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Donnerstag, 28. Februar 2019

HANSECHAMPIONS: Otto.de macht ernst mit digitalem Firmenumbau.

HAMBURG DIGITAL REPORT


Mutige Ankündigung: Hier bleibt kein Hermes-Paket auf dem anderen.
Foto: HANSEVALLEY

Ein leuchtend rotes Hinweisschild mit der Aufschrift "OTTO - Under Construction". Eine Pressetour mit Bauhelm durch ein ehemaliges Lagerhaus. Dazu jede Menge Google Smart Speaker, Uculus VR-Brillen und eine vernetzte Bosch-Spülmaschine mitten im Coworking-Space "Collabor8" auf dem Otto-Campus. Wen man in Hamburg auch immer fragt, bekommt man eine Antwort: 'Bei Otto bewegt sich was'. Doch jetzt scheint Deutschlands Multichannel-Händler aus Bramfeld außer Kontrolle geraten zu sein. Ein Hamburg Digital Report:

Die Vorstandsmitglieder der größten Handelsfirma im Familienkonzern Otto Group verzichten freiwillig auf exklusive Eckbüros. Von 1.800 Mitarbeitern in der künftigen Firmenzentrale an der Werner-Otto-Straße haben nur 1.600 überhaupt einen - nicht einmal feststehenden - Arbeitsplatz. Und dann will Otto.de bis zum Jahr 2020 auch noch 3.000 Handelspartner auf die eigene Plattform bringen und Amazon das Fürchten lehren. Die 3. Generation der Hamburger Vorzeigefamilie Otto will es wissen: Benjamin und der Vorstand der Otto GmbH & Co. KG machen Schluss mit Kleckern - und bauen die Firmenzentrale gleich mit um.


Stolz und aufgefrischt: Die bisherige Zentrale des Multichannel-Händlers otto.de
Foto: HANSEVALLEY

"Facts2Go" steht über der Einladung der Presseabteilung der "Einzelgesellschaft OTTO" - umgangssprachlich als "Otto.de" - bekannt. Es ist die Einladung zur Jahrespressekonferenz - und die Ankündigung jeder Menge interessanter Fakten: 4.900 Mitarbeiter erwirtschafteten im vergangenen Jahr weltweit 3,2 Mrd. € - ein Plus von satten 8%. 3.000 der Mitarbeiter arbeiten auf dem Konzerngelände "Otto Campus" in Bramfeld im Norden der Hansestadt. Das neu verglaste Haus 10 neben dem Haupteingang ist die Verwaltung von Otto.de - allein mit 300 Spezialisten im Business Intelligence. Standen im vergangenen Jahr zur Präsentation der Zahlen die neuen Büros der BI-Experten im Mittelpunkt, geht es in diesem Jahr ans Eingemachte.


Vom Marketing über Otto Office zur neuen Otto.de: Innovator Marc Opelt.
Foto: HANSEVALLEY

Nach einem Fußmarsch über den - zum Boulevard mit Treffpunkten umgestalteten - Campus bekommen die rd.  50 Journalisten, Fotografen und Kameraleute Bauhelme verpasst. Hinter einem Schiebetor des vom bekannten Altonaer Architekten Werner Kallmorgen entworfenen Lagerhauses erwartet die Spitze der Hamburger Medienlandschaft eine ... leere Etage. Freudig verkündigt Otto.de-Vorstand Marc Opelt vor beeindruckender Kulisse: Hier entsteht bis 2022 auf 40.000 qm die neue Zentrale des Amazon-Rivalen und Otto.de-Stammhauses - mit einem gebäudehohen Atrium und Platz für 1.800 Mitarbeiter. Das Ganze bietet allein etwa doppelt so viel Fläche wie eines der zum Familienverbund gehörenden ECE-Shoppingcenter.


Die neue "Nr. 4" - das künftige Headquarter der Otto GmbH & Co. KG
Illustration: Otto

Ohne mit der Wimpel zu zucken präsentiert der seit 1990 im Otto-Konzern beheimatete Topmanager die Meldung des Tages: Im neuen "Haus 4" werden die Bereichsvorstände keine eigenen Büros mehr haben, sondern - wie alle Mitarbeiter - in den Shared Office Spaces ihre Arbeit machen und sich in den Social Spaces vernetzen. "Future Work@Otto Campus" ist den Kollegen eine Headline wert, denn nach bescheidenen Anfängen mit dem hauseigenen Coworking-Space "Collabor8" rollt die Otto-Spitze jetzt mit der Büropalmen-Abrissbirne an. So, wie die anderen berühmten Kallmorgen-Hochhäuser - vom Spiegel-Verlag bis zu IBM in Hamburg - neue Mieter und neues Leben eingehaucht bekommen, geht es nun auch der Hausnr. 4 mit ihren beeindruckenden 100 x 50 Metern und 8 Stockwerken an den Kragen.


Ein echter oder ein computergenerierter Sessel? Das wird die Frage.
Foto: HANSEVALLEY

Während Verwaltung und vor allem die Logistik des Handelsriesen von Alvensleben bis Burkunstadt und von Baur bis Hermes angesiedelt wurde, entwickelt sich der "Otto Campus" mit seinen insgesamt 7.000 Mitarbeitern und den Headquartern von Bon Prix, Hermes und Otto.de immer mehr zum Innovations- und Technologiestandort. So präsentieren die Innovationsmanager zur Jahrespressekonferenz 2019 gleich eine ganze Reihe von technologischen Highlights, die unser künftiges Online-Shopping maßgeblich verändern und begleiten werden: Am weitesten fortgeschritten ist die digitale Bilderstellung CGI (Computer-Generated Images). Der mit über 1 Mrd. € größte Online-Möbelhändler der Republik will mit dieser Technik unser Einkaufserlebnis von Möbeln und Stoffen revolutionieren.



Möbel aus schwedischem Möbelhaus wegschleppen kann ja jeder ...
Foto: HANSEVALLEY

Quälen sich Offline-Kunden am Samstag durch kilometerlange Möbelausstellungen und werden in verschlungenen Markthallen verführt ("Ich wollte doch nur ein paar Teelichter mitnehmen"), genießen Otto-Kunden mit der "Yourhome"-Shopping-App auf Android- und iOS-Smartphones bzw. -Tablets die Möbeleinrichtung zu Hause: 1.400 Möbelstücke in allen Farb- und Materialvarianten können sich 1 Jahr nach dem Launch heute über Smartphone- und Tablet-Display in die eigene Wohnung beamen lassen. Bis 2022 sollen 70% aller angebotenen Möbelstücke verfügbar, rückbar, vergrößerbar und gestaltbar im eigenen Mobile-Device als interaktive, computergenerierte Produkte zu bewundern sein. Ein ganz neuer "Elch-Test" ...


Der Otto-Katalog lebt - in der neuen VR-Welt mit Oculus-Brillen.
Foto: HANSEVALLEY

'Was mit Augmented Reality Realität geworden ist, müsste doch auch in virtuellen Welten funktionieren'', dachten sich die Techis auf dem Campus - und entwarfen eine virtuelle Wohnwelt in 3D. Mit Oculus-VR-Brillen durften Hamburgs Journalisten schon mal einen Blick in die Zukunft wagen - und sich kabellos mit der Fernbedienung in der Hand das neue Wohnzimmer zusammenklicken. Und weil Otto durchaus Spaß versteht (.. find ich gut!), wartete in einer Zeitungsablage des neuen virtuellen Wohnzimmers auch gleich ... der Otto-Katalog. Wie gut, dass man kein Amazon Echo-Lautsprecher versteckt hatte. Schon bald wird die Yourhome-VR-App im Oculus-App Store erhältlich sein - mit Otto Katalog, aber ohne Echo-Lautsprecher ...


Schneller als der Hermes-Bote erlaubt: Paketstatus-Abfrage über Android TV.
Foto: HANSEVALLEY

Womit wir bei einem weiteren Top-Thema sind - der digitalen Zukunft des Kundendienstes bei Deutschlands größtem Online-Möbel- und Bekleidungsanbieter. 1995 mit Otto.de online gegangen, gibt es seit 2013 auf der Website "Clara" - den hauseigenen Chatbot zur Abfrage des Paketstatus bei den Hermes-Boten. Nach der fruchtbaren Zusammenarbeit von Otto.de und Google bei einer der ersten AR-Apps mit dem Android AR-Entwicklerkit "ARCor" in 2018 zünden die in Hamburg beheimateten "Online-Riesen" die nächste Stufe ihrer Zusammenarbeit: Ab sofort kann man mit Google Assistent in Android- und iPhones, in Google Dots und Home-Lautsprechern sowie über Fernseher mit Android-TV-Oberfläche dem Paketstatus abfragen oder den "Deal des Tages" kennenlernen.


Kann jetzt auch mit Otto-Kunden schnacken: Android-TV von Sony.
Foto: HANSEVALLEY

Für wen Augmented- und Virtual Reality schon Alltag geworden ist, oder wer smarten Assistenten in Fernsehern und dem Paketdienst doch nicht so ganz traut, für den hat Hamburgs Handelshaus Nr. 1 noch eine richtige Deutschland-Premiere präsent: Schon vor der Übernahme des Tech-Startups "OrderThis" zum 1. März d. J. bastelte Otto.de mit den jungen Profis aus dem hauseigenen Inkubator-Programm der Otto Digital Solutions eine neue Plattform, um Amazon, Edeka, Rewe & Co. das Leben nicht zu leicht zu machen. Am Freitag vergangener Woche launchten die Hamburger ihren neuen Service "Otto Ready" - gegen Dash Buttons und andere Ideen zum automatischen Nachbestellen von Waschmittel, Kaffeebohnen und Entkalker.


Schöne neue Küche: Mit einer Spülmaschine, die selbst bestellen kann.
Foto: HANSEVALLEY

Gemeinsam mit Bosch-Siemens-Hausgeräten (Bosch, Constructa, Neff, Siemens) stellte Otto.de das Geheimnis der Medienwelt vor: Eingebettet in die Smartphone- und Tablet-App für online-vernetzte Wasch-, Spül- und Kaffeemaschinen können Kunden von Otto.de mit wenigen Mausklicks notwendige Verbrauchsmittel nachbestellen - beginnend mit einer vernetzten Spülmaschine und Tabs aus dem Otto-Shop. Durch die Kooperation mit Herstellern hoffen die Hamburger, zur Bestellplattform für Verbrauchsartikel in Küche und Bad zu werden - und den Dash Button von Amazon in Rente zu schicken.


Diese Spülmaschine ist ein Amazon-Schreck: Mit direktem Draht zu Otto.
Foto: HANSEVALLEY

Bei einer spontanen Umfrage unter Kollegen am Rande des Networkings im Coworking-Space "Collabor8" verrieten einige Medienvertreter, sich bis auf Weiteres doch noch zu Budni, DM & Rossmann schleichen zu wollen, um heimlich, still und leise die guten Hausmarken für Wasch- und Spülmaschine mit nach Hause zu bringen... Allerdings ist die Idee eines starken Online-Händlers mit allen bekannten Marken und ihren online-vernetzten Hausgeräten ein cleveres Konzept, Pulver, Tabs und Bohnen aus einer Hand liefern zu können. Spätestens 2035 erwarten Experten, dass alle Hausgeräte online-vernetzt sind - wenn sie nicht im Museum stehen; und alle Hersteller haben vernetzte Geräte in der Pipeline. Eine schöne Perspektive für ein neues Marktsegment.


Künftig als Self-Service Online-Boarding-Portal präsent: Brand Connect.
Foto: HANSEVALLEY

Das Thema Partnerschaften und Plattformen ist denn auch ein zentrales Thema bei Otto.de: Im vergangenen Jahr konnte das Unternehmen rd. 400 Marktplatz-Händler mit 1 Mio. neuen Produkten auf der sich öffnenden Handelsplattform begrüßen. Auch in diesem Jahr sollen weitere 300-400 Marktplatz-Partner dazu kommen. Rd. 1.500 Kandidaten warten im Moment darauf, ihre Produkte über das künftig vollautomatisierte Partnerportal "Brand Connect" onboarden zu können. Bis zum Jahr 2020 erwarten die Otto-Manager 3.000 Handelspartner, die im Rahmen einer fairen Partnerschaft gemeinsam mit Otto.de wachsen wollen.


Vom Katalog-Versender zur Partner-Plattform: Otto.de baut sich um.
Foto: HANSEVALLEY

Im vergangenen, in diesem und in den nächsten Jahren investiert die wichtigste Handelssparte der Otto Group jedes Jahr rd. 100 Mio. € in neue Technologien, in neue Mitarbeiter und in die Weiterbildung - und damit in die weitere Digitalstrategie des größten deutschen Multichannel-Händlers. 100 Mio. € - das sind mehr oder weniger die gesamten Gewinne von Otto.de in einem Jahr. Damit wird klar: Hier wird geklotzt - als Technologieplattform mit State-of-the-Art-Möglichkeiten und Partnerschaft eines Hamburger Familienunternehmens. Mehr als 7 Mio. aktive Kunden im vergangenen Jahr und über 50% mobiler Bestellungen bestätigen den eingeschlagenen Digitalisierungkurs. Damit setzt Otto mit seiner Stamm-Marke die Messlatte für das digitalste Unternehmen Hamburgs in 2019.


Vorbild für 1.800 Mitarbeiter in der Zentrale: der hauseigene Coworking-Space.
Foto; HANSEVALLEY

 Hamburg Digital Background: 
(chronologische Reihenfolge)

OTTO.de - Vom Versender zur Plattform:
otto.de/newsroom/de/kundenfokus/der-größte-umbruch

--

OTTO Future Work - Neubau Firmenzentrale:
otto.de/newsroom/de/kultur/otto-vorstände-geben-ihre-büros-auf

OTTO Future Work - Neues Arbeiten bei Otto.de

hotto.de/newsroom/de/future-work

Otto Group - Collabor8 Shared Office Spaces
collabor8-ottogroup.de/

--

OTTO CGI - Virtuelle Bilder bei Otto.de:
otto.de/newsroom/de/technologie/was-macht-eigentlich

Otto Group AR + VR - Praktische Beispiele:
ottogroup.com/de/dossier/Virtual-Reality.php

OTTO Yourhome - 1.400 Möbel in einer App:
otto.de/newsroom/de/technologie/noch-mehr-möbel-in-der-virtuellen-welt

OTTO Conversational Shopping - Google Assistent:
otto.de/unternehmen/de/newsroom/news/2017/Google-Home-Pressemitteilung-OTTO.php

OTTO Ready - Der vernetzte Haushalt:
otto.de/newsroom/de/technologie/der-total-vernetzte-haushalt

--

OTTO Market - Brand Connect Portal:
https://www.otto.market/ 

 Hamburg Digital Reports: 

HANSECHAMPIONS: Die visionären Trüffelsucher der digitalen Otto Group
hansevalley.de/2018/04/hansechampions-otto-group-innovationen.html

HANSERANKING: Die digitalen Tops + Flops der Hamburger Wirtschaft
hansevalley.de/2018/04/hanseranking-tops-und-flops.html

HANSEMOBILITY: Das Mobile Lab und die Zukunft der Otto Group
hansevalley.de/2017/10/hansemobility-otto-mobile-lab.html


Mittwoch, 27. Juni 2018

HANSESTARTUP Kasko: "Wir verkaufen eigentlich nur Schaufeln."

HAMBURG DIGITAL REPORT

Versicherungen und Flexibilität - zwei Welten treffen aufeinander. Assekuranzen und Kundenservice - passten noch nie so richtig zusammen. Der Grund liegt nicht nur in der Kultur Jahrhunderte alter Versicherungsvereine verborgen. Viele Versicherungen werden im eigenen Haus ausgebremst - von durchschnittlich 14 Jahre alten IT-Systemen, von 30 Jahre alten IT-Anwendungen ganz zu schweigen.



Ein junges Team aus fünf Ländern hat womöglich den Stein des Weisen gefunden - zumindest für die versteinerte Versicherungsbranche: eine Serviceplattform für smarte Produkte, flexiblen Vertrieb und die kundenorientierte Verwaltung. Was wie ein Grimmsches Märchen klingt, ist bei 100 neuen Versicherungprodukten bereits im Einsatz - made in Hamburg. Ein junger Hamburg Digital Report.


Mit Stallgeruch der Versicherungsbranche:
Jungunternehmer Nikolaus Sühr.
Foto: Kasko
Versicherungen sind ihm in die Wiege gelegt: Der 34-jährige Nikolaus Sühr hat früh Berührung mit dem Geschäft seines Vater, einem Spezialvermittler für Oldtimer-Versicherungen aus Lübeck. Nach seinem BWL-Studium in London fokussiert sich der Hamburger auf die Versicherungswirtschaft und das Risikomanagement. Er geht zum Industriemakler Funk, ist unter den ersten Trainees des Risikomanagers. Nach 2 Jahren wechselt er in die elterliche Firma, ist für Produktentwicklung und Marketing verantwortlich. Schnell stellt der Nachwuchs fest: "Ich habe kein Benzin im Blut."


"Lass uns doch mal was Richtiges machen!"


Er hat eine Idee: einen Versicherungsvergleich für Spezialpolicen - z. B. für Kunst oder Jäger. Mit seiner fortschrittlichen Vorstellung trifft er auf eine Branche aus der Analog-Zeit: Der Jungunternehmer stellt fest: es gibt weder digital aufbereitete Daten noch digital-vernetzte Prozesse. Die Zeit ist noch nicht reif. Nikolaus wechselt in eine Strategieberatung, kümmert sich um Finanzthemen. Doch es kribbelt weiter in seinen Fingern. Die Idee, etwas Eigenes zu gründen, lässt ihn nicht los. Nach ersten Testläufen mit einer App für Zitate kommt Geschäftspartner und Datenspezialist Mathew Wardle im Dezember 2014 auf den Punkt: "Lass uns doch mal was Richtiges machen!" 

Zwei Ideen verfolgen die in ihrer Studienzeit in Nothingham in einem Zimmer untergebrachten Nachwuchsunternehmer: 1. einen digitalen Policen-Makler á la "Knip", oder Versicherungspolicen für das Carsharing mit Privatfahrzeugen, z. B. via "Drivy". Neujahr 2015 trifft Nikolaus eine Entscheidung: "Ich gehe die Autogeschichte an". Beim Startup-Weekend an der WHU pitcht er seine Idee: "Kasko Drive" - und gewinnt die Challenge, mit Fremden an einem Wochenende ein Produkt zu entwickeln. "Kasko" geht den Startup-Weg: Die jungen Gründer pitchen vor Investoren, machen den 2. Platz an der Jakobs Universität in Bremen, gewinnen Coworking-Plätze im "Hubraum" der Telekom in Berlin.


"Da muss es doch was im Versicherungsbereich geben."

Partner Matt kündigt seinen gut bezahlten Job als IT-Spezialist, kommt nach Hamburg, arbeitet an der Technik für den Versicherungsservice. Im Frühjahr 2015 entscheiden sie sich für Seedcamp in London, wollen ihre Idee von Mai bis Juli auf die nächste Ebene heben. Anfang 2016 starten Sie einen Testlauf mit der Barmenia und Autoscout24. Die Produktidee: ein Versicherungsschutz für Probefahrten. Die Idee floppt: das Geschäftsmodell fliegt nicht wirklich. Der entscheidende Hinweis kommt von einem Produktentwickler der Basler Versicherung aus der Schweiz.


Produktbeispiel "Friday" Kfz-Versicherung mit Modulen
Screenshot: Kasko

Statt selbst Versicherungen zu verkaufen, wird Kasko zum technischen Dienstleister. Das Geschäftsmodell dreht sich. Aus dem digitalen Vermittler wird ein Tech-Service für die Versicherer: "Versicherer sind auch ein Vertriebskanal für uns", stellt Unternehmer Nikolaus fest. Die Assekuranzen haben ein Problem: Ihre IT-Systeme sind im Schnitt 14 Jahre alt, in der Spitze laufen bis zu 30 Jahre alte Cobol-Anwendungen in ihren Kellern. Während bei einer Bank im Schnitt ein Kreditsystem die Arbeit macht, werkeln bei Versicherern bis zu 25 Systeme parallel. 


"Es ist total unterschiedlich, ob es ein Handy, ein Laptop oder ein Pferd ist."

Nikolaus bringt die Herausforderungen auf den Punkt: komplexe IT-Systeme inkl. Altsysteme und komplexe Prozesse in Bestands- und Neugeschäft. Der Experte im Gespräch: "Für einen Versicherer ist es nicht wirtschaftlich, ein kundenorientiertes Produkt mit den bestehenden Prozessen und Systemen herauszubringen." Damit fasst der Kopf eines heute 20-köpfigen Teams seine mehr als 10-jährige Expertise zusammen. Mit flexiblen Geschäftsmodellen der Versicherer und bedarfsorientiertem Vertrieb on- oder offline hat das wenig zu tun. Geschweige mit der Nutzung von Daten.

Der lange Weg hat sich gelohnt: Die Studienfreunde und Jungunternehmer bauen eine Whitelabel-Plattform für Versicherungsprodukte - nutzbar für angestellte Agenten, freiberufliche Makler, Online-Aggregatoren, Vertrieb über Webseiten und diverse Vertriebskanäle, wie Banken oder Autohändler. Mehr als 500 verschiedene verschiedene Vertriebspartner arbeiten heute mit der Plattform. Aus 12-18 Monaten Einführungszeit inkl. IT-Anpassung werden 2-3 Wochen über den modularen Service aus Hamburg. 22 Produkte werden allein in 2017 eingeführt, über 100 Einführungen mit 20 verschiedenen Versicherungen in 6 europäischen Ländern sind es bis heute. 


"Wir müssen offen sein, denn der Prozess ist bei jedem ein bisschen anders."

Nikolaus Sühr ist nach all den Startup-Irrungen und -Wirrungen stolz auf das Geschäftmodell: "Wir bauen ein Frontend für Endkunden und Vertriebspartner. Wir bauen den Rechenkern für Tarife, Angebote und Anträge - inkl. Policierung, Zahlungsabwicklung und Kundenkommunikation." Das Ganze funktioniert auch für Omni-Channel-Lösungen, z. B. bei einer Sparkasse, einem Autohersteller oder einem Möbelhaus inkl. erforderlicher Datenintegration. Und damit Versicherungen richtig Spaß an der Lösung haben, ist die Verwaltung und das Management von Verträgen auf Wunsch mit dabei - einschließlich Schadensmeldungen und Adressänderungen.


Schweizer WG-Versicherung "Splitsurance" von der Allianz
Screenshot: Kasko

Die Vorteile liegen auf der Hand: Mit der Service-Plattform ist keine Integration in Altsysteme notwendig, die komplette Verwaltung der neuen Spezial-/Versicherung erfolgt stand alone. Die Zeit von der Entscheidung bis zur buchbaren Versicherung verringert sich auf 2-3 Wochen. Dazu kommt Flexibilität in der Anpassung und späteren Integration, wenn gewünscht. Mittlerweile beraten die jungen Hamburger Versicherungen bei der Umsetzung ihrer Produktideen, lizensieren ihr virtuelles System als Blaupause. Nikolaus formuliert es so: "Wir geben Euch Schaufeln an die Hand. Die Kosten nicht 500.000, €, sondern 5.000,- €. Jetzt schaufelt mal los!"


"Wir verkaufen eigentlich nur Schaufeln."

Im Gespräch gibt er zu: "Wir profitieren von der Goldgräberstimmung. Und wir verkaufen eigentlich nur Schaufeln." Hintergrund: Viele Versicherungen wollen neue Produkte auf den Markt bringen, wollen flexible Prozesse einführen und sich aus den Fängen ihrer IT befreien. Auf die Frage, warum sie soviel günstiger sein können, als klassische IT-Dienstleister mit großen Systemen, antwortet der Insurtech-Unternehmer: "Wir sind soviel günstiger, weil wir viele Sachen nicht machen. Das ist nicht sexy, aber es ist ein Geschäftsmodell." Mit Standorten in London, Hamburg und Riga sind sie international aufgestellt. 

Stellt sich die Frage, wer unter den jungen, flinken Startuppern zu leiden hat. Es sind vor allem interne IT-Abteilungen mit eigenen Entwicklungen, die sie unter Kontrolle haben wollen. Es sind Software-Häuser mit spezialisierten Fachanwendungen für die Versicherungswirtschaft und es sind IT-Systemhäuser, z. B. im SAP-Umfeld. Nikolaus ist stolz auf seine Technologie, denn "am Ende geht es um Kapazitäten". Und wieder einmal zeigt sich, dass die Kooperation mit einem etablierten Partner auch für junge Partner hilfreich sein kann. In diesem Fall ist es Häuser wie Barmenia oder Basler, die Kasko mit spannenden Projekten den Start ermöglichen und weiter begleiten.


Reiseversicherung von AXA Starling in Großbritannien.
Grafik: Kasko
Als Nächstes plant Nikolaus zusammen mit seinem Co-Founder Matthew Dataservices und ein Marktplatzmodell für Versicherungen. Dabei spielt trotz Startup-Anfängen seine langfristige Ausrichtung eine wichtige wichtige Rolle: "Mir geht's um die Freiheit zu entscheiden und dass es langfristig Sinn macht." Dabei hilft ihm auch sein "Stallgeruch" aus der Versicherungsbranche. Kein Wunder, dass Kasko auch ein Partner der noch jungen Hamburger "Insurtech Werft" der Agentur Alsterspree und der HSBA ist. Aber das ist unsere Insurtech-Geschichte in einer Woche.

 Hamburg Digital Background: 

KASKO - InsurTech as a Service:
www.kasko.io

Nikolaus Sühr bei Linkedin:
www.linkedin.com/in/nikolaussuehr/de/

InsurTech Werft: Alsterspree + HSBA:
https://insurtech-werft.de/

Freitag, 25. Mai 2018

HANSESOCIAL: Warum die Dezentralisierung von Sozialen Netzwerken so verdammt wichtig für uns sein sollte.

HAMBURG DIGITAL SOCIETY

Wenn im Zuge der Digitalisierung die Zukunft der menschlichen Arbeit nur noch wertschöpfend durch Empathie, soziale Interaktion und Kreativität sein kann, weil alles andere maschinell und automatisiert erfolgt, sollten die digitalen Plattformen in denen diese Wertschöpfung geschieht profitabel für alle Nutzer sein. Klaudius Nowak:

Blockchain-Visionär Klaudius Nowak
Foto: Laurin Tomaschewski
Die Digitalisierung unserer Welt schreitet stetig voran und die Stimmen, die die Gefahr von einer Zukunft mit immer weniger Jobs für einen Großteil der Bevölkerung prophezeien, werden immer lauter. Unternehmer wie Jeff Bezos (Amazon) oder Facebook-Chef Mark Zuckerberg, die zu den größten Treibern des digitalen Wandels gehören und in Ihren Unternehmen bereits einen hohen Grad an Automation implementiert haben, erklären öffentlich, das Lösungen für die finanzielle Absicherung für den Großteil der Bevölkerung - wie z. B. das bedingungslose Grundeinkommen . unumgänglich sind.

Während Studien die Gefährdung von bis zu 90 Prozent aller Arbeitsplätze bemessen, ist die genaue Prozentzahl meiner Ansicht nach gar nicht so entscheidend, denn wir wissen, dass die Digitalisierung nicht aufzuhalten ist und im Zuge des globalen Wettbewerbs, nicht nur wegen des Preiskampfes, voranschreiten wird. Wieviele Arbeitsplätze davon betroffen sind ist daher keine Frage von Branche und Gefährdungsgrad, sondern eine Frage des zeitlichen Horizonts.

Neben der Frage der finanziellen Abhängigkeit zwischen Arbeit und Einkommen steht eine viel entscheidendere gesellschaftliche Frage im Raum: Wie entwickeln sich Menschen emotional, die über Generationen gelernt haben, dass arbeiten ein fester Bestandteil der Selbstidentifikation ist? Wie entwickelt sich unsere Gesellschaft, die mit Ihrer Arbeit nicht nur ihren eigenen Lebensunterhalt sichert, sondern der Überzeugung nach auch einen wertvollen Beitrag für unser Zusammenleben leistet?

Es liegt an uns, aus der Digitalisierung ein Wert für uns als Mensch zu schöpfen, der vielleicht einen Teil dazu beiträgt dass Arbeit anders -  leichter und natürlicher - aussieht.

Es ist wahrscheinlich unfassbar weit gegriffen, wenn man darüber nachdenkt, dass unsere Online-Aktivität alle kommenden Probleme löst, aber ist es gut vorstellbar, dass das Erstellen eines Status-Updates, Postings, Kommentars, einer Empfehlung, das Schreiben, Bewerten und die tägliche Investition in unsere kleinen Online-Marken und unseren digitalen Freundeskreis, sogar das Lesen und Konsumieren von digitalen Inhalten, eines der Bestandteile sein kann, welche unser Leben „finanzieren“ und einen gesellschaftlichen Beitrag in einer modernen Welt bedeuten.

Die industrielle Revolution 4.x, oder was auch immer für eine fiktive Versionierung dahinter steckt, hat mit der Möglichkeit durch die Dezentralisierung und durch die  - von mir enthusiastisch verfolgte - Blockchain-Technologie erstmalig die Chance, monopolartige Profiteure von Innovationen zu vermeiden und Einnahmen, Wissen und Macht so zu verteilen, dass das Ergebnis auf unsere tatsächliche Lebensqualität einzahlt.

Okay, kommen wir zu dem Punkt, der wirklich entscheidend ist: Wenn die Herausgeber der Studien recht haben - und mein Verständnis von Technologie widerspricht dem nicht -, sind es Tätigkeiten, die einen hohen Anteil an Empathie, Kreativität und sozialer Interaktion haben, die zum wichtigsten Bestandteil aller durch Menschen durchgeführten, wertschöpfenden Tätigkeiten werden.

So why is it important to change these networks or at least to get them to change?

Tätigkeiten, die durch künstliche Intelligenz und eine virtuelle Welt schwer zu imitieren sind. Und “damn straight!”: Das ist doch was Gutes! Und “damn straight again!”: Die digitalen und sozialen Plattformen Facebook, YouTube, Instagram und Snapchat sind die Plätze unseres immer intensiveren Online-Lebens, an denen genau diese Tätigkeiten - zumindest online - ein Zuhause finden. Das Zeitkontingent, das online verbracht wird, steigt jährlich, und die heranwachsende Generation empfindet die Online-Interaktion als natürliche, authentische Komponente des täglichen Lebens.

Betrachtet man die aktuelle Berichterstattung über die Vorwürfe gegenüber Sozialen Netzwerken wie Zensur, Fake News und insbesondere der Missbrauch von Daten, findet man Listenweise Ansätze die ein dezentrales Neudenken in Punkto Social Media begründen. Alles Wichtig, Alles Richtig!

Doch geht es um den Blick in die Zukunft in der Kreativität in Form von Schöpfung von Content aller Art, oder die emphatisch, soziale Interaktion die wertvollste Tätigkeit sein wird, die ein Mensch vollbringen kann, ist es nicht umso wichtiger das diese Tätigkeit bzw. die Online-Plattformen, die vielen das Werkzeug geben um Online schöpferisch Tätig zu sein, entsprechend honoriert wird?


What our parents regard as a gimmick or a waste of time may become an important social task.

Unsere digitalen Aktivitäten, die von unseren Eltern als Spielerei oder Zeitverschwendung angesehen werden, führen zu Daten und Datenbanken, die zu Werbeeinnahmen in zweistelligen Milliarden Höhen monetisiert werden (Google 95,4 Mrd. USD, Facebook 39,94 Mrd. USD, Quelle statista.com). Diese Milliarden-Umsätze und die daraus resultierenden Gewinne gehören momentan den Betreibern dieser Plattform.

Es ist nicht das ich denke, dass die Betreiber Böses damit vorhaben. Im Gegenteil: Diese Plattformen sind meiner bescheidenen Meinung nach fantastisch, innovativ und bringen echte Mehrwerte. Es ist nur so, dass es nicht gut sein kann, dass sie den Großteil des Profites damit bündeln und eine unvorstellbare Dominanz durch ihre monopolartige Stellung besitzen. Es scheint mir, als wäre es wie ein natürlicher Prozess, das eine neue Technologie dieses Ungleichgewicht ausgleicht, ausgleichen muss oder die Unternehmen zu einem Ausgleich bewegt.



Mit der Dezentralisierung dieser Plattformen lassen sich nicht nur die Probleme lösen, für die die Plattformen momentan in der Kritik stehen. Es lassen sich auch die Werbeeinnahmen fair zwischen Produzenten, Konsumenten und allen weiteren Shareholdern verteilen und mit viel Glück entsteht hier eine erneute Diversifikation eines ganz anderen, neuen Arbeitsmarktes.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit — in meiner Welt solltet ihr dafür entlohnt werden! :)

 Hamburg Digital Inspiration: 

The fourth industrial revolution | Klaus Schwab
The Four | Scott Galloway
Dr. David Richard Precht

Hamburg Digital Autoren

Unternehmer Klaudius Nowak
Foto: Maxime Billon
Klaudius Nowak ist seit 2011 einer der Geschäftsführer der Hamburger Redpinata Video Content ProduktionMit seinem Team realisiert der Medien-Manager Videoformate und interaktive Live-Streams für Social Media Plattformen. Seit er vor über 5 Jahren die Zahlung eines Auftrages in Bitcoin ablehnte und retrospektiv Millionen verlor, setzt er sich mit den Chancen und Risiken der Blockchain-Technologie auseinander. In Zusammenarbeit mit SICOS.io berät er seit kurzem Unternehmen bei der Planung und Realisierung von ICOs (Initial Coin Offerings). Der engagierte Netzwerker tritt als Speaker auf namhaften Tech-Events auf, z. B. der Social Media Week Hamburg. Klaudius Nowak bei Xing.


Die inhaltliche Verantwortung des Autorenbeitrags liegt beim Urheber.

Mittwoch, 16. Mai 2018

HANSESTARTUPS: REOS - das digitale Betriebssystem für digitale Häuser

HAMBURG DIGITAL REPORT

Die Immobilienbranche im Jahr 2018: mit Betongold handelnde Goldgräber für die nächsten hundert Jahre? Oder die nächste Branche vor der digitalen Sturmflut? Während die Immobilienmanager der Hamburger Familienunternehmen auf das Bewährte setzen, hat sich ein pfiffiger Jung-Hamburger am Brandsdorfer Deich auf den Weg gemacht, Gebäude zu digitalisieren. Der Prophet der digitalen Immobilienzukunft hat unweit des künftigen Elbtowers umgesetzt, wovon Immobilienverwalter nicht zu träumen wagen. 


Schrecken aller Immobilienmanager: Das digitale Gebäudemanagement
Foto: REOS

Der Neubau eines digital-vernetzten Studentenwohnheims in Berlin-Schöneweide, ein rd. 10-köpfiges Entwickler- und Business-Team am Brandshofer Deich nahe der Hafencity und ein zielstrebiger Informatiker und Betriebswirt sind die Grundlage für das erste digitale Betriebssystem im Immobilienmanagement. Ein Hamburg Digital Report über REOS - das Real Estate Operating System:


Künftiges Carnaby Living House in Berlin-Schöneweide
Grafik: Carnaby Capital
Berlin-Schöneweide, Ostendstraße 27/Ecke Slabystraße, zwischen Hauptverkehrsachse An der Wuhlheide und der Spree: Auf 3.111 qm Wohnfläche lässt der Immobilienunternehmer Tom Leppin 172 Studentenzimmer für 53 künftige 2er- und 3er-WG's errichten. Das 2015 auf einem früheren Parkplatz im Gewerbegebiet nahe des Waldowplatzes geplante und für das Wintersemester 2018/2019 zur Eröffnung vorgesehene "Carnaby Living House" ist nicht etwa ein schnöder Neubau der Studenten der nahegelegenen Hochschule für Technik. 

Der gebürtige Brandenburger Betriebswirt Leppin hat vor dem Baubeginn 300 Studenten der HTW Berlin als potenzielle künftige Mieter des Studentenwohnheims befragt, was ihnen in einem solchen Haus auf Zeit besonders wichtig ist. Das Ergebnis: 1. schnelle Internetanbindung mit zuverlässigem WLAN, 2. ein Pauschalpreis inkl. aller Nebenkosten und Möblierung und 3. das ganze für unter 500,- € Mietpreis pro Monat. Für den Wahl-Hamburger war die Befragung keine Schnappsidee, sondern eine wichtige Analyse vor dem Hintergrund seiner beruflichen Erfahrungen.

Ein Kasten voller herrenloser Wohnungs- und Zimmerschlüssel

2015 war der Gründer der Berliner Immobilienentwicklungsgesellschaft Carnaby Capital parallel in Berlin als Berater beim ersten WG-Entwickler und -Vermieter Medici Living engagiert, lernte als Organisationsberater das Geschäft mit Wohngemeinschaften kennen. Eine Erfahrung aus dieser Zeit ist das umfassende Know how, was sich bei bewirtschafteten Immobilien alles nicht automatisieren lässt - angefangen bei unzähligen herrenlosen Wohnungs- und Zimmerschlüsseln in einer simplen Kiste.

In einer Word-Datei fasst Tom Leppin persönlich die 5 wichtigsten Herausforderungen aus seiner Zeit bei Medici Living zusammen. 
  • Ein besonderer Schmerz ist der Mietvertragsabschluss einschl. Bonitätsprüfung. Dazu kommen Bürgschaften, Kautionszahlungen und ein gültiges Konto für gerade aus dem Ausland hergezogene Studenten oder Arbeitnehmer. Im Moment viel Papierkram für Verwalter.
  • Bei 2.000 Mietvorgängen im Jahr für rd. 1.000 WG's an 7 Standorten mit jeweils 3-4 vermieteten Studentenzimmern ist das Schlüsselmanagement ein Schlüsselthema. Ausgabe, Verlust und Ersatz, Rückgabe und Übersicht sind mit einem Schlüsselbrett nicht wirklich effizient. Zudem platzen rd. 10% aller Schlüsselübergaben durch Terminkollisionen. 
  • Die Beschriftung von Klingelbrettern und Briefkästen ist ebenfalls ein Leidensthema. Können Briefe von Senat, Bezirksämtern oder GEZ nicht zugestellt werden, landen Meldeanfragen beim Vermieter - von Einschreiben, Rechnungen oder Paketen ganz zu schweigen. 
  • Kein Vermieter - weder von bewirtschafteten noch unbewirtschafteten Immobilien - kennt die aktuellen Verbrauchswerte für Strom, Kalt- und Warmwasser sowie Heizung seiner Mieter. Nicht selten kommen die Abrechnungen der Ablesedienste erst 9 Monate und später.
  • Zu guter Letzt sind alle Tätigkeiten rund um Ablesungen und Austausch, Wartung und Pflege für Aufzüge, Heizungen und Gasthermen, aber auch Installation und Wartung von Internet- und Telefonleitungen noch immer mit hohem personellen Aufwand der Verwaltungen verbunden.

Organisationsberater Tom Leppin kommt im Gespräch zum Ergebnis: "Dafür hatte ich nach 1 Jahr bei Medici Living keine Lösungen. Da konnte ich nicht sagen: 'Das Unternehmen ist gut aufgestellt'." Der nimmer müde Unternehmer stellt sich 2 entscheidende Fragen: 1. Was kann in eine digitale Lösung gegossen werden? und 2. Was gibt es an nützlichen Software- und Hardware-Tools? Das Ergebnis seiner Recherchen: Es gibt nur unterstützende Software und keine Vernetzung mit Hardware.


Während seiner Zeit beim Rechenzentrumsbetreiber Telefonica absolvierte der Jungunternehmer ein Duales Studium zum Informatiker. Aus seinem Know how als Spezialist für Operator-Netzwerke sowie als Projekt- und Servicemanager bei Telefonica sowie als Vertriebsmanager für Makler-Software bei Immowelt und später bei Immonet weiß der 29-Jährige, worauf es technisch ankommt. Aus seinen praktischen Erfahrungen bei Medici Living entwickelt er diesen Fragenkatalog:

Informatiker und Betriebswirt Tom Leppin
Foto: Carnaby Capital
  • Wo kann ich im Vermietungsprozess manuelle Revisionspunkte durch Vernetzung automatisieren?
  • Wo kann ich das Schlüsselmanagement durch programmierbare Chipkarten und Mobile Apps ersetzen?
  • Wie kann ich Klingelanlage, Briefkästen und Paketboxen per Fernsteuerung flexibel programmieren?
  • Wie kann ich Zähler digital vernetzen und möglichst automatisch auslesbar arbeiten lassen?
  • Wo und wie kann ich Vertragsmanagement und Kommunikation mit Mietern digitalisieren?

Das Lösungskonzept ist der klassische Ansatz in der Digitalisierung von Dienstleistungen: Ich lege einen digitalen Prozess horizontal über den Lebenszyklus des Mietverhältnisses - von der 1. virtuellen Besichtigung, der Kontaktaufnahme und den Vertragsabschluss, den Einzug und die Übergabe, die regelmäßigen Tätigkeiten zu Abrechnung, Wartung und Pflege bis zur Kündigung, dem Auszug und der Rückgabe des Mietobjektes. Anfang 2016 sucht Tom Leppin genau solch eine IT-Lösung für sein "Carnaby Living House" in Schöneweide - vergebens.

Am Markt gibt es lediglich Einzellösungen für einzelne Aufgaben, keine Lösung vernetzt einsetzbare Hardware mit bestehenden Software-Systemen. Kein System bietet eine zentrale Steuerung der elektronischen Möglichkeiten in einer modernen, digital-vernetzen Immobilie. Zudem handelt es sich meist um geschlossene Systeme, die der heutige Hamburger vorfindet. "Wir müssen für die Bewirtschaftung unseres Hauses in Berlin eine bessere Lösung finden", entscheidet Leppin.

Betriebskosten beeinflussen Beleihungswert und Verkaufswert

Digitales Immobilien-Management am PC
Screenshot: REOS
Ein cleverer BWL'er rechnet zunächst alles in einer Excel-Tabelle durch, bevor er davon überzeugt ist, dass er richtig liegt. Die Finanzierung und der spätere Verkauf seiner Immobilie in Berlin lässt Tom Leppin richtig hellhörig werden: Bei 70-80% Fremdfinanzierung des Wohnheims ziehen die Gutachter der Banken laut Beleihungswertverordnung bei bewirtschafteten Immobilien - wie Studenwohnheimen, Serviceappartments oder Altenheimen - bis zu 25% vom Beleihungswert = Kreditvolumen pauschal ab. Bedeutet: Für den Bau ist ein deutlich höheres Eigenkapital erforderlich.

Nach ähnlichem Prinzip geht es beim Verkauf der Immobilie zu: Zur Berechnung des Verkaufswertes werden von den Gesamteinahmen die Neben- und Verbrauchskosten sowie die laufenden Bewirtschaftungskosten abgezogen. Daraus ergibt sich eine Nettokaltmiete die bei einem Faktor 20 den Wert der Immobile bestimmt. Bei niedrigeren Bewirtschaftungskosten ergibt sich laut Adam Riese eine höhere Nettokaltmiete und somit ein höherer Verkaufswert und ... höherer Gewinn. Und genau an diesem Punkt schlägt das Herz von Informatiker und Betriebswirt Tom Leppin höher.

Konkrete nennenswerte Vorteile bei Kreditvergabe und Verkauf

In Gesprächen mit den Gutachtern der Banken kann Leppin durch geplante Digitalisierung und Automatisierung bei händischen Aufgaben wesentlich niedrigere Abzüge bei den Bewirtschaftungskosten erreichen. Neben dem direkten, Eigenkapital schonenden, Nutzen geht Leppin ein Licht auf: "Ich brauche einen betriebswirtschaftlichen Nutzen, warum ich das machen soll." Mit Baubeginn Anfang 2016 vergleicht der Perfektionist mögliche Komponenten am Markt, tauscht sich in der Branche über Ideen aus, einen Layer zu entwickeln, der für jeden Verwalter nutzbar sein sollte.

Auf dem Weg zum Betriebssystem für seine eigene Immobile stellt der Gründer und Kopf hinter der Hamburger Softwareschmiede REOS ein Lastenheft auf:

  • Ein digitaler Gebäude-Manager sollte für jeden Vermieter, Verwalter, Mitarbeiter und Mieter nutzbar sein.
  • Es sollte kein technisches Know how erforderlich sein, weil die Immobilienbranche keine Techo-Branche ist.
  • Die Hardware - wie WLAN, Zentral-Einheit, Schließanlagen, Anzeigen und Messegeräte - sollte in Bestandsimmobilien nachrüstbar sein.
  • Für die Nachrüstung sollte keine zusätzliche Verkabelung der Gebäude und ihrer Einheiten erforderlich sein.
  • Es sollten überschaubare Investitionskosten notwendig sein, um ein gebäudeeigenes System zu implementieren.
  • Die Kosten für das Immobilien-Betriebssystem müssen auf die Betriebskosten der Mieter umlagefähig sein.

9 Monate entwickelt das Team der REOS Software vom Brandshofer Deich vor allem an den notwendigen Schnittstellen, um alle Komponenten miteinander lauffähig zu machen. Herzstück des Betriebssystems ist ein Rasperry PI mit zuverlässigem und systemoffenem Linux-Betriebskern. Das Meisterstück der Hamburger Entwickler ist der digitalisierte Vermietungsprozess - von der Vertragsgestaltung über die Unterschrift, Bonitätsprüfung und Kautionshinterlegung bis zum Dokumentenmanagement. Für die Mieter nicht nur in Schöneweide heißt das, in Zukunft über ein Mieterportal und eine iOS- und Android-App mit ihrem Vermieter in Kontakt zu kommen.


Das A und O: Durchgängige Service-Prozesse
Grafik: REOS

Am 20. April d. J. war es soweit. Mit Projektentwicklern, Hausverwaltern, Assetmanagern und Interessenten von rd. 30 Firmen und Verbänden feierte REOS an der östlichen Spitze der Hafencity vis-a-vis des künftigen Elbtowers den Launch von REOS. Bis zum August d. J. soll das Vermieterportal stehen - inkl. automatisierter Erhebung und Abrechnung von Verbrauchsdaten in Echtzeit. Bis zum Jahresende soll die vollautomatische und digitale Nebenkostenabrechnung Wirklichkeit werden. Herausforderung sind dabei u. a. verschiedene Wärmequellen, unterschiedlich gemanagte Wirtschaftseinheiten und mehrere Grundstücke in einer Immobilienanlage.

White Label-Lösung, Kundenzugang & Value Added Service

Wenn REOS als Betriebssystem Gebäude managen wird, wenn sich die Plattform-Lösung zwischen Vermieter und Verwalter auf der einen Seite und Mieter auf der anderen Seite schiebt, welche digital-vernetzten Geschäftsmodelle sind dann mit einem umfassenden Digitalsystem noch möglich? Tom Leppin sieht neben der White Label-Lösung seiner Mieter-App als Kundenzugang eine Reihe von "Value Added Services". Dazu gehören z. B.  der Betrieb von Waschmaschinen und Wäschetrocknern in Gemeinschaftskellern, die Vermietung von Car Sharing-Fahrzeugen, der Betrieb von E-Ladesäulen oder die Integration von Lieferdiensten, wie Pizzaboten oder Dienstleistern, wie Reinigungsdiensten.


Kosten senken, Mieterzufriedenheit gewinnen, Werte steigern
Grafik: REOS 

Denken wir an Smart Building der Zukunft, können Echtzeitdaten aus dem Betrieb von Immobilien für die Optimierung von Versorgungs- und Versicherungsverträgen nützlich sein, z. B. bei Tag-/Nachtstromtarifen und Gebäudeversicherungen mit einer frühzeitigen Wasserschadensmeldung. Dazu kommen Forschungsprojekte z. B. zum Thema Smart City. So werden pseudomisierte und anonymisierte Daten aus Hamburg in einem Projekt des City Science-Lab der Hafencity Universität Eingang finden und die öffentlichen Daten des Smart City-Datenpools ergänzen. 

In der Hafencity, in Hamburg und um Hamburg herum ...


Stadtentwicklungsobjekt Hafencity an der Elbe
Foto: mediaserver.hamburg.de / DoubleVision
In die Zukunft geblickt, könnte das smarte Betriebssystem für smarte Immobilien ein spannendes Thema sein - z. B. für den ab 2030 auf dem benachbarten Grasbrook geplanten Innovationsstadtteil mit 3.000 Wohnungen für 6.000 Bewohner in intelligent-vernetzten Gebäuden. So werden laut Planungen 40% der Tiefgaragen-Stellplätze mit E-Ladesäulen ausgestattet und 30% werden generell für Car Sharing-Fahrzeuge reserviert sein. Vertreter der verantwortlichen Hafencity GmbH unter Leitung des Visionäres Prof. Jürgen Bruns-Berentelg sollen bereits bei dem 10-köpfigen Team am Brandshofer Deich gesichtet worden sein, berichten gut unterrichtete Kreise. Mehr kann dazu aber wohl im Moment noch nicht verraten werden ...

 Hamburg Digital Background: 

REOS Software:
www.reos-software.com

Carnaby Living House Berlin:
http://livinghouse.berlin/

CityScienceLab@HCU Hamburg:
www.hcu-hamburg.de/research/csl/

Innovationsstadtteil Grasbrook:
www.hafencity.com/de/news/grasbrook-ein-neuer-urbaner-stadtteil-fuer-hamburg.html