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Mittwoch, 13. April 2022

HANSEFUTURE: Der Onlinezugang und die digitale Illusion der Verwaltung.

HANSE DIGITAL FUTURE
- Stand: 27.04.2022, Version: 1.3 -

"Die Beamtenmentalität muss ins digitale Zeitalter transformiert werden."
Sven Jung, Manager Public Sector, ReqPool Deutschland

Die digitalen Services der Kommunen hinken noch massiv hinterher.
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Formulare ausfüllen, Nachweise kopieren, Anträge einschicken. Wochenlang warten, Ämtern hinterher laufen, keine klaren Auskünfte bekommen: Die Arbeit vieler Verwaltungen in Städten und Landkreisen ist auf gut deutsch "unter aller S.u". Das Verwaltung nicht schell sein kann, ist bei ängstlichen Mitarbeitern auf geschützten Arbeitsplätzen verständlich. Das Verwaltung aber schusselig, schlusig und schlampig daher kommt, ist nicht verzeihbar. Mit digitalen Wegen soll das eigentlich der Vergangenheit angehören.

Anhand topaktueller Entwicklungen in den ehrwürdigen Rathäusern der Hansestädte Hamburg und Lübeck zeigt HANSEVALLEY systematisch auf, wie man die Digitalisierung kommunal organisieren kann und sollte - neun Monate, bevor in Bund, Ländern und Kommunen der große Hammer fällt. Ein Deep Dive zur Digitalisierung - und wer sich doch mal besser einen Berater holen sollte. Thomas Keup mit Facts & Figures fernab des üblichen Gesabbels:

Zum 1. Januar kommenden Jahres müssen Bund, Länder und Kommunen insgesamt 575 Verwaltungsleistungen online oder mobil über Service-Portale bzw. Service-Apps für Einwohner, Unternehmen und die Verwaltung anbieten. So steht es im bereits 2017 auf Bundesebene verabschiedeten Onlinezugangsgesetz - kurz: OZG. Der Bund hat für die Digitalisierung der Verwaltung im Coronajahr 2020 noch einmal 3 Mrd. € aus Corona-Hilfsmitteln auf den Tisch gepackt.

Damit wollte und will die Politik aus der jahrelangen Lethargie um die Modernisierung der Verwaltung aka E-Government endlich herauskommen und mit Online-Services und Mobile Apps doch mal den Anschluss an die digital-vernetzte Realität bekommen. Der Normenkontrollrat im Bundeskanzleramt - die zentrale Kontrollinstanz für Bürokratiekosten auf Bundesebene - watschte in seinem 6. Monitor zur "Modernen Verwaltung" Anfang September '21 Politik und Verwaltung jedoch hart ab:

"Die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes ist bis Ende 2022 nicht mehr zu schaffen."

Ende 2021 rückt auch der Bund mit der Wahrheit raus: Bundes-CIO Markus Richter verkündet auf dem "Zukunftskongress Staat & Verwaltung" kleinlaut: "Es wird uns nicht gelingen, alles flächendeckend in jeder Kommune digital zu haben". Mit Stand Dezember '21 sind zwar 90 der 115 Verwaltungsleistungen auf Bundesebene digitalisiert. Bei 460 Leistungen der Länder und Kommunen sieht es dagegen düster aus: Hier gibt es ein Jahr vor dem Stichtag gerade einmal 50 "Referenzimplementierungen" in mind. einer Kommune - 50 von 460, die bis Ende 2022 bundesweit flächendeckend am Start sein müssen. 100 werden zurzeit laut Medienberichten umgesetzt, 100 weitere sind in Planung.

Von wegen "digitale Verwaltung". Die INSM zeigt die bittere Wahrheit.
Grafik: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Ende März dieses Jahres wird die schlimme Befürchtung durch weitere harte Fakten erneut bestätigt. Die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" bringt auf den Punkt: Bis heute sind gerade einmal 80 der insgesamt 575 Verwaltungsleistungen digital verfügbar. 495 Leistungen sind gar nicht oder nicht flächendeckend online nutzbar. Dabei sollen sich Bund, Länder und Kommunen nach dem Prinzip "Einer für alle" die digitalen Anwendungen teilen. Geschäftsführer Hubertus Pellengahr tritt der Ampel-Koalition kräftig auf die Füße, befürchtet weitere 30 Jahre bis zur Behörden-Digitalisierung:
 
"Es kann nicht sein, dass die Behörden nur für amerikanische Elektroautohersteller serviceorientiert und schnell arbeiten."

Bereits im Juli vergangenen Jahres kritisiert der junge und ambitionierte Bürgermeister der Hansestadt Lübeck - Jan Lindenau - auf offener Bühne im "Hansetalk" zum "Digitaltag 2021" des "EnergieClusters Digitales Lübeck": "Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung ist in den letzten 15 Jahren nur bedingt ein Thema gewesen." Lindenau gibt seiner Verwaltung auf einer Skala ganze 3 Punkte - 3 von 10. Der SPD-Lokalpolitiker wird noch deutlicher: 

"Die wirklich großen Veränderungen stehen noch vor uns, und sie werden mit Sicherheit noch Jahre dauern, bis sie konsequent umgesetzt werden." 

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die meisten der 575 Verwaltungsleistungen Ende des Jahres lediglich oberflächlich digital daherkommen. Auf Grund veralteter und inkompatibler Software - sogenannter Fachverfahren - werden die meisten Anfragen auf Auskunft und Anträge zur Genehmigung weiter per Hand bearbeitet - inkl. Faxen, Ausdrucken und Abtippen. Dazu kommt die lästige Verpflichtung für Bürger und Betriebe, auch weiterhin Nachweise auf Papier vorlegen zu müssen. Medienbruchfreie Geschäftsprozesse in der digital-vernetzten Welt? Im Rathaus eher Fehlanzeige. 

Lübecks Bürgermeister Lindenau geht davon aus, dass Anfragen und Anträge erst 2030 voll digital erledigt werden können - von der einmaligen Eingabe persönlicher Daten im Service-Portal, der Übernahme von bereits erhobenen Daten bis zur automatischen Bearbeitung und Entscheidung von Anträgen und Genehmigungen. Wie Teile der Wirtschaft hat auch die Kommunalpolitik mit ihrer Verwaltung kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem, wie das Beispiel Lübeck zeigt. Vollversagen von Politik und Verwaltung im Jahr 5 des OZG - Made in Norddeutschland.

Wenn die Lokalpresse Hofberichterstattung macht, muss der Rechnungshof ran.
Foto: HANSEVALLEY

Mitte Februar dieses Jahres platzt eine weitere OZG-Bombe im Norden: Der Rechnungshof der ehrwürdigen Kaufmannsstadt Hamburg stellt in seinem Jahresbericht für 2021 fest: "Die Freie und Hansestadt droht von den anderen Bundesländern abgehangen zu werden". Grund: Für alle von Hamburg erarbeiteten und vom Bund bezahlten Programme vor allem im Bereich "Unternehmensführung & -entwicklung" mussten bis Juli '21 die Konzepte vorliegen, um die digitalen Dienste bis Ende des Jahres an den Start zu bekommen. Dazu gehören so entscheidende Themen wie Mutterschutz, Arbeitsschutzregelungen und die Hilfe für Menschen mit Behinderungen.

Die bittere Realität bei den Pfeffersäcken: Das zuständige Amt für IT und Digitalisierung unter Chief Digital Officer Christian Pfromm mit fast 150 Beamten und Verwaltungsangestellten in der Verantwortung der Senatskanzlei von SPD-Staatsrat Jan Pörcksen schaffte es für NICHT EIN EINZIGES Programm, die Frist einzuhalten. Damit nicht genug: Der Hamburger Senat weiß weder, wie viel Geld für die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes an Alster und Elbe notwendig ist, noch wie viel der Betrieb Hamburg in den kommenden Jahren kosten wird, so der Rechnungshof in seinem Jahresbericht. 

Das völlig ahnungslose Amt für IT und Digitalisierung des Senats

Statt die notwendigen Hausaufgaben zur Vermeidung einer Bruchlandung fünf Jahre nach Verabschiedung des OZG zu erledigen, feiert sich der Hamburger Senat für den Vorsitz 2021 im "IT-Planungsrat" von Bund und Ländern - und damit für die Koordinationsrolle beim bereits im vergangenen Jahr als gescheitert erkennbaren OZG. Der Senat setzt einen eigenen Chief Digital Officer für die Bezirke ein, der erst sechs Monate später im Februar '22 überhaupt Personal und Mittel durch Rot-Grün bewilligt bekommt und nun für die Digitalprojekte auf Bezirksebene verantwortlich sein soll. Bezirks-CDO Benjamin Schock bringt in der hauseigenen Pressemeldung offenherzig auf den Punkt:

"Der Startschuss ist gesetzt!"
Fünf Jahre nach Verabschiedung des Digitalisierungsgesetzes - OZG.

Mittwoch, 6. April '22: Die Pressestelle des Hamburger Senats verkündet stolz den Start eines neuen Portals unter dem hochtrabenden Namen "Hamburg digital". Hier soll - Zitat - "eine Vielzahl von Hamburger Digitalisierungsprojekten und -prozessen gebündelt präsentiert werden" - zusammen mit allen Behörden. Unter der Regie des laut Rechnungshof ahnungslosen Amts für IT und Digitalisierung feiert sich der Senat gemäß seiner - von uns auseinander gepflückten - 60 bunten Seiten "Digitalstrategie" in acht "digitalen Räumen", die alle Lebenssituationen rund um Alster und Elbe abdecken sollen - und müssen.

Hier träumt der Senat mit seinen Behörden, Betrieben und Beteiligungen vom digitalen Leader hinterm Deich. Highlights der Eigentor-PR aka Schaufenster-Seite: 

- eine Homepage von "Hamburg Tourismus" mit Musical-Tickets und Hotel-Paketen, wie sie jede Stadt und jeder Kreis online auf die Kette bekommt. Es gilt: "Weil wir Hamburg sind."

- ein "digitaler Zugang zur Kultur" aka "eCulture" ... ohne ein einziges, praktisches Projekt - dafür aber mit einer - Achtung! - 127 Seiten dicken Strategie der Kulturbehörde BKM - erarbeitet 2019.

- Manager stadteigener Behörden und Betriebe, die sich ganz weltmännisch zweisprachig! loben ... u.z. über sich selbst und ihre eigenen Schaufensterprojekte. Kein Kommentar.

- ein verschlossener "KI-Showroom" (s. u.) inkl. des allseits abgenudelten "Starship"-Zustellroboters, vom überdimensionalen Empfangstresen ganz abgesehen. "KI - Made in Hamburg".  

- ein "Haus der digitalen Welt", das Kultursenator Brosda in Helsinki abguckte - und bis heute nicht mehr als ein feuchter Traum ohne Baugenehmigung und Budget ist. Kosten: mind. 120 Mio. €.


"Hier stellen wir eine Auswahl städtischer Digitalisierungsprojekte aus allen Bereichen vor."
- Zitat "Hamburg digital" -

KI-Showroom der KI-Initiative "ARIC" in der Nordakademie Hamburg.
Foto: ARIC

Um nicht in den Verdacht zu geraten, mit bösem Rosinenpicken die Freie und Hansestadt kritisieren zu wollen, ergänzend ein paar Zahlen und Fakten aus den "digitalen Räumen" von "Hamburg digital": Gesundheit - 3 Projekte, Wirtschaft - 3 Projekte, Sicherheit & Recht - 3 Projekte, Achtung: Verwaltung - 4 Projekte. Dazu kommt eine Vorstellung von Verkehrsprojekten namens "TLF", "HaRaZäN" oder "aVME" sowie Stadtprojekten, wie "CUT", "DIPAS", "eWA" sowie "UDP" und "DigITAll", z.T. rauskopiert aus der "Digitalstrategie" von 2020. Das unaussprechliche Sammelsurium von Behördenhighlights macht den Blindflug der "Digitalen Stadt Hamburg" für jedermann sichtbar. Vielen Dank!

Hamburg Digital, Future Hamburg, Stadt der Zukunft ... und überhaupt.

Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre: Die Stadt hat bereits einen toten Gaul - pardon - ein totes Portal mit dem hochtrabenden Titel "Future Hamburg" der Wirtschaftsförderung - inkl. der Lieblingsthemen des finanzierenden Senators Michael "Westwasserstoffman" - nämlich Wasserstoff, Klimaschutz und Impact Startups. Hier präsentiert die städtische Werbeabteilung "Hamburg Marketing" die "Stadt der Zukunft", mit Abrufraten der "Future Talks" im unteren zweistelligen Bereich, dafür aber mit den Buzzword-Themen IoT, KI und Blockchain sowie Startups und Drohnen. Das ganze wird angereichert mit gegoogelten Fakten und vermeintlich führenden, auf jeden Fall aber subventionierten Initiativen, Projekten und Konferenzen, die schon in Norderstedt und Lüneburg keine S.u kennt.

Damit sind wir am verschlickten Grund der digitalen Verwaltung angekommen. Wenn die meisten der 575 Verwaltungsleistungen für Einwohner und Unternehmen im Norden auch in den kommenden Jahren hinter den Kulissen analog von fleißigen Behördenbienchen inkl. Faxgerät abgearbeitet werden, wie kommt dann eine analoge Stadt - wie Hamburg oder Lübeck - zu einer wirklich digital-vernetzten Stadt? Oder sind mehr als 200 Mio. € Mehrkosten für maßgebliche Digitalprojekte Hamburgs, ganze 25 termingerechte von 83 Hamburger IT-Projekten der Maßstab für "Hamburg digital"? Das sagt zumindest der Rechnungshof. 

Die Hansestadt Lübeck will bei der kommunalen Digitalisierung aufholen.
Foto: KarinKarin, Pixabay

Wieder einmal ist eine Diskussion bei der benachbarten Königin der Hanse ein erleuchtender Moment - und nein, wir werden nicht für das Szenario "Gutes Lübeck, böses Hamburg" bezahlt. Unter dem Titel "Quo vadis, Digitalisierung" quälen sich Anfang April d. J. zwei mehr oder eher weniger im Thema fitte Lokaljournalisten der "Lübecker Nachrichten" mit brav vorformulierten Stichwortkarten über fast 4,5 Stunden durch die Themen a) Kundenzugang durch globale Plattformen vs. analoge Kommunen, b) echte Digitalisierung in der lokalen Wirtschaft und c) Landespolitiker und ihre Versprechen im Wahlkampf. 4,5 Stunden, weisste Bescheid ...

Den echten Impuls auf der Promotionbühne der "Stadtwerke Lübeck Gruppe" gibt Christoph Bornschein, der ein wenig schlusig wirkende aber umso hochtrabender argumentierende Gründer und Geschäftsführer der Berliner Digitalberatung "TLGG". Der laut "Handelsblatt "Young Global Leader" (was immer das auch sein mag) skizziert einen "Bottom-up Wandel", bei dem die gut 11.000 Kommunen in den 16 Bundesländern die Digitalisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge treiben sollten. Wir kennen den Grundsatz bereits aus der Wirtschaft, nämlich "think global, act local". Wird uns hier von einem cleveren Berater alter Wein in neuen Schläuchen verkauft?

"All business is local" heißt nicht Hofberichterstattung

Bornschein holt die Vertreter aus Politik und Verwaltung sowie Wirtschaft und Wissenschaft ab, wo sie leben - lokal, vor Ort. Hier werden von den Menschen all die Leistungen abgefordert, um die es jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr geht: die lokale Versorgung mit Strom, Gas und Wasser, um Müllabfuhr und Stadtreinigung, um Tickets für Busse und Bahnen, um Öffnungszeiten und Eintrittkarten für Schwimmbad und Museen, um Kindergartenplätze, die richtige Schule und das Studium. Der CEO der "TLGG" stellt fest:

"Eigentlich ist der Verbund der öffentlichen Unternehmen zusammen mit der Kommune oder dem Land der Träger von Identitätsleistungen und muss die Frage beantworten, wie der Fahrschein für den öffentlichen Personennahverkehr mit der selben App erworben werden kann, mit der ich auf der anderen Seite den Kindergartenplatz beantragen kann."

Wir haben uns die Empfehlungen des Unternehmensberaters näher angeschaut und fern ab von Reklameblöcken Schicht für Schicht die Digitalisierung der Verwaltung auf kommunaler Ebene näher zur Brust genommen und um Erfahrungen und Empfehlungen ergänzt:

Das "Hamburg Service"-Portal: 180 Online-Dienste und viel Luft nach oben.
Screenshot: HANSEVALLEY

Die kommunale Identität:

Grundlage für Leistungen unter einem Dach ist eine einheitliche "Bürger ID". Sie erfüllt drei Aufgaben: 1. den zentralen Zugang zu den öffentlichen Verwaltungsleistungen einer Stadt oder eines Kreises, 2. die Nutzung weitergehender, vernetzter Services, z. B. der (öffentlichen) Unternehmen und 3. die Nutzung von digitalen Leistungen über den Deich hinaus - z. B. Landes- und Bundesleistungen. In Hamburg ist das Service-Konto für den "Hamburg Service" der Ansatz - für Bürger, Betriebe und Behörden - ein digitalisierter Bürgerservice, wie auch in Bremen, Hannover, Kiel, Lübeck oder Rostock. Der Streit findet hinter den Kulissen zwischen Verwaltungen und Unternehmen statt, so Bornschein. Hier geht es um die Kundenschnittstelle und wer Herr des Kundenkontakts ist, wird oder bleibt.

Die kommunalen Services:

Dreh- und Angelpunkt der Digitalisierung für das Zusammenleben vor Ort sind öffentliche Dienstleister, die die Federführung zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Infrastruktur und vernetzter Anwendungen und Plattformen übernehmen sollten. An Alster und Elbe ist dies u. a. die städtische "Hochbahn" - mit einer eigens entwickelten Mobilitäts-App zur intelligenten Vernetzung von Bussen, Bahnen und Shared Services für E-Scooter, Fahrräder, Mitfahrgelegenheiten und Mietwagen. Knackpunkt: Bis auf "Miles", "Moia", Sixt" und "Tier" ist kaum jemand dabei. Hier scheinen unrealistische "Hochbahn"-Träume wichtige Player abzuschrecken, oder warum sind bei der privaten Hamburger Konkurrenz von "Free Now" alle dabei?

Die kommunale Strategie:

Dreh- und Angelpunkt jeder Digitalisierung ist eine Strategie, was man wie digital aufstellen will oder muss. Genau hier scheitern die Kommunen. Sven Jung von der Berliner Software-Beratung "ReqPool" spitzt zu: 

„Im OZG, dem Online-Zugangs-Gesetz, ist häufig vom ‚digitalen Amt‘ die Rede. Kommunen, Landkreise und staatliche Verwaltungen arbeiten daran, viele Prozesse digital zu ermöglichen. Leider ist das wenig konzertiert und viel Stückwerk.“ 

Das entspricht ziemlich genau der Inhaltsangabe von "Hamburg digital". Jung erinnert an die Schmerzen bei der Beantragung der Corona-Hilfen für Unternehmen: "Da nutzt es nichts, wenn der Antrag digital eingereicht wird. Es müsste auch unmittelbar digital entschieden werden – in Kenntnis aller Faktoren und Rahmenbedingungen.“ Autsch! Jung verabschiedet sich an dieser Stelle von der aktuellen Stümperei in den Amtstuben und fordert einen Schritt weiter die "selbstfahrende Organisation" mit Hilfe von KI-basierter Software, die auch entscheidet. 

Hier scheint die Landesregierung in Kiel den Schuss gehört, und mit dem neuen Digitialisierungsgesetz die Rahmenbedingungen für den KI-Einsatz in der Verwaltung gesetzt zu haben. Bleibt zu hoffen, dass Städte und Kreise von ihren vereinzelt digitalisierten Analogprozessen zu einer strategischen Denke mit zukunftsweisenden Ansätzen kommen. Der Ansatz des Digitalberaters: die Beamtenmentalität muss ins digitale Zeitalter transformiert werden. Denn Digitalisierung beginnt bei Kulturwandel, nicht bei analogen Prozessen. Mal so als Tipp für tote Gäule, wie "Hamburg digital" und Future Hamburg" ...

Das kommunale Portal:

Auch wenn die meisten digitalen Services in Hamburg noch in weiter Ferne liegen, eines hat das laut Rechnungshof ahnungslose Amt ITD bereits hinbekommen: ein zentrales Services-Portal auf einer neuen, webbasierten Plattform - nicht zuletzt dank der Unterstützung des öffentlichen norddeutschen IT-Dienstleisters "Dataport", und damit für alle Kommunen in den "Dataport"-Ländern. Im Moment ist das 2003 gestartete und 2017 aufgefrischte "Hamburg Service"-Portal noch vor allem eines: Eine strukturierte Sammlung von Fragen, weniger von Antworten. Mit Stand heute gibt es zwar rd. 180 Online-Dienste, diese stammen großteils aber noch aus der Vor-OZG-Zeit und reichen von "quick & dirty" bis neu und zukunftsweisend.

Die kommunale Infrastruktur:

Die Grundlagen der kommunalen Digitalisierung im Norden.
Grafik: Dataport

Grundlage für jedes Portal ist die flexible Arbeitsebene - z. B. die "Online-Service-Infrastruktur" der "Dataport", gemeinsam gebaut für Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt. Seit 2018 wurde die Basis für das "Service-Portal" in Hamburg einführt, rd. 80 alte Service-Leistungen an die neue Struktur angepasst. Diese besteht aus Basismodulen für personenbezogene Daten, die Kommunikation und Bezahlmöglichkeiten. Dreh- und Angelpunkt ist das API-Gateway, dass externe Dienste an die Plattform anbinden soll. Darunter liegen dann die Fachanwendungen aus Bund, Ländern und Kommunen, die die eigentliche Arbeit machen und teilweise 10 Jahre und älter sind. Was die Sache schwierig bis unmöglich macht.

Die kommunale Datenhaltung:

Nach millardenschweren Investitionen der US-Techriesen - wie "Amazon" in "AWS", "Google" in seine Cloud und "Microsoft" in "Azure" scheint in Deutschland die Gefahr einer Abhängigkeit bei der Datenhaltung und Verarbeitung bittere Realität zu werden - vergleichbar mit zwingend notwendigen Gas- und Öllieferungen aus Russland. Hier kommen die kommunalen Rechenzentren wie "Dataport" für Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein, "DVZ M-V" und "IT Niedersachsen" ins Spiel. Nur wenn Daten frei von kommerzieller Vermarktung erhoben und genutzt werden, werden Menschen die dazu gehörenden Services auch online in Anspruch nehmen. Dies ist für sensible Bereiche, wie Anträge auf öffentliche Hilfsleistungen essenziell. Hier haben "Amazon", "Google" und "Microsoft" nichts zu suchen.

Die kommunale Sicherheit:

Das neue Cyber Defence Center für die Hauptstadt Berlin.
Foto: ITDZ Berlin

Eine Sollbruchstelle digitaler Daseinsvorsorge ist für Berater Bornschein aus Berlin die kritische Infrastruktur. Jeder per LoRaWAN angeschlossene Sensor an Mülltonnen, Straßenlaternen und öffentlichen Parkpätzen ist ein möglicher Angriffspunkt für Attacken auf die Netze von Kommunen. Allein in Hamburg gibt es mit Stand August '21 über 10.000 öffentliche Sensoren, von tausenden weiterer durch die acht Partner des Hamburger Projekts unter Leitung von "Stromnetz Hamburg" geplanter Funksensoren ganz zu Schweigen. Berlin hat bereits ein eigenes, lokales "Security Defence Center" für sein Landesnetz in Betrieb genommen. Die Botschaft der Lübecker Diskussion: Bislang haben die meisten weggeguckt und sich nicht mit den immer größeren Gefahren durch Cyber-Security beschäftigt. Wie traurig und brandgefährlich.

Die kommunale Entwicklung:

Hinter Konten, Portalen, Services, Datenhaltung und Infrastruktur steht wie immer in der Digitalisierung das Thema Software. Hier bietet sich ein mehrstufiger Weg der Zusammenarbeit an - von der Unterstützung kommunaler Entwicklungen durch extern angedockte Experten, über die Zusammenarbeit mit anderen Kommunen und deren Dienstleistern (z. B. Rechenzentren und IT-Töchtern von Stadtwerken), der gemeinsamen Entwicklung mit lokalen oder regionalen IT-Partnern bis zur Beteiligung an Startups, um deren Kompetenz z. B. für Identitätslösungen und Cyber-Security langfristig zuverlässig nutzen zu können.

Auch hier ist - man höre und staune - das bei Kosten ahnungslose und bei seinen "Digital First"-Projekten fünf Jahre in Verzug geratene Hamburger Amt für IT und Digitalisierung bereits einen Schritt weiter: Mit einem modularen Softwarebaukasten - dem "Modul F" - sollen vor allem für kleinere Fachanwendungen erforderliche Bausteine wiederverwendet werden können. Dies gilt z. B. für Registerabfragen, die Vier-Augen-Prüfung, die Ausstellung von Bescheinigungen oder die Archivierung von Vorgängen. Der Innenstaatssekretär und Bundes-CIO Markus Richer fasst es treffend in einen Satz:

"Mit einer standardisierten Vorgehensweise wird das MODUL-F den Transfer von analogen Verwaltungsleistungen in das digitale Zeitalter beschleunigen."

Bislang wurden Programme Schritt für Schritt händisch geschrieben.
Fotro: RAEng_Publications

Das Besondere: Die Module werden auf Basis von "Low Code" mit visuellen Tools geplant und mit vorgefertigten Elementen zusammengesetzt. Klassischerweise werden Programme in Textform geschrieben und anschließend in maschinenlesbaren Quellcode umgewandelt, was mehr Zeit erfordert und fehleranfälliger ist. 11,6 Mio. € legt der Bund aus Corona-Konjunkturmitteln für "Modul-F" in den Korb. Die Bundesebene und Hamburg leiten die Entwicklung. Die Software-Bausteine können dann sowohl in Hamburg, allen anderen Städten, Ländern und auf Bundesebene genutzt werden. 

Der kommunale Treiber:

Um die lahmende Digitalisierung der Verwaltung auf kommunaler Ebene in Schwung zu bringen, bedarf es eines zentralen Mitspielers, der nicht Verwaltung heissen kann, weil Verwaltung per Definition sorgfältig, damit aber nicht schnell ist - vgl. Hamburg. Hier kommt das Modell der öffentlichen Stadtwerke ins Spiel, die es in zentraler Form in Lübeck, aber nicht in der zersplitterten Landschaft Hamburger Landesbetriebe gibt. Drei Funktionen sollte ein kommunaler Treiber für kommunale Digitalservices übernehmen: 
  • Die Abstimmung von Anforderungen für Verwaltungs- und weitere kommunale Leistungen (wie Energie, ÖPNV, Bildung oder Kultur) inkl. der Beschaffung digitaler Lösungen, der Beauftragung von Softwareentwicklung und der Zusammenarbeit z. B. mit Startups
  • Die Beteiligung an kommunalen Digitalprojekten anderer Einrichtungen, z. B. von Hochschulen und Forschungsinstituten, privaten Unternehmen mit interessanten Möglichkeiten (wie "Dräger") und von jungen, innovativen Firmengründungen
  • Die Investition in kommunale und regionale Startups und ihre Govtech-Lösungen, um langfristig Zugriff auf technische Entwicklungen und Ressourcen zu haben, z. B. für künftige Problemlösungen. Hier kann eine eigene Beteiligungsgesellschaft Sinn machen. 

Unsere Erfahrung zeigt, dass eine kommerzielle Struktur, die auch investieren kann, häufig gut als Katalysator für sowas wirkt, die Dinge die Verwaltung nicht schnell machen darf, dann schnell zu erledigen.
- Christoph Bornschein, CEO TLGG Group -

Die kommunalen Partner:

In Hamburg hat man gerade zögerlich den Einstieg für Startups in die Digitalisierung der Verwaltung gewagt: Das städtische Projekt "TechGovHH" soll als Anknüpfungspunkt zur Stadt dienen, mit Austausch und Vernetzung sowie Abstimmung und Vermittlung. Zwar ist Projektleiter und Ex-HPA-Nachwuchs Paulo Kalkhake rundherum fit. Von kommerzieller Beauftragung oder Beteiligung an passenden Startups ist die One-Man-Show jedoch meilenweit entfernt. Hier verweist man auf die teilweise zweifelhaften Machenschaften der IFB-Förderbank und ihres Startup-Arms "Innovationsstarter". Damit ist schnell und flexibel an dieser Stelle in Hamburg tot, mausetot.

Auf Bundesebene werben "Tech4Germany" um Talente und "Work4Germany" um Kooperationen unter der Schirmherrschaft des Kanzleramts. Vergleichbare Programme lassen sich auch auf Kommunal- und Landesebene einrichten. Hier gilt es tatsächlich einmal, das viel gepriesene und noch häufiger missbrauchte "Hub"-Modell aus der Schublade zu holen, wie es z. B. "Philips" in Hamburg mir dem "Health Innovation Port" für interessante Startups im Bereich Healthtech nutzt. Voraussetzung ist jedoch eine privatwirtschaftliche Denke für kundenzentrierte Lösungen. Das ist mit Verwaltungsdenke praktisch ausgeschlossen. Eine Chance für Lübeck könnte z. B. das Accelerator-Programm "Gateway 49" sein. 

Das kommunale Netzwerk:

Neben neuen, auch jungen Ideen und Produkten spielt die Beteiligung von Einwohnern, Unternehmern und Interessenten eine entscheidende Rolle bei der Digitalisierung - nicht nur - auf kommunaler Ebene. Das "EnergieCluster Digitales Lübeck" ist Beispiel für "Alle an einen Tisch", weil es sichtbar macht, was bereits passiert ist, Ideen aufnimmt und gemeinsam in eigenen Arbeitskreisen an Lösungen arbeitet, die Abhilfe bzw. Verbesserung schaffen können. Das ist weit mehr als tote Webseiten mit krampfhaft zusammengekehrten Schaufensterprojekten der Hamburger Verwaltung ... 

Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau verrät den interessierten Teilnehmern der Diskussionsveranstaltung in den "Media Docks", wie man über Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft hinaus zu einer digital-funktionierenden Stadt kommen kann:

"Wenn man in der Stadtgesellschaft was gemeinsam erreichen will, dann geht das nur zusammen - und vor allem nicht so zu tun, als hätte man in der Stadt nicht genügend Know how."

Wie wäre es, wenn sich die arrogante - pardon - stolze Elbmetropole Hamburg mal dazu herablassen würde, neben mehr oder weniger sinnfreien Schaufenster-Webseiten wie "Hamburg digital" oder "Future Hamburg" die wirklich digital in der Stadt Engagierten offen an einen Tisch zu bringen; und damit meinen wir nicht den runden Tisch des Ersten Bürgermeisters als Closed Shop Event der mehr oder weniger exklusiven Gästeliste aus der Kulturbehörde BKM, eingerichtet noch unter Olaf Scholz. Wie der teilnehmende SPD-Funktionär Nico Lumma Digitalisierung versteht, durften wir gerade mit dem 9 Mio. € schweren, gescheiterten SPD-Verschiebebahnhof für einen sinnfreien Fintech-Accelerator erleben. 

Die kommunale Zukunft:

Sehenden Auges wird die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes zum 31.12.22 scheitern, so die Fakten. Zugleich brüten die Bundesländer einen Nachfolger - das "OZG 2.0" - aus. Damit sollen Themen, wie die Modernisierung öffentlicher Register, die Schaffung einer dezentralen Verwaltungs-Cloud und Fachverfahren zentral bereitgestellt werden. Komisch, dass man erst fünf Jahre nach dem Beschluss für ein OZG an den Punkt kommt, so entscheidende Themen, wie die Zusammenarbeit von Kommunen, Ländern und Bund sowie die essenzielle, vertrauensvolle Datenhaltung anzugehen.

Schaut man sich die von Bayern federführend entwickelten "Essentials" für neun der 16 Bundesländer einschl. Bremen (den "G9") an, fragt man sich, warum auch bei der Fortsetzung der Digitalisierung in der Verwaltung wieder jeder sein eigenes Süppchen kochen muss. Oder wo ist z. B. Hamburg, wo ist z. B. Niedersachen? Zudem stellt sich die entscheidende Frage, warum die "OZG-Steuerung und Finanzierung" erst nach dem Scheitern des "OZG 1.0" jetzt "effizienter und transparenter" werden soll. Wäre das nicht eine Aufgabe in den vergangenen fünf Jahren gewesen? 

"Dieses Jahr müsasen die Weichen für die Weiterentwicklung zu einem "OZG 2.0" gestellt werden."
Markus Richer, Bundes-CIO und amtierender Vorsitzender des IT-Planungsrates

61 % der Bundesbürger wünschen sich lokale Services zentral in einer App - zusammen mit Dienstleistungen und Angeboten. Bei der jungen Generation sind es mit 76 % sogar mehr als drei Viertel. Auch die Senioren fordern mit 53 % laut aktueller "Bitkom"-Umfrage mehrheitlich, alles Wichtige zentral auf dem Handy erledigen zu können.

Für 60 % der Deutschen sind digitale Bürgerservices der Verwaltung äußerst wichtig. Die Bundesbürger wünschen sich den Gang aufs virtuelle Amt ohne Wartenummer sogar mehr als Online-Shopping. Serviceportale und -Apps sollten dabei schnell und einfach Auskünfte und Genehmigungen möglich machen. 

Mehr als die Hälfte der Deutschen erwartet außerdem eine zentrale digitale Dokumentenablage im Netz, ohne Genehmigungen oder Belege immer wieder kopieren, einschicken oder hochladen zu müssen. Das sind die aktuellen Ergebnisse einer Umfrage des Berliner Marktforschungsinstituts "Civey" im Auftrag des Softwareherstellers "Salesforce".  Aber das werden wir wohl doch erst in 30 Jahren erleben.

*  *  *

 Hanse Digital Background: 

22.01.2020 - HANSESTATEMENT: 
Rot-Grün: Digitalstrategie? Echt jetzt?

29.04.2019 - HANSEPERSONALITY Jan Pörcksen: 
"Die Dienstleistungen des Staates vom Nutzer her denken."

17.06.2018 - HANSEPERSONALITY Christian Pfromm: 

Donnerstag, 2. April 2020

#CoronaSoforthilfeHH: Was haben Sie an “sofort” nicht verstanden, Herr Senator?

Ein HAMBURG DIGITAL STATEMENT
von Landeskorrespondent Gerd Kotoll

Verantwortlicher Finanzsenator Andreas Dressel in Erklärungsnot.
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Er feiert sich mit roten und grünen Parteifreunden, Senatspersonal, Kostgängern und Subventionsrittern auf Facebook selber: Finanzsenator Andreas Dressel in seinem Social Media Stream: “Haben sich die vielen Telefonkonferenzen doch gelohnt *smile*”. Der SPD-Landespolitiker mit Seitenhieb gegen die Bremer Soforthilfe zum Ausdrucken und getrennten Anträgen: “Soforthilfe Bund & Land digital & aus einer Hand *grünes Häckchen”. 

Dabei hat der Hamburger Lokalpolitiker nur gut 24 Stunden zuvor Freiberuflern, Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmern mit einer peinlichen Selbstoffenbarung und einer dreisten Zumutung für die viel gepriesene “Hamburg Corona-Soforthilfe” mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Landeskorrespondent Gerd Kotoll mit Fakten und Fragen zur neuesten “Hamburg-Alles im Blick-Peinlichkeit” aus dem Rathaus:

Vergangenen Freitag-Nachmittag, auf der Landespressekonferenz mit Corona-Folgen-bekämpfenden Vertretern des Senats erklärt Hamburgs Erster Kassenwart Andreas Dressel das geplante Prozedere zum Online-Antrag für die “Hamburg Corona-Soforthilfe” über die Website der Investitions- und Förderbank in Hamburg. Start: Montag-Morgen. Mit an Bord: “externe Server”. Da konnte man eigentlich schon ahnen, das was kommen wird …

Die artigen Fragen der per Videokonferenz zugeschalteten Journalisten konnte das Dreigestirn Tschentscher, Prüfer-Storcks und Dressel noch nicht aus der Fassung bringen. Bis die letzte Frage kam, von unserem Chefredakteur Thomas Keup, isoliert und doch einsatzbereit in seinem Berliner Home-Office. Von dort fragte er brav per Mail, wie Hamburg denn technisch aufgestellt sei - im Fall von mehr als 130.000 Hilfesuchenden in Berlin in nur 5 Stunden.

Hintergrund: Die seit Freitag-Mittag in Berlin freigeschaltete Online-Lösung der dortigen Förderbank IBB für die “Hauptstadt Corona-Soforthilfe” wies nach 5 Stunden 139.000 Wartenummern aus - bei bereits abgearbeiteten 7.000 hilfesuchenden Freiberuflern, Solo-Selbständigen und Kleinunternehmern und einer Bearbeitungszeit von rd. 10 Minuten - macht einen stündlichen Antragsdurchsatz des Berliner Portals von 6.000 Datensätzen.

Senat mit live übertragener Schnappatmung

Landespressekonferenz aka Hamburg Märchenstunde.
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Da war es mit der gemütlichen Plauderstunde der Landespressekonferenz mit dem Ersten Kassenwart und seinem Ersten Senatspräses vorbei, denn mit solchen Zahlen (mehr als 130.000 Hilfesuchende in wenigen Stunden) hatte man offenbar nicht auf einmal gerechnet. Nach der Schnappatmung der IBB-Server in der Millionenmetropole im Osten schnappten nun die Senatsmitglieder im Norden nach Luft für ihre mehr oder weniger überzeugenden, sich leider doch nur im Kreis drehenden Antworten. Thomas Keup schrieb brav mit.


So werde auch über das Wochenende fieberhaft geprobt und getestet, dass am Montag die Freischaltung des Antrags sichergestellt werden könne. Im Nebensatz erwähnte SPD-Finanzchef Dressel den Einsatz von “externen Servern”. Was er gegenüber der versammelten Hamburger Journaille lieber nicht verriet: Senat, Finanz- und Wirtschaftsbehörde, Förderbank und IT-Dienstleister überließen den kompletten Online-Antrag … SAP. Genau, die mit der leicht nutzbaren ERP-Lösung … Und das verhieß nichts Gutes.

“Gehen Sie weiter! Es gibt nichts zu sehen!”

Am Montag passierte dann zunächst … wir schauen noch mal nach … Moment ... genau: nichts. Nicht um 9.12 Uhr, nicht um 12.37 Uhr, nicht um 15.08 Uhr, nicht mal zum Feierabend um 18.55 Uhr. Entsprechend zerknirscht kam um 18.57 Uhr eine Pressemeldung aus der Senatskanzlei, dass leider leider .... wir schauen noch mal genau hin … genau .. leider eine Verzögerung eingetreten sei. Aber man müsse sich keine Sorgen machen, Geld sei genug da. Und: man könne ja bis Ende Mai d. J. die Anträge stellen. Richtig gelesen!

Dies verteidigt die zuständige Sprecherin der beteiligten Wirtschaftsbehörde, durch deren Hände die peinliche Pressemeldung ebenfalls ging, auch 2 Tage nach der Unmöglichkeit. Mehr noch: Die bekannte PR-Frau zeigt auf dem Facebook-Account von Senator Andreas Dressel lieber mit nacktem Finger auf die Berliner Datenpanne mit insgesamt 390 fehlgeleiteten Antragsbestätigungen - bei 6.000 verarbeiteten Anträgen pro Stunde. Susanne Meinicke: “So sieht das dann aus, wenn Schnelligkeit vor Gründlichkeit geht.” So, so, Hamburger Gründlichkeit ...

Genug Geld, genug Zeit - kein Grund zur Eile.

Bemerkenswert: Dass genug Geld da sei, hörte man ja bisher eher selten in Politiker-Statements. Eigentlich heißt es ja sonst immer, dass eben nicht genug Geld da sei. Aber in Zeiten der Krise wollen wir das mal nicht kommentieren. Gleichwohl, der klitzekleine Hinweis sei erlaubt: Berlin hat bereits am Montag gemeldet, dass die veranschlagten 100 Mio. € nicht ausreichen würden und man bei mittlerweile rd. 300 Mio. € Antragsvolumen sei. Und sich darum kümmere.

Und auch wenn es ab 23.57 Uhr mit den Anträgen der “Hamburg Corona-Soforthilfe” - trendig “HCS” abgekürzt (dürfte demnächst wie Dressels #CoronaSoforthilfeHH auch als Hashtag die sozialen Medien erobern) - funktionierte: eine Soforthilfe, Herr Senator, soll sofort helfen. Sofort. Und nicht erst Ende Mai. Denn im Mai wird es viele Selbständige und Kleinunternehmen schlicht nicht mehr geben, wenn diese nicht sofort Hilfe bekommen. Sofort.

Peinliche Bankrott-Erklärung der Senatoren Dressel und Westhagemann.
Screenshot: HANSEVALLEY

Das gilt für den Barmbeker Hausmeister-Service ebenso, wie für die kleinen Friseursalons in Harburg, Wandsbek und Ottensen, bei denen der mühsam ersparte und gegen alle Widerstände hart erarbeitete Traum der Selbständigkeit nun zu platzen droht - weil diese mutigen Unternehmerinnen und Unternehmer aus Sicht der “die ganze Stadt im Blick”-habenden SPD-Senatsbehörde nicht geduldig genug sind. Zitat Senator Andreas Dressel, Landespressekonferenz, Freitag, 27.03.2020, 18.28 Uhr: “Aber ein bisschen Geduld und Verständnis glaube ich wäre jetzt in der Startphase etwas, das für alle Beteiligten wichtig ist."

Was für eine Haltung, was für eine Denke ist das?

Was ist das für eine Haltung, auf Geduld zu verweisen? Während Niedersachsen oder Schleswig-Holstein bereits ausgezahlt haben, um nicht nur mit dem bösen Osten und dem reichen Süden zu “stänkern”. Was ist das für eine Denke, das angesichts der drohenden Pleite unzähliger kleiner Boutiquen, Läden und Gastronomiebetriebe, als “erste hilfreiche” Maßnahmen Steuerstundungen und -herabsetzungen der Vorauszahlungen anzubieten? Herabgesetzt wurden hier nur die selbständigen Steuerzahler.

Facebook-Post hilfesuchender Solo-Selbständiger in Hamburger.
Screenshot: HANSEVALLEY
Dass Hamburg einmal mehr technisch hinter anderen Ländern her hinkt, ist schon schwer zu akzeptieren - überrascht aber auch nur die, die den offiziellen Verlautbarungen des Senats zum technischen Fortschritt der Stadt immer geglaubt haben (vgl. “Digital First”, vgl. “Mobile First”, vgl. “Digitale Stadt” und so weiter und so weiter). Jetzt zeigt sich, dass die Stadt bei Weitem nicht so toll aufgestellt ist, wie in den politischen Sonntagsreden gern behauptet wird. Und das ist keine Einbildung einer kleinen Ansammlung besserwissender Tech-Journalisten.

Dass Sie Herr Senator sich hinstellen und auf Zeit spielen, ist einfach nur eines: unverantwortlich. Dass Sie damit der Hamburger Geschichte und Tradition als Hansestadt ehrbarer Kaufleute nicht gerecht werden: geschenkt (man sollte sich angesichts einer gefälschten Hafengründungsurkunde vielleicht auch nicht soviel auf seine Traditionen einbilden). Dass Sie damit die Sorgen und Nöte hart arbeitender, selbständiger Menschen in der Stadt nicht ernst (genug) nehmen, macht fassungslos.

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 Hamburg Digital Background: 


HANSEVALLEY: Gastbeitrag "Wie Hamburgs Wirtschaft aus der Panik zu digitalen Perspektiven kommt."

HANSESTATEMENT: "Die Zögerlichen": Wie Hamburg den Vorsprung gegen das Corona-Virus verspielt.
hv.hansevalley.de/2020/03/hansestatement-zoegerlich-hamburg-senat.html

HANSEVALLEY: Fachbeitrag "Wie Hamburg aus dem Corona-Trauma kommt":
hv.hansevalley.de/2020/03/hansespecial-wie-hamburg-aus-dem-corona.html 

Sonntag, 17. Juni 2018

HANSEPERSONALITY Christian Pfromm: Digitalisierung ist Chefsache!

HAMBIRG DIGITAL INTERVIEW

Deutschlands Metropolen stehen im Wettbewerb: Modernste Forschung mit den klügsten Köpfen, starke Wirtschaft und erstklassige Infrastruktur, attraktive Jobs und gute Lebensbedingungen. Startups gehen nach Berlin, Tech-Companies nach München. Hamburg muss Tempo machen. Die Bahn schließt die Wirtschaftsmetropole noch schneller an die Hauptstadt an. Der Druck auf die Freie und Hansestadt wächst, die Digitalisierung wartet nicht.


Hamburgs Chief Digital Officer Christian Pfromm
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Der Senat hat mit "Digitaler Stadt", "Digital First", intelligentem Verkehr und einem Chief Digital Officer Weichen gestellt. Jetzt kommt's drauf an: Wacht Helmut Schmidts "schöne Schlafende" endlich auf - oder "verpennt" sie es, wie es der Berliner sagt? Hamburgs Chief Digital Officer Christian Pfromm steht exklusiv Rede und Antwort, was auf der Brücke und im Maschinenraum der Digitalen und Hansestadt geplant ist. Ein Hamburg Digital Interview:

HAMBURG DIGITAL SERVICES:


Digital First-Plattform, Service-Konto und neue Dienste:

Staatsrat Dr. Christoph Krupp hat für den Herbst die "Digital First"-Plattform als Ablösung für das bisherig Behördenportal "Hamburg Gateway" angekündigt. 18,6 Mio. € hat die Bürgerschaft 2018 dafür bereitgestellt. Jeder Hamburger soll seine Behördengänge in Zukunft mit einem "Service-Konto" online erledigen können. Wie funktioniert die Plattform und was dürfen die Hamburger an neuen Möglichkeiten erwarten?

Über die neue Plattform "Digital First" werden die Hamburgerinnen und Hamburger neue und alte Online-Services der Stadt erreichen können. Als neue Services erarbeiten wir beispielsweise gerade die „Asbestmeldung“, die von Unternehmen bei Bauvorhaben abgegeben werden muss, falls eine Asbestbelastung vorliegt. Für Bürgerinnen und Bürger gibt es den Anwohnerparkausweis als neuen Online-Service. Und wir haben für dieses Jahr noch andere Angebote in der Pipeline, zum Beispiel die Themen Wohnraumschutz, Bewilligung von Sonn- und Feiertagsarbeit oder die Trassengenehmigung, die unter anderem für den Breitbandausbau relevant ist. 

Von der neuen Plattform-Technik selbst „sieht“ der Nutzer zunächst mal relativ wenig. Zwar überarbeiten wir auch die Nutzeroberflächen, vor allem aber erneuern wir auf der Plattform Funktionalitäten, über die sich Bürgerinnen und Bürger auch heute schon mit einer einmaligen Registrierung für das Service-Konto anmelden, den passenden Online-Service finden und wir den Datenverkehr zwischen den Online-Services und den jeweiligen städtischen Fachverfahren organisieren können. 


Wenn wir noch einen Stock tiefer im Maschinenraum hinabsteigen, geht es darum, dass wir mit der Plattform einen wichtigen Schritt in Richtung modularer IT gehen. Wenn ein Zahnrad hakt, müssen wir nicht gleich den ganzen Motor austauschen. Und bestimmte Funktionalitäten, wie zum Beispiel die Bezahlfunktion, werden einmal programmiert und vielfach wiederverwendet. So sparen wir Ressourcen und können Teilbereiche leichter modernisieren. Das kann uns auch bei der Umsetzung des OZG helfen. 


Kooperation mit Schleswig-Holstein und neue Dienste:

Peter Tschentscher und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther haben Ende Mai d. J. eine weitergehende Kooperation bei Digitalthemen verabredet. Im Mittelpunkt: Die Zusammenarbeit bei länderüberschreitenden Projekten. Hier werden u. a. die Themen Bildung, Daten und IT-Plattformen adressiert. Butter bei die Fische: Was soll künftig zusammen gemacht werden?

Schleswig-Holstein und Hamburg haben mit Dataport denselben IT-Dienstleister und arbeiten beim Service-Konto schon lange zusammen. Also haben wir uns verabredet, das „Interoperable Servicekonto für Norddeutschland“ weiterzuentwickeln. Darüber sollen Online-Services – also Verwaltungsdienstleistungen, die Sie übers Internet erreichen – gut zugänglich und leicht auffindbar sein. Egal, ob der für Sie relevante Service von Hamburg oder Schleswig-Holstein angeboten wird.

Außerdem müssen Online-Services so gestaltet sein, dass sie für Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen intuitiv nutzbar sind. Daher werden wir in einer Entwicklungspartnerschaft die Nutzerperspektive ins Zentrum rücken und moderne technologische und methodische Ansätze wie zum Beispiel „Design Thinking“ anwenden. Schließlich erweitern wir den Zugang zum telefonischen Hamburg-Service um einen weiteren Kanal. In Hamburg projektieren wir hierzu in den kommenden zwei Jahren einen textbasierten Chatbot. Auch die hieraus gewonnen Erkenntnisse werden wir mit Schleswig Holstein in einer Kooperation teilen und vertiefen. 

Richtig verstandene Digitalisierung umfasst außerdem stets Prozessoptimierungen. Eine wichtige Grundlage im Baubereich bilden hierbei die Standards "XPlanung" und "XBau". Mit ihnen ist der Grundstein für die Etablierung digitaler Prozessketten im Bau- und Planungsbereich gelegt. Dies wollen wir nutzen und bis spätestens Ende 2018 eine Kooperationsvereinbarung abschließen und konkrete Schritte vereinbaren, die darauf abzielen, eine gemeinsame Planungsplattform zu entwickeln, Daten entsprechend auszutauschen und damit den Planungsprozess zu verbessern. Das erleichtert länderübergreifende Beteiligungsverfahren, bei denen regelmäßig die Einbeziehung der jeweils angrenzenden Gemeinden notwendig ist.

Schließlich werden wir bei der digitalen Bildung mit Blick auf eine eLearning Plattform zusammenarbeiten und entwickeln die Schulverwaltungssoftware weiter. Und im Bereich Beihilfe haben wir ganz unabhängig von der gemeinsamen Kabinettssitzung eine enge Kooperation vereinbart. 


Onlinezugangsverbesserungsgesetz und die Umsetzung:

Das Onlinezugangsverbesserungsgesetz (OZG) verpflichtet Sie, in 5 Jahren alle relevanten Bürgerservices auf kommunaler, Landes- und Bundesebene online bereitzustellen. Hand aufs Herz: Wie ist Hamburgs IT- & Digitalstrategie aufgestellt, 2022 nicht die "rote Laterne" der Republik zu tragen? Wie kann diese Mammutaufgabe gepackt werden?


Die Umsetzung des OZG ist eine Aufgabe, die alle Länder und auch den Bund vor erhebliche Herausforderungen stellt. Wenn wir das nicht umsetzungsorientiert, stringent und gemeinsam angehen, hält am Ende ganz Deutschland die rote Laterne in der Hand. Nicht nur ein einzelnes Land. 

Was sehr gut ist: Durch das Online-Zugangsgesetz wird das Thema der Nutzung von Online-Diensten ganzheitlich angegangen. Stichworte sind hier der Portalverbund mit "Online-Gateway" oder die bereits genannten interoperablen Servicekonten und zugehörigen Digitalisierungsprogramme.

Wenn wir auf Hamburg schauen wollen, sehe ich uns mit dem bestehenden Portal für Online-Dienste gut gerüstet. Außerdem wird dies von "Digital First" wie beschrieben modernisiert. "Digital First" hilft uns auch, vom Nutzer aus konzipierte Online-Services zu entwickeln. Und Dienste wie die Asbestmeldung könnten aufgrund ihres bundeseinheitlichen Charakters sogar von anderen Ländern übernommen werden. 

Den kooperativen Ansatz unterstützen wir, in dem Hamburg auf Bundesebene bei der Entwicklung des "Online-Gateways" mitarbeitet. 

HAMBURG DIGITAL VERWALTUNG:


Digitale Zuständigkeiten in der Hamburger Verwaltung:

Mit Ihnen gibt es 5 CDOs in der Verwaltung, neben der Senatskanzlei auch in der Wirtschafts- und in der Wissenschaftsbehörde, der Bildungsbehörde sowie gemeinsamen in der Stadtentwicklungs- und Umweltbehörde. Macht es Sinn, dass jede Verwaltung ihren eigenen CDO hat? Birgt dies nicht die Gefahr, das jedes Haus Digitalisierung auf eigene Faust unternimmt?

Wir haben uns in Hamburg entschieden, bei Digitalisierungsvorhaben auf zentrale Steuerung und dezentrale Umsetzung zu bauen. Das bedeutet für mich insbesondere, die Behörden zu befähigen, den Veränderungsprozess, den ich strukturiere und anstoße im Rahmen ihrer Ressortverantwortung auch umzusetzen. 

Das gilt natürlich auch für die CDOs der Behörden und die IT-Beauftragten. Die Kollegen in den Behörden sind für mich daher wichtige Partner, um unser gemeinsames Thema – nämlich die Digitalisierung – in den städtischen Einrichtungen zu verankern und voranzubringen. 

Folgerichtig ist mit dem neuen Amt auch eine zentrale Steuerung etabliert worden. Das heißt Leitplanken zu setzen und Priorisierungen festzulegen, etwa in den Bereichen IT-Planung und Controlling, Nutzerzentrierung bei Online-Services, Projektgrundsätze, zentrale IT-Architekturen oder "Digitale Stadt". Hier braucht es eine zentrale Stelle, die die Fäden in Händen hält und auch mal die Richtung vorgibt. 

Öffentliches Projektmanagement und Aktualisierung:

Ende Mai waren "fehlende Instrumente und Mechanismen im IT-Projektmanagement" im "Abendlichen Blätterwald" zu hören. Für alle IT-Projekte ab 350.000,- € gilt die "Verwaltungs-Vorschrift IT" von Dezember 2015. Wie gut ist das IT-Management in der FHH aufgestellt, gibt es eine übergeordnete Koordinierung und sind neue - agile - Methoden ein Thema?

Die Themen, die Sie ansprechen, liegen genau in meiner Zuständigkeit als CDO der Stadt. Und natürlich sind Projektmanagement und agile Methoden für uns ein Thema. Die VV IT-Projekte wird genau vor diesem Hintergrund weiterentwickelt. Neben der notwendigen Anpassung von Verwaltungsvorschriften brauchen wir aber auch eine geänderte Haltung, ein anderes „Mindset“ zum Thema Projekt- und Kostenmanagement. 

Lenkungsausschüsse müssen beispielsweise häufiger tagen und präziser prüfen, ob die Projektparameter noch stimmen. Wir planen Projekte in kleineren Schritten, um die leidvollen Erfahrungen mit Mammutprojekten in Zukunft möglichst zu vermeiden. Als zentrale Einheit stellen wir den Behörden außerdem Mitarbeiter aus unserem IT-Projektpool mit dem entsprechenden Projekt-Know-How zur Verfügung. 


Nachwuchskräfte in der IT- & Digitalverwaltung:

Zusammen mit Dataport und den 70 Mitarbeitern Ihrer Behörde in der Senatskanzlei arbeiten rd. 1.300 Mann in den Bereichen Hardware, Software und Services für die Stadt Hamburg. In der Hamburger "Welt-Presse" werden zusätzliche Kräfte angemahnt, z. B. für neue Verfahren. Kann ein duales Studium die Lösung sein? Welchen Ansatz der IT-Personalpolitik fahren Sie?

Wie es sich für so ein vielfältiges und zentrales Thema gehört, ist es bei uns Chefsache und wir verfolgen verschiedene Ansätze. So kooperieren wir sehr eng mit dem Personalamt – auch mit dem Thema duales Studium befassen wir uns. Wir haben in Hamburg seit 2004 Dataport als zentralen IT-Dienstleister etabliert. Damit ist eine Vielzahl der von Ihnen angesprochenen Skills bei unserem IT-Dienstleister vorhanden. Gleichwohl benötigen wir noch in vielen Bereichen der FHH „echte ITler“. 

Bei der Debatte kommt mir manchmal zu kurz, dass wir nicht mehr „nur“ über den klassischen IT-Techniker bzw. Informatiker sprechen. Vielmehr wandeln sich auch die Anforderungen an das Personal, das die zahlreichen Digitalisierungsvorhaben gestalten soll. Wir brauchen immer mehr IT-Manager, die sich mit den prozess- oder auch datenbezogenen Komponenten von Digitalisierungsprojekten befassen. Das ist ganz etwas anderes als klassische IT. Wenn wir dies umsetzen, können wir Prozesse neu denken und gestalten. Und eben nicht nur die Technik.

HAMBURG DIGITAL PERSPEKTIVEN:


Die Digitale und Hansestadt Hamburg in der vernetzten Welt:

Mit Ihrem Amtsantritt sind Sie für die "Digitale Stadt" verantwortlich geworden. Bei der Digitalisierung geht es um Geschäftsprozesse, Technologien und Digitale Services. Wo sehen Sie Ihre zentralen Aufgaben als CDO der Stadt und wo sehen Sie besondere Herausforderungen für die FHH - nach innen wie nach außen?

Über viele inhaltliche Aspekte haben wir ja schon gesprochen: Digital First, das OZG, IT-Personal oder Projektmanagement und -controlling. All diese Themen stehen auf meiner Agenda. Darüber hinaus ist Digitalisierung ein tiefgreifender Veränderungsprozess, den wir aus dem neuen Amt auch kommunikativ begleiten müssen, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt mitzunehmen. 

Bei den vielfältigen Vorhaben der Digitalen Stadt geht es somit um eine ganzheitliche Perspektive über die verschiedenen Themenfelder hinweg, wenn wir nicht nur die Verwaltung digitalisieren wollen, sondern auch andere Bereiche städtischen Lebens.

Wir brauchen die Brücke in die jeweilige Fachlichkeit, um Antworten auf die Frage zu finden: Wie verändern sich Schule, Universitäten, Verkehr und Mobilität oder Kultur in einer digitalisierten Welt, in der digitalen Stadt Hamburg? Auch hierfür sind wir auf Expertise und Verantwortlichkeit in den einzelnen Häusern angewiesen. Wir befassen uns auch mit neuen Technologien. Dafür brauchen wir Partner in Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, um Lösungen zu finden, die unseren Bürgerinnen und Bürgern sowie den Unternehmen helfen. 

Mit der Strategie zu Intelligenten Transportsystemen (ITS), der Hamburg Open Online University oder der eCulture-Agenda haben wir schon gute erste Antworten gefunden. Diese und andere Initiativen müssen wir vertiefen, untereinander koordinieren und gesamtstädtisch präsenter machen. 


Glasfaserausbau in Hamburg und CDO-Unterstützung:

71% aller Haushalte - u. a. die SAGA-Wohnungen - sind mit "Fiber to the Home" angebunden. Peter Tschentscher will einen runden Tisch mit Telekom, Vodafone & Co. einberufen, damit auch die Gewerbegebiete z. B. im Hafen - angebunden werden. Das Thema liegt in der Kultur- und Medienbehörde. Was können Sie dazu beitragen, dass es keinen "Heldentot" stirbt, wie Breitband auf dem Land?

Das Thema ist bei den Kolleginnen und Kollegen in der Behörde für Kultur und Medien gut aufgehoben und die Position des Ersten Bürgermeisters gibt ja einen guten Hinweis auf dessen Stellenwert. 

Auch wir wissen natürlich: Ohne Glasfaser keine ordentliche Digitalisierung in der Stadt. Entsprechend unterstützen wir aus meinem Amt heraus. Etwa mit der Implementierung der Trassengenehmigung in DigitalFirst. Diese Genehmigungen brauchen die jeweiligen Unternehmen für die notwendigen Tiefbauarbeiten. 

Unsere traditionelle Hamburg-Frage:

Sie sind ein halbes Jahr als "Chefdigitalisierer" der Stadt Hamburg im Amt, waren zuvor mehr als 6 Jahre verantwortlich für IT und Strategie der BHF-Bank in Frankfurt. Hand aufs Herz: Was läuft in IT und Digitalisierung der Freien und Hansestadt intern und extern richtig gut - und wo wünschen Sie sich noch ein bisschen mehr Dynamik?

Gut ist: Wir haben in der Stadt viele spannende IT- und Digitalisierungsvorhaben und sind konsequent dabei, uns perspektivisch noch besser aufzustellen. Greifbare Beispiele dafür werden die weiteren Online-Services von "Digital First" sein, von denen ich schon einige genannt habe. Und ich merke, dass sich wirklich viele Kolleginnen und Kollegen als Unterstützer erweisen. Dort wo noch Vorbehalte und Unsicherheiten bestehen, möchte ich diese abbauen – im besten Fall vollständig. 

Zudem bin ich gespannt, welche Lösungen beim Weltkongress zu Intelligenten Transportsystemen zu sehen sein werden. Auch wenn er erst 2021 in Hamburg stattfindet wird, ist dies für uns schon heute ein wichtiges Themenfeld. Auch mit dem Thema Künstliche Intelligenz befassen wir uns – ganz verwaltungstypisch erproben wir Technologien, um Dokumente in der elektronischen Akte automatisch zu verschlagworten. 

Was könnte besser sein? Ich glaube, gerade im Zusammenspiel von Bund und Ländern, nicht zuletzt mit Blick auf die OZG-Umsetzung, brauchen wir mehr Dynamik, um rechtliche Hürden pragmatisch aus dem Weg zu räumen, die Digitalisierungsvorhaben unnötig erschweren.

*  *  *

Vielen Dank für die tiefen Einblicke!
Das Interview führte Thomas Keup.


 Hamburg Digital Background: 

HANSEEXKLUSIV: Peter Tschentscher fordert flächendeckendes Glasfaser:
https://hh.hansevalley.de/2018/03/hanseexklusiv-peter-tschentscher-glasfaser.html

Helmut Schmidts Brief an eine "schlafende Schöne" von 1962:
www.welt.de/regionales/hamburg/article149206055/Helmut-Schmidts-Brief-an-die-schlafende-Schoene.html