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Sonntag, 7. April 2019

HANSEPERSONALITY Benny Bennet Jürgens: In unserer Jetzt-und-Sofort-Gesellschaft muss der Mehrwert sofort spürbar sein.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW


NECT-Co-Founder Benny Bennet Jürgens
Foto: Maximilian Probst

Neues Konto, neue Karte, neue Versicherung: 42 Mio. Deutsche nutzen Banken und Versicherungen immer häufiger online und mobil. Doch mit digitalen Kunden kommt auch das digitale Risiko. Um illegaler Geldwäsche und Versicherungsbetrug Einhalt zu gebieten, müssen wir uns mit Personalausweis oder Reisepass legitimieren. Und dann das Horror-Szenario: Kurz vor Feierabend in einer endlosen Schlange mit Paketabholern in der Postbank stehen. Willkommen bei Post-Ident.

Clevere Unternehmer ersparen uns den Weg zur Post und bieten mit Video-Ident einen Service über PC und Smartphone an: Per Video-Telefonat schwenken wir unseren Perso vor der Kamera, lesen Nummern vor und ärgern uns, wenn die Webcam zu schwach ist und die Verbindung abbricht. Doch jetzt wird die Identifikation richtig digital - ohne Agent, ohne lästiges Telefonat. Aus Hamburg kommt Selfie-Ident von NEXT, dem Serien-Award-Gewinner der Jahre 2017 und 2018. Unser HANSEPERSONALITY ist Co-Geschäftsführer Benny Bennet Jürgens:


Herzlichen Glückwunsch zur NECT-App, die wir zur Registrierung des mobilen Services der Krankenkasse HEK genutzt haben. Gleich beim ersten Mal hat alles geklappt. Keine 4 Versuche, wie bei S-Direkt fürs "Yomo"-Konto, keine kaputte App wie bei WebID für "Verimi". Ihr seid jetzt mit "Selfie-Ident" für die HEK , die R+V und 7 weitere Versicherungen im Markt. Erklär' unseren Lesern doch einmal, wie sich Euer Service von anderen Ident-Anbietern unterscheidet?

Wir haben eine Technologie entwickelt, die eine Self-Service-Identitätsfeststellung für natürliche Personen ermöglicht. Da unser Selfie-Ident vollständig automatisiert ist, können Nutzer Ihre Identität 24/7 ohne Wartezeit und an jedem Ort erledigen. Die KI-basierte Softwarelösung ist auf Nutzerfreundlichkeit sowie Kosteneffizienz optimiert und besonders relevant für regulierte Unternehmen, die bei der Erfassung von Kundendaten hohen gesetzlichen Anforderungen unterliegen. 


NECT-Macher Benny Bennet Jürgens, CEO (li.) und Carlo Ulbrich, CSO (re.)
Foto: Maximilian Probst

Unser technologiebasierter Prozess bedarf keiner menschlichen Kontrolle mehr, sodass wir fünf mal günstiger, aber - viel wichtiger - auch wesentlich sicherer sein können. Wir verbinden also kompromisslos (und wahrscheinlich zum ersten mal) Nutzerfreundlichkeit mit den höchsten Sicherheitsanforderungen. Wir haben also eine echte Win-Win-Win-Situation. Die Nutzer werden geschützt und erleben trotzdem einen nutzerfreundlichen Prozess. Die Unternehmen gewinnen mehr Kunden für Ihre Dienste, weil weniger Nutzer abbrechen - und Sie können dazu noch 75% der Kosten sparen. Und wir haben unser Ziel erreicht, die Industrie der Identitätsfeststellung zu revolutionieren. 

Im November 2015 habt ihr bei der Gründerakademie der Wirtschaftsjunioren die Idee zu einem Konzept weiterentwickelt. Seit 2017 arbeitet Ihr an der NECT-App und im September 2018 habt Ihr mit R+V den ersten Kunden freigeschaltet. 4 Jahre nach der Idee seid ihr mit einem voll digitalen Service live und habt in den App-Stores 4,9 von 5 Sternen. Worauf legt ihr bei Selfie-Ident besonderen Wert?

Wir legen auf zwei Aspekte jederzeit Wert: Nutzerfreundlichkeit und Sicherheit. Dabei sparen wir weder an dem einen noch an dem anderen Aspekt. Wir haben die kompletten internationalen gesetzlichen Anforderungen betrachtet und die jeweils strengsten Anforderungen umgesetzt. Dabei haben wir uns stets gleichzeitig überlegt, wie wir dies so nutzerfreundlich abbilden können, dass Selfie-Ident keine spürbare Hürde beinhaltet.

Hier konnten wir aus unserer Erfahrung profitieren - sind aber vor allem auch Wege gegangen, die andere für nicht umsetzbar hielten. Das bedeutet sicher den einen oder anderen Umweg und viel Ausprobieren, aber am Ende lohnt sich das Überdenken von bestehenden Meinungen fast immer. Damit wir aber nicht nur irgendeine großartige Technologie in unserem Labor entwickeln, haben wir jeden Entwicklungsschritt von realen Nutzern beurteilen lassen. So wurde Selfie-Ident noch vor der Veröffentlichung von 10.000 Usern getestet. 

An dieser Stelle müssen über Sicherheit sprechen: Die Wirtschaftswoche hat im Live-Test das Foto-Ident-Verfahren bei der Berliner Startup-Bank N26 als unsicher entlarvt. Nun macht man bei Euch ja auch Fotos des Personalausweises. Damit ist Selfie-Ident ja ein ähnliches Verfahren. In wiefern könnt Ihr Betrug wie bei N26 ausschließen?

Ich muss hier betonen, dass wir im Gegensatz zum Foto-Ident-Verfahren mit Videos arbeiten. Der Nutzer macht eine kurze Videosequenz seines Ausweisdokuments und nicht nur ein simples Foto. Die Verarbeitung von Videos ermöglicht es uns, beugungsoptisch wirksame Sicherheitsmerkmale auszuwerten, die bei Bewegung des Ausweisdokuments überprüfbar werden. Beispielsweise Hologramme oder optisch variable Farbe. 


Ein Teil des heutigen NECT-Teams in Hamburg
Foto: NECT

Diese Sicherheitsmerkmale sind extrem schwer bis nahezu unmöglich zu fälschen. So fliegen Betrüger bei Selfie-Ident sofort mit ihren Photoshop-manipulierten Ausweisdokumenten auf, mit denen Sie bei den Foto-Ident-Anbietern ziemlich sicher durchgekommen wären.

Es gibt eine ganze Reihe von Identity-Verification as a Service-Anbietern, wie IDNow, PostIdent, S-Direkt, WebIDent und YES. Dazu kommen die Single-Sign-On-Datensammler von NetID und Verimi. Während NetID die Medienkonzerne im Boot hat und Verimi den Bankenmarkt anvisiert, hat S-Direkt die Sparkassen-Konten und IDNow oder WebIDent diverse Kunden, wie N26. Wo ist da Platz für Eure Lösung?

Wir haben uns bewusst für die Assekuranz als Kunden entschieden. Die hier vorherrschende Methode war der Aktivierungsbrief. Sehr günstig aber vollkommen analog. Bezahlbar für die Unternehmen, aber hohe Abbruchraten bei den Nutzern. Die Kosten eines Video-Idents sind bis zu zehnmal höher als der Aktivierungsbrief. Mit Selfie-Ident haben wir also für jeden leicht erkennbar eine echte (meint wirtschaftlich attraktive), digitale Alternative zum Aktivierungsbrief geschaffen.

Ihr wachst bei den Nutzerzahlen schneller als Verimi von Deutscher Bank und Allianz mit 100 Mio. € Kapital. Mal davon abgesehen, dass die Login-Allianz schon zum 2. Mal einen CEO verloren hat. Wie kommt es, dass Selfie-Ident zu rocken scheint - und ein Millionen schwerer Anbieter nicht so richtig zum Fliegen kommt - trotz aller Erfolgsmeldungen?


Das Geheimnis liegt im Video - statt im Foto.
Grafik: NECT

Wenn Unternehmen eines im letzten Jahrzehnt gelernt haben sollten, dann dass sie kundenzentriert und nicht eigenzentriert denken müssen. Die Generalschlüssel-Intiativen der großen deutschen Old-Economy-Konzerne scheinen aber vor allem ihre eigenen Probleme lösen zu wollen: Beispielsweise, wie sie mit dem Generalschlüssel die E-Privacy Verordnung leichter umsetzen können. Der Mehrwert für den Kunden entsteht erst in einer sehr langfristigen Nutzung. In unserer Jetzt-und-Sofort-Gesellschaft muss der Mehrwert aber sofort spürbar sein. Das schafft aus meiner Perspektive bisher keiner der Anbieter und die öffentlich einsehbaren Installationszahlen (10.000+) von beispielsweise Verimi scheinen mir da recht zu geben. 

Wir sind 2016, also noch bevor es die anderen Anbieter gab, bereits mit dem Generalschlüssel-Gedanken gestartet, haben dann aber schnell gemerkt, dass wir das Problem für den Nutzer evolutionär und nicht als Disruption lösen müssen. So kann der Nutzer einen klaren Vergleich ziehen. Der Mehrwert von Selfie-Ident gegenüber den bisherigen Verfahren, wie dem Aktivierungsbrief oder Video-Ident, ist dem Nutzer sofort und ohne großen Erklärungsaufwand klar. Deswegen waren wir auch schon im ersten Monat im Einsatz bei der R+V Versicherung das beliebteste Verfahren zur Identitätsfeststellung. 

Gehen wir ans Eingemachte: Bei unserem Interview im Spätsommer 2017 wart Ihr zu Zweit in einem kleinen Büro über einem Postenmarkt in Harburg. Heute habt Ihr 10 Angestellte. Bis Ende dieses Jahres wollt ihr die Zahl Eurer Mitarbeiter mehr als verdoppeln, plus Werkstudenten. Hand aufs Herz: Wer finanziert Euch und wie verdient Ihr schon richtig Geld?

Zwischen Mai 2017 und Mai 2018 wurden wir im Rahmen des InnoRampUp-Programms von der Stadt Hamburg und aus EU-Mitteln zur regionalen Förderung unterstützt. Das Ziel ist die regionale Wirtschaftsförderung und der Aufbau von Arbeitsplätzen. Ich denke, dass dies mit unserem Case sehr gut erreicht wurde.


Benny Bennet Jürgens pitcht sein noch junges Startup.
Foto: NECT 

Im Jahr 2018 haben wir für das weitere Wachstum ein siebenstelliges Investment von DvH-Ventures (Dieter von Holtzbrinck Ventures, die Red.) erhalten. Mit der Höhe unserer Umsätze liegen wir bereits in einem Bereich, den nur 1% der Startups in unserer Phase erreichen. Unser Ziel ist es, dass wir in 2019 einen weiteren Investor aufnehmen können – aber nicht müssen.

Zu guter Letzt unsere traditionelle Hamburg-Frage: Ihr habt so gut wie alle Startup-Preise in Hamburg abgeräumt, die abzuräumen waren. Ihr wurdet von der IFB-Förderbank unterstützt. Wie beurteilst Du die Förderung von Tech-Startups an Alster und Elbe: Was läuft schon richtig gut - und wo würdest Du Dir - für Euch und andere - ein bisschen mehr "Drive" wünschen? 

Ich denke, dass Hamburg ein toller Standort zum Gründen ist. Die Stadt ist wunderschön und die Menschen offen, sodass man gute Karten hat, Talente aus der ganzen Welt in sein Startup zu holen. Hier könnte die Stadt einem jungen Unternehmen unter die Arme greifen. Bürokratiehürden senken ist hierbei nur die eine Sache. 

Da ein echter Fachkräftemangel vorherrscht, wäre es vielleicht eine Idee, die Einstellungskosten unter bestimmten Voraussetzungen zu übernehmen, sodass junge Unternehmen frische Talente anziehen können, die dann vielleicht auch sehr langfristig sesshaft in der Stadt werden und so den gesamten Wirtschaftsraum fördern. Immerhin ist das Vorhandensein von Fachkräften eines der wichtigsten Kriterien bei der Wahl des Standorts für Unternehmen.


*  *  *

Herzlichen Dank für Deine Offenheit!
Das Interview führte Thomas Keup.

--

 Hamburg Digital Background: 

HANSESTARTUPS: NECT - Damit Benny auch wirklich Benny ist.
hansevalley.de/2018/01/hansestartups-nect.html

#NoBullshit: So führt man die Startup-Bank N26 an der Nase rum:
wiwo.de/videos/wiwo-videos/video-so-leicht-laesst-sich-mit-einem-gefaelschten-ausweis-ein-konto-eroeffnen/23180760.html

 Hamburg Digital Service: 

NECT Selfie-Ident im Einsatz bei der R+V Versicherung:
vimeo.com/309664520

NECT Selfie-Ident Einführungsvideo:
vimeo.com/290374136

Sonntag, 10. Dezember 2017

HANSETECHTEST: Der Sparkasse neue Kleider: Die Yomo-App.

HAMBURG DIGITAL TECHTEST

Eine junge Bankerin joggt durch Frankfurt und fragt sich: 'Braucht Deutschland noch eine Bank, die einfach so weitermacht?`Eine andere Bankerin balanciert über den Dächern der Stadt und kommt zu dem Schluss: 'Neue Zeit braucht neues Banking'. Und Deutschlands größter Bankenverbund wirbt damit, "Banking ist einfach".


Angriff der Sparkassen auf die Portmonais von Generation "Y" + "Z":
Hamburger "Yomo"-App versucht sich als buntes Lifestyle-Produkt.
Foto: Yomo
In der Null-Zins-Falle, mit tausenden teurer Mitarbeiter und schrumpfenden Filialnetzen müssen Deutschlands Banken die nächste Generation Kunden abholen. Die Sparkassen gehen mit "Yomo" einen eigenen Weg. Hinter dem Projekt stehen eine Hamburger Softwareschmiede, ein Hamburger Innovation Hub und auch das Konto einer Hamburger Großbank. Unser HANSETECHTEST: Der Sparkasse neue Kleider: die "Yomo"-App.

Banking im Jahr 2017 mit PIN und TAN - das ist in etwa so sexy wie die Steuererklärung. Aktuelle Banking-Apps - kommen so smart rüber, wie ein Leitz-Ordner - oder die VR-Banking-App. Und die 400 deutschen Sparkassen gelten als so cool, wie der Sparstrumpf unserer Großeltern. Keine guten Voraussetzungen, um die Next Generation "Y" + "Z" als Kunden an Land zu ziehen. Da reichen Banker ohne Krawatte, neue Nachbarschaftsfilialen und ein cleveres Kundenbindungsprogramm nicht mehr aus, wie von der "Haspa" umgesetzt.


Fast-schon-so-gut-wie-Banker: Wiener "Number 26"-Gründer Theyenthal (li.)
und Stalf (re.) machen immer mal wieder negativ von sich reden.
Foto: N 26
Anfang 2015 machten zwei Wiener Eliteabsolventen von sich reden. Der Traum vom "Neuen Banking" endete im rauen Alltag unausgereifter Services, raubeiniger Methoden und einem Shitstorm nach dem anderen. Hätte man wissen können, wenn Ex-Berater ein Startup aus dem Boden stampfen ... Nach gescheiterter Kinderkreditkarte und gekündigten Kunden war klar: Die "N 26"-Gründer sind eher frühphasige "Zauberlehrlinge". Deren Risk Management wird vom Ex-HSH-Risk Officer geleitet ... was auch immer das heißt. Berlins Tech-Elite ist nach schmerzlichen Erfahrungen weitergezogen, zu Comdirekt, DKB & ING. Nun wollen die "Zauberkünstler" sie mit Gratis-Zugang zu "WeWork"-Coworking-Spaces zurückgewinnen - inkl. altem Trick künstlicher Verknappung.

Die "Yomo-App" und ein Extralöckchen der Haspa.

In Hamburg macht sich ein 10-köpfiges Team auf den Weg, Banking offensichtlich neu zu denken, wie es die Konkurrenz aus Frankfurt in ihren Videos (s. o.) großspurig verspricht. Herzstück ist die Softwareschmiede der deutschen Sparkassen "StarFinanz" am Grüner Deich. Um coole Ideen für einen neuen, einfachen Zahlungsverkehr zu gewinnen, hat die IT-Tochter zusammen mit "Innovations-Sparkassen" (klingt irgendwie komisch ...) an der Wendenstraße einen Hub eröffnet. Mit an Board sind die Dickschiffe des Finanzverbundes aus Berlin, Köln, München und natürlich auch aus Hamburg. Können es die Sparkässler aus Hammerbrook besser, als die Wiener Möchtegern-Banker an der Spree?

"Yomo"-Startpaket: 'Achtung, Sie sind jetzt un-/freiwilliger Beta-Tester!'
(Hinweis: Ungültige Girocard mit alten Kontodaten)
Foto: HANSEVALLEY
Nach diversen Ankündigungen wurde Anfang Juli d. J. die immer wieder verschobene "Yomo"-App medienwirksam für den halboffenen Beta-Test freigegeben. Wer als stolzer Hamburger glaubte, jetzt das neue, mobile Banking mit der "Haspa" erleben zu können, wurde erstmal enttäuscht. Während alle anderen deutschen Sparkassen mit der zentralen Softwareplattform "One System Plus" des Frankfurter Sparkassen-Dienstleisters "Finanz Informatik" arbeiten, ticken die Uhren am Adolphsplatz nach wie vor etwas anders. Das "gallische Bankendorf" fährt noch bis 2019 seine IT größtenteils auf Basis von SAP.

Der Praxis-Test: Keine Vorurteile, kein Schongang.

Was für 1 Mio. Kunden, rd. 5.000 Mitarbeiter und 150 Filialen in den vergangenen 10 Jahren gut war, wird für Deutschlands größte Sparkasse auf dem Weg in die digitale Zukunft vor allem eines: teuer. Mehr als 200 Mio. Euro hat die "Haspa" für Ihre neue IT, digitale Services á la "Aino" und die neuen Nachbarschaftsfilialen zur Seite gelegt. Die IT-Abteilung musste die bunte "Yomo"-Welt denn auch gleich einmal komplett für die eigene Bankensoftware umbauen. Und damit verzögerte sich der Start von "Yomo" in der Alster um viele Wochen. Was lange währt, wird endlich gut - denkt man. Nachdem wir einen ersten "Yomo"-Test mit der Berliner Sparkasse gestartet haben, schlägt die Stunde der Wahrheit:

Künstliche Verknappung als Prinzip:
Damit machte sich schon "N 26" lächerlich.
Screenshot: HANSEVALLEY
  • Schaffen es Haspa & Co., mit einer coolen Banking-App die Generationen "Y" + "Z" abzuholen?
  • Kann eine "Yomo"-App die Berliner Hipster-Bank "N 26" auf die Plätze verweisen?
  • Wo geht die Reise beim neuen Banking des Sparkassenverbundes hin?
  • Lohnt es sich überhaupt, ein "Yomo"-Konto  heute aufzumachen?
Unser Ergebnis in "Quick & Dirty":
  • In "Yomo" steckt jede Menge neues Denken, wie Banking in Zukunft aussehen kann.
  • Zur Zeit ist der Service mit Girocard, Überweisungen und "Kwitt" jedoch kaum praktisch brauchbar.
  • App und Video-Authentifizierung haben schwerwiegende und fortlaufende Fehler.

Zugleich muss man das "Yomo"-Tech-Team in Schutz nehmen. Mit einem "Sack voller Flöhe" aus mehr als 400 regionalen Sparkassen, Dachverbänden und Marketinggesellschaften ist die Softwareschmiede "StarFinanz" nicht zu beneiden. Allein bei 10 beteiligten Innovations-Sparkassen gibt es mindestens 12 verschiedene Meinungen. Doch die Sparkassen-Politik ist keine Entschuldigung für fehlerhafte Software, unlogische Bedienerführung und ärgerliche Situationen. Aber fangen wir von vorn an:

Video-Identifikation: Das große "Yomo"-Dilemma. 

Kein Einzelfall sondern die traurige Regel:
Fehlermeldung bei der Video-Identifikation.
Screenshot: HANSEVALLEY
Bei drei Durchläufen (1. Neu-Identifikation Berliner Sparkasse, 2. Re-Identifikation nach Smartphone-Wechsel und 3. Neu-Identifikation Hamburger Sparkasse) ist die Video-Identifikation in keinem Fall ohne Probleme durchgelaufen: Nach schneller und einfacher Eingabe von persönlichen Daten gibt es ein Videotelefonat mit dem eigenen Dienstleister "S-Direkt". Die mehrfach aufgetretenen Fehler im Video-Ident-Prozess:
  • Es gab keine Verbindung und man wartet nach sinnlosem 90-Sekunden-Countdown umsonst.
  • Die Verbindung war instabil, man konnte den Supporter nicht hören oder er konnte nichts verstehen.
  • Die App friert sich während des Video-Ident-Prozesses ein und man fängt ärgerlich wieder bei Null an.

Video-Ident für Haspa-Konto erst im 4. Anlauf!

Fehlerhafte App-Software, zu wenige Video-Supporter beim eigenen Dienstleister und der kundenunfreundliche Video-ID-Prozess sind die absolute Sollbruchstelle von "Yomo" - und das, bevor ein Kunde überhaupt Kunde ist. Im Moment verlieren die Sparkassen an dieser Stelle jeden Wettbewerb aus mangelnder Qualitätskontrolle und nicht ausreichenden Video-Supportern. Wenn die Sparkassen diese Umstände nicht aus dem Weg schaffen, wird "Yomo" ein Millionen Euro teures Grab. Denn das macht kein Kunde zweimal mit - ob jung oder älter.

Keine Usebility, keine Funktionen, kein Nutzwert.

Das Versprechen: "Dein Smartphone-Konto".
Davon gehalten: so gut wie nichts.
Screenshot: HANSEVALLEY
Wer sich durch den - im Vergleich zu Post-Ident - komplizierten und nervenraubenden Video-ID-Prozess gekämpft hat, wer den gesamten Aufwand mit Fotos, Videos, Fragen und Bestätigung nicht abgebrochen hat oder zwangsweise mehrmals durchlaufen musste, freut sich auf ein neues Banking - mit fast nichts drin. Das "Yomo"-Team entschuldigt dies mit dem dauerhaften "Beta-Status". Ob das junge Kunden als Versuchskaninchen happy macht, ist mehr als fraglich.

Trotz monatelanger Verzögerungen und einem "Symbioticon"-Hackathon mit zahlreichen Dienstleistern - darunter unfreundlichen Vertretern der "Yes"-API, bietet die App so gut wie nichts an: Im Kern gibt es die Möglichkeit, Überweisungen zu empfangen und zu tätigen, Geld mit der Girocard an Sparkassen-Automaten zu ziehen und Freunden mit Sparkassen-Konto über "Kwitt" Geld zu schicken. Ende des Programms: keine Daueraufträge, keine Auswertungen. Einfach ... nichts. Nur zu Erinnerung, was Banking-Fintechs in ihren Produkten bereits integriert haben (ohne Werbung dafür zu machen):

Leistung für "Otto Normal":
  • Kontoeröffnung via Mobile App und PC (anbieterabhängig)
  • Kostenlose Kontoführung inkl. aller Zahlungsein- und ausgänge
  • Kontonutzung über Online-Portal per Notebook und Desktop-PC
  • Kostenlose Bargeldabhebung an Fremdautomaten (eingeschränkt)
  • Kostenlose Bargeldversorgung im Einzelhandel (eingeschränkt)
  • Kostenlose Geldanweisung per SMS oder E-Mail (z. B. an Freunde)
  • Kostenloser Dispo-Sofortkredit auf Anforderung (Dispo-Freigrenze)
  • Sofortige Einrichtung eines Dispo-Kredits (Schufa-abhängig)
  • Kostenlose Kreditkarte inkl. Rückvergütungen (Auszahlung)
Leistungen für "Digitale Nomaden":
  • Kostenlose Kreditkartennutzung in aller Welt (außerhalb Euro-Zone)
  • Kostenlose Bargeldabhebung in Fremdwährungen (eingeschränkt)
  • Integrierter Geldtransfer in alle Welt (via Dienstleister)
  • Kostenlose Reisekrankenversicherung (via Dienstleister)
  • Kostenloser Zugang zu Coworking-Spaces (Produkt-abhängig)

Design einfach nur geklaut:
Die original "Revolut"-Master Card
Und das "schicke", unique Design von "Yomo"? Ist nur abgekupfert. Mit dem Marktauftritt der britischen Startup-Bank "Revolut" platzt das Geheimnis, wo ein etwas selbstherrlich wirkender "Chefdesigner" abgemalt hat. Damit hat "Yomo" praktisch nichts Eigenes: Keine eigene Identität, keine besonderen Services (z. B. im Vergleich zu "N26 Metal"), nicht einmal ein funktionierendes Bankprodukt mit allen Basisfunktionen. Das ist mehr als 1 Jahr nach Genehmigung der Zusammenarbeit von 10 Groß-Sparkassen eher peinlich bis erbärmlich.

Bank-Service per Chat - ohne ein "Happy End".

Bei aller Kritik gibt es in "Yomo" interessante Ansätze: 

  • Das Konto geht konsequent auf die Handy-Nutzung. Allerdings nichts Neues, kennt man "N 26" und Fidor Bank mit "O2 Banking" sowie "1822 mobile". Grundsätzlich ein Schritt in die richtige Richtung, wenn es nicht zur inakzeptablen Usebility bei der Video-ID käme. Kurios: Die Eröffnung des "O2 Banking"-Mobile-Kontos bei der Fidor Bank ging über "IDNow" schnell und problemlos: weniger Fragen, weniger Fotos, weniger Generve. Warum machen es die Sparkassen sich selbst so schwer?
  • Weiterhin bemerkenswert: der Chat-Service. Unser 1. Test-Konto bei der Berliner Sparkasse konnten wir per Chat mit wenigen Angaben schließen. Diese positive Erfahrung erinnert an die "1822 direkt". Auch dort konnte man ein Konto einfach per Telefonat schließen. Leider vergaß der "Yomo"-Service, uns über die Schließung zu informieren. Das kennen wir schon von der Berliner Volksbank: Mitdenken? Muss man auch bei "Yomo" nochmal üben.


    "Powered with love by Sparkasse":
    Die "Yomo"-App: Nichts drin, nichts dran, nicht nutzbar.
    Foto: "Yomo"
  • Mit "Yomo" platzieren die Sparkassen eine junge Marke - und halten sich mit den vor Ort geführten Konten an das Regionalprinzip. Wenn die nervende Abstimmung zwischen Hamburg, Berlin, Köln oder München - auch in der Zuständigkeit für die Presse - wegfallen würde, bekäme das Ganze Tempo. Leider stehen sich die Fürstentümer selbst im Weg. Und zu guter Letzt diskutieren die Sparkassen-Politiker in Berlin auch noch mit.
Lediglich die Frankfurter Sparkasse geht mit "1822 mobile" einen eigenen Weg: Eigene App, mit allen Zahlungsfunktionen, inkl. Fotoüberweisungen, ohne nervende TAN's, inkl. Chatbot, mit Kontoübersicht aller Banken und - jetzt kommt's - Post-Ident ohne nervende Video-Identifikation. Geht doch! Gebaut von der Frankfurter Sparkasse. Da schüttelt man den Kopf, warum es die einen können und die anderen nicht ...


Identifikation bei "1822 mobile":
Freie Wahl Post-Ident oder WebID.
Screenshot: Facebook/"1822 mobile"
Tausend Schnittstellen in bonbon-buntem Outfit.

Zurück zu "Yomo": Hinter den Kulissen scheinen die Systeme mehr oder weniger gut zusammenzuspielen: Die Schufa-Abfrage funktioniert automatisch, wie die sofortige Kontonummern-Vergabe. Auch bei Überweisungen ist "Yomo" flott: eine Überweisung von der Commerzbank zur "Haspa" lief von einem Tag zum nächsten - wie es sein soll. Leider kann man nur bis zu 1.000,- € ohne TAN direkt aus der App überweisen, weil kein TAN-Verfahren nötig ist. Wenn die App Daueraufträge und eine Kontoauswertung einbinden würde, wäre es sogar eine Möglichkeit des Banking. Wenn ...

Auch zum Mobile-Konto der Sparkassen gehört eine kostenlose Girocard mit PIN. Diese kommt bei "Yomo" innerhalb 1 Woche. Damit kann man bei 24.000 Sparkassen-Automaten Geld ziehen. Denn hinter den Kulissen ist das "Yomo"-Konto ein Girokonto, wie die AGB's der "Haspa" verraten. Leider sind im Moment nur eine handvoll Sparkassen dabei, was Nutzer im Falle eines Falles zwingt, eine "fremde" Sparkasse auszuwählen.

Persönliches Fazit aus 5 Monaten und 2 Konten:

"Yomo" ist ein halbes Jahr nach Einführung nicht wirklich brauchbar. Gegen die mobilen Referenzen "O2 Banking", "N 26" und "1822 mobile" schmiert die Sparkassen-App mit Fehlern und nervendem Video-ID-Verfahren ihres hauseigenen Dienstleisters sowie durch fehlende Funktionen ab. Das kostenlose "Haspa"-Konto ist bestenfalls "Nice to have". Mit einfacherem Video-ID-Prozess, Post-Ident am Schalter und Daueraufträgen wäre das etwas anderes. Was ist so schwer daran, den Weg von "1822 mobile" zu gehen - aus der Sparkassen-Familie?


Abgesang auf einen "toten Gaul"? Ist "Yomo" schon am Ende?'
"Yomo"-Twitter Channel mit "Pfeiffen im Walde".
Screenshot: @yomo_app

HANSETECHTEST-Gesamturteil:
"Yomo" ist aktuell eine quietsch-bunte Spielzeug-App im dauerhaften Beta-Stadium ohne echten Nutzen.
Selbst schuld und leider durchgefallen!


 Hamburg Digital Background: 

"Yomo"-App Mobile-Konto (Beta-Phase):
https://yomo.de/

Sparkassen Innovation Hub in Hamburg:
https://sparkassen-hub.com/

"Symbioticon" Innovations-Hackathon:
www.symbioticon.de/

Sparkassen-Softwareschmiede "StarFinanz":
http://starfinanz.de/

Sparkassen-Video-ID-Dienstleister "S Direkt"
www.sparkassedirekt.de/service-fuer-sparkassen/new-media-services/videolegitimation.html

Sparkassen-Alternative "1822 mobile":
www.1822mobile.de

Sparkassen-Regionaprinzip (Wikipedia)
https://de.wikipedia.org/wiki/Regionalprinzip