Posts mit dem Label China werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label China werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 20. März 2020

HANSESPECIAL: Wie Hamburg aus dem Corona-Trauma kommt.

HAMBURG DIGITAL SPEZIAL 
*Update 20./21./22./23.03.2020*
- 1.500+ Leser. Und Sie. -


Dunkle Wolken über der stolzen Kaufmannsstadt: Hamburg in der Corona-Krise
Foto: HANSEVALLEY

Hamburger Online-Händler - von "About You" über "Peek & Cloppenburg" bis zu "Tchibo" - versichern uns dieser Tage in ihren Newslettern, an unserer Seite zu stehen - um 3 Absätze später auf ihre Online-Shops und verlängerte Rückgabefristen hinzuweisen. Verständnis für ihre Kunden? Gemeinsam gegen das Virus? Jedenfalls eine interessante Kommunikation. HANSEVALLEY verfügt über 28 Jahre journalistischen Background und 23 Jahre kommunikatives Engagement. Chefredakteur Thomas Keup beleuchtet Entwicklung, Kommunikation und Auswüchse der "Größten Herausforderung seit Ende des Zweiten Weltkrieges" - mit einem sicheren Blick, was danach kommen wird:


"Die Corona-Krise beschleunigt Entwicklungen, die bereits in der Luft liegen."

In diesen Tagen zeigt Hamburg, wie es tickt: Kaum sind Hamburger Bürger wie Prominente im Krisenmodus, sabbelt die C- bis Z-Prominenz im "Corona-Podcast" bei der "Mopo" mehr oder weniger dummes Zeug. Die Promi-Bewohner der "Hafen-Container" haben noch nicht verstanden, was jetzt überflüssig ist: Storytelling aka Podcasten aka Dauersabbeln - ob von einer PR-Agentur initiiert oder einer Ex-SPD-, Ex-"Gruner+Jahr"-, Ex-"DuMont"-"Qualitätszeitung" verspammt. Zum Glück müssen wir uns den kleinen Philipp und andere egozentrierte Möchtegern-Besserwisser dank qualifizierter Medienangebote in den kommenden Wochen der Quarantäne nicht wirklich antun.

Um keine falschen Hoffnungen auf einen Shitstorm aufkommen zu lassen: Wir schätzen journalistische Podcasts, wie "Wir und Corona" von "RTL" und "Stern", "tagesschau.de" des "NDR", den "Stimmenfang" des "Spiegel" sowie "Explore" vom "TÜV Nord". Wir schätzen sachliche Politiker/innen, wie Melanie Leonhard. Und wir respektieren die journalistische Leistung von Boulevard-Medien, auf den Punkt zu bringen, was ist. Unsere Arbeit basiert auf der Erfahrung bei einem der ersten deutschen Privatradios - und den Grundsätzen des Boulevards. Damit dürfen sich Hamburgs Hatespeecher und Shitstormer wieder um ihre exponentiell scheiternden Medien-/Startups kümmern.

Klopapier durch die "Frischepost" mit "Corona-Rabatt" - Echt jetzt?


Wenn der Senat keine anderen Probleme hat, als einen Hashtag.
Grafik: Senatskanzlei Hamburg

Kommen wir zu den wichtigen Dingen dieser Tage in Hamburg und ganz Deutschland. Und damit meinen wir keine vermeintlich coolen Hashtags a la #CoronaHH und #flattenthecurve, um klarzumachen, dass man den Ernst der Lage nicht verstanden hat. Ebenso wenig wichtig ist da ein - extra fett gedruckt - verfügbares (Bio-)Klopapier mit - kein Scherz! - "Corona-Rabatt" eines Online-Hofladens, promotet von der mit Steuergeldern finanzierten Storytelling-Seite "Hamburg News" aus der "Hamburg Invest"-Senatsblase. Wir meinen auch nicht Spezialisten aus Hamburg, die ihren 1. Wohnsitz nach Sylt verlegen wollten, um weiter auf die Insel zu dürfen. Wie hirnverbrannt muss man sein ...


Zehntausende Betriebe drohen laut Handelskammer Konkurs zu gehen: Freiberufler, Dienstleister, Einzelhändler und Gastronomen sind akut in ihrer Existenz bedroht. Der "Leaders Club Deutschland" aus Hamburg warnt, dass bei mehr als 50% der Mitgliedsunternehmen die Umsätze in der vergangenen Woche zwischen 30% und 65% eingebrochen sind. 90% haben bereits Kurzarbeit angemeldet, max. 8 Wochen halten die Betriebe durch. Selbstständige und Freiberufler stehen nach Wegbruch ihres Geschäfts schon heute vor dem Aus. 

Fakten fernab von #flattenthecurve und anderem Schwachsinn:

Gehen wir auf die Meta-Ebene, um aus dem Wahnsinn täglicher Horrormeldungen, dem Schwachsinn modischer Hashtags und der Unfähigkeit von Lokal- und Bundespolitikern herauszukommen. Sehen wir uns an, was persönlich und kommunikativ bei jedem Einzelnen im Moment passiert - auch bei unseren Redakteuren und Korrespondenten an ihren heimischen Schreibtischen in Hamburg, Berlin und Frankfurt am Main. Das Marktforschungsinstitut "Concept M" hat in der ersten psychologischen Studie in China, Italien, Deutschland und den USA herausgefunden, welche emotionalen Auswirkungen die Corona-Krise auf uns alle hat.

Wie allerorts zu erleben, stehen aktuell Hamsterkäufe hoch im Kurs: Hygieneartikel, wie hartes bis zartes Toilettenpapier, Waschlotionen und Desinfektionsmittel, haltbare Lebensmittel - wie Nudeln, Reis und Konserven sind seit gut einer Woche Mangelware in Supermärkten und Discountern. Auch die Online-Shops von "Amazon", "EDEKA", "Netto" und "REWE" wurden bereits geplündert. Konsequenz: "Amazon" räumt seine Lager für Medizinprodukte und Hygieneartikel, nimmt Lieferungen anderer Marktplatzprodukte bis 5. April d. J. nicht mehr an. Laut HANSEVALLEY-Informationen aus Frankfurt/Main fährt der Online-Riese aktuell Umsätze wie sonst nur zu Weihnachten. Entscheidet sich damit endgültig die Vorherrschaft im deutschen Online-Handel zwischen Seattle und Bramfeld? Wir ahnen Böses ...

Schauen wir uns das für Hamburg entscheidende Konsumklima an:


"Gemeinsam gegen Corona" - die vereinte Aktion der Bertelsmann-Medien.
Grafik: Gruner + Jahr

Amazon zeigt, was für Millionen Menschen in Hamburg, Deutschland und Europa im Moment ebenso Vorrang hat, wie in den USA. Laut Informationen unserer Korrespondentin in der Metropolregion Rhein-Main bestellen deutsche Amazon-Kunden aktuell neben Drogerieartikeln - wie Toilettenpapier und Desinfektionsmittel - u. a. Lehrmittel für Schüler, z. B. DVDs, dazu Spiele und ... Sexartikel. Wir sind nach Home Office, Kinderbetreuung und de facto Quarantäne gespannt auf die zu erwartende Babywelle ab Jahresende - und wünschen "schöne Stunden" zwischen Schreibtisch und Streamingvideos.

In der nächsten Phase wird's spannend: Was konsumiert Deutschland in der Isolation? Unsere Nachricht vom Donnerstag-Morgen zeigt, was kommen wird: In China schnellte der Konsum von Onlinespielen in die Höhe, in Italien, Spanien und der Schweiz verdient sich "Netflix" eine goldene Nase. Der Internet-Traffic stieg so exponentiell (der Traum jedes Hamburger Marketing-Startups) an, dass Telekommunikationsanbieter und Regierungen zu "verantwortungsvoller" Nutzung aufriefen. Das Hamburger Schulnetz mit Anschluss an "Eduport" von "Dataport" krachte am 1. Tag der Schulschließung bereits bei läppischen 10 Gigabyte Unterrichtsmaterialen zusammen. Gern geschehen, Herr Rabe!


Anzeige
www.alstercompany.de

Fernab des Hamburger "Klein-Klein" zeigt die Unternehmensberatung BCG, welche Branchen es in der aktuellen Corona-Pandemie besonders hart treffen wird: Mit Automobilproduktion, Chemie- und Pharmaherstellern, Kunststoffindustrie, Luftfahrt und Tourismus berührt nur eine der genannten Schlüsselbranchen aktuell die Hamburger Wirtschaft, sprich die Luftfahrtindustrie mit 14.000 Beschäftigten bei Airbus und 8.000 Mitarbeitern bei Lufthansa Technik. Dagegen macht die bundesweite Schließung von Geschäften auch den Hamburger Familienunternehmen Angst, von Fielmann über Peek & Cloppenburg bis zu Tchibo.  

Erste psychologische Studie zu Corona und der Entwicklung:

Die aktuelle Studie von "Concept M" zeigt: Bei Konsumenten in Peking, Rom, Berlin, Köln und New York (Sorry: Hamburg kommt leider erst kurz nach Peking ...) passiert immer das Gleiche - in 5 definierten Stufen, so das Kernergebnis der Tiefeninterviews. Die Experten nennen dies den "Trauma-Prozess". Anfang März d. J. war China bereits durch die 5 Phasen hindurch - bestätigt durch die veröffentlichte Statistik von 57.000 Genesenen bei 81.000 Infizierten und nahezu keinen Neuinfektionen in Wuhan und anderen Großstädten (Quelle: John Hopkins University, 18.03.2020). Die 5 Phasen in der linearen Reihenfolge:

1. Inkubation und Zwiespalt (in Deutschland: u. a. "Corona-Parties")
  • Aufregung und Bagatellisierung: Die Bevölkerung spaltet sich in zwei Lager. Die Einen warnen vor der "leichten Schulter", die anderen halten erste Meldungen für völlig übertrieben. Da der Erreger nicht sichtbar ist und Informationen über symptomfreie Erkrankungen die Runde machen, beherrschen beide Meinungen das Geschehen - und schaukeln sich dank der lieben Kollegen in den Redaktionen weiter auf. Ja, Medien benutzen Menschen und: Medien machen Meinung.



2. Panik und Angst (in Deutschland: u. a. Hamsterkäufer, Aktienverkäufe)
  • Kämpfen oder Flüchten: Aus den Horrormeldungen zwischen Mitte Januar und Ende Februar d. J. wurden Panikattaken. Die Verantwortlichen von "Concept M" sehen 3 maßgebliche Folgen als Reaktion: 1. Angst führt zu Angstattacken. Folge: Hamsterkäufe. Wir Deutschen bunkern Klopapier, die Franzosen Rotwein, die Italiener Grappa und die Amerikaner decken sich mit Waffen ein. 2. Angst wird zu Existenzangst. Folge: Panikverkäufe an der Börse. "Dow Jones" & "DAX" rauschen in den Keller. Zu guter Letzt: 3. Angst führt zur Abschottung. Folge: Kein Radio, kein Fernsehen, keine Zeitung. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Geplündertes Klopapierregal bei der EDEKA-Tochter Netto.
Foto HANSEVALLY

3. Isolation und Depression (in Deutschland: u. a. Home Office-Arbeit)
  • Shutdown und Soziale Distanz: Ob mit oder ohne Ausgangssperre, Fakt ist: Deutschland bleibt zu Hause, verbunkert sich, bis der Sturm vorbei ist. Die Folge: Arbeiten und Leben auf engem Raum, Eltern und Kinder im 24-Stunden-Dauerstress. Ablenkung muss her. Die "Telekom" hat ihre Netze in den Krisenmodus geschaltet, der Internet-Knoten "DE-CIX" einen deutlichen Anstieg beim Traffic registriert. Mehr als 9 Terrabyte gehen hier pro Sekunde durch - mit einem Anstieg bei Videokonferenzen um 50% und Videoplattformen um 25%. Jetzt ist die Stunde für Games und Esports sowie Videostreams. Konsequenz: "Amazon Prime Video", "Facebook", "Instagram", "Netflix" und "YouTube" drosseln die Videoauflösung von HD- auf SD-Qualität.

4. Besinnung und Perspektiven (in Hamburg: Visionär Oliver Rössling weist den Weg)
  • Freiräume und Spielräume: Die Zwangspause hat aus Sicht der Studienmacher mehrere positive Effekte. Nach dem Stress kommt die Besinnung - und damit das Entdecken neuer Möglichkeiten, z. B. mit Freunden und Familie neu in Kontakt zu kommen. Arbeitnehmer gewinnen am heimischen PC neue Selbstständigkeit gegenüber ihren nicht anwesenden Chefs. Und aus Sicht von "Concept M" heißt Isolation für Unternehmer, aus der täglichen Tretmühle rauszukommen und sich wie sein Geschäft (neu) sortieren zu können.

5. Erholung und Normalisierung (aktuell: China)
  • Erleichterung und Aufräumen: Die aktuellen Bilder aus China zeigen, was kommen wird. Die Menschen nehmen ihre Stadt wieder in Besitz. Allerdings hinterlässt der Pandemie ihre Spuren: Unternehmen sind verschwunden, Kundenbeziehungen unterbrochen, Lehrstoff an Schulen und Unis nachzuholen. Jetzt ist die Chance, neue Möglichkeiten zu nutzen und einen Schritt weiter zu gehen. Aus unserer Sicht gilt dies nicht zuletzt im Umgang mit der Digitalisierung.

Hinweis auf die Corona-Ambulanz in Hamburg-Barmbek.
Foto: HANSEVALLEY

Deutschland im Krisenmanagement: Die Probe aufs Exempel.

Die Forscher haben für alle an der Studie beteiligten Nationen den aktuellen Stand der Pandemie-Entwicklung erarbeitet. Das Interessante: Auf Grund der Vergleichbarkeit der Phasen können wir in etwa voraussagen, wie die Befindlichkeit unserer Nation - und damit auch der Freien und Hansestadt - in den kommenden Wochen und Monaten aussehen wird. Bis ca. Mitte April d. J. wird sich die Situation in Deutschland weiter zuspitzen - und das Land in "Panik und Angst" verharren. Die Experten liefern im Magazin "Absatzwirtschaft" auch gleich die Faktoren zur Überwindung der Krise mit. Dies sind im Kern

- Schonungslose Transparenz 
  (Wenn die Kanzlerin das Ruder übernimmt)

- Besonnene und entschlossene Entscheidungskompetenz 
  (Bayern macht's wieder allen vor)

- Diszipliniertes Durchhaltevermögen
  (Das gilt besonders für unsere feiernden Ischgl-Heimkehrer)

- Offenheit für neue Perspektiven
  (Besonders für die 10.000 bedrohten Unternehmer)

- Wiederentdeckung solidarischer Werte 
  (Wie die NDR-Aktion "Der Norden hält zusammen")

- Bewusstsein einer globalen Schicksalsgemeinschaft 
  (Da dürfen einige Hamburger nochmal ihre Hausaufgaben machen ...)

Wenn Deutschland bis Mitte April d. J. in der 2. Stufe der Panik-Phase verharren wird und sich zunehmend in der Isolations-Phase wiederfindet, kommt die Republik möglicherweise zu Pfingsten psychologisch in die Phase der Neubesinnung. Unterm Strich würde das heißen, dass wir eventuell zu den Sommerferien die Normalisierung erreicht haben können. Dieses Rechenbeispiel ist natürlich nur eine Annahme auf Grund der Berechnungen des Verlaufs in China und Italien - und keine Garantie für die Wiederaufnahme des gesellschaftlichen Lebens. Dennoch können wir schon jetzt anfangen nachzudenken, wie unser Leben nach Corona aussehen kann.

Der Digitalverband Bitkom hat einen Status Quo zum Thema Home Office erstellt. Danach arbeitet mittlerweile jeder 2. Angestellte mit "White-collar Job" in den eigenen 4 Wänden. 33% der Angestellten sind erstmals in ihrer Karriere fernab von Kantine und Mittags-Lunch tätig. Bei 43% der Arbeitnehmer wurden die bestehenden Home Office-Regelungen mit der Zwangsverlagerung ausgeweitet. Mecklenburg-Vorpommern nutzt die Chance, und führt für alle allgemeinbildenden Schulen flächendeckend die Dresdner Online-Lernplattform "Fuxmedia" ein - neben den digitalen Lehr- und Lernmitteln des gemeinsamen "Deutschen Bildungsservers" aus Frankfurt/Main.

Hilfen für Selbständige: 2.500,- € in Hamburg, 5.000,- € in Berlin.

Und wie hilft Hamburg vor allem den tausenden Selbstständigen? Am Donnerstag verkündeten die drei "Hamburg Schutzschirm Musketiere" Brosda, Dressel und Westhagemann: Selbständige bekommen einmalig 2.500,- € Zuschuss. Allerdings nur, wenn sie von den offiziellen Verfügungen - z. B. dem Verbot von Veranstaltungen - direkt betroffen sind. Alle anderen wurden auf die Grundsicherung für Selbstständige verwiesen - auf Sozialhilfe-Niveau. In der Startuphauptstadt gilt unterdessen "Klotzen statt Klein-Klein": Berlins Regierender Peter Müller kündigte ein 100 Mio. € Hilfspaket für Kleinstunternehmer - wie Kreative und Dienstleister - an. 20.000 Berliner Freiberuflicher und Selbständige sollen jeweils 5.000,- € Hilfe bekommen. 


Wenn sich die Wolken lichten und die Zukunft Einzug hält.
Foto: HANSEVALLEY

Bitkom-Präsident Achim Berg spricht aus, wo es hingegen kann: „Dass mobiles Arbeiten und mobiles Lernen zum Standard werden könnten, schien bislang undenkbar. Jetzt aber werden wie unter einem Brennglas die immensen Potenziale sichtbar, die digitale Technologien grundsätzlich bieten – im Kampf gegen das Virus wie auch in der Reduzierung des Berufsverkehrs und verkehrsbedingter Emissionen. Alle Unternehmen sind gefordert, Homeoffice für die dafür geeigneten Tätigkeiten einzuführen. Die Politik muss das Arbeitsrecht zwingend modernisieren, etwa indem aus der Zeit gefallene Regelungen wie die elfstündige ununterbrochene Mindestruhezeit gestrichen und der starre Acht-Stunden-Tag durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzt werden.



Hamburgs Visionär Oliver Rössling bringt's auf den Punkt.
Quelle: Facebook


Wenn man die aktuellen Entwicklungen bei Home Office und Digitalem Lernen zu Grunde legt, wenn man den Wunsch zu neuen Chancen im Geschäft in den Mittelpunkt stellt und wenn man 3 Monate nach vorn schaut, kommen wir zu folgenden Fragen in Bezug auf die Schlüsselthemen in Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Gesellschaft:

Unternehmen & Verwaltungen:
  • Wie gewinnt Deutschland durch die alternativlos notwendige Nutzung digitaler Tools?
  • Wie werden Unternehmen und Verwaltungen digitale Lösungen künftig annehmen?
Zukunft vs. Vergangenheit:
  • Welche Geschäftsmodelle werden durch die Corona-Krise endgültig überflüssig?
  • Welche innovativen Digitalmodelle fernab von Online-Marketing sind im Kommen?
Beratung & Zusammenarbeit:
  • Werden Textchat und Videoberatung zu führenden Kanälen im Kontakt zu Kunden?
  • Werden Videokonferenzen im Geschäftsleben viele Geschäftsreisen einsparen?
Lebensmittel & Lieferungen:
  • Werden Lebensmittel-Lieferdienste im Alltag deutscher Kunden zur ersten Wahl?
  • Welche Online-Branchen profitieren noch vom veränderten Konsumverhalten?
Hoch-/Schule & Studium:
  • Wieweit werden Online-Kurse die Präsenz im Hoch-/Schulbetrieb massiv verändern?
  • Was fordern Schüler und Studenten in Zukunft digital von Ihren Hoch-/Schulen ab?
Events & Communities:
  • Wird die Krise eine Verschiebung von Meetups, Talks & Co. ins Netz bedeuten?
  • Welche digitalen Tools helfen Veranstaltern und bieten Teilnehmern Komfort?
Kunst & Kultur im Internet:
  • Werden wir künftig alle Theater-, Konzert- und Kunstevents online nutzen können?
  • Wie werden sich digitale Kulturangebote - wie z. B. Social-TV - künftig durchsetzen?

Diese Fragen stellen keinen Anspruch auf Vollständigkeit dar. Sie sind hierarchisch von Sektoren und Geschäftsmodellen über Nutzungsverhalten zu Aktivitäten heruntergebrochen. Jeder ist eingeladen, eigene Fragen zu entwickeln. Gern ergänzen wir unsere Aufstellung um weitergehende Ideen und Möglichkeiten: hanse@hansevalley.de.

Redaktionelle Schlussbemerkung:
* Update 23.03.2020 *

Unternehmen, öffentliche Hand und jeder einzelne Bürger sind gefordert, sofort Konsequenzen zu ziehen. Das Gebot der Stunde heißt: Erstens Verzicht und zweitens möglichst viel in den digitalen Raum verlegen. Man kann nur hoffen, dass die Appelle der Kanzlerin von den Menschen gehört werden und auch bei den schwer Belehrbaren ein Bewusstseinswandel eintritt“, warnt Bitkom-Chef Achim Berg.

Hamburg wird aus dem Corona-Trauma herauskommen - hoffentlich mit wenigen Blessuren. Ebenso, wie die anderen Städte und Gemeinden bei uns in Norddeutschland. Mit dem Shutdown und der Umstellung auf digitale Tools hat die Zukunft bereits begonnen. Digitale Lösungen werden im persönlichen und privaten, beruflichen und geschäftlichen Umfeld zur Selbstverständlichkeit. 

Die Unternehmensberatung BCG hat die Folgen von Wirtschaftskrisen der vergangenen 100 Jahre untersucht, die durch Epidemien ausgelöst wurden. Kernergebnis: In allen Fällen erholte sich die Wirtschaft wieder sehr schnell. Allerdings: Dieses mal sind die Auswirkungen durch den Shutdown größer denn je.

Wir sind der Überzeugung: Storytellende Stellvertreter aus dem Online-Marketing haben bei echter Digitalisierung, tiefgreifender Transformation und nachhaltigem Kulturwandel ausgedient. Und dies kommt auf uns zu. Die Realität lässt die Filterblasen platzen. Wir sind gespannt auf die Themen von Morgen. Gemeinsam mit unseren Lesern in Hamburg, der Metropolregion und dem ganzen Norden.

Bitte, bleiben Sie gesund!

 Hanse Digital Background: 
* Update 17.04.2020 *


HANSEVALLEY Fachbeitrag "Die Welt wird eine andere sein - der Norden nach Corona":


HANSEVALLEY: Gastbeitrag "Wie Hamburgs Wirtschaft aus der Panik zu digitalen Perspektiven kommt."

Hamburg@work: Fachbeitrag "Wie Hamburgs Wirtschaft aus der Panik zu neuen Perspektiven kommt":
digitalcluster.hamburg/de/news-archiv/2020/20200325_NEWS-Keup-ueber-Corona 


Montag, 23. September 2019

Die IHK Nord in Shenzhen und Hongkong: Weckruf für die norddeutsche Wirtschaft.

HAMBURG DIGITAL AUTOREN

Die norddeutsche IHK-Delegation bei Tencent in Shenzhen.
Foto: IHK Nord

Eine Delegation der IHK Nord war vom 24. bis 31. August 2019 mit 35 Unternehmern und IHK-Vertretern aus ganz Norddeutschland in Shenzhen und Hongkong unterwegs. Unter Federführung der IHK zu Flensburg wurden im Rahmen von Unternehmensbesuchen - z. B. bei Huawai, Tencent und Royole - branchenspezifischen Gesprächen sowie Events mit lokalen Startups und Akteuren Einblicke in die Wirtschaftsmetropolen in der Greater Bay Area in China gegeben. Ein Hamburg Digital Gastbeitrag:



Shenzhen – das Silicon Valley Chinas

Shenzhen ist weltweit bekannt als das „Silicon Valley Chinas“. Die Stadt ist extrem jung und innerhalb kürzester Zeit rasant gewachsen. Noch 1980 war Shenzhen eine Kleinstadt mit rund 30.000 Einwohnern, heute zählt sie inklusive der Wanderarbeiter rund 20 Millionen Menschen. Dies ist das Ergebnis eines politischen Experiments: 

Shenzhen wurde 1980 zur ersten Sonderwirtschaftszone der Volksrepublik China erklärt. Mittlerweile ist die Stadt eine Hightech-Metropole. Durch die industriepolitische Strategie „Made in China 2025“ will das Land zur führenden Hightech-Nation aufsteigen. Bis 2025 sollen 70 Prozent der in China genutzten Elektrofahrzeuge, Roboter und Hochtechnologieprodukte auf heimischem Boden hergestellt werden. 

Huawei oder der Online-Konzern Tencent sind dabei technologische Leuchttürme. Daneben gibt es vor allem in Shenzhen tausende kleine Firmen, die mit ihren Komponenten und Erfindungen den Großen zuarbeiten. Während in anderen Ländern Gesichtserkennung, künstliche Intelligenz und Roboter oft mit Skepsis betrachtet werden, kann es in Shenzhen nicht schnell genug voran gehen auf dem Weg zur nächsten Erfindung.


Blick auf die Tech-Boom-City Shenzhen.
Foto: Simbaxu, Lizenz: CC BY-SA 4.0

China hat mit Shenzhen ein Hightech-Labor geschaffen, in dem digitale Produkte konsequent angewendet werden, so dass der Digitalisierungsgrad deutlich höher und umfassender ist als in Norddeutschland“, so Rolf-Ejvind Sörensen, Vizepräsident der IHK Schleswig-Holstein und Delegationsleiter der IHK Nord-Reise.

Bei ihrem Besuch bei Royole konnten die Delegationsteilnehmer das weltweit dünnste vollfarbige Display sowie das erste vollständig biegsame Handydisplay testen. Präsentiert wurden dort auch Wearables, d. h. flexible Displays, die z. B. auf Taschen oder T-Shirts angebracht werden können.


„Digitalisierungsgrad und Innovationsgeschwindigkeit sind sehr viel höher und umfassender als in Norddeutschland“


Transport- und Verkehrssteuerung in Shenzhen.
Foto: IHK Nord

Aus Bremen haben Dirk Schwampe (Team Neusta GmbH) und Alexander Witte (Early Brands GmbH) an der Delegationsreise teilgenommen. Auch sie zeigten sich von Umfang und der Geschwindigkeit digitaler Innovationen beeindruckt: 

Shenzhen hat sich zu einem bemerkenswerten Innovationsstandort entwickelt. Hier ist vieles bereits realisiert, was in Deutschland erst Ideen sind: Intelligent vernetzte Mobilitätsangebote im öffentlichen Nahverkehr zur Stauvermeidung in Echtzeit, spielerisches Erlernen von Programmierung und Robotik in Schulen, bis hin zur Bezahlung im Supermarkt und auf Wunsch sogar der Steuerung mittels Smartphone. 

Dabei wird in nahezu allen Industrien und Sektoren von der Bank bis zum Flughafen daran gearbeitet, innovative Services und Geschäftsmodelle zu realisieren. Es wurde sehr schnell deutlich, dass die Innovationsgeschwindigkeit sehr viel höher und umfassender ist als in Norddeutschland“, sagen Schwampe und Witte. 


Smart City Demonstration in Shenzhen.
Foto: IHK Nord

Shenzhen und China sind, so der allgemeine Eindruck der Delegationsteilnehmer, in Bezug auf neue Technologien sogenannte „innovative executors“: Neue Technologien und Produkte werden schnellstmöglich in allen Anwendungsbereichen scheinbar mit einem Minimum an regulatorischen Grenzen umgesetzt. Shenzhen verfügt daher über weitreichende Erfahrungen und Kompetenzen in der realen Erprobung dieser Technologien und Big Data-Lösungen. 


Hightechregion "Greater Bay Area".
Foto: IHK Nord
China investiert derzeit viel in Forschung und Entwicklung eigener Produkte und Dienstleistungen, um den Schritt von der Werkbank zu einer innovativen Volkswirtschaft zu schaffen. „Das schafft zum Teil beeindruckende volkswirtschaftliche Gewinne, wie etwa eine hocheffiziente Verkehrsplanung- und -steuerung – die ich mir auch in Norddeutschland wünschen würde, solange die Freiheit des Individuums gewährleistet bleibt und Auswirkungen auf die Umwelt angemessen berücksichtigt werden.“, so Sörensen.

Neben international tätigen Technologie-Konzernen wie die auch von der Delegation besuchten Huawei oder Tencent ist u.a. das Shenzhen Urban Transport Planning Center (SUTPC) - ein High-Tech Unternehmen im Feld der innerstädtischen Verkehrsforschung - ein weiterer innovativer Player in der Region. SUTPC bietet Dienstleistungen zur Verkehrsüberwachung, -planung und -steuerung für über 100 chinesische Städte an. Dafür werden täglich rund 750 Millionen Datensätze mit innovativen Softwarelösungen analysiert.

Das Unternehmen Shenzhen Haylion Technologies hat sich auf intelligente Fahrtechnik-Innovationen für Bus-, Konzeptproofing- und Industrialisierungsentwicklung spezialisiert. Zu den Kernkompetenzen gehören autonom fahrende Fahrzeuge und E-Busse. Shenzhen ist eine Beispielregion für E-Mobilität. Sämtliche Busse, Taxen und Lieferdienste fahren rein elektrisch. Doch auch in anderen Bereichen startet China durch: 


Demonstration bei Roboticsspezialisten Ubtech.
Foto: IHK Nord

Bei Ubtech Robotics - einem Unternehmen, das in der Forschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz und deren Anwendung in der Robotik weltweit im Spitzenfeld ist  - lernten die norddeutschen Unternehmer u.a. humanoide Roboter mit unterschiedlichen Funktionen, z.B. im Bildungsbereich, für den Sicherheitsbereich, für häusliche Anwendungen und als Spielzeug kennen. 

Hier wird deutlich: Wachstum und Wertschöpfung erfordern bereits heute innovative Services und Geschäftsmodelle, die digitale Technologien zum Vorteil des Kunden einsetzen. Und dies gilt sowohl für herstellende Betriebe und Händler als auch für Dienstleister – in China wie in Norddeutschland.


Spontaner Empfang des Bürgermeisters Ai Xuefeng von Shenzhen

Offizieller Empfang des Bürgermeisters von Shenzhen.
Foto: IHK Nord

Innovation braucht Spontanität - dieses Motto lebt auch der Bürgermeister von Shenzhen, Ai Xuefeng, und empfing auf Vermittlung von Delegationsmitglied Leon Wankum spontan eine Abordnung der IHK Nord-Delegation. Ai Xuefeng regte Gespräche über eine Innovationspartnerschaft zwischen der Shenzhener Greater Bay Area und Norddeutschland an. 

Themen von besonderem Interesse sind Erneuerbare Energien, Elektromobilität, Industrie 4.0 und Logistik. Shenzhen sucht zudem Partner im Norden, um das deutsche duale Berufsbildungssystem in Shenzhen zu implementieren. Delegationsleiter Rolf-Ejvind Sörensen sprach sogleich eine Einladung für die „Standortkonferenz Norddeutschland“ der IHK Nord am 7. November in Lübeck aus, die dankend angenommen wurde.


Hongkong: Brücke zwischen Festlandchina und dem Rest der Welt

Die chinesische Sonderwirtschaftszone Hongkong.
Foto: Ralf Roletschek, Lizenz: CC BY 3.0

Nach drei Tagen Shenzhen ging es für die Teilnehmer weiter nach Hongkong. Wolfgang Niedermark, Delegierter der deutschen Wirtschaft von der AHK Hong Kong, und David Schmidt vom deutschen Generalkonsulat Hongkong erläuterten die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. 

Auch in Hongkong machen sich die wirtschaftlichen Auswirkungen des Handelskrieges zwischen den USA und China langsam bemerkbar. Neben der Rolle als führendes Handels- und Finanzzentrum ergibt sich Hongkongs wirtschaftliche Bedeutung vor allem aus seiner Stellung als Brücke für den wirtschaftlichen Austausch Festlandchinas mit dem Rest der Welt. 

Die Motive für die Handelspartner zur Nutzung Hongkongs liegen dabei vor allem in geringeren Informationskosten, Rechtssicherheit, der Ausnutzung von Steuer- und Abgabenvorteilen, der guten internationalen Vernetzung und dem hohen technischen Know-how. 


Zu Gast in Digital Mobility Hub von Siemens.
Foto: IHK Nord

Know how, dass zum Beispiel im Siemens Digital Mobility Hub genutzt wird, einer gemeinsamen Initiative der Hongkong Science and Technology Parks Corporation (HKSTP) und Siemens Limited, die darauf abzielt, die Entwicklung von Smart-City-Anwendungen und Lösungen spezifisch für Hongkong zu beschleunigen. 

Der Hub ist als Open Lab konzipiert und umfasst ein Smart Mobility Testbed sowie ein Smart Energy Lab, das Experten für die Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsaufgaben in den Bereichen Datenanalyse, IoT, Konnektivität, intelligente Gebäude, intelligente Energie und intelligente Mobilität zur Verfügung steht. Es bietet damit Start-up-Unternehmen und Infrastrukturanbietern eine Plattform. 

Abschließend: Die Erkenntnisse der Reise Insgesamt wurde deutlich, dass die USA und China derzeit die unbestrittenen Pole der digitalen Welt bilden. China setzt hierbei mit seiner großen Binnenmarkt-Macht und 1,3 Mrd. Menschen mittlerweile auch Standards, wie z.B. Huawei bei der 5G-Technologie. Dabei spielen europäische oder norddeutsche Bedürfnisse eine immer geringere Rolle. 

Um in der weltweiten Wirtschaft weiterhin global oben mitspielen zu können, werden gemeinsame europäische Ansätze sowie internationale Kooperationspartner benötigt, wie sie die IHK Nord bereits auch auf vorherigen Delegationsreisen nach Israel als führende Nation im Bereich der Cybersecurity oder Estland mit digitalen Lösungen im Bereich des E-Governments kennengelernt hat. Bei einer Zusammenarbeit mit China sollte vorab definiert werden, welche Bereiche für eine Kooperation in Frage kommen - eine technologische Abhängigkeit sollte dabei allerdings vermieden werden.


Karikatur in der Puck vom 23. August 1899: „Uncle Sam“ steht auf einer Karte von China, 
die von europäischen Staatsoberhäuptern zerschnitten wird, und sagt:
„Gentleman, Sie können diese Karte so oft zerschneiden, wie Sie möchten, aber bedenken Sie,
 dass auch ich hier bin, um zu bleiben.“
Grafik: J.S. Pughe, Library of Congress, Washington. Lizenz: gemeinfrei

Auf europäischer Ebene müssen schnell Antworten auf die wirtschaftspolitische Fragestellung gefunden werden, ob und unter welchen Standards der Vorsprung von China und den USA im digitalen Bereich aufgeholt werden kann. Hierbei kann eine engere Partnerschaft der norddeutschen Wirtschaft mit Unternehmen aus der Greater Bay Area rund um Shenzhen und Hongkong für wichtige Impulse für die Entwicklung des Standortes Norddeutschland sorgen. 

Die norddeutschen Kammern arbeiten weiter an entsprechenden Verbindungen, auch um beispielsweise Exportchancen für norddeutsche Umwelt- und Erneuerbare Energien-Technologie zu sichern. Warum dies wichtig ist, zeigt ein Blick nach Hongkong, das mit ähnlichen Herausforderungen wie Norddeutschland zu kämpfen hat: 

Eine relativ stark alternde Gesellschaft mit einem wirtschaftlichen Fokus auf Branchen, wie Handel, Logistik oder Finanzen, die noch stark auf traditionellen Geschäftsmodellen basieren sowie einer verhältnismäßig geringen Industriequote. 

In Hongkong beträgt der Anteil der verarbeitenden Industrie am Bruttoinlandsprodukt laut Außenhandelskammer heute nur mehr knapp 3 % - jährlich um 9 % sinkend. Dabei gerät Hongkong durch die starke Konkurrenz des nahe gelegenen Shenzhen bei Startups und der Ansiedlung von innovativen Unternehmen ökonomisch immer mehr ins
Hintertreffen.

 Hamburg Digital Background: 

Ausführlicher Reisebericht:
www.ihk-nord.de/china

Hongkong in der Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hongkong

Shenzhen in der Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Shenzhen

China in der Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/China

 Hamburg Digital Autoren: 



Die IHK Nord ist der Zusammenschluss 12 norddeutscher Industrie- und Handelskammern aus Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Sie vertreten knapp 700.000 Unternehmen in Norddeutschland und stützen sich auf rund 20.000 ehrenamtlich engagierte Unternehmer. Arbeitsschwerpunkte sind die Maritime Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Infrastruktur und Seeverkehr, die Energie- und Industriepolitik, der Tourismus, die Ernährungswirtschaft und die Außenwirtschaft. Weitere Informationen unter www.ihk-nord.de

Rückfragen:
Dr. Malte Heyne, IHK Nord e. V., Telefon (0)40 / 3 61 38-459, heyne@ihk-nord.de

Die inhaltliche Verantwortung des Autorenbeitrags liegt beim Urheber.

Sonntag, 24. Juni 2018

HANSEPERSONALITY Olaf Rotax: "Da muss mehr sein als das, was wir heute haben."

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

20 Jahre digitaler Background, über 100 Transformationsprojekte in mehr als 50 Konzernen, Familienunternehmen und Startups. Mit der Erfahrung von tchibo.de, otto.de, shopping24.de, karstadt.de ist der gebürtige Hamburger Olaf Rotax ausgewiesener E-Commerce-Spezialist. Der Buchautor zur "Web-Exzellenz im E-Commerce" sieht sich jedoch als Generalist für die Transformation von Unternehmen.


Visionär mit klaren Vorstellungen: Olaf Rotax
Foto: dgroup
Seit 4 Jahren beschäftigt sich der 45-jährige Vater dreier Kinder mit der dgroup um Verständnis zu Wirtschaft und Technologien sowie Kultur und Politik Chinas, baut Brücken zwischen Berlin und Peking, Hamburg und Shanghai. Der Blick nach Osten eröffnet neue Perspektiven - zu Plattformen, Ecosystemen und künstlicher Intelligenz. Wo ist Europas Platz zwischen Darvinismus und Sozialismus? Ein Hamburg Digital Interview mit dem Visionär und Innovator Olaf Rotax:

Während Ihres Schülerpraktikums erlebten Sie mit 16 Jahren in einem großen Verlagshaus, dass hochspezialisierte Lochkartenprogrammierer auf Grund verjährter Kompetenzen in die Kantine versetzt wurden. Haben Sie sich an der FH Wedel zum Wirtschafts-Ingenieur ausbilden lassen, um als Generalist niemals in die Gefahr geraten, aussortiert zu werden und - bildlich gesprochen - in die Kantine versetzt zu werden?

Am Ende hat mich das Erlebnis sicherlich dazu gebracht, nicht nur auf die ursprünglich favorisierte Informatik und eine praxisnahe Ausbildung zu setzen. Viel entscheidender war aber, dass ich mich dadurch schon sehr früh mit Megatrends auseinandergesetzt habe, die unser Leben in Zukunft verändern können – und dabei stößt man zwangsläufig auf den Wirtschaftsingenieur als „Brückenbauer“ der Veränderungen und Disziplinen. Der damit verbundene Anspruch, dass dafür durchschnittliche Leistung nicht ausreicht, hat mich dann zusätzlich angespornt.

Trainee bei Tchibo, Nr. 4. mit E-Mail-Adresse @tchibo.de, Entrepreneur bei der Gründung von tchibo.de, Mitarbeiter Nr. 14 für "Neue Medien" bei otto.de, Gründer der E-Commerce-Agentur Mindwyse und der Beratungsfirma Diligenz, Gründer der Digitalberatung dgroup, nach der Übernahme Vorzeigeexperte bei Accenture, Brückenbauer zwischen Europa und China. Wann werden Sie mit Ihrem Erreichten zufrieden sein?

Zuerst einmal klar und deutlich: Das klingt nach einem klaren Plan von Anfang an, ist aber eine Kombination aus Chance, Glück und sicherlich dem Streben nach „da muss mehr sein, als das, was wir heute haben“. Ich habe früh Chancen bekommen, mich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen und die Freiheiten erhalten, diese dann auch konsequent zu verfolgen. Dafür bin ich meinen Führungskräften in den ersten 10 Jahren meiner Entwicklung sehr dankbar – dabei bin ich hier sicherlich nicht immer nur den „eingetretenen“ Weg gegangen, durfte auch mal Fehler machen. 


Olaf Rotax - Gründer und Geschäftsführer der dgroup
Foto: dgroup
Die Selbständigkeit und der gemeinsame Firmenaufbau mit meinen Partnern hat mich dann erst einmal Demut gelehrt, aber ebenso wieder bestärkt, dass beim Zusammenkommen einer klaren Vision und eines starken Teams fast alles möglich ist. Plus die Erkenntnis nach fast 20 Jahren Auseinandersetzung mit „What‘s Next“ – was viele heute mit Digitaler Transformation gleichsetzen - dass ich mich noch einmal verändern muss, wenn ich die Zukunft wirklich aktiv gestalten möchte. 

Zufrieden werde ich realistisch sein, wenn ich dazu beigetragen habe, für meine drei Kinder das Gute von heute mit dem Neuen von Morgen verbunden zu haben. Ich habe eine klar positive Vision unserer Zukunft und möchte sicherstellen, dass diese auch so eintritt.



Sämtliche intellektuellen Modelle, die heute z. B. von Startups umgesetzt werden, stammen aus der Zeit zwischen 1998 und 2000, z. B. Online-Bestellungen, Abo-Modelle über das Netz oder Vermittlungsplattformen. Gibt es überhaupt eine wirklich neue Methode, wenn selbst "KI" bereits 1956 erstmals beschrieben wurde. Ist das alles nur "alter Wein in neuen Schläuchen"?


Ein sehr fairer Punkt. Intellektuell wurde „Digital“ zwischen 1995 und 2000 quasi vollständig durchdacht, wenn auch auf Basis damaliger Technologie und ihrer entsprechenden Adaption. Was wir heute sehen, ist tatsächlich auf dem Meta-Level gleich zu dem vor 20 Jahren, aber eben der aktuellen Technologie und verzögert laufend technologischer Adaption angepasst. Die kurzfristige Veränderung zur Kernvision der Zukunft um 2000 wurde unterschätzt, die langfristige Wahrscheinlichkeit der dann iterierten Vision wird aber nach wie vor unterschätzt. 

Wie schnell dann Veränderung ablaufen kann, können wir aktuell am besten in China beobachten, wenn eine Nation aktuell einfach eine Stufe in der Entwicklung überspringt. Und die aktuelle Erkenntnis, dass Spitzenleistung und Innovation eigene Organisationsformen braucht, ist eigentlich auch bereits seit Jahrzehnten und nicht erst seit ein paar Jahren bekannt. Ich möchte es mal so ausdrücken: 


Alle Einzelteile waren eigentlich schon immer da – sie werden aktuell nur neu geordnet und mit neuen Methoden zusammengebaut.

Seit rd. 5 Jahren kommen die Innovationen zunehmend aus China. Alibaba will ein voll automatisches Lager in Hamburg errichten. Sie haben im vergangenen Jahr mit dem "D20 Sino-German Digital Leadership Forum" eine Brücke zwischen Hamburg und Hangzhou, zwischen Deutschland und China gebaut. Warum sollten wir uns auf den "Silicon Dragon" einlassen?

Wenn es um (digitale) Trends geht, haben wir uns angewöhnt, zunächst nach Westen ins Silicon Valley zu schauen. Das ist nach wie vor nicht vollkommen falsch, aber definitiv nicht mehr ausreichend. China verbinden wir wiederum viel zu sehr mit einem Niedriglohn-Produktionsland oder großen Entwicklungsabsatzmarkt für unsere westlichen Produkte. 


Weiß, was in China online, mobil und digital passiert.
Foto: dgroup
Was wir lange Zeit übersehen haben ist, dass China zwar am Anfang gut kopiert hat, aber längst mit hoher Agilität iteriert und weiterentwickelt. WeChat ist keine WhatsApp-Kopie, sondern WhatsApp plus Paypal plus Amazon plus X – WeChat ist ein neuartiges Ecosystem, dass jetzt wiederum von WhatsApp und Facebook teilweise kopiert wird.  Bei der technologischen Adaption hat China die Entwicklung der letzten Jahre bei uns einfach übersprungen – Online Retail ist bereits größer als der klassische Retail und das „New-Retail-Konzept“ aus China wird realistisch ein weiteres Role-Model auch im Westen werden. 

Die alles entscheidende Frage wird sein: wird es auch „echte“ Innovation aus China geben? Die Zeichen stehen dabei sehr positiv – bei Future Mobility, Future Banking, New Retail und Technologien wie Quantum Computing, AI und Blockchain ist China bereits auf Augenhöhe und zum Teil führend. 


Wer also Zukunft gestalten möchte, sollte sich auf den „Silicon Dragon“ einlassen!

Europa steckt in der Zwickmühle: Einerseits die Vereinigten Staaten mit den GAFAs (Google, Apple, Facebook, Amazon), andererseits China mit den BAT-Riesen Baidoo (Suche), Alibaba (E-Commerce) und Tencent (u.a. WeChat-Services). Auf beiden Seiten massive Anstrengungen in datenbasierte Geschäftsmodelle. Wie kommt das zersplitterte Europa aus dieser Zwickmühle heraus?


Klare Worte, klare Perspektiven: Wie soll unsere Zukunft aussehen?
Foto: dgroup
Zunächst einmal muss man sich klarmachen, dass es eigentlich keinen Grund gibt, warum es keine „dritte Lösung“ aus Europa geben sollte. Mir persönlich würde eine pluralistische Welt mit Alternativen besser gefallen als eine Welt, in der nicht zwangsläufig europäische Werte im Vordergrund stehen. Gleichzeitig ist aber auch eine realistische Einschätzung, dass kein Einzelspieler aus Europa in der Lage sein wird eine echte Alternative zu den skalierenden aktuellen Eco-Systemen aufzubauen, von Nöten. 

Es ist uns bereits einmal gelungen beim ursprünglichen Aufbau der Europäischen Union Einzelinteressen zu Gunsten eines größeren Ganzen zurückzustellen – jetzt müssen wir zeigen, dass wir trotz aktueller wiedererstarktem Eigeninteressenfokus gemeinsam etwas sehr Lohnenswertes schaffen können, denn wie bereits gesagt – die kurzfristige Auswirkung von GAFA und BAT auf unsere Wirtschaft und Werte wird vielleicht zum Teil überschätzt, die langfristige Wirkung ohne Veränderung bei uns aber sehr naiv unterschätzt. 


Wir brauchen – wie übrigens vorbildlich orchestriert und gemanagt in China – eine digitale Zukunftsvision von Europa als drittem Eco-System neben GAFA und BAT.

Die Entwicklung geht vom klassischen Geschäftsmodell zur offenen Plattform, daraus zum umfassenden Eco-System und über allem steht eine konsolidierende Künstliche Intelligenz (AI). Sie sagen: die GAFAs werden bei der Datenauswertung zusammenarbeiten, im chinesischen System ist dies keine Frage. Was bedeutet es für international agierende Player aus Deutschland und Europa, wenn alles auf Artificial Intelligence hinausläuft?

Lassen Sie es mich so sagen: Weder die USA noch China überlassen die Entwicklung zum Aufbau des AI Meta-Ecosystems dem Zufall oder der reinen freien Marktentwicklung. Eine Dualität aus Förderung, Lenkung und Protektionismus eigener Lösungen ermöglicht es neuen Spielern, kritische Masse zu entwickeln und diese effektiv einzusetzen. Beide Faktoren werden bei uns in Europa viel zu wenig koordiniert und viel zu wenig auf ein klares Ziel gerichtet angewendet. Das Spiel um die Führungsplätze in der neuen Weltliga AI wird im Doppelpass zwischen Politik und Wirtschaft und mit hohem Einsatz gespielt. 


Hat eine konkrete Idee für das datenbasierte Europa.
Foto; dgroup
Für das Einzelunternehmen mache ich gerne folgende bewusst vereinfachte Rechnung auf: Der Aufbau eines wirklich relevanten und überlebensfähigen dritten AI Meta-Ecosystems wird vermutlich über die nächsten 10 Jahre mehr als 1.000 Milliarden kosten. Kein Einzelunternehmen wird diese Mittel alleine aufbringen können. 1.000 Unternehmen mit jeweils 1 Milliarde in einer neuen Art von "Genossenschaft" könnten das aber erreichen. Aktuell sind es diese 1.000 Unternehmen, die entscheiden müssen, ob sie mit ihren aktuellen Daten lieber für kurzfristigen Erfolg die AI der bestehenden Eco-Systeme GAFA und BAT füttern wollen oder den „Rohstoff der Zukunft Daten“ für eine eigene gemeinschaftliche Plattform einzusetzen.

Zu guter Letzt unser Hamburg-Frage: Sie sind gebürtiger Hamburger, leben heute mit ihrer Familie in Rellingen bei Pinneberg. Sie haben fast 10 Jahre für Tchibo und Otto das Online-Geschäft aufgebaut. Hand aufs Herz: Wie gut ist die Hamburger Wirtschaft aus Ihrer Sicht auf die digital-vernetzte Daten-Zukunft vorbereitet? Der Medienstandort ist bekanntermaßen bereits verloren das Marketing ist eine globale Disziplin. Wo hat die Hamburger Wirtschaft deutlichen Nachholbedarf?

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass wir noch in keiner Disziplin aus meiner Sicht final verloren haben, auch wenn in der zweiten Halbzeit schon einige Zeit verstrichen ist, wir nicht vorne liegen und nun das Spiel umstellen müssen. Am Ende sind es drei Dinge, die ich mir wünschen würde: 

1. Mehr Mut für echte disruptive Visionen für unsere Stadt genauso, wie für die hier führenden Unternehmen – Wir werden zwar noch Jahre vom Erreichten profitieren, aber müssen heute bereits den Grundstein für die nächste Generation von digitalisierten Geschäftsmodellen legen 


Zwei, die Brücken bauen: Petra Vorsteher (Smaato) und Olaf Rotax.
Foto: dgroup
2. Mehr Kooperation zwischen den Unternehmen und der Regierungsseite – keiner wird das Ziel alleine erreichen und unsere historische Partnerschaft zwischen Hamburg und China wird eine wichtige Brücke für uns sein 

3. Mehr Fokus auf Agilität – unsere Welt wird sich immer schneller verändern und die meisten Unternehmen sind nach wie vor für ein relativ stabiles Umfeld organisiert – eine exponentielle Zukunft braucht aber exponentielle Unternehmensorganisationen.

*  *  *

Herzlichen Dank für die zukunftsweisenden Antworten!
Das Interview führte Chefredakteur Thomas Keup.

 Hamburg Digital Background: 

Xing - Business-Profil von Olaf Rotax:
https://www.xing.com/profile/Olaf_Rotax/

Turi2 - Homescreen von Olaf Rotax:
http://www.turi2.de/allgemein/mein-homescreen-olaf-rotax/

dgroup - Ein Unternehmen von Accenture:
www.dgroup.com