worden, die Hamburg nach vorn gebracht haben. Urban Data hat beispielsweise bei der Frage nach Wohnungen bzw. Unterkünften entscheidende Impulse gegeben. Genauso haben wir bei der HPA erhebliche Effizienzsteigerungen durch Digitalisierung im operativen Geschäft erwirkt. 

Robotergestützte Dienstleistungen mit autonomen Unterwasserdrohnen

Hier lohnt sich ein Blick auf den Multi-Touch-Tisch in der Nautischen Zentrale zur Schiffssimulation oder "Port Protect" zur Unterstützung von Lagebesprechungen im Katastrophenfall. Beides sind hervorragende Beispiele für erfolgreiche Digitalisierung. Ganz neu ist das Verbundprojekt "RoboVaaS" (Robotic Vessels-as-a-Service), bei dem wir uns auf robotergestützte Dienstleistungen mit autonomen und ferngesteuerten Schwimm- bzw. Unterwasserdrohnen konzentrieren.

CDO Dr. Sebastian Saxe mit einer klaren Botschaft: Teamwork.
Foto: HANSEVALLEY

Diese Services könnten in einem Hafen der Zukunft küstennahe maritime Operationen wie die Inspektion unterstützen oder sogar vollständig übernehmen. Etwaige Projekte sind ohne das Zusammenspiel von Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft jedoch nicht möglich. Digitalisierung ist Teamsport und verpflichtet zum Mitmachen und Mitgestalten. Wir haben auf der "Solutions Hamburg" ein Zeichen gesetzt und hoffen, dass dieser Impuls inspiriert und zum Mitmachen animiert.

HANSEVALLEY: Herzlichen Dank für die offenen Worte und die konkreten Einblicke in Ihre Arbeit!

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 Hamburg Digital Background: 

"Hamburg Digital": Gemeinschaftsstand Digitales Know-how auf der "Solutions Hamburg"

"Digitale Stadt": Steuerung, Projekte und Daten der Freien und Hansestadt Hamburg

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Hamburger Abendblatt: "Die Digitalisierung der Hamburger Verwaltung stockt" (26.10.2018)
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HANSEPERSONALITY Christian Pfromm: "Digitalisierung ist Chefsache!"
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HANSEVISION: Von ehrbarer Kaufmannssiedlung zur Digitalen Metropole Hamburg.
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HANSEPERSONALITY Dr. Sebastian Saxe: Erfolgsfaktoren für Digitalen Hafen und Digitale Stadt.