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Dienstag, 5. Januar 2021

HANSEVALLEY 2021: Der digitale Norden kommt.

HANSE DIGITAL VISION
*Update 26.01.2021*

+++ Egoistische Tagestouristen gefährden im Harz das Leben von Familie und Freunden +++ Deutschland auch 2021 fest im Griff der Pandemie +++ Leichte Entspannung frühestens zu den Sommerferien +++ Unbeschwerter Sommerurlaub bleibt Wunschtraum +++ Normalisierung erst im 4. Quartal erwartet +++ 

+++ Pleitewelle durch zu späten 2. Lockdown befürchtet +++ Digitalisierung forciert Umbruch des Einzelhandels +++ Eventbranche wird digital konsolidiert +++ Onlinehandel und digitale Medien sind Gewinner der Krise +++ Smart Home wird im Corona-Jahr zum Milliarden-Markt +++ Fernreisen durch Deutschland-Trend vor Veränderungen +++


  • BERLIN: DIW-Chef befürchtet nach zu spätem 2. Lockdown für 2021 große Pleitewelle und steigende Arbeitslosigkeit in Deutschland.
  • KIEL: lfW-Prognose erwartet bis zu 600.000 verlorene Arbeitsplätze u. a. in Luftfahrt und Tourismus durch "Rückprall" nach der Corona-Krise.
  • HAMBURG: BAT-Zukunftsmonitor sieht mit 71 % Nennungen größere wirtschaftliche Schwierigkeiten, als im abgelaufenden Jahr 2020.
  • HAMBURG: Jahresabschlussevent "Ehrbarer Kaufmann" mit weniger als 500 "YouTube"-Zuschauem - statt 1.500 geladenen "Pfeffersäcken".
  • GOSLAR: Rodler und Wanderer zeigen Weihnachten und am Wochenende im Harz dicht gerdängt die hässliche Seite egoistischer Deutscher.

Liebe Freunde und Partner,
liebe Leserinnen und Leser:


Der Download für das neue Jahr hat begonnen!

Alle gesetzlich Versicherten können ab sofort eine elektronische Patientenakte auf ihrem Handy nutzen. Die norddeutschen Kassen "AOK" Nordost (für MV), Niedersachsen, Nordwest (für SH) und Rheinland-Hamburg,"DAK" und "HEK" (Hamburg), "HKK" (Bremen), "KKH" (Hannover), "Securvita BKK" und "TK" (Hamburg) sind vorbereitet. Ab 1. Januar können Versicherte zudem bereits nach 12 Monaten die Kasse wechseln - ein Antrag bei der neuen Kasse reicht, alles andere passiert von selbst. Im Juni '21 werden die UMTS­-Netze von "Vodafone" und "Telekom" abgeschaltet, zum Jahresende das 3G-Netz von "Telefonica" - zugunsten des neuen 5G-Standards. Bei "Google" entfällt zur Jahresmitte der unbegrenzte Fotospeicher in "Drive" für "Android"-User und für neue Smartphones gilt die Pflicht, mit "Android 11" zu launchen.

Wichtig für globale Smartshopper wie unseren Chefredakteur: Ab Juli '21 muss der Import von Waren aus nicht EU-Ländern wie China angemeldet und mit 19 % Umsatzeinfuhrsteuer verzollt werden. Bisher konnten "geringfügige Güter" unter 22,- € bei "Aliexpress", "Gearbest" & "Wish" praktisch zollfrei geshoppt werden. Im schlimmsten Fall musste man sich bei seinem örtlichen Zollpostamt in die Schlange stellen, um seine Einkäufe abzuholen. Künftig liefert die "Alibaba"-Logistiktochter "Cainiao"" u. a. aus Belgien, Polen, Spanien und Tschechien aus - mit dem Ziel, Kunden in max. 72 Stunden zu versorgen. Vorbild: Der hauseigene, flächendeckende 24-Stunden-Lieferdienst in China. Soweit der Schnelldurchlauf aus der Welt der Bits & Bytes.


Der digitale Norden nach dem 1. Corona-Jahr:

Nach unseren punktgenauen Prognosen zu Lockerungen und Normalität nach dem ersten Lockdown im Frühjahr und Sommer 2020 wagen wir heute zu Beginn des neuen Jahres eine Prognose für die Zeit nach dem zweiten Lockdown und den insgesamt vier Wellen von Impfungen: Wir gehen davon aus, dass nach dem bundesweiten Impf-Startschuss bis Pfingsten Ende Mai d. J. die ersten drei Gruppen weitgehend geimpft sein werden - sprich 1.) 80-Jährige, Heimbewohner und medizinisches Personal, 2.) 70-Jährige, Demenzpatienten, Schwerstbehinderte sowie Pflegekräfte, pflegende Angehörige und Sicherheitskräfte sowie 3.) 60-Jährige, chronisch Kranke sowie Angehörige von Polizei, Feuerwehr, THW, Politik und Justiz.

Für die weitere Normalisierung heißt das mit Stand Januar '21 aus unserer Sicht: 

Bis zu den kurzen Winterferien Anfang/Mitte Februar d. J. wird die Situation bleiben, wie sie ist: harter Lockdown. Bis zum Ende der Sommerferien 2021 wird der Großteil der 15 Millionen Norddeutschen die Chance haben, sich impfen zu lassen, wie es Gesundheitsminister Jens Spahn zum Impfstart erklärte. Im 3. Quartal könnte Deutschland weitgehend "durchgeimpft" sein. Damit werden Oster-, Pfingst- und Sommerferien 2021 erneut im Pandemie-Modus stattfinden und ein unbeschwerter Urlaub rückt in weite Ferne. Eine Normalisierung des Lebens und eine Erholung der Wirtschaft wird frühestens im 4. Quartal d. J. möglich, wie zahlreiche Marktforschungsinstitute übereinstimmend prognostizieren.

Werden wir nach mehr als einem Jahr Entbehrungen durch kurzfristigem und angekündigtem Shutdown sowie leichtem und hartem Lockdown in einen analogen Nachhol-Rausch verfallen, mehr Feste feiern, als je zuvor und die berüchtigte "S.u rauslassen", wie wir es in hässlichen Bildern aus den über die Weihnachtsfeiertage geöffneteten Skigebieten in Österreich und der Schweiz fassungslos kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen mussten? Nicht besser verhielten sich asoziale, schneegeile Tagesausflügler beim Rodeltrip auf dem Harz über die Feiertage und am vergangenen Wochenende. Wie hirnverbrand muss man sein, sich in der Pandemie ohne Maske mit Fremden zu drängeln, Ordnungskräfte anzupöbeln oder sogar Polizisten anzuspucken, weil man schon "solange keinen Schnee mehr hatte"? Lust auf Intensivstation mit dem mutierten Virus?

Für uns stehen weiterhin vor allem die digitalen Aspekte der Corona-Krise im Mittelpunkt: Was bleibt von der Schulausstattung mit Tablets, WLAN, Lernportalen und Videoklassen nach den teilweise hanebüchenen Selbstbeweihräucherungen von Bildungsministern und -senatoren übrig? Ja, auch Schulen sind Ansteckungsherde und Hamburgs SPD-Schulsenator Ties Rabe hat mit seiner Pressekonferenz am 21. November '20 wohl eine Märchenstunde veranstaltet. Das Corona-Jahr hat gezeigt, dass man Bildungs- und Wissenschafts-, Wirtschafts- und Finanzminstern wie -senatoren auf die Finger schauen muss, was trotz großspuriger Ankündigungen nicht geklappt hat, z. B. bei der Corona-Hilfe. Wenn bei bürokratischer wie digitaler Stümperei Schüler und Lehrer, Gastronomen und Freelancer auf der Strecke bleiben, ist dies ein Thema, an dem wir dran sind - und dran bleiben werden.

Die zwei Leitfragen im neuen Jahr lauten für uns: 

1. Was ist von der analogen Welt nach Corona noch übrig? 
2. Wie digital wird der Norden nach Corona aussehen? 

48% der Jugendlichen wählten online das von "Langenscheidt" initiierte Jugendwort des Jahres: Mit "Lost" bringen junge Deutsche aus über 1 Mio. Votings ihr Gefühl über das Corona-Jahr auf den Punkt - ohne Umschweife, ohne Schöngerede. Was nach einem Jahr Entbehrungen, Verordnungen und sozialer Mangelerscheinungen bleiben wird, sind mehr oder weniger erfolgreiche Ansätze von Distanzlernen und Homeschooling, Videokonferenzen und Homeoffice sowie Onlineshopping mit Cocooning und Casualing. 27 % der von "Ipsos" befragten Deutschen gehen im neuen Jahr von Einsamkeit aus - mehr als 1/4 der Nation. Da helfen weder eine neue Webcam fürs Homesoffice, noch das neue Sofa mit 20 % Rabatt aus dem 1. Lockdown oder bequeme Jogginghosen für die nächste Videokonferenz.

Schauen wir uns einzelne zentrale Schlüsselthemen und ihre Digitalisierung fernab von Glaube und Hoffnung mit aktuellen Zahlen und Fakten genauer an. Im Fokus die digitalen Themen Zuhause, Bildung, Freizeit, Wirtschaft, Geschäft, Handel und Politik:

Das digitale Zuhause nach der Corona-Krise:

Fast 4,4 Mrd. € haben die Deutschen im abgelaufenen Jahr für WLAN-Steckdosen und -Glühlampen, digitale Licht- und Heizungssteuerung sowie die Online-Überwachung von Kinderzimmer und Haustür ausgegeben. Mit 21,5 % ist mittlerweile mehr als jedes 5. Zuhause zwischen Helgoland und Bodensee online vernetzt. Schon in 5 Jahren erwarten Marktforscher einen jährichen Umsatz mit Smart Home­-Tools von "Bosch" und "Philips","Sonoff", "Tado" & Co. von 8,5 Mrd. €. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von 14,3 %, wie Statista aufzeigt. Die Statistiker errechneten pro Smart Horne eine durchschnittliche Investition von gut 480,- €, was unser Chefredakteur mit rd. 40 smart­ vernetzten Geräten in seinem Zuhause bestätigen kann. Mit den Baumarkt-Ausflügen im 1. Lockdowm und dem verstärkten Trend zum Cocooning in der Pandemie hat ein Milliarden schwerer Markt spätestens 2020 seinen Durchbruch erlebt.

Deutlich skeptischer sind wir Deutschen bei smarten Assistenten, wie "Amazon Alexa" und "Google Nest", vernetzten "Bosch"-Wasch- oder Spülmaschinen von "Otto" oder gar einem digtitalen Wohnungstür-Schloss. 56 % der Bundesbürger haben laut Verbraucherzentralen Skepsis, was mit ihren Daten passiert. 33 % sehen zugleich die Chancen der Nutzung digitaler Assistenten - ein Wert, der vergleichbar ist mit der Verbreitung von vernetzten Geräten. Wir sehen neben der Auswertung von Verbraucherdaten vor allem in der langfristigen Nutzung der Geräte inkl. Betriebssystemen ein altes Problem in neuer Verpackung: Werden wir bei WLAN-Steckdosen und -Glühlampen künftig ebenso zum ständigen Neukauf getrieben, weil die Betriebssysteme - wie auch immer vorsätzlich - veraltern oder nicht mehr aktualisiert werden (vgl. PCs, Notebooks, Tablets und Handys)?

Die digitale Bildung nach der Corona-Krise:

Stichwort Tablets: Blicken wir auf Schulen mit Präsenzunterricht und Distanzlernen. Wie die 6 Pilotschulen des Hamburger "BYOD"-Projekts "Start in die nächste Generation" von 2014 bis 2016 werden jene Bildungseinrichtungen Gewinner der Digitalisierung sein, die bereits begonnen haben, konsequent auf digitale Konzepte und Inhalte, digitale Ausstattung und damit auf digitales Lernen zu setzen. Jene Bundesländer werden perspektivisch vorn liegen, die flächendeckende Ausstattung, zusätzliche Eigenmittel, zuverlässige Plattformen und konsequente Umsetzung ermöglicht haben. Gute Chancen für all jene, die sich während der Pandemie nicht auf Bundesmitteln ausgeruht haben und am Ende des Tages ihren Schlingerkurs gegenüber rebellierenden Eltern rechtfertigen mussten. Ja, dies ist ein Vergleich zwischen Bremen und Hamburg: Werder führt.

Auch im neuen Jahr werden Onlinevorlesungen an vielen Hochschulen selbstverständlich sein - und langfristig bleiben. Viel beschworen und gern vorgeführt, stehen Startups für Innovationen, auch wenn man sie - wie an Alster und Elbe - gern am langen Arm verhungern lässt (Stichwort "Innovations-Wachstums-Fonds"). Wir sehen vor allem die Chance für pfiffige Absolventen wie Abbrecher, ihre Ideen mit KI-Lösungen zum Erfolg zu führen. Mit Bremen und Osnabrück, Lübeck und Lüneburg, Rostock und Greifswald zeigt sich, dass junge, schnell wachsende Geschäftsideen in Regionen fernab selbst ernannter oder gehypter Startupmetropolen entwickelt werden können. Hier hoffen wir auf den Nord-Westen ebenso, wie auf den Norden oder den Nord-Osten und freuen uns auf pfiffige und faire Jungunternehmer, über die wir im neuen Jahr berichten können - z. B. mit Lösungen, die tödliche Frachterunfälle wie den der Hamburger "MS Oceana" Mitte Dezember '20 vor Shanghai durch Predictive Maintenance u. a. für Lenkgetriebe vermeiden können.

Die digitale Freizeit nach der Corona-Krise:

Zehn Corona-Monate in den eigenen vier Wänden waren für digitale Medien die "Goldenen Zwanziger". Für Kinder und Eltern spielten Streaming-Dienste von "Amazon Prime Video", "Disney+", "Netflix" oder "Sky Go" eine grosse Rolle. Kein Wunder, das "Amazon" und "Apple" gleich im ersten Lockdown mit Gratis-Angeboten u. a. für Kids auf Kundenfang gingen. Der Anteil von Streaming-Nutzern lag im Jahr 2019 bei 39,5 % aller Deutschen ab 14 Jahren (davon 36,4 % für "Netflix" und 30,3 % für "Prime Video"). Im Corona-Jahr kletterte die Zahl der Nutzer laut "ARD-ZDF-Onlinestudie" auf 47 %, und damit auf nahezu jeden 2. Deutschen. In der wöchentlichen Nutzung gaben sich die "ARD-Mediathek" (18 %), die "ZDF-Mediathek" und "Netflix" (jeweils 17 %) sowie "Amazon Prime Video" (13 %) 2020 die Klinke in die Hand. Vorab-Veröffentlichungen von Filmen und Serien in den Mediatheken von ARD und ZDF zeigen, wohin die Reise geht: "Schauen Sie einfach wann Sie wollen und wo Sie wollen!" Die Corona-Gewinner werden dabei ganz vorn mitspielen.

In deutschen Wohnungen leuchteten 2020 nicht nur die Fernseher stundenlang. Auch PC-Monitore glühten rund um die Uhr: Bis zu 7 Stunden/Woche daddelten die Deutschen im Pandemie-Jahr pro Woche mehr mit "Playstation", "Xbox" & Co. 46 % aller Bundesbürger ab 16 Jahren - das sind 32 Mio. Menschen - spielten 2020 mindestens ab und zu Computerspiele - Kids unter 16 nicht mit eingerechnet. Für 61 % der daddelnden Deutschen sind Games eine gute Gelegeheit, abzuschalten - nicht nur vom Shutdown-Stress. 49 % der vom Digitalverband "Bitkom" bereits im Juni '20 Befragten sagten, dass ihnen in der Corona-Krise ohne Games "die Decke auf den Kopf gefallen" wäre. Dabei liegen Cashual-Games auf dem Handy bei Frauen und Senioren vorn, Ego-Shooter bei Kids auf PC und Konsole. In 2020 gaben Gamer 9,- € pro Kopf mehr für ihr Hobby aus - jeden Monat. Macht pro Jahr 108,- € Zuwachs bzw. 288,- € Umsatz, bei den 16- bis 29-Jährigen sogar bis zu 408,- € in einem Jahr. Der Anstieg wird nicht zurückgehen und die großen Hamburger Games-Schmieden auch weiterhin das nationale Ranking anführen.

Die digitale Wirtschaft nach der Corona-Krise:

Das Pfeifen im Walde der Wirtschaft wird wohl ein Pfeiffen bleiben: 77 % der Befragten des aktuellen "BAT-Zukunftsmonitors" erwarten größere wirtschaftliche Schwierigkeiten als 2020. Dies ist nicht wirklich verwunderlich: Bis zu 600.000 Jobs werden durch die Corona-Krise verloren gehen, vor allem in den norddeutschen Branchen Tourismus und Luftfahrt, die von der Pandemie besonders hart betroffen sind. Die aktuellen Zahlen stammen von Kieler Institut für Weltwirtschaft - "IfW'. Das geht für 2021 insgesamt von 3,1 % Wachstum aus. Die Hamburger Kollegen des "HWWI" erwarten 4,0 %. Dabei reicht die Spanne der Prognosen je nach Institut von 2,8 % (OECD) bis 4,9 % (RWI). Erst im 4. Quartal kann das wirtschaftliche Niveau der Vor-Corona-Zeit laut "HWWI" und der "IKB" eventuell wieder erreicht werden. Für die Arbeitsplätze gilt das jedoch nicht. Sie kommen erst mit Verzögerung zurück - wenn überhaupt.

26 % - und damit nur ein Viertel der Befragten aus der "Ipsos"-Prognose 2021 - sieht eine vollständige Erholung der Wirtschaft in diesem Jahr. Mit 42 % Nennungen zeigen deutsche Verbaucher, dass die Umsätze in Einkaufsstraßen und Shopping-Center nicht zurückkommen werden - sondern im Internet bleiben. Bis zu 121 Mrd. $ - das sind schlappe 104 Mrd. € - erwartet allein "Amazon" im abgelaufenen Quartal Q4 weltweit. Bei rd. 8 % Deutschland-Anteil wären das gut 8 Mrd. € - in drei Monaten. Damit wird sich der Umsatz von "Amazon" in Deutschland von 22,2 Mrd. € in 2019 mit großen Schritten in Richtung 30 Mrd. €-Marke bewegen. Größere Potenziale liegen vor allem in den Bereichen Haus & Garten sowie Sport & Freizeit, wie die Konsumswünsche 2021 des "BAT"-lnstituts zeigen. 

Das digitale Geschäft nach der Corona-Krise:

Mehr als 1/3 aller deutschen Arbeitnehmer ist im Homeoffice. Folge: Deutsche Unternehmen haben in den Top 7-Städten im 2. und 3. Quartal '20 laut des Maklers "Savills" nur halb soviele Flächen neu angemietet, wie im langjährigen Durchschnitt. Auch wir gehen davon aus, daß bis zu einem Drittel der bisherigen Büroflächen längerfristig leer stehen werden, auch wenn Homeoffice nicht bei allen Firmen beliebt ist. Viele Begegnungen finden so oder so per Videokonferenz u.a. via "Zoom" (mit allein 300+ Mio. neuen Nutzern weltweit während des 1. Lockdowns) statt. Wenn Bürokomplexe leer stehen: Was wird aus den Innenstädten von Bremen und Osnabrück, Hamburg und Hannover, Kiel und Lübeck sowie Rostock und Schwerin? Und was wird aus gehypten Coworking-Spaces mit unendlichen Überkapazitäten für Konkurs gegangene Freelancer, wie "We Work" mit 4 Standorten allein in Hamburg? Dazu kommen digitale Plattformen: Der Online-Vertrieb wächst. Mit 37 % nutzen mehr als 1/3 der deutschen Mittelständler bereits Plattformen, wie die "KfW" ermittelte.

Heute ist klar: Bis zu 50 % aller Geschäftsreisen sind überflüssig. Wenn sie nur noch bei wichtigen Anlässen in Frage kommen, was heißt das für Airbus und Airlines, Bahn und Backshops, Taxis und Uber, Hotels und Konferenzzentren? Die Nachfrage nach Business-Hotels wird abnehmen. Gewinner sind moderne Ketten, wie "Motel One" und "Premier Inn" - Low Cost lässt grüßen. Für die Eventbranche bedeutet der Wandel: Hybride Angebote vor Ort und vor dem Bildschirm werden zur Normalität. Dabei sehen wir den gleichen Fehler, wie vor 20 Jahren bei Online-News: Die meisten Vorträge und Diskussionen sind kostenlos abrufbar. Zugleich schauten beim "Ehrbaren Kaufmann" weniger als 500 Interessenten auf "YouTube" zu, statt 1.500 "Pfeffersäcke" am Silvester-Mittag in der Handelskammer zu Hamburg. Die Geschäftsmodelle von Kongressen und Messen verändern sich radikal und eine Konsolidierung des B2B-Eventmarktes wird stattfinden.

Der digitale Handel nach der Corona-Krise:

Mit einer Paketsteuer für Onlinehändler wird der Einzelhandel in den Innenstädten sicher nicht gerettet. Viel zu spät, viel zu inkonsequent haben alt ehrwürdige Kaufleute noch auf Geschäfte und Filialen in "besten Lagen" gesetzt. Dabei war die Lage längst ernst und die besten Geschäfte wurden auf Plattformen und in Onlineshops gemacht - laut E-Commerce-Verband "BEVH" von 72,6 auf 83,3 Mrd. € Steigerung in einem Jahr - befördert durch Lockdown 1 und 2. Jetzt hofft der Hamburger Distanzhändler "Otto" mit einem eingekauften Ex-"Amazon"-Manager, seinen Marktplatz doch noch zum Fliegen zu bekommen. Nach unserem Blick mit dem Brennglas auf die Kultur in Bramfeld haben wir erhebliche Zweifel, dass man beim "Otto.de"-Marktplatz, bei "Hermes"-Logistik und Kundendienst gegen "Amazon" noch aufholen kann. Zumal "Otto" sein Filialgeschäft von "Bonprix" bis "Manufactum" weiter betreiben will. Hier gilt: "Wer aufhört zu rudern, treibt zurück".

Derweil ist das Kapitel "Galeria Karstadt Kaufhof" nach 37 geschlossenen und 6 weiteren Kandidaten als Exemplar für den sterbenden Einzelhandel für uns erledigt, auch wenn eine Reihe von norddeutschen Häusern dank Lokalpolitikern und Fototerminen noch eine Extrarunde drehen dürfen. Oder glauben Sie, einem österreichischen Immobilienmagnaten geht es wirklich um Bettwäsche, Damenoberbekleidung und Parfüm in Hamburger Innenstadtlage? Die Umbrüche durch digitale Kundenansprache, Onlinelieferung und virtuellen Kundendienst sind nicht aufzuhalten und die Konzentration auf (neue) Plattform-/Händler die unumkehrbare Folge. Da helfen gemeinsame Onlineshops von Einkaufsstraßen ebenso wenig, wie Millionen Euro teure "Improvement-Distrikte" - z. B. rund um das Hamburger Rathaus und die Handelskammer ("BID Nikolaiquartier") mit schlappen 5,9 Mio. € Kosten in 5 Jahren - inkl. 1,3 Mio. € aus der Pulle für das Management von Bauträger "Otto Wulff". Solange einheitlich beigefarbene Gehwegplatten wichtiger sind als Zukunftskonzepte, wird das sicher nichts.

Die digitale Politik nach der Corona-Krise:

2021 ist ein Wahljahr - auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene: So entscheidet sich am 12. September '21, wer die Bürgermeister und Landräte im größten und mit 5 Mio. Einwohnern stärksten Bundesland Norddeutschlands stellt. Zu den Schlüsselfragen im ländlich, maritim und industriell geprägten Niedersachsen spielt die Breitbandanbindung ebenso eine wichtige Rolle, wie das Schließen der "Weißen Flecken" im Mobilfunk. Für uns sind darüber hinaus die digitalen Themen, wie autonomes Fahren rund um Braunschweig und Wolfsburg spannend, aber auch die digital-vernetzte Logistik in den Seehäfen von Brake, Cuxhaven, Emden, Papenburg oder Wilhelmshaven mit dem "Jade-Weser-Port" und die digital-gestützte Landwirtschaft rund um das "Digi-Schwein" im Oldenburger Land. 

Am 26. September '21 entscheidet sich, ob die Sozialdemokraten bei einer schwarz-grünen Bundesregierung endlich in die Opposition gehen (dürfen) ebenso, wie das Schicksal der großen Koalition im Schweriner Schloss. Nach ersten überzeugenden Schritten mit überdurchschnittlicher KMU-Digitalförderung mit bis zu 20.000,- €, sechs regionalen Innovationszentren für Startups und KMUs im Umfeld der Hochschulen und zunehmendem Tempo bei Breitbandausbau und Mobilfunkversorgung geht es für den Nord-Osten in den kommenden Jahren um neue, digitale Geschäftsmodelle - in Tourismus und Landwirtschaft, Hafenwirtschaft und Werften. Wir hoffen, dass die drei "MV Werften" in Wismar, Rostock und Stralsund nach der Corona-Krise wieder durchstarten können - und digitale Innovationen nutzen.  

Auf jeden Fall werden die Landtags- und Kommunalwahlkämpfe in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen wie auch das Wettrennen der gut 700 Kandidtaten um den 20. Deutschen Bundestag weitgehend digital laufen: Ansprachen auf "YouTube",  Bürgerforen via "Zoom", Sprechstunden per "WhatsApp" - für die auf Marktplatzstände, Straßenplakate und Großflächenwerbung fixierten Parteien wird 2021 ein Jahr des Umlernens. Jetzt hat die Digitalisierung auch die Parteiarbeit fernab von Hinterzimmern eingenommen. Im Online-Wahlkampf gilt wie in Online-Marketing und Online-Vertrieb: alles ist trackbar. Jeder "YouTube"-Stream ohne Zuschauer und jede "Zoom"-Diskussion ohne kritische Fragen werden sofort zum Bummerang für Sollte-Dürfte-Müsste-Forderungen. Ist das der Anfang vom Ende für Wischiwaschi-Parteipolitiker?

Die digitale Zukunft nach der Corona-Krise:

Wenn Visionäre darüber referieren, das alles digital wird, dann sind unsere Onlineeinkäufe während der Pandemie, das Distanzlernen unserer Jüngsten während der Shutdowns und die Videokonferenzen aus dem Homeoffice der Beweis, dass es genau so ist. Allen Stolpersteinen und Widerständen zum Trotz: Wenn es keine Alternative gibt, wenn es zur Notwendigkeit wird, dann setzen sich neue Möglichkeiten durch (außer vielleicht in Hamburg). Wenn Experten seit Langem prophezeien, dass "Vetrauenskultur" statt Präsenzpflicht in der Arbeitswelt einziehen muss und wird, dann sind die vergangenen Monate von Homeoffice und Videokonferenzen der Beweis, dass es funktioniert - auch ohne "New Work"-Diskussionen mit selbst ernannten "Expert*innen".  

Der viel beschworene "Digitalisierungsschub" im Corona-Jahr 2020 wird im neuen Jahr beweisen, wie er kleinere, mittlere und große Betriebe vorangebracht hat und weiter voranbringen wird - vorausgesetzt, die eigene Kultur stand und steht einem nicht im Weg. Wir gehen davon aus, dass aus dem "Casual-Freitag" ein Homeoffice-Tag wird und für Angestellte in "White Collar Jobs" auch 2 oder 3 Tage pro Woche im Homeoffice zum "New Normal" werden. Dabei rückt neben der Technik und der Organisation das dritte unserer Leitthemen in den Mittelpunkt: die Kultur des Wandels. Wir sind sicher, dass das Corona-Jahr 2020 im Rückblick zum Wendepunkt der Digitalisierung, der Transformation und des Kulturwandels im Norden und ganz Deutschland geworden sein wird. Wir machen dazu die Nachrichten.

Der digitale Norden ist unser Leitthema.


Die jährliche Studie des Marktforschungsinstituts "lpsos" zeigt, wohin der Norden, unser Land und die Welt tendieren: Mit 63 % gehen fast 2/3 der Bundesbürger davon aus, dass das neue Jahr insgesamt besser wird. Mit 46 % bezweifelt zugleich nahezu jeder 2. Deutsche, dass unser Land vollständig zur Normalität zurückkehren kann. Die Befragten des "Zukunftsmonitors" des "Instituts für Zukunftsfragen" an der Alster erwarten sogar zu 71 % weiter bestehende Einschränkungen im Jahr 2021. Die aktuellen Interviews mit führenden Virologen in der täglichen Presseschau zeigen ein ähnliches Bild. Und 64 % des Hamburger "BAT"-Panels gehen davon aus, dass die Gesellschaft im neuen Jahr weiter auseinander driftet.

Der digitale Norden - unsere Heimat an den zwei Meeren, in 5 Küstenländern, den 4 Metropolregionen, in 25 norddeutschen Hansestädten: 15 Millionen Menschen hoffen hier bei uns, dass es im neuen Jahr wirklich besser wird rund um Familie und Freunde sowie Job und Geld. Unser Rat für 2021 lautet: Schauen Sie dahin, wo die neuen und die verrückten Ideen zu finden sind. Schauen Sie dahin, wo es digital ist und gerade wird. Schauen Sie dahin, wo jetzt online, mobil und vernetzt neue Möglichkeiten angeboten werden. Denn da ist nicht nur die digitale Zukunft nach der Corona-Krise. Da ist die Zukunft für uns alle - in Ost und West, in Städten und Gemeinden sowie in Unternehmen und Verwaltungen.


In diesem Sinne: 
Bleiben Sie neugierig. Werden Sie digital. Und bitte bleiben Sie gesund! 

Ihre HANSEVALLEY-Redaktionsleitung

Thomas Keup und Gerd Kotoll 
Chefredakteur / Korrespondent Hamburg     
 
*  *  *

 Hanse Digital Background: 

Hanse Digital Review: HANSEVALLEY 2020 - Ein Jahr digitaler Norden.

HANSESERVICE: Die Corona-Krise als Katalysator für den E-Commerce-Wandel

HANSESTATEMENT: "Nach Kahrs und Corona: Hamburgs Vertreibung aus dem Paradies":
hansevalley.de/2020/05/hansestatement-hamburg-after-corona.html

HANSESPORTS: "Aus dem Home Office digital in ein bewegtes Leben":

HANSEVALLEY: "Die Welt wird eine andere sein - der Norden nach Corona":
hansevalley.de/2020/04/hansefuture-die-welt-wird-eine-andere.html

HANSEVALLEY: "Wie Hamburgs Wirtschaft aus der Panik zu digitalen Perspektiven kommt":

Montag, 11. Mai 2020

HANSESTATEMENT: Nach Kahrs und Corona: Hamburgs Vertreibung aus dem Paradies.

HAMBURG DIGITAL STATEMENT
- von Chefredakteur Thomas Keup -
* Update 06.06.2020 *


So hat sich Hamburg noch 2016 in Göteborg selbst vermarket.
Foto: Hamburg Marketing Mediaserver / Hamburg Convention Bureau

Er geht. Johannes Kahrs will und darf nicht mehr. Der SPD-Strippenzieher nimmt seinen Hut. Eine viel diskutierte Personalie ist Geschichte. Ich habe den Geldbeschaffer für SPD-Prestigeprojekte nie persönlich kennengelernt. Ich hatte auch kein Bedürfnis dazu. Denn Johannes Kahrs gehört zu einer Kategorie Politiker, die in der Hauptstadt mit dem Mauerfall vor 30 Jahren ihre Bedeutung verloren hat. Als Berliner kannte ich Peter Kittelmann, Bundestagsabgeordneter aus Tiergarten, Geldbeschaffer für CDU-Prestigeprojekte, graue Eminenz hinter einem Regierenden Bürgermeister mit "fliegenden" Kreisverbänden. Kahrs wie Kittelmann stehen für eine Generation von Strippenziehern in Hinterzimmern. 

Als ich im Sommer 2016 nach Hamburg kam, ahnte ich eines nicht: Bis zur Corona-Krise funktionierte die Freie und Hansestadt wie die Mauerstadt Berlin. Eine Einheitsgemeinde, in der sich Lokalpolitiker, Baulöwen, Banker und Polizeipräsidenten im Puff trafen. Als Redakteur beim einflussreichsten Radiosender der Neunziger war ich mittendrin, nicht nur dabei: Pressetermin in genau jenem Puff am Olympiastadion, Audienz bei genau jenem Banker, der Immobilienkredite auf Empfehlung des "Regierenden" vergab und mit politischen "Freunden", die schon mal eine Pressekonferenz verschoben, bis das Hauptstadtradio auch da war. Willkommen im Dorf.

Hamburg im Wachkoma. Norddeutschland auf dem Weg.


Hamburg vom Stadtpark aus der Luft betrachtet.
Foto: Hamburg Marketing Mediaserver / Doublevision

Anfang diesen Jahres begannen wir, HANSEVALLEY zu relaunchen: Seit Januar 2020 berichten wir aus dem ganzen Norden - aus beiden Freien (und) Hansestädten und allen drei norddeutschen Flächenländern. Die Entwicklung hat uns Recht gegeben: Die täglich drei Hanse Digital Nachrichten haben bundesweite Qualität, Niedersachsen und Schleswig-Holstein laufen digital vorne weg, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen holen auf. Und Hamburg? Anfang des Jahres fragte ich mich: Was muss passieren, damit Helmut Schmidts "schlafende Schöne" aus ihrem digitalen Wachkoma kommt? Für mich war das "Digitale Hamburg" Anfang 2020 mehr oder weniger - sagen wir mal - "relativiert".

Plötzlich ist nichts mehr, wie es war: Die alten Geschäfte stehen still. Die alten Lieferketten brechen auseinander. Die alten Seilschaften funktionieren nicht mehr. Die feinen Kaufleute können gar nicht schnell genug nach der Soforthilfe greifen. Und wie im Rest der Republik rufen Wirtschaftsverbände an Alster und Elbe nach einer schnellen Öffnung. Nur das übliche Unternehmerjammern wie in der Finanzkrise? Nur eine oft geübte Show, um möglichst viele Staatsgelder möglichst billig abzugreifen? Bei einigen sicherlich. Aber der Shutdown von Wirtschaft und Gesellschaft hat noch einen anderen Effekt: Die Beschleunigung der globalen Veränderungen - mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Nichts lag näher als geschlossene Haspa-Filialen.

Fernab gefühlt hunderter mehr oder weniger inhaltsgeschwängerter Podcasts von mehr oder weniger interessanten "Sabbelbacken" und digital-verpacktem Marketing-"Gedödel" passiert in Hamburg gerade einiges, das wir die kommenden 10, 20, 30 Jahre nicht vergessen werden. Da bröckelt der schöne Schein einer "Haspa" und das Branchenmedium "Finanz-Szene" offenbart, dass die größte deutsche Sparkasse alles andere als gut dasteht. Nicht wegen Corona - sondern auf Grund des weggebrochenen Zinsgeschäfts, eines nicht mehr funktionierenden Kreditersatzgeschäfts und fehlender Dynamik beim Umbau zum Digitalplayer der nächsten Generation.


Mit Papier und Schließfächern gegen Challenger Banken.
Foto: HANSEVALLEY

Schon im Herbst vergangenen Jahres fragten wir uns in der Redaktion: Kann eine Stadtteil-App "Kiekmo" mit angeschlossenen Lokal-Events den digitalen Trend eines durch die Bankenkrise zerrütteten, durch Regularien konsolidierten sowie digitalisierten Bankenmarkts aufhalten? Kann eine Jugend-App "Aino" den Trend zu Challenger- aka Neobanken wie "N26" und "Revolut" oder "Kontist" und "Penta" bei Privat- wie Geschäftskunden verhindern? Und wir fragten uns, wo die "Haspa" all die Milliarden von Euro verdient? Mit dem Corona-Lockdown dürfte das bislang funktionierende Immobilien- und Handelsgeschäft weitere Probleme mit sich bringen.

100% Hamburg - und schön den Schein wahren. 

Die "Haspa" steht für eine Kultur, eine Stadt und ihre Wirtschaft: 100% Hamburg, 150% engagiert - und bloß nicht durchscheinen lassen, dass etwas nicht stimmen könnte. Genauso geben sich der "Erste" und seine Senatoren bei der wöchentlichen Pressekonferenz im Rathaus: 'Wir haben in Hamburg schon sehr früh reagiert. Wir sind in Hamburg - auch im internationalen Vergleich  - führend'. Diese "Großkotzigkeit" hat mich schon die letzten 1,5 Jahre bei Senator "Westwasserstoffman" angewidert. Ein Blick auf den ganzen Norden zeigt: Hamburg ist in der Corona-Krise überhaupt nicht "führend" - manchmal sogar Wochen hinterher. Gerade hat das Land Berlin mit der "Soforthilfe IV" ein Finanzpaket über 30 Mio. € für Kulturbetriebe angeschoben - mit bis zu 500.000,- € pro Betrieb. Und Niedersachsen unterstützt kleine Kulturbetriebe mit insgesamt 2,5 Mio. €. Und Sie, Herr Brosda? Ach, vergessen wir's ...

Wenn man seit dem 9. März - und damit seit nunmehr rd. 2 Monaten - im Home Office sitzt, täglich mehrere hundert Pressemeldungen aus ganz Nord-/Deutschland sichtet, Fotos aus 540 Themen aussucht, wöchentlich 18 Hanse Digital Nachrichten bringt und die Chance hat, Hamburg mit wohlwollender Sympathie zu vergleichen, komme ich immer wieder zu einem Ergebnis: Hamburg ist wie das alte (West-)Berlin: nach außen verschlossen - sei es durch eine Berliner Mauer oder eine Mauer in den Köpfen. Hamburg wird wie das alte (West-)Berlin regiert: von einem Club Lokalpolitiker, die sich im Bezirk Mitte über Jugendhilfemittel Seilschaften gesponnen haben (vgl. Johannes K.) und auf PR-Events Quietschentchen angeln (Nicht wahr, lieber Andy?!).

Die "OMR" - Ein Mittelpunkt des digitalen Universums?


Hamburg vom Steinweg-Terminal aus der Luft gesehen.
Foto: C. Steinweg 

Keine Frage: Lokalpolitiker und Provinzfürsten gibt es zwischen Nord- und Ostsee mehr, als wir befürchten. Aber ich spreche von einer Stadt mit fast 2 Mio. € Einwohnern und 1 Mio. Angestellter. Ich spreche von einer Stadt mit überalterter Wirtschaft in traditionellen Dienstleistungsbranchen, von einer Stadt, in der Digitalisierung gern als Feigenblatt in Sonntagsreden missbraucht wird, in der man die "Online Marketing Rockstars" für den Mittelpunkt des digitalen Universums hält, sich als "digitaler Vorreiter" im Kammer-Magazin abfeiern lässt und mit - ich wiederhole mich - sinnbefreiten Podcasts selbst beweihräuchert. Schließlich sind wir in der deutschen Podcast-Hauptstadt. Und das ist wirklich ein schlechter Scherz.

Die Corona-Kehrseite außerhalb des bisherigen Paradieses der "Vermögensillustion" Stand Mai 2020: 84.400 Menschen ohne Arbeit, eine auf 7,9% gekletterte Arbeitslosenquote - im Norden nur knapp hinter Mecklenburg-Vorpommern. 23.000 Betriebe an Alster und Elbe haben Kurzarbeit beantragt, fast 349.000 Angestellte sind betroffen, haben nur noch 60% ihres Lohns in einer der teuersten Städte Deutschlands in der Tasche. Das sind rd. 29% aller Angestellten in der schönsten Arbeitslosenstadt der Welt. Und die Krise ist gerade mittendrin. Das laufende Quartal wird das ganze Ausmaß offenbaren und Ende September d. J. läuft der Kündigungsschutz aus. Vor 2021 wird es kaum einen Aufschwung geben, sagt HWWI-Chefökonom Prof. Dr. Henning Vöpel.

Otto Group eingekeilt zwischen Amazon und Alibaba.

Die Lage der Hamburger Wirtschaft ist dramatisch“, betont Prof. Norbert Aust, neuer Präses der Handelskammer Hamburg. 3/4 der rd. 160.000 Hamburger Gewerbebetriebe befürchten Einbrüche durch die Corona-Krise. Das sind 120.000 Betriebe. Der Geschäftsklimaindex ist auf 38,6 Punkte abgestürzt - gegenüber 108,3 zum Jahreswechsel 2019/2020. Selbst in der Finanzkrise lag der Index mit 72,2 doppelt so hoch. Im Klartext: Einbruch in der Logistik von 80,4 auf 24,4 Punkte und - unfassbar - im Gastgewerbe von 115,8 auf 4,8. 55% der Gastronomen müssen laut Umfrage der Universität Osnabrück auch privat den Euro 2x umdrehen. Womit wir bei der Frage sind: Wie wird Hamburg die Krise überstehen?

Um einen Ausblick wagen zu können, bedarf es einer schonungslosen Analyse:


Der Online-Händler ist mitten im Umbau zum Digital-Player.
Foto: HANSEVALLEY

1. Die Handelsmetropole bekommt den rauen Wind amerikanischer und asiatischer Plattformen zu spüren. Die "Otto Group" hat außer dem Inkasso-Dienstleister "EOS" kaum zukunftsfähige "Assets", wie die BWL-"Fuzzis" in Bramfeld die Geschäftsbereiche nennen. Der Paketsklaven-Treiber - pardon - Paketdienst "Hermes" steht zum Verkauf, womöglich an "Fedex". "Otto.de" kämpft mit der Öffnung als Plattform und bekommt neben "Amazon" und "Ebay" nun auch chinesische Player wie "Aliexpress" als Konkurrenten. Aus zahlreichen Ländern hat sich "Otto" bereits zurückgezogen, die Töchter "Heine" und "Schwab" werden fusioniert. Der Lack ist ab.

Die Zukunft der Logistik findet nicht in Hamburg statt.

2. Ein drittklassiger europäischer Hafen mit gefälschter Freihandels-Urkunde ist kein Grund zum Ab-/Feiern. Unabhängig von nicht beförderten oder halbleeren Containern in der Corona-Krise rutscht der "Hamburg Port" im Wettbewerb mit Rotterdam und Antwerpen seit Jahren ab - nicht durch Verluste, sondern durch fehlendes Wachstum. Das gern gefeierte Terminal Altenwerder ist aus Sicht hoch digitalisierter Brücken und Warehouses in den Niederlanden und Belgien lächerlich. Und da man für Steinwerder-Süd auf Intervention der "HHLA" die Chinesen mit "CCCC", "ZPMC" und "Alibaba" nicht haben wollte, zieht die Zukunft halt weiter - Bremen wartet schon. Da helfen leider auch keine Zukäufe osteuropäischer Terminals.

3. Der "Airbus"-Standort mit allein 15.000 Beschäftigten droht angesichts eines Zusammenbruchs des internationalen Luftverkehrs massiv zu schrumpfen, wie die Drohungen von Airbus-Chef Guillaume Faury gegenüber seiner Belegschaft ahnen lassen. Zusammen mit "Lufthansa Technik" und rd. 300 Zulieferern hängen in der Metropolregion mehr als 40.000 Jobs an der Luftfahrt. Allein die "Lufthansa" streicht 10% ihrer Flieger. Die Branche wird nach Expertenschätzungen erst in rd. 10 Jahren das Niveau vor Corona zurückgewinnen können. Damit steht das industrielle Standbein der Hansestadt zur Disposition, wie das "Hamburger Abendblatt" Ende April d. J. testierte.

Gastronomie und Tourismus vor Corona-Kollaps.


Schluss mit Lustig: Hamburg in Schwierigkeiten.
Foto: HANSEVALLEY
4. Die "sündigste Meile der Welt" als Sinnbild für den durch Kreuzfahrer seit Jahren steigenden Tages- und Stadttourismus vermisst in Zeiten des Shutdowns wohl kaum einer. Allerdings: rd. 100.000 Jobs in 11.000 vornehmlich kleinen und mittleren Betrieben hängen an Tourismus und Gastronomie rund um Alster und Elbe. Sie trifft es mit am Härtesten. Die Handelskammer fordert einen Masterplan Tourismus und Freizeitwirtschaft, um der hart getroffenen Branche das Überleben zu sichern. Haben Sie das verstanden, Herr Westhagemann? Auch wenn Handel und Tourismus schrittweise wieder möglich sind, mit Feiern aufm Kiez und Flanieren am Jungfernstieg hat das wenig zu tun.

Wie wird sich Hamburg entwickeln - unter einer neuen, alten Koalition mit dem "Peter" und der "Mutti"? Und was wird sich in Hamburg verändern - mit Handelshäusern aus der Offline-Zeit, einem weiter geschwächten Hafen, fehlender Digitalisierung der Logistik und einer katastrophalen Situation im Tourismus? Schon vor Kahrs und Corona stellte ich mir diese Frage. Meine bescheidene Antwort aus 14 Jahren West-/Berlin und fast 4 Jahren Hamburg aus redaktioneller Perspektive und journalistischem "Deep Dive" lautet: Die Hansestadt lebte bislang in der Vergangenheit, in einer "Vermögensillusion". Durch und nach Corona wird es ein "Weiter so" nicht geben, auch wenn das neue Koalitionspapier die Überschrift "Pfeifen im Walde" trägt. 

Die Zukunft liegt an Land - und nicht am Wasser.

Internet-, Medien- und Kulturhauptstadt ist die "Hammaburg" schone lange nicht mehr. Zukunftsweisende Technologie-Startups - wie FinTechs - haben sich in Berlin angesiedelt. Zukunftsweisende Handels-Startups - wie Zalando - lachen über ein Corporate-Startup "About You" aus der "Otto Group". Und auch hier hatten wir bereits im vergangenen Jahr einen Riecher, wo Hamburg wirklich punkten kann: Die Freie und Hansestadt hat ein namhaftes Forschungscluster in der Virologie. Die Gesundheitswirtschaft gewinnt durch und nach Corona an Bedeutung. Wenn Hamburg anfangen würde, seine Wissenschaft zu leben und zu lieben, wäre dies ein echtes "Asset".


Wahre Liebe kennt kein Lockdown.
Foto: Guido Hofmann, Unsplash

Auch wenn ich mich wiederhole: "Die Zukunft Hamburgs liegt an Land, und nicht am Wasser" mahnte Alt-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi in seiner ersten Bürgermeister-Rede vor dem "Übersee-Club" - 1983. Nachdem alte Bank-/Fassaden brökeln, nachdem alte Partei-/Strukturen aufbrechen,  ist es an der Zeit, der Zukunft in die Augen zu sehen - eine Zukunft mit digitalem Rückgrat und nachhaltiger Ausrichtung, einer Zukunft mit diversifizierten Geschäftsmodellen und einer echten Offenheit für Neues und neue Player. Denn das ist die Realität der vergangenen Jahre in des wiedervereinten Berlin und seiner Hauptstadtregion mit Tesla-Fabrik und Batterieforschung - ohne den Provinzmief von Sandkasten-Kumpeln und lokalen Strippenziehern. Wäre mal eine Idee. 


*  *  *
 Hanse Digital Background: 

HANSESPORTS: "Aus dem Home Office digital in ein bewegtes Leben":

HANSEVALLEY: "Die Welt wird eine andere sein - der Norden nach Corona":
hansevalley.de/2020/04/hansefuture-die-welt-wird-eine-andere.html

HANSEVALLEY: "Wie Hamburgs Wirtschaft aus der Panik zu digitalen Perspektiven kommt":

Mittwoch, 18. Dezember 2019

HANSESTATEMENT: Die Freie und Hurenstadt: Eine ganz billige "Nummer" ...

HAMBURG DIGITAL STATEMENT


Die Herbertstraße auf St. Pauli am Tag.
Foto: Fred Romeo - Flickr - CC BY 2.0

Hamburg, 1. Januar 1900. Die Stadtverwaltung ernennt den Distrikt um die gerade einmal 60 Meter lange Hermannstraße zur geschlossenen Wohnanlage für Liebesdienerinnen. Willkommen auf der 1922 umbenannten Herbertstraße, willkommen in der Freien und Hurenstadt. Hinter den roten Sichttoren aus dem Jahr 1933 sitzen engagierte Kauffrauen in rot ausgeleuchteten, aneinander gereihten Schaufenstern der 15 Altbauten aus dem 19. Jahrhundert und animieren die solventen Spaziergänger zu einem entspannenden Schäferstündchen.

Ein aktueller Blick in Online-Foren der nur 7 Meter breiten Bummelmeile zeigt: Leider herrschen auf der Herbertstraße heute nicht immer die Grundsätze Ehrbarer Kaufleute, sondern auch Nepper, Schlepper und Bauernfänger. So greifen einige der rd. 220 Damen des zarten und harten Gewerbes ihrer Kundschaft gern mal zu tief in die Tasche - und halten in der Lieferung nicht, was sie in der Auslage versprechen. Warum sollte man auch denken, dass in der Herbertstraße andere Geflogenheiten gelten, als in Alt- und Neustadt. Womit wir so gut wie beim Thema wären ...


Hamburg: Schaufensterpolitik - wie in der Herbertstraße

Hamburg, wir schreiben das Jahr 2020. Die Regierungspartei SPD bekundet im Wahlkampf um die Bürgerschaft, "die ganze Stadt im Blick" zu behalten, während die grün schimmernde Koalitionspartei lieber mehr Experimente möchte. Was der solvente Peter hamburgisch bescheiden verschweigt: Heute ist die ganze Stadt bereits so etwas wie die Herbertstraße. In den vergangenen 10 Jahren betrieb der rot-grüne Senat nämlich systematisch Schaufensterpolitik - wie es einer der klügsten Köpfe unter Hamburgs Wissenschaftlern auf den Punkt bringt.


Hammerbrooklyn-Box - sowas wie ein Laufhaus auf Zeit.

Wie auf dem Kiez stellen die Herbergseltern Katharina und Peter bunt leuchtende, verführerisch schimmernde Reklame in die Senatsschaufenster. Die heißesten Fege*rinnen des Jahres in der Kategorie Digitalisierung sind z. B. die vertrauenswürdige Blockchain und die neunmalkluge KI. Heißestes Bordell ist die Science City in Bahrenfeld - ein bisschen außerhalb, damit es nicht auffällt, dass das Leben zwischen Brachland und Baulöchern noch nicht so ganz tobt. Bis dahin vertreibt man sich die Zeit in der grünen Hammerbrookyln-Box - sowas wie ein Laufhaus auf Zeit für die Lokalprominenz.


Hamburg: Vorn "hui" - hinten manchmal noch ein wenig "pfui".
Foto: HANSEVALLEY

Nach drei Jahren Berichterstattung über das digitale Hamburg kommt unsere Redaktion zum Jahreswechsel 2020 zu dem Ergebnis:


"Hamburg? ... Is' auch nur so'n P.ff!"

Schauen wir uns die jüngsten Angebote aus dem goldverzierten Freuden- - pardon - Rathaus näher an. Schauen wir dabei besonders hin, wie das rot-grün leuchtende Herbergsduo an Alster und Elbe seine Schaufenster-Pferdchen hegt und pflegt, die es mit stolz geschwellter Brust um den Dorfteich - pardon - um die Binnenalster auf den Medien- und aktuell zudem auf den Wählerstrich schickt. Besonders beliebt bei medialen Gang-Bang-Events: Die engen Freunde aus dem Politikressort am Großen Burstah.


In nur 5 Minuten zum guten Ab-/Sch(l)uss ...

Ein aktuelles Highlight der Rotlicht-Show ist der 5-Minuten-Quickie vom eigentlich nicht wirklich so schnellen Peter. Gemeinsam mit der nicht nur ladegehemmten S-Bahn, der partyfreudigen Hyperbahn und dem HVV aus dem Luxustarifsegment möchte der Erste, dass auch seine Bürger als erste kommen - am Besten im 5-Minuten-Takt. Im Moment beschränkt sich die mobile Qualität zwischen Fuhlsbüttel und Harburg eher auf kuschlige und zu kurze Cruising-Container auf S3 und S31 und die beliebten Saunabuslinien 4 und 5.


Auf dem Weg ins dominante Senatsgehege 

Jüngster Neuzugang und damit die allseits beliebte Kategorie Frischfleich ist die sozial engagierte Nachhaltigkeit. Sie gilt als letzter Schrei unter den Fege*innen - auch wenn Vorzeigeschülerin Greta dank geposteter Halbwahrheiten gerade aus dem göttlichen Olymp geflogen ist. Der eigentlich schwer erregbare Peter und die von Natur aus mütterliche Katharina überbieten sich in öffentlichen Geboten, wer dank Schaufenster-Schichten am 23. Februar d. J. siegreich ins dominante Senatsgehege am Rathausmarkt einziehen darf.


Grün-roter Lack? Oder schwarz-rot-goldenes Latex?

Die Wetten laufen noch, ob man es mit der Nachhaltigkeit in den kommenden 5 Jahren zu swingenden Pärchenabenden in rot-grünem oder grün-rotem Lack schafft, alternativ zu wilden Dreiern in schwarz-rot-goldenem Latex oder schwarz-grün-gelbem PU-Leder. Das jüngste Kopf-an-Kopf-Rennen zeigt eines: Die Zeiten einer nicht selten unnahbar wirkenden SPD-Dominariege mit Herr und Meister Olaf S. sind zu Ende, die Genossen aktuell 17% abgestürzt. Das Zittern vor einer mütterlich-dominanten Katharina I. ist ausgebrochen.


Die digitalen Wahlprüfsteine zur Bürgerschaftswahl.

Wettbewerb belebt das Geschäft. Das gilt auch für den politischen Betrieb zwischen Herbertstraße und Senatsgehege. HANSVALLEY widmet sich zu Jahresbeginn den digitalen Zielen der Bürgerschaftsparteien im Wahlkampf - mit 15 Fragen in den 5 entscheidenden Kategorien 1. Digitalisierung und Wirtschaft, 2. Digitalisierung und Wissenschaft, 3. Digitalisierung und Bildung, 4. Digitalisierung und Verwaltung sowie 5. Digitalisierung und Stadtleben.


Klare Fragen. Klare Antworten? Eine klare Empfehlung!

Wir werden die Antworten auf unsere Fragen in der Reihenfolge der Sitzverteilung von 2015 veröffentlichen - einschl. AfD und Linkspartei, denn wir machen keine Politik. Wir berichten, was Politik macht. Wir werden in jeder der 5 Kategorien eine aus unserem Background mit 1.200 Digitalnachrichten und 270 Digitalbeiträgen überzeugende Partei benennen. Und wir werden eine klare Empfehlung aussprechen, wen wir am 23. Februar 2020 für das digitale Hamburg empfehlen, zu wählen. 


Manchmal ist ein bisschen Rotlicht sehr verführerisch. Manchmal braucht es auch einfach etwas Entspannung. Und manchmal bedarf es der versprochenen Lieferung, um nicht nur befriedigt zu werden, sondern glücklich zu sein. Das gilt in der Herbertstraße aufm Kiez genauso, wie im Senatsgehege am Rathausmarkt. Freuen Sie sich auf mit uns auf die Live-Show 2020 - auf St. Pauli und in der Altstadt.


Autor: Thomas Keup


Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag entspricht nicht unbedingt der Meinung der Redaktion.



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 Hamburg Digital Background: 

HANSESTATEMENT: Eine digitale Odyssee in Rot-Grün.
https://hv.hansevalley.de/2019/11/hansestatement-eine-digitale-odyssee-in.html


HANSESTATEMENT: Von Winterhude auf der Elbe in die Welt - an der Digitalisierung vorbeigetrieben.
https://hv.hansevalley.de/2019/06/hansestatement-kraemerseele.html

HANSESTATEMENT: Digitalisierung? Kein Thema mehr für die Hamburger CDU?
hv.hansevalley.de/2019/06/hansestatement-cdu-ovens.html

 Hamburg Digital Service: 


YouTube - Großreinemachen auf der Herbertstraße:

https://youtu.be/TBD7rjBYc-0

Montag, 2. April 2018

HANSEEXKLUSIV Klaus von Dohnanyi: "Alles bleibt anders."

HAMBURG DIGITAL EXKLUSIV
in Zusammenarbeit mit Hamburg@work

Hamburgs Vordenker Klaus von Dohnanyi.
Foto: Exspect
Die Digitalisierung ist der größte Umsturz, den die Menschheit je gehabt hat.

Nichts wird so bleiben, wie es war. Weder in der Geschäftswelt noch in der persönlichen Welt. Alles wird anders. Anders. weil die zeitgleiche, umfassende, weltweit umspannende Information und dieser weltweite Dialog, der dadurch möglich wird, eine totale Veränderung der Beziehungen der Menschen und der Politik und der Wirtschaft und der Wissenschaft bedeutet.

Dem kann man sich nicht entziehen. Das ist wie aller technischer Fortschritt. Es ist wenig sinnvoll, sich gegen die Digitalisierung zu stemmen, wie gegen die Eisenbahn oder das Telefon oder das Radio und das Fernsehen. Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit HANSEVALLEY-Chefredakteur Thomas Keup:

'Alle Unternehmen werden in einer digital-vernetzen Welt Nachbarn', brachten Sie anläßlich des Neujahrsempfangs des "IT Executive Club" am 12. Januar d. J. im Norddeutschen Regattaverein auf den Punkt. Sie sprechen von einer Veränderung der Kommunikation, die eine Veränderung der Gesellschaft zur Folge hat. Was meinen Sie damit?

Es ist eine ganz tiefgreifende Veränderung der Kommunikation. Ursprünglich redeten die Menschen miteinander, indem sie sich in die Augen sahen. Jetzt ist man in der Lage, mit einem chinesischen Geschäftspartner oder mit einer Freundin in Tokyo zeitgleich zu korrespondieren, nicht nur, in dem man miteinander redet, man kann sich auch per Skype sehen. Man überwindet alle Distanzen, in denen Menschen miteinander gelebt haben. Das verändert die menschlichen Beziehungen, verändert die Unternehmen, verändert aber auch die Politik. Die Digitalisierung ist der größte Umsturz, den die Menschheit je gehabt hat.

Olaf Scholz mahnte immer wieder unermüdlich und in klaren Worten, dass die Digitalisierung alle Bereiche unserer Gesellschaft umfassen wird und wir es uns nicht leisten können, abzuwarten. Wie nehmen Sie mit ihrem Erfahrungsschatz die Entwicklung der Digitalisierung wahr, welche Themen faszinieren und welche Themen verängstigen Sie ganz persönlich?

"Uns fehlt die Infrastruktur für die Geschwindigkeiten"

Es ist ein vitales Element der Konkurrenz geworden. Man kann sich dem schon deswegen nicht entziehen, weil man in der weltweiten Konkurrenz zurückfallen würde. Das ist das, was auch Olaf Scholz und alle, die sich mit dem Thema befassen, beschäftigt. Deutschland ist in einer Beziehung sehr gut. z. B. bei der Umsetzung von Industrie 4.0. Auf der anderen Seite fehlt uns noch die notwendige technische Infrastruktur, um die erforderlichen Geschwindigkeiten der Kommunikation über das digitale Netz zu ermöglichen.

"Die wirklich guten Leute haben of gar keine Ausbildung"

Wir kommen auch deshalb nicht so gut damit zurecht, weil wir ein hierarchisches System haben, in dem z. B. in der Verwaltung die Beförderungen nach Grundsätzen von Ausbildungsformalitäten entschieden werden. Die wirklich guten Leute im digitalen Handwerk kommen oftmals aus ganz anderen Ausbildungen oder haben gar keine formale Ausbildung - und sind trotzdem mit die besten Leute. Da kommt der deutsche Staat mit seinen formalisierten Vorstellungen natürlich nicht mit voran, weder in der Beurteilung der Befähigung noch in der entsprechenden Bezahlung. Da verliert er zwangsläufig im Wettbewerb mit der Wirtschaft.

"Ihr dürft Kinder nicht zu früh am Netz operieren lassen"

Mich besorgt, dass eine so tiefgreifende strukturelle Veränderung in der Kommunikation auch Nebenfolgen hat, die man nicht übersehen darf. Es gibt Warnungen von klugen Pädagogen, die sagen, ihr dürft die Kinder nicht zu früh am Netz operieren lassen. Sie werden Fähigkeiten der Empathie, der sozialen Zusammenhänge nicht mehr richtig lernen. Und dann gibt es Probleme des Datenschutzes. Es gibt eben nichts in dieser Welt, dass neben seinen positiven Seiten nicht auch negative Folgen hätte und Probleme aufwerfen würde. Um die müssen wir uns auch kümmern.

THEMA POLITIK:

Politisches Engagement findet in engen Systemgrenzen von Parteien und Karrieren statt. Unsere Bürgergesellschaft interessiert sich vor allem für eine lebenswerte Stadt. Welche Impulse und Initiativen bedarf es, dass wir in Zeiten digitaler Verunsicherung nicht nur Klientelgruppen in der politischen Willensbildung von Parlamenten wiederfinden?



Mahnende Worte von Klaus von Dohnanyi.
Foto: HANSEVALLEY
Die Beratung innerhalb der Volksparteien findet in einem relativ geschlossenen Kreis relativ fester Überzeugungen statt - und wird oft auch mit einem recht begrenzten Informationshorizont geführt. Aber auch die politischen Aufgaben und die Methoden der Politik verändern sich natürlich. Wir sehen gegenwärtig, dass in den USA der Präsident keines der klassischen Informationsmittel der Politik überhaupt noch ernst nimmt, geschweige denn bedient. Ihn interessieren nicht Gespräche mit den großen Zeitungen, die eine Auflage von einer halben Millionen haben, er twittert und erreicht fast 50 Mio. Follower.

"Manch altes Gebäude wird dem Sturm nicht gewachsen sein"

Das verändert die Politik, das verändert auch die Chancen in der Politik. Ich glaube, dass wir deswegen auch einen tiefgreifenden Wandel in der Parteienstruktur bekommen werden, vielleicht sogar in der Demokratie wie wir sie gewohnt sind. Wir müssen uns intensiver als bisher um diese Entwicklung bemühen. Trump war kein Zufall. Ich vermute, dass auch in dieser Beziehung die USA nur weiter in der Entwicklung sind. Manches, was heute als altes Demokratie-Gebäude steht, wird dem Ansturm der neuen digitalen Welt nicht gewachsen sein.

Es gibt verschiedene gesellschaftliche Möglichkeiten, sich mit dem Status Quo von Unsicherheit oder Unzufriedenheit auseinanderzusetzen: z. B. durch Anpassung, den Ausstieg oder die Rebellion. Welchen Weg empfehlen Sie Menschen, die sich mit der für sie z. T. dramatisch verändernden Welt nicht zufrieden geben und etwas verändern wollen?

Klare Worte beim IT Executive Club.
Foto: HANSEVALLEY
Mein erster Tipp ist, dass jeder wissen muss, was er für sich selbst braucht und will, und das muss er lernen. Und wenn sich die Welt verändert muss er lernen, wie er in der Welt so sein kann, wie er gern möchte. Mehr bewusste Eigenverantwortung heißt die Devise! Man kann sich nämlich selbst auch manchem Einfluss der Digitalisierung entziehen.


"Wahrgenommene Eigenverantwortung ist die Rettung"

Ich versuche mich jenseits von Twittern und Apps immer noch in der Tiefe zu informieren. Andere mögen das anders sehen, aber das hängt davon ab, wie sie sich selbst verstehen. Mein Rat an alle ist, sich selbst zu betrachten und zu überlegen, was kann ich, was will ich, was will ich tun, was muss ich dafür lernen - also: eine wahrgenommene Eigenverantwortung ist die Rettung vor einer Vermassung durch die digitalisierte Welt.

THEMA TECHNOLOGIEN:

Die Metropolregion ist ein traditionsreicher Produktionsstandort mit Schiff- und Flugzeug-, Anlagen- und Maschinenbau. Industrie 4.0 bietet mit digital-vernetzten Produktions- und Lieferprozessen sowie Echtzeitdaten neue Chancen zur Entwicklung weltweit erfolgreicher Produkte? Reicht das aus Ihrer Sicht aus oder wird die Industrie in Europa zwischen den USA und China zerrieben?

Das hängt sehr davon ab, wie wir damit umgehen. Die Vielfalt in Europa - die auch Brüssel nicht versuchen sollte sinnlos einzuebnen - hat dazu geführt, dass die letzten Jahrhunderte europäische Jahrhunderte waren. Europa hat eine große Chance, wenn wir uns auf das besinnen, was wir können, wenn wir die Dinge, die im großen Stil gemacht werden müssen - wie z. B. den Airbus -, gemeinsam machen. Und wenn wir zugleich in Hamburg, in Lübeck, in Osnabrück, in Frankfurt, in Stuttgart - getragen durch gute kommunale Politik - unsere unterschiedlichen Kräfte entfalten. Das ist nämlich erst wirklich "europäisch": Dezentralisation, Vielfalt und Unterschiede.

In den digitalen Angeboten von Amazon, Apple, Facebook oder Google verbirgt sich bereits künstliche Intelligenz zum Erkennen von Befehlen und Übersetzen von Sprachen. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in der Nutzung von Artifical Intelligence - insbesondere für den internationalen Dienstleistungsstandort Hamburg mit zehntausenden Arbeitsplätzen?

Die Artifical Intelligence ist ein nächster Schritt und wiederum: wer sich dagegen versucht zu stemmen, wäre verloren. Aber die Auswirkungen von AI sind heute noch unüberschaubar, also müssen wir den Prozess auch steuern, soweit das geht. Eine schwierige Aufgabe für die Politik.

THEMA ARBEIT:

Unsere zentrale Ausbildung mit Lehrling, Geselle und Meister stammt aus dem 13. Jahrhundert. Wir haben eine erfolgreiche Entwicklung der Universitäten seit dem 19. Jahrhundert. Wie kann ein lineares Bildungssystem für eine flexible und individuelle Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts geöffnet und erfolgreich weiterentwickelt werden?

Wir haben ein Bildungssystem, das einen großen Erfolg hinter sich hat. Sie können den deutschen Erfolg des vergangenen Jahrhunderts nicht denken ohne ein erfolgreiches Bildungssystem. Jetzt ändert sich natürlich viel. Man muss dafür sorgen, dass auch in den Schulen digitale Instrumente genutzt werden. Aber ich würde das nicht zu früh machen. Ich glaube, Kinder machen heute genug mit dem Smartphone, schon wenn sie 3 Jahre alt sind und man braucht ihnen das in der Grundschule nicht auch noch beizubringen. Rechnen und Lesen lernen ist in diesem Alter vermutlich wichtiger.

Zwischen 10 und 20 Mio. Arbeitsplätze könnten durch Digitalisierung und Transformation in Deutschland in den nächsten Jahren wegfallen. Die Herausforderung wird mit einem bedingungslosen Grundeinkommen als Chance für neue, Sinn stiftende Wertschöpfung diskutiert. Wie stehen Sie zu dem von DM-Gründer Götz Werner in die Diskussion gebrachten Modell?


Da bleibe ich zunächst einmal sehr skeptisch. Ich glaube, dass der Mensch auch eine Anregung braucht, um zu arbeiten. Wenn man ihm das Arbeiten sozusagen wegfinanziert, weil er das gar nicht mehr machen müsste, wird das weder zum Frieden in der Gesellschaft beitragen, noch zur Beseitigung der Unterschiede. Aber es ist auch ein von sehr intelligenten Menschen vorgetragenes Konzept und es wird immer weiter diskutiert werden und vielleicht eines Tages sogar kommen.

"In die Richtung lenken, in der sie einen guten Beruf finden"

Im Übrigen glaube ich nicht Ihre These von den 10 oder 20 Mio. Arbeitsplätzen. Aber es kommt deswegen schon jetzt darauf an, dass man die Arbeitsplätze die Zukunft haben könnten, heute durch eine entsprechende Ausbildung fördert. Ich halte nicht soviel davon, dass so viele Leute an der Universität Kulturwissenschaften studieren, anstatt Informatik. Da muss man die Leute schon ein wenig mehr in die Richtung lenken, in der sie am Ende auch wirklich einen zukunftssicheren Beruf finden werden.

THEMA HAMBURG:

Hamburg ist geprägt von traditionellen Branchen, wie der maritimen Wirtschaft, der Transportlogistik, dem Groß-, Außen- und Einzelhandel. Die Dienstleistungen von Banken, Versicherungen und Medien unterlagen in den vergangenen Jahren erheblichen Umbrüchen. Wie gut ist Hamburg aufgestellt, um die kommenden Herausforderungen zu meistern?

"Ein Fehler, den Wissenschaftsstandort Hamburg zu unterschätzen"

Klaus von Dohnanyi im Dialog mit Olaf Scholz.
Foto: HANSEVALLEY

Hafen und Handel sind heute natürlich lebenswichtig für Hamburg. Und wir müssen alles tun, um hier stark zu bleiben. Aber Transport, Logistik und Handel werden durch Digitalisierung und die Globalisierung im Kern getroffen. Hamburg braucht ein zweites Standbein. Deswegen glaube ich machen wir einen Fehler, indem wir die Bedeutung eines Wissenschaftsstandortes Hamburg noch immer unterschätzen.

"Hamburg wird ohne Wissenschaftsmetropole nicht überleben"


Ich habe deswegen schon 1983 in meiner ersten Übersee-Club-Rede gesagt: 'Hamburgs Zukunft liegt auf dem Land und nicht auf dem Wasser'. Ich bleibe bei dieser Überzeugung: Hamburg wird auf die Dauer ohne einen Schwerpunkt Wissenschaftsmetropole nicht erfolgreich überleben, gerade wenn die Chinesen jetzt ihre Seidenstraße über die Schiene ausbauen und ihren Schiffsverkehr zum Teil nach Südeuropa lenken. An dieser Stelle sind wir noch nicht gut aufgestellt.

"Versuchen, nicht erneut vom Süden abgehängt zu werden."

Das führt natürlich auch dazu, dass wir z. B. bei Startups nicht vorn sind, sondern München oder Berlin. Und das führt auch dazu, dass wir bei anderen Schwerpunkten, z. B. bei Banken von Frankfurt überlagert werden, weil dort das Zentrum der Banken entstanden ist. Wir müssen deswegen mit Wissenschaft versuchen nicht erneut vom Süden abgehängt zu werden. Bürgermeister Scholz hat jetzt versucht, in diese Richtung etwas zu tun, aber nach meiner Meinung ist das noch immer nicht genug.

Der Erfolg unserer Stadt basierte bislang zu einem Großteil auf der weltweit geschätzten Verlässlichkeit - und dies über Generationen hinaus. Reichen in Zeiten digital beschleunigter Veränderungen und global forciertem Wettbewerb hamburgische und hanseatische Werte aus - und welche Werte empfehlen Sie den Hamburgern für die Zukunft?

Die Werte reichen aus, aber sie werden derzeit unterspült von den digitalen Medien. D. h., man verhält sich natürlich anders im Geschäft mit Leuten, die man nicht persönlich kennt. Der "Ehrbare Kaufmann" in Hamburg, bei dem nicht mal ein Handschlag notwendig war und ein gegenseitiger Blick in die Augen reichte, wird durch die großen Entfernungen bei Geschäften und die immer größere Anonymität der Geschäfte vermutlich so nicht fortbestehen.

Es geht nicht darum, das wir neue Werte brauchen. Die große Frage ist, wie wir die alten Werte, mit denen Deutschland so gut gelebt hat, in einer digitalen Welt erhalten werden. Und da sollten wir sorgsam hinschauen.



Ein visionärer Blick in die Zukunft: Klaus von Dohnanyi
Foto: HANSEVALLEY

Herzlichen Dank für die inspirierenden Worte!
Das Interview führte Thomas Keup persönlich.

Das Hamburg Digital Exklusiv ist in Zusammenarbeit mit Hamburg@work entstanden und ab 3. April 2018 auf dem Portal www.digitalcluster.hamburg veröffentlicht.

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 Hamburg Digital Background: 

Klaus von Dohnanyi in der Wikipedia:

Klaus von Dohnanyi in der "F.A.Z":

Klaus von Dohnanyi in der "Welt":