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Donnerstag, 12. November 2020

HANSEINVESTIGATION: Startup-Förderung in Hamburg - Die Stunde der Wahrheit!

Ein HANSE DIGITAL INVESTIGATIV von
- Landeskorrespondent Gerd Kotoll -

Oder: Wer plündert hier das Hamburger Steuersäckel? 

Den Schein wahren ... und manchmal auch die Scheinchen:
Der rot-grüne Hamburger Senat 2020-2025
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Knapp 50 Mio. € Fördersumme für staatliche Startup-Förderprojekte in gerade einmal drei Jahren. Fast 60 Experten für Beratung, Ausgründung, Transfer und Finanzierung von Startups und ihren Innovationen an Alster und Elbe. Aber: Ein “Innovations- und Wachstumsfonds” mit geplanten 100 Mio. € Volumen, der nach fast 5 Jahren abgeblasen wird. Willkommen im Startup-Universum hinterm Deich.

Was ist aus der 2014 für dieses Jahr versprochenen “Innovationsregion” des SPD-geführten Senats geworden? Warum musste der viel beschworene Investitionsfonds für Startups scheitern? Wie hat sich eine Startup-Unit mit 1,5 Mitarbeitern zum Fixstern des Hamburger Gründeruniversums aufschwingen können, und welche neue Idee hat sich die staatliche Förderbank IFB ausgedacht, um doch noch Investoren das Geld abzunehmen? Landeskorrespondent Gerd Kotoll mit den Fakten:


Auf welches Ergebnis kommen Sie?

Grob überschlagen sind es rd. 50 Mio. Euro, die aus dem Hamburger Haushalt seit gut 3 Jahren in die Strukturen der (halb)staatlichen Förder- und Beratungseinheiten geflossen sind und weiter üppig fließen. Auch hier gilt: Unsere Aufzählung ist sicher weder in Bezug auf die Anzahl der Institutionen noch auf die aus dem Steuersäckel zur Verfügung gestellten Summen vollständig.

Anders formuliert: Seit dem Zeitpunkt des Bürgerschaftsbeschlusses zur Einrichtung des “Innovations- und Wachstumsfonds” im Januar 2016 hat die Stadt Hamburg durch den Senat rund die Hälfte des Volumens des jetzt abgeblasenen Fonds in den Aufbau von Strukturen, Stellen und Zuständigkeitswirrwarr gesteckt - ohne dass ein Startup mit einem einzigen Euro direkt gefördert wurde. Die Stadt hätte also eigenhändig einen Fonds auf den Weg bringen können, ohne private Kapitalgeber mitzunehmen.

Die hatten übrigens aufgrund der für sie unattraktiven Konstruktion des geplanten Fonds kein Interesse an einer Beteiligung, wie wir aus dem Umfeld des beauftragten Initiators erfuhren - womit dann auch der wahre Grund dieses Fiaskos genannt ist. Dabei hatte man die Hamburger Senatsgesandten auf ihrer Investorensuche in Berlin bereits 2016 unverrichteter Dinge zurück in die schönste Stadt der Welt geschickt. Aber man wollte ja nicht hören.

Nicht hören möchte man in diesem Zusammenhang auch die Aussagen aus der Finanzbehörde, die es als nicht vermittelbar ansieht, wenn durch einen mit 100% aus Steuermitteln ausgestatteten Fonds finanzielle Risiken eingegangen werden, die zum Totalverlust führen können. Stimmt, möchte man reflexartig meinen. Aber ist das Schaffen redundanter Strukturen sinnvoller? In Bezug auf das eingesetzte Steuergeld sicher nicht, denn das ist in jedem Fall weg. Bei gleichzeitig noch niedrigerer Renditeerwartung.

Und die Strukturen der Beratungsinstitutionen? Die sind ja alle noch da. Haben Sie mitgezählt? Auf wie viele sind Sie gekommen? Mehr als zehn? Mehr als fünfzehn? Wir hatten Sie im ersten Teil gewarnt: Hefte raus, Mathe-Klausur (auch im Corona-Lockdown)! Genannt haben wir zwölf - denke ich. Dabei ist die Aufzählung - wie gesagt - in keinem Fall vollständig oder abschließend. Gerade deswegen drängt sich aber folgende Frage auf:

Wozu braucht eine Stadt mehr als ein Dutzend Gründungsberatungsstellen? Wohlgemerkt: eine Stadt, die einen Startup-Förderfonds nicht auf die Beine gestellt bekommt. Eine Stadt, die aber noch im Dezember 2018 von sich behauptete, auf dem Weg zur “Innovationshauptstadt Europas(!) ein gutes Stück vorangekommen” zu sein (Spoiler: Dank der IFB). Wir konnten das auch kaum glauben, haben es aber schwarz auf weiß. Und jetzt?

Was haben Sie übersehen? Na? Entschuldigung, die Frage war gemein, denn Sie konnten gar nichts sehen. Weil es sie nicht gibt, z. B. die Mittel für die Schaffung bzw. den Ausbau von Entrepreneurship-Professuren an den Hamburger Hochschulen. Vielfach gefordert, von der zuständigen Senatorin freundlich-unverbindlich als wichtige Aufgabe öffentlich bekräftigt, ist in Sachen Entrepreneuship an Hamburgs Hochschulen … nichts passiert. Außer ein “Startup Dock” und ein “Startup Port” in Harburg - u. a. dank üppiger “EXIST”-Mittel des Bundes.

Falsche Prioritäten - fehlgeleitete Mittelverwendung!

Genau das würden die Programmbetreuer der IFB Innovationsstarter GmbH den sich bewerbenden Startups wohl vorhalten - und dann eine Förderung ablehnen. Diese Erkenntnis fehlt dem Senat aber. Für einen Senat mit einem derart hohen Anspruch ist das alles zusammen ein niederschmetterndes Ergebnis. Senat? Geht es nicht ‘ne Nummer kleiner? Die Wirtschaftsförderung ist ja “nur” bei der Wirtschaftsbehörde aufgehängt. Ja, genau. Und dort strampelt sie weitgehend ohne Bodenkontakt vor sich hin.

Wie wir darauf kommen? Schauen Sie sich doch mal an, wie viele Menschen bei “Hamburg-Invest” für Immobilien zuständig sind, und dann wie viele für die Startup-Förderung? (Und ziehen Sie den gern mehrfach verkauften Pressesprecher bitte ab). Ach so?! Das geht trotzdem, meinen Sie, weil es ja die vielen anderen Startup-Beratungs-Förderungs-Vernetzungs- und (nur nicht) Finanzierungs-Dingens gibt? Jaja. Nur sagt “Hamburg-Invest” dazu Folgendes (Zitat, entnommen aus dem unten genannten Artikel):

“Mit der Bündelung unterschiedlicher Services unter dem Dach der Hamburg Invest professionalisieren wir das rasant wachsende Startup-Ökosystem zwischen Elbe und Alster.” (Hervorhebung durch die Redaktion) 

Soso. Wenn das mit der aktuellen Personalzahl der Startup-Unit (1 Leiterin + 1 Aushilfe) bei “Hamburg-Invest” funktioniert, dann kann man die anderen rd. 60 gezählten Akteure wohl in der Tat als unprofessionell bezeichnen (z. B. “Be your pilot”: 11 Team-Mitglieder, “IFB Innovationsstarter”: 11 Finanzierungsprofis, “Ahoi.digital”: 8 Hochschul-Koordinatoren, Handelskammer: 5 Gründungsprofis, “HEI Hamburg”: 4 Gründungsprofis, “IKS Hamburg”: 4 Transferprofis, “DESY Startup Office”: 4 Gründungsberater). Vielleicht sieht man sich deswegen auch nicht als Konkurrenz, wie es in dem Artikel weiter heißt.

Dennoch bleibt es ein Problem das ganzen Senats, da sich auch die Wissenschaftsbehörde nicht mit Ruhm bekleckert: zu wenig Ausgründungen (2018: 14 in Hamburg zu 59 in Lüneburg), zu wenig MINT-Studenten (200 neue zu 1.500 mit “Ahoi digital” geplanten), zu wenig Entrepreneurship-Kurse. Alles im “Deutschen Startup-Monitor” 2019 und 2020 für Hamburg belegt. Wenn in einer Stadt erheblich mehr Lehrstühle für Genderstudies als für Entrepreneurship an den staatlichen Universitäten finanziert werden, wundert es nicht, dass es keine Hamburger Hochschule unter die Top Ten der Gründer-Unis schafft, im Gegensatz zu Bremen ...

Solange universitäre Exzellenz im Elfenbeim-Turm der wissenschaftlichen Unantastbarkeit verharrt, solange werden teure Programme wie “Ahoi digital” erfolglos bleiben - mit allen negativen Konsequenzen für die Stadt. Pro-Tipp: Suchen Sie den Begriff “Ahoi digital” doch mal im aktuellen Koalitionsvertrag. Ist ja ein Programm, was über fünf Jahre aufgelegt wurde.*

Bestimmt konnte man weder bei “Hamburg-Invest” noch bei der Wirtschaftsbehörde Anfang September d. J. ahnen, dass das mit dem “Innovations- und Wachstumsfonds” nach fast fünf Jahren nun doch nichts wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass in einem Interview - nachzulesen auf der Homepage von “Nextmedia Hamburg” - auf die Frage, was den Hamburger Gründungsstandort so besonders macht, folgende Antwort von “Hamburg-Invest” kommt. Zitat:

“Es gibt hier viele mittelständische und familiengeführte Gesellschaften, die unternehmerisch denken und sich als Business Angel für Startups engagieren.” 

Für ein finanzielles Engagement beim Innovations- und Wachstumsfonds reichte die Überzeugungskraft dann wohl doch nicht aus. Das erklärt sicher auch, warum die neueste Idee der "IFB" - das “Hamburger Investorennetzwerk” - erst einmal getagt hat - aber mit einem eigenen Mitarbeiter bei der Förderbank glänzt. Insgeheim hofft man in der Wirtschaftsbehörde an der Wexstrasse jetzt wohl auf den Startup-Fonds des Bundes. Der ist 10 Mrd. Euro schwer, und davon könnte doch in Hamburg was vom Laster fallen.

“Weil wir Hamburg sind” - so lautet der neue Hamburger Werbeclaim. Und der bekommt mit dem aktuellen Wissen aus mehr als einem Dutzend staatlicher Startup-Förderer einen ganz neuen, allerdings eher peinlichen Klang. Denn er ist offensichtlich mehr Schein als Sein. Früher war das in der ehrbaren Kaufmannsstadt mal umgekehrt.

Apropos “Jaja”. Sie wissen was “Jaja” bedeutet? Genau: ‘Klei mi an de Feut!’

*  *  *

 Hanse Digital Investigation: 

HANSEINVESTIGATION:
Startup-Förderung in Hamburg Teil 1 - Wer sagt hier die Unwahrheit?

 Hanse Digital Background: 

* “Ahoi digital” im Koalitionsvertrag (Seite 90): 
hamburg.de/senatsthemen/koalitionsvertrag/

Bericht des Haushaltsausschusses: Nr. 21/12652
buergerschaft-hh.de/

Kleine Anfrage der Bürgerschaft an den Senat: Nr. 21/13117
buergerschaft-hh.de/

Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft: Nr. 21/15571
buergerschaft-hh.de/

Öffentlich zugängliche Information genannter Institutionen:
ahoi.digital/

und weitere Recherchen und mathematisch gelöste Aufgaben. 

 Hanse Digital Recherche: 

HANSEINVESTIGATION:
Der Fuchs im Hühnerstall.

HANSEINVESTIGATION: 
Ein Startup Port für Hamburg.
HANSESTATEMENT: 

Mittwoch, 28. Oktober 2020

HANSEINVESTIGATION: Startup-Förderung in Hamburg - Wer sagt hier die Unwahrheit?

Ein HANSE DIGITAL INVESTIGATIV von
- Landeskorrespondent Gerd Kotoll -

Oder: Die Fehlgeburt des Hamburger Innovations- und Wachstumsfonds. 

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann gibt den Startschuss für "Be your pilot".
Foto: Hamburg Innovation


100 Mio. € für einen Innovationsfonds, der nie kommen wird. Mehr als 50 Mio. € in den vergangenen drei Jahren, die die Stadt für ihre Beratungs- und Förderangebote ausgegeben hat. Dazu fast 60 Mitarbeiter und Experten, die über 1.300 Hamburger Startups im Zweifelsfall ratlos ohne finanzielle Hilfe alleine lassen. Das sind die Fakten des nur noch drittgrößten Startup-Standorts der Republik.

HANSEVALLEY hat die Aussagen von staatlichen Vertretern und die öffentlichen Zahlen und Daten einem erhellenden Faktencheck unterzogen. Ergebnis: Mindestens einer sagt hier die Unwahrheit - und produziert womöglich Hamburger Fakenews. Landeskorrespondent Gerd Kotoll öffnet die Kellertüren von mehr als einem Dutzend staatlich subventionierten Startup-Initiativen - mit erstaunlichen Ergebnissen:

Anfang Oktober 2020, ein Donnerstag-Abend: Via Zoom vermittelt die Wirtschaftsfördergesellschaft “Hamburg-Invest” Einblicke in die Gedankenwelt amerikanischer Investoren, die sich auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert haben und bietet gleichzeitig ausgewählten Startups aus Hamburg eine Präsentationsmöglichkeit. Eine der zentralen Aussagen:

‘Es ist genug Geld im Markt, so viel wie nie zuvor, besonders für Gesundheitsthemen.’

Nur gut eine Woche zuvor, Ende September d. J.: Die zuständige Wirtschaftsbehörde teilt per Pressemeldung in wenigen dürren Sätzen mit, dass der Anfang 2016(!) von der Bürgerschaft beschlossene “Innovations- und Wachstumsfonds” das Licht der Welt niemals erblicken wird. Das “aktuelle wirtschaftliche Umfeld” (seit 2016?, Frage der Redaktion) habe das Fundraising deutlich erschwert. Auch sei vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie die Bereitschaft der Investoren, risikoreiche Investments einzugehen, weiter gesunken. Soso.

Wer sagt hier in Hamburg nicht die Wahrheit?

Ganz anders lesen sich die Erfolgsmeldungen von “Hamburg-Invest”: Diese verkünden allein in den zurückliegenden drei Monaten Investitionen in junge Hamburger Unternehmen mit einem Volumen von über 100 Mio. Euro. Also ziemlich exakt die Summe, die der Hamburger Senat in vier Jahren nicht zusammen bekommen hat. Damit bestätigt sich, dass trotz des “aktuellen wirtschaftlichen Umfelds” und des Bedauerns seitens der Behörde zum gescheiterten Fonds mehr als 100 Mio. Euro nach Hamburg geflossen sind - sogar während der Corona-Pandemie. Wirklich.

Zur Einordnung: “Hamburg-Invest” ist die staatliche Wirtschaftsförderungsgesellschaft in Hamburg und der Wirtschaftsbehörde des Senats direkt unterstellt.

Klappern gehört zum Handwerk - eigentlich ...

Meldungen über erfolgreiche Finanzierungen gehören zu den Aufgaben von Wirtschaftsförderern, ganz klar. Das ist Teil des Standortmarketings - und vielleicht sogar dessen vornehmste Aufgabe. Quasi das Klappern, das zum Handwerk gehört: ‘Seht her, in Hamburg gibt es Geld!’ Welche Botschaft könnte ein Wirtschaftsförderer verkünden, die noch schöner wäre?

Während also ein Teil der Hamburger Wirtschaftsbehörde - trotz wirtschaftlich herausfordernder Zeiten durch Corona - mit hübscher Regelmäßigkeit erfolgreiche Fundings vermeldet, kommt aus dem gegenüberliegenden Häuserblock der gleichen Behörde kleinlaut die Aussage ‘Nö, das klappt aktuell nicht.’ HANSEVALLEY übersetzt das gerne für Sie: ‘Wir kriegen das nicht hin’. Dass heisst auch, dass damit ein Beschluss von Regierungsfraktionen und bürgerlicher Opposition der Hamburger Bürgerschaft nicht umgesetzt wird.

Anders formuliert: ‘Hier gibt es kein Geld!’ ist jetzt die offizielle Hamburger Positionierung. Vermutlich ist den handelnden Personen gar nicht bewusst, welchen Schaden sie jungen, begeisterten Unternehmern, in Hamburg entwickelten Innovationen und dem Startup-Standort anrichten. Stellt sich die Frage, ob sich die Startuphauptstadt (Berlin), die Technologiehauptstadt (München) und die Medienmetropole (Köln) jetzt heimlich ins Fäustchen lachen, dass Hamburg für sie Standort-Marketing betreibt.

Mitzählen und Mitrechnen - versuchen Sie es mal!

Um von dieser Peinlichkeit abzulenken, verweist die besagte Pressemeldung eilig auf andere ‘attraktive Fördermöglichkeiten’ - und zwar aus dem Haus der Investitions- und Förderbank, kurz: IFB. Diese versorgt - als nach eigenen Angaben aktivster Finanzierer der Stadt - innovative und wachstumsträchtige Startups seit 2012 u. a. mit Geld aus dem “Innovationsstarterfonds”. Natürlich nicht zum Nulltarif: So müssen Gründer Anteile ihrer GmbH abgeben. Zusätzlich fließen rund 600.000,- Euro pro Jahr als Honorar an die IFB, pauschal rd. 20% der Fördersumme - u. a. für 11 Mitarbeiter.

Eine Verknüpfung an den Erfolg der Förderung ist damit nicht verbunden. Das erscheint uns doch recht … üppig - und erklärt im Nachhinein auch die so tadellos geputzten Schuhe unseres hauptverantwortlichen Gesprächspartners der Hamburger Förderbank, was seinerzeit so gar nicht zum Schmuddel-Wetter passte. Tja, man hält eben was auf sich. Ganz Hamburg-typisch, den Schein wahren. Mit Verlaub: Hier sind es wohl eher viele Scheine.

Das aktuelle Umfeld: 3 Mio. € Crowdfunding in 300 Min.

Machen wir weiter mit den Zahlen: Ausweislich der eigenen Landingpage hat die IFB mit ihren drei Programmen rund 175 Gründerteams Geld gegeben, seit 2012 rd. 25 Mio. €. Das macht pro Jahr rund 3 Millionen aus. Mmmh. Jaja, das ist Hamburgs aktivster Gründungsfinanzierer... Lesen Sie jetzt oben doch gern nochmal nach, wie viel Investitionskapitial von privater Seite “Hamburg-Invest” für die letzten drei Monate(!) für die Hansestadt veröffentlicht hatte (kleiner Tipp: vorn eine Eins und dann zwei Nullen).

Psst! Das Hamburger Banking-Startup “Tomorrow” warb die Jahresleistung des “Innovationsstarterfonds” i. H. v. 3 Mio. Euro gerade per Crowdfunding allein für sich ein - innerhalb von 300 Minuten! Und, ganz unter uns: Eigentlich wollte man nur 2 Mio. Euro reinholen, aber weil das so gut lief, hat man sich breitschlagen lassen, das Ziel um 50% zu erhöhen. Das muss dieses ‘aktuell wirtschaftliche Umfeld’ und die Corona-Pandemie sein, von der in der Pressemitteilung des Wirtschaftssenators die Rede ist.

Offenbar ist niemandem in Hausleitung, Fachabteilung und Pressestelle der Wirtschaftsbehörde bewusst, dass mit jeder weiteren Finanzierungsmeldung die Aussagen aus der eigenen Pressemitteilung immer weiter ins Absurde abgleiten. Weil es eben auch nur Ausreden sind. Womit die Frage beantwortet wäre, wer in der schönsten Stadt die schönsten Märchen erzählt - aber nicht weitersagen ...

Übrigens, wo wir gerade über Investitionen im Krisenjahr 2020 sprechen: Der BVK - also der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften - bestätigt in seiner aktuellen Statistik, dass es im ersten Halbjahr 2020 zu keinem massiven Einbruch bei Investitionen in innovative Unternehmen gekommen ist. Im Gegenteil zeige sich gerade der Bereich der frühphasigen Beteiligungen unverändert stark. Sieh an, sieh an.

Die (weiteren) “Bruchpiloten” des Hamburger Senats:

Quasi hausintern hat sich eine Konkurrenz aufgebaut, die sich ebenfalls über einen reichen Geldsegen aus dem Hamburger Haushalt freuen durfte (aka: Schein(e) wahren): “Be your pilot”. Hier ist nicht nur die Namensgebung bereits unglücklich, sondern auch die Erfolgsbilanz eher dürftig - mit ganzen 15 “EXIST”-Förderungen von 2019 bis 2020, wie die Protagonisten über Twitter stolz vermelden. Ganz im Gegenteil zum Funding:

Über 10 Mio. Euro hat der Senat hier über fünf Jahre zur Verfügung gestellt für…. ja, für was eigentlich? Laut eigener Homepage wird in vielen Worten die Förderung wissensbasierter (Aus-)Gründungen staatlicher Hamburger Hochschulen gefördert - mit allem, was man meint, heutzutage anbieten zu müssen. Man könnte also verführt sein zu denken, dass es sich hier um innovative Gründungen handeln muss. Ach nee, die werden ja von der IFB gefördert.

Apropos “dürftige Erfolgsbilanz”: Da geht noch was!

Ahoi! Wie bitte? Ja, ahoi! Und zwar digital. Also: “Ahoi digital”. Die Namensgebung ist eine weitere kognitive Herausforderung, bei der es hinterher wieder niemand gewesen sein will, aber sei’s drum, es kommt ja auf die Inhalte an. Und die haben es in sich! Also, sie hätten es in sich haben sollen. Denn die Initiative “Ahoi digital” sollte das Informatik-Profil der vier beteiligten Hamburger Hochschulen schärfen, 35 Professuren schaffen und gut 1.500 zusätzliche Studenten für IT-Fächer gewinnen.

Gute 30 Mio. Euro war das Projekt dem Senat 2017 wert, das die Hafen- und Handelsstadt in die wissenschaftliche Champions League von Data Science & Co. katapultieren sollte. Bis Ende 2019 waren gerade 4 (in Worten: vier) Professoren-Stellen besetzt und keine 200 Studenten hatten sich für die Zukunfts-Wissenschaften mehr eingeschrieben. Bonus-Gag: Werfen Sie gern mal einen Blick auf die Instagram-Seite unter @ahoi_digital. Geht schnell, versprochen. Die ist nämlich leer. Passt irgendwie zu der am 1. Januar 2018 gestarteten Initiative, oder?

Übrigens: Wussten Sie, dass die Wissenschaftsbehörde mit der Handelskammer die “Innovationskontaktstelle” - kurz: IKS - eingerichtet hat und aus EU- und Landesmitteln bezahlt? So ist es die Aufgabe der IKS, Gründer von (staatlichen) Hamburger Hochschulen mit Unternehmen zu vernetzen, sie zu fördern und zu unterstützen - genau jenen Hochschulen von “Ahoi digital”. Laut Gründungsmitteilung von 2011 sollte die IKS die Hansestadt bis 2020 zu einer ‘führenden Innovationsmetropole Europas’ machen. Jaja.

Und, nein, wir fassen uns jetzt nicht an den Kopf, dass es für 105 Mio. € inkl. Bau und Betrieb (davon 95 Mio. Bundesmittel) 
über 2 Gebäude eine weitere Einrichtung dieser Art im neuen Epizentrum der Hamburger High-Tech-Wissenschaften - der 2025 teilweise fertigen “Science City Bahrenfeld” - geben soll. Ganz wichtig: Gründer-Förderung. Und natürlich GründerInnen-Förderung. Dazu wurde (heute) schon mal über 2,5 Stunden der Startschuss online feierlich schöngeredet. Okay, ein kleiner verzweifelter Griff an den Kopf passiert jetzt doch. 

Während die “DESY Innovation Factory” zumindest ein wenig Klang im Namen hat, ist das mit dem “Startup-Port” (nicht zu verwechseln mit dem “Startup-Dock” für Harburg, das ist zwei Türen weiter - also der selbe Betreiber) wieder die eher “Was mit Hafen”-Nummer. Immerhin gab es 3,5 Mio. Euro (in diesem Fall vom Bund) für…. ja, genau, für die Förderung der Startup-Gründung aus der Wissenschaft. Man wünscht sich sogar noch den Austausch mit Wirtschaft und Gesellschaft - und das ganze sogar in der Metropolregion (die aber auch nur bis Wedel und Lüneburg reicht).

Wo wir gerade so schön beim Buddeln sind ...

By the way: Die Anzahl der - vom Bund “EXIST”-geförderten - Gründungen aus allen staatlichen Hamburger Hochschulen wurde in 2018 mit 14 (in Worten: vierzehn) gezählt. Von 2019 auf 2020 sind es laut “Be your pilot” auch nur 15. Von 2012 bis einschließlich 2017 hat die IFB ihrerseits gerade einmal 35 Startups unterstützt - von aktuell gut 1.300 Startups. In gut fünf Jahren. Jaja, Hamburgs aktivster… ach, lassen wir das. Und hinter dem Deich, in der Metropolregion? Wissen Sie, wie viele “EXIST”-Ausgründungen es 2017 an der “Leuphana” in Lüneburg gab? 55. Und 2018? 59. An einer einzigen mittelgroßen Universität.

Hoppla! Hätten Sie es beinahe auch übersehen, das Gründerzentrum der Handelskammer? Auch an dieses können sich Gründer selbstverständlich wenden, werden auch dort natürlich mit dem Ökosystem vernetzt - z. B. mit den Wirtschaftsjunioren der altehrwürdigen Kammer. Die verleihen jährlich den “Hamburger Gründerpreis”, was aber in der Stadt kaum bekannt ist. Diesbezügliche Ähnlichkeiten mit dem umso lauter promoteten Gründer-Preis von Abendblatt und Haspa sind nur rein zufällig. Bestimmt. Nicht.

Jaja, alles klar strukturie ... Nee. Nochmal, so ist’s richtig: So vielfältig ist die Gründerförderung in Hamburg! Jaajaa, denn außerdem gibt es ja auch noch die “H.E.I.” Gründerberatung der staatlichen Bürgschaftsbank und die “TU Tech Innovation” und ihre Schwester “Hamburg Innovation”, die den “Hamburg Innovation Summit” veranstaltet. Ganz ordentlich getrennt in öffentlich finanzierten GmbHs. Dazu kommen diverse privat-wirtschaftliche Initiativen mit ähnlicher Stoßrichtung. Haben Sie damit alles im Blick, also: die ganze (Gründer-)Stadt?

Nicht? Macht nichts. Der Wahlkampf-Slogan ist bei Politik und Verwaltung auch längst im Schredder gelandet. So hat man auch aus der fundierten Kritik, die Anfang März d. J. bei der Vorstellung des 2019er Startup-Monitors vor mehreren hundert Hamburger Jungunternehmern, Förderern und Journalisten vorgebracht wurde, wenig gelernt. Und die 2020er Zahlen manifestieren es: In den relevanten Kennzahlen und Messgrößen ist Hamburg niemals unter den Top 3 - also in der Realität völlig anders, als offenbar in der eigenen Wahrnehmung und den Verlautbarungen des Hamburger Senats.

So schneidet das oben - im Zweifel unvollständig - aufgezählte Ökosystem bei den örtlichen Startups mit der geringsten Zufriedenheit ab; im Vergleich finden in keiner anderen Metropole Startups die Unterstützung so schwach wie in Hamburg. Und: Der Anteil derer, die dazu nichts sagen können oder wollen und deshalb “neutral” angekreuzt haben, macht fast die Hälfte der befragten Gründer aus. Übrigens war ”Hamburg-Invest” Mit-Gastgeber der Vorstellung des Startup-Monitors im Frühjahr d. J. ... Jaja.

Damit kommen wir zu einer kleinen Bitte an Sie: Merken Sie sich bitte die genannten Zahlen und Fakten - für den Schnack mit Ihren Freunden - und für unseren zweiten Teil. Da fragen wir sie nochmal ab. Stichwort: Hefte raus, Mathe-Klausur auf HANSEVALLEY. Das meinen wir ernst!

Wie viele Mitarbeiter durch die Subventionen von Startup-, Beratungs-, Ausgründungs-, Transfer- und Finanzierungs-Institutionen in Hamburg ihr Lohn und Brot aktuell verdienen, wie sich eine der staatlichen Einrichtungen mit ganzen 1,5 Mitarbeitenden selbst zum Mittelpunkt des Startup-Universums kürt und warum der “Innovations- und Wachstumsfonds” wirklich geplatzt ist - und platzen musste.

Lesen Sie hier, wer in Hamburg noch die Unwahrheit sagt:


NACHTRAG


Per Vibrationsalarm meldet sich am Montag, den 2. November ‘20 gegen 17.00 Uhr das Handy, dass es einen neuen, einen ersten Instagram-Beitrag gibt. Und zwar auf dem Account von @ahoi_digital. Ist das bemerkenswert? An sich ... nicht. 


Nachdem wir am Freitag-Mittag zuvor per HANSELETTER über die Fehlgeburt des Innovations- und Wachstumsfonds (nach über vier Jahren in den Wehen), aber äußerst ineffiziente und wirkungsarme Mittelzuwendungen u. a. bei “Ahoi digital” berichtet haben, kommt nun also das erste Bildchen bei Instagram. 


Origami-Giraffen statt 35 Informatik-Professuren und 1.500 -Studenten?
Quelle: Instagram @ahoi_digital

Die bisherige inhaltliche Leere hatten wir dankbar mit dem verwaisten Instagram-Account von @ahoi_digital versinnbildlichen können. Damit Sie nicht erst zu Instagram wechseln müssen: Das besagte Bildchen zum Thema Informatik an den staatlichen Hamburger Hochschulen zeigt … eine Origami-Papier-Giraffe (s. o.). 


Das scheint irgendwie Informatik zu sein, findet man bei “Ahoi digital”. Wir können unsererseits feststellen: HANSEVALLEY wird nicht nur gelesen, man reagiert auch ganz hektisch darauf und fühlt sich womöglich ein klitzekleines Bisschen aus dem Tiefschlaf gerissen. Und sei es nur bei den eigenen, beispielhaften Social Media-Aktivitäten. Na dann ... 


*  *  *
 Hanse Digital Investigativ: 

HANSEINVESTIGATION:
Startup-Förderung in Hamburg Teil 2 - Die Stunde der Wahrheit!

 Hanse Digital Background: 

* “Ahoi digital” im Koalitionsvertrag (Seite 90): 
hamburg.de/senatsthemen/koalitionsvertrag/

Bericht des Haushaltsausschusses: Nr. 21/12652
buergerschaft-hh.de/

Kleine Anfrage der Bürgerschaft an den Senat: Nr. 21/13117
buergerschaft-hh.de/

Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft: Nr. 21/15571
buergerschaft-hh.de/

Öffentlich zugängliche Information genannter Institutionen:
ahoi.digital/

und weitere Recherchen und mathematisch gelöste Aufgaben. 

 Hanse Digital Recherche:

HANSEINVESTIGATION:
Der Fuchs im Hühnerstall.

HANSEINVESTIGATION: 
Ein Startup Port für Hamburg.
HANSESTATEMENT: 

Donnerstag, 6. Juni 2019

HANSESTATEMENT: Hamburg Innovation, Hamburg Future, Hamburg What?

 Hamburg Digital Statement 
* Update 6. Juni 2019 *


Hamburg Innovation Awards 2019 - es war zu schön, um wahr zu sein.
Foto: HANSEVALLEY

1.500 Besucher bei Konferenz, Ausstellung und Networking. Ein Award (fast) ohne die üblichen Verdächtigen. Dazu eine ganze Serie an Senatoren, Staatsräten, Startups, echten und beinahe Innovatoren: Der Hamburg Innovation Summit 2019 war ein echtes Highlight, was Hamburg an Innovationen, Zukunftsfähigkeit und ... Subventionen zu bieten hat. Ein Hamburg Digital Statement ohne politische Schlussredaktion: 

Es ist eine kleine wenn auch ungewollte Sensation: Die Freie und Hansestadt bekommt eine neue Innovationsstrategie - verkündete eine sich gern im eigenen Licht sonnende Moderatorin bei den "Hamburg Innovation Awards" des "Hamburg Innovation Summit" von "Hamburg Innovation". Das nach der Sommerpause zu erwartende Update "Hamburg 4.1" ist eine gute Gelegenheit, mal wieder hinter das verschlossene Tor der innovativen "Hammaburg" zu schauen.

Da wir generell publizistisch nur noch hamburgisch-bescheiden kleinere Ungereimtheiten erwähnen wollen, stellt sich bei allem Respekt für Peter Tschentscher die eine, kleine Frage: Welche Partei wollte bei den Bürgerschaftswahlen im kommenden Frühjahr gleich noch die Vorherrschaft im Rathaus behalten? Richtig! Womit die Frage nach Sinn oder Unsinn einer neuen "Hamburg Innovation Strategie" fast schon beantwortet sein dürfte.

Hamburg Innovation Summit: Leider nur die halbe Stadt ...

Nun haben sich die Genossen an Alster und Elbe bekanntermaßen dazu verpflichtet, "gut zu regieren" (Danke, Olaf! Aber glaubste wirklich, Kanzler zu werden?). Leider haben wir - trotz unserer Selbstverpflichtung lieb zu sein -, doch noch ein paar klitzekleine Stecknadeln im Heuhaufen gefunden: Der dank externem Know-how rundherum professionell organisierte "Hamburg Innovation Summit" hatte leider einen winzigen Schönheitsfehler (wir wollen ja nicht die dicken Fische servieren): 


Finanzierten die Subventions-Show: HHIS 2019
Foto: HANSEVALLEY

Es war nach einem langen und interessanten Tag unterm Strich doch (noch) nur ein "Subventions-Stadl" der Wirtschaftsbehörde BWVI - ohne das KI-Know how der ISM, ohne das Logistik-Know how der KLU, ohne das Drohnen-Know how der NBS, ohne das CAPTA-Know der Nordakademie und ohne das Innovations-Potenzial des "SQUARE HSBA Innovation Hubs". An dieser Stelle darf man ins Grübeln kommen, nach welchen Kriterien die Wirtschaftsbehörde Innovationen treibt, Fördermittel verteilt oder Förderanträge nicht bearbeitet ... (ja, wir wissen davon).

Hamburg Innovation: Wer will nochmal, wer hat noch nicht ...

Allgemein bekannt ist rund um Binnen- und Außenalster: Wer brav nickt und sich zu Foto-, Fernseh- und Feierstundenterminen nett anzieht und die senatseigenen Lobpreisungen auf die innovative Politik des - genau - eigenen Senats fehlerfrei und ohne nachzudenken mitsingt, hat gute Chancen auf 50.000,- € oder auch mal 100.000,- € frischer Briese aus der Fördergieskanne. So weit, so innovativ, so fast schon förderwürdig.

Berühmte wie berüchtigte Protagonisten - z. B. die Next Acceleratoren - kassierten die 100.000,- € auch gern dreimal ab - weil dreimal suuuuuper innovativ, eigenständig und zukunftsweisend. Schon klar bei einem Copycat-System! All' jene Subsventionsritter und jene, die noch mal einen kräftigen Schluck aus der Pulle wollen, traf man fast geschlossen in der Altonaer Fischauktionshalle zum "Hamburg Subentventions Summit" - pardon - "Hamburg Innovation Something". Wie konnte uns das nur rausrutschen...?


Pausenfüller auf der OMR: Future Hamburg Awards '19
Foto: HANSEVALLEY

Innovation ./. Future: Hamburger Geschwister-Liebe?!

Genug der Frotzeleien über einen gelungenen Event mit Senatoren, mit Staatsräten und mit Subventionsrittern aus Hamburg, Harburg und drumherum. Eine fast unbedeutende Frage lies der so harmonische Summit jedoch offen: Warum veranstaltete die zur BWVI gehörende Wirtschaftsförderung "Hamburg Invest" gerade einmal zwei Wochen vor dem "Hamburg Innovation Award" einen "Future Hamburg Award" - getarnt als Pausenfüller auf einer völlig überdimensionierten "Deep Dive"-Bühne der "Online Marketing Rockstars"? 

Ok, "Hamburg Innovation" zeigt das Beste aus Hamburg - z. B. Startups in der Ideen-, Gründungs- und Wachstumsphase. "Future Hamburg" zeigt das Beste aus Hamburg und der Welt - z. B. Startups in der Ideen-, Gründungs- und Wachstumsphase. Merkt Ihr selbst, oder? Wir haben uns tatsächlich nochmal getraut, (wirklich liebevoll) nachzufragen. Und siehe da - es war uns eine wahre Freude, zuzuhören:

Roter Filz, schwarzer Filz, Filz ist für (fast) alle da ...

Wie, "Hamburg Innovation" und "Hamburg Invest" konnten sich nicht auf ein gemeinsames Event einigen? Wie, "Hamburg Invest" wollte unbedingt ein öffentlich-rechtliches Extra-Löckchen drehen? Oh, die genannten und von der BWVI mit-/finanzierten Institutionen in Harburg und Hamburg sind sich "spinnefeind"? Dabei hatten wir so sehr gehofft, keinen Dreck mehr unterm Teppich zu finden...


Startup-Finalisten der Hamburg Innovation Awards
Foto: HANSEVALLEY

Dass unter dem (zum Geizpreis geschossenen) hanseatischen Perser regelmäßig Dreck und rote wie schwarze Filzreste zu finden sind, ist nicht wirklich neu. Dass der Teppich deswegen mittlerweile schon ausbeult, schon! Naturgemäß weckt das unsere journalistische Neugier: Durchlüften, Durchsaugen und die Dinge (sprich: die Verantwortlichen) beim Namen nennen - das ist leider unsere Aufgabe. Upsi!

"Be Your Pilot": Willkommen im Subventions-Club!

Es ist wirklich schade, dass trotz aller Bemühungen für eine gemeinsame Innovationsplattform der - mit Steuermitteln auch schon mal großzügigen - TU Tech-Tochter "Hamburg Innovation"  doch noch "Zickenalarm" im Stadl ausbrach. Oder wie kann man die Extra-Tour der "Future Hamburg"-Fraktion aus der Wexstraße sonst begründen? Von einer chaotisch wirkenden Pressearbeit abgesehen. Vielleicht haben wir aber auch nur etwas Entscheidendes übersehen, kann ja theoretisch sein...?

Zurück in die nicht wirklich von Neuheiten überflutete Fischauktionshalle: Unsere besondere Aufmerksamkeit galt den jüngsten Subventionsrittern im Club - der Abteilung "Be Your Pilot". Frisch ausgestattet mit 10 Mio. € - in Worten: zehn Millionen Euro - Fördermitteln für die kommenden 5 Jahre, feierten sich die Technologietransfer- und Startup-Berater von DESY, HAW Hamburg, TU Harburg und Uni Hamburg an der hauseigenen "Hamburg Innovation Bar" gleich mal selbst.

Überklebte Bierflaschen? Ist nicht Euer Ernst, oder?


Von der Uni hintern Tresen: Be Your Pilot
Foto: HANSEVALLEY
Mit dabei: Exklusiv gelabelte Bierpullen, exklusiv gelabelte Chipstüten und exklusiv gelabelte Bierdeckel (wenn schon keine gründungswilligen Studenten freiwillig vorbeikommen). Man hat's ja - also kann man auch zeigen, dass man richtig auf die Sahne hauen kann. Das erinnert ein wenig an das Linux-Wirtschaftscluster der Technologiestiftung Berlin (heute "Berlin Partner"). 

Die Spree-Athener Subventionsritter schafften es doch glatt, im 1. Jahr des Clusters 50% der Fördermittel (von schlappen 500.000,- €) in einem Flaggschiffstand auf der Cebit zu versenken, sagt man. Daran sollte sich "Be Your Pilot" mal ein Vorbild nehmen. Berliner beweisen halt immer wieder: "Wenn, dann richtig..." (Nicht wahr, Herr Mahn?). Nicht diese kleinkarierte Provinzmentalität mit überklebten Bierflaschen. 

Das große Zittern hat begonnen: Wer die Wahl hat, ...

Zurück in die (beinahe immer) schönste Stadt der Welt: Die Grünen haben bei der Bezirkswahl in 4 der 7 Bezirke die Mehrheit eingefahren. Mutti Katharina (die künftig "Erste") verteilt auf dem "Hamburg Innovation Summit" - und überall an Alster und Elbe - Streicheleinheiten für die durch G20-Krawalle und verschwundenen Olaf geschundene Hanseaten-Seele. Die CDU hat mit Carsten Ovens gerade ihren einzigen Digitalpolitiker mit Grips im Köpfchen politisch kaltgestellt - und sabbelt was von Nachhaltigkeit. 


Darf beim Kuscheln nicht fehlen: Mutti Katharina Fegebank
Foto: HANSEVALLEY

Und die Sozialdemokraten? Sie hoffen und bangen in Hamburg, bei der kommenden Bürgerschaftswahl nicht mit dem SPD-Bundestrend von 12% in den Abgrund gerissen zu werden - wer auch immer dann Partei- oder Fraktionschef in Berlin ist. In einer Zeit der "Unsicherheit" hat es auch unser Hamburger "Subventions-Stadl" nicht leicht: Wer folgt auf Michael Westhagemann? Welche Linie wird der neue (grüne? gelbe?) Staatsrat für Innovation ausrufen? Und wie können die nimmersatten Freunde aus Hamburg und Harburg ihre Pfründe sichern? 

Fortsetzung folgt - spätestens beim großen "Futtertrog"-Rücken. Wir freuen uns schon auf neue Innovationen, neue Subventionen und natürlich jede Menge Future, wenn es die dann noch gibt ...

*  *  *


Hamburg Innovation Summit@YouTube:

 Hamburg Digital Background: 

HANSESTATEMENT:
"Future Hamburg" - ein büschen gestern ... noch morgen.
hansevalley.de/2018/04/hansestatement-future-hamburg.html

HANSEINVESTIGATION:
Die millionenschwere Steuerverschwendung an der Süder-Elbe - Teil 2: Ein Startup Port für Hamburg.

HANSEMARKETING:
Sei Digital. Sei Erfolgreich. Sei Hamburg.
hansevalley.de/2017/01/hansemarketing-welcome-to-hamburg.html

Sonntag, 22. April 2018

HANSESTATEMENT: Hamburg - die Möchtegern-Hauptstadt der Besitzstandswahrer

Ein HAMBURG DIGITAL STATEMENT von
Herausgeber + Chefredakteur Thomas Keup

Es gibt die "Bewegenden" - und es gibt die "Bewahrer". So einfach kann man das Engagement in Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Verwaltung in Hamburg zusammenfassen. In der über 800-jährigen Tradition von Hafen und Handel sind die Besitzstandswahrer in Netzwerken, Verwaltungen und politischer Kaste erneut in der Überzahl.


Seit mehr als 1,5 Jahren für die Digitalisierung in Hamburg unterwegs:
Herausgeber und Chefredakteur Thomas Keup
Foto: Huawei

In digitalen Zeiten von Kulturwandel, Automatisierung und Erneuerung entwickeln sich die "Bewahrer" zu "Blockierern". Es wird Zeit, dass die Engagierten und die Ehrlichen das Ruder an Alster und Elbe übernehmen - und die kleinen "König*innen" aus PR-Branche und Onlinemarketing, Hafenwirtschaft und Logistiksektor auf ihre Bedeutung begrenzt werden. Ein Hamburg Digital Statement:

Mittwoch, 11.00 Uhr, auf der Halskestraße am DUSS-Terminal: Wirtschaftssenator Frank Horch überreicht Brummifahrern Franzbrötchen und eine "Logistikhelden"-Karte als Dankeschön. Die zum 3. Mal von der Logistik-Initiative mit Verkehrsbehörde, Speditionsverbänden und Handelskammer veranstaltete Aktion mit 7.000 Zimtschnecken, 64 Unternehmen an knapp einem Dutzend Orten zeigt, wie Hamburg tickt: Die mit rd. 400.000 Beschäftigten dominierende Logistikbranche in der Region feiert ... sich selbst.

So lobenswert Anerkennung und Wertschätzung für den Knochenjob sind: die über 80% osteuropäischen Fahrer mit 40.000 täglichen Fahrten in und rund um den Hafen haben die Aktion oft gar nicht nachvollziehen können. 'Logistikwas? Ok, Plundergebäck for free? Nehm' ich!' Dahinter verbergen sich eine Reihe von Fragen, z. B.: Wieviel Prozent der Trucker haben die aufmunternden Worte des Hafensenators verstanden? Welchen Sinn macht es, einmal im Jahr prekär beschäftigte Fahrer aus der Ukraine zu ehren? und: Was hat Hamburg mit künftig selbstfahrenden Trucks davon?

50 Grußworte und Ehrungen von Senatoren und Staatsräten jede Woche

In kaum einer anderen Stadt finden so viele Empfänge und Ehrungen statt, wie in Hamburg - allein 47 in der kommenden Woche, zeigt der Terminkalender der Senatoren und Staatsräte für die Presse. Wenn man im Jahr für Nachrichten, Magazinbeiträge und Interviews mehr als 400 Termine vor Ort wahrnimmt, fragt man sich: Was soll das? Mit etwas Abstand und Blick auf den Berliner Tiergarten bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Eine Stadt, die ansonsten keine Probleme zu haben scheint, beschäftigt sich mit sich selbst - und mit Ehrenkränzen, wenn man schon keine Orden hat.

Man kann einem erkenntnisstarken Innovationssenator, einem überzeugten Mediensenator, einer engagierten Wissenschaftssenatorin und einem bemühten Schulsenator keinen Vorwurf machen. Als Präsides ihrer Behörden müssen sie die ganze Bandbreite der Interessen ihres Bereichs adressieren und berücksichtigen. Spätestens bei den Staatsräten hört die Repräsentationspflicht jedoch auf, ist die Schonzeit vorbei und fängt die Kernerarbeit für die Zukunft der Freien und Hansestadt an. 

Hamburgische Förderpolitik: Inhaltsfrei und ganz viel Spaß dabei

Fehlende Impulse der Staatsräte für ihre Ämter (z. B. in BWVI und BWFG) sind der Anfang vom Ende der Stadt. Gebrochene Versprechen (z. B. im MOVE-Projekt) und chronische Unterfinanzierung (z. B. beim Logistik-Hub) sind der Anfang vom Ende für Rot-Grün. Dauerhafte Subventionsritter und unprofessionelle Umwelt/-Pressesprecher bringen die Provinzialität kleinstädtischer Amateure ans Tageslicht. Desto länger und fokussierter ich als (kritischer) Journalist auf die Scheinaktionen schaue, desto trauriger werde ich.

Das Dilemma Hamburgsicher Selbstbeschäftigung zeigt sich in der Förderung von politisch gewollten, inhaltlichen jedoch z. T. überholten und nicht selten sinnbefreiten Initiativen - von Wirtschafts- bis Standortförderung, von Hochschul- bis Startupförderung. Da verteilt die Stadt neben Riesenetats für eine unproduktive und auch noch unprofessionell auftretende Beratertruppe von Ernst & Young gern mal 50- bis 100.000,- € Tickets als "Schmerzlinderung". Dazu ein paar einfache Fragen, die sich jede*r beantworten kann:
  • Wird ein futuristischer - als "kraftvoll" angepriesener - Messestand von Hamburg Invest auf der Hannover Messe 2018 als simple "Sammeladresse" von DESY und EXFEL, von LZN und ZAL, von HAW und TUHH sowie von Hamburg Innovation und Hamburg Invest irgendeine Strahlkraft auf den mittelmäßigen Wissenschaftsstandort Hamburg besitzen? Dazu die Selbstdarstellung bei der HIW.
  • Kann eine über Behördengrenzen so gut wie unbekannte Startup-Unit bei Hamburg Invest mit aktuell einer Mitarbeiterin und im kommenden Jahr bis zu 3! stolzen Mitarbeiter*innen, mit monatlicher Sprechstunde und einzelnen Konferenzbesuchen irgendeine Wirkung für den abgehangenen Startupstandort Hamburg erzielen? Dazu die Selbstdarstellung bei der HIW
  • Darf ein von Anfang an äußerst sinnvoller, jedoch chronisch unterfinanzierter, von den städtischen Hafenplayern HHLA und HPA bis heute wirtschaftlich im Stich gelassener Digital Hub Logistics Hamburg irgendwelche Innovationen hervorbringen, außer ein subventionierter Coworking-Space für vereinzelte Startups zu sein? Eine Selbstdarstellung gibt es bei der LIHH.
  • Kann eine fast pleite gegangene, bis heute verschwenderische und von Subventionen abhängige Transfergesellschaft TuTech mit ihren Anhängseln Hamburg Innovation und Startup Dock irgendeinen Impuls für mehr als zwei Hände voll Ausgründungen aus allen staatlichen Hamburger Hochschulen hinaus bieten? Die Fakten bei HANSEINVESTIGATION.
Wer nicht auf Grund wohlwollender Fördermittel aka "Schweigegeld" blauäugig durch die Stadt geht, kann zu dem Ergebnis kommen, dass in der Wirtschafts- und Innovationspolitik die größten Hits der 70er, 80er und 90er fortleben. Angesichts der Anstrengungen der "Startup-Hauptstadt" Berlin (Hamburg war nach der KFW-Studie nie "Startupmetropole"), der Technologie-Hauptstadt München, dem Daten-Zentrum Karlsruhe und der Security-Hochburg Darmstadt macht Hamburg im Zweifelsfall als Letzter das Licht aus.

Wollte die BWFG die Informatik eigentlich zusammenstreichen?

Millionenschwere Subventionszahlungen an die TU werden aus einer mittelgroßen Hochschule mit mittelmäßigen Perspektiven im Harburger Wohngebiet sicherlich keine Exzellenz-Hochschule nach Münchener oder Berliner Vorbild werden lassen. Auch wenn eine Informatik-Initiative "Ahoi Digital" der richtige Schritt ist (was nur durch einen überraschend argumentierenden Wissenschaftsrat möglich war) - der Dampfer in Richtung Wissenschaftsmetropole hat abgelegt - und fährt nicht 100 km Elbe aufwärts nach Hamburg.

In einem Gespräch für ein Hamburg Digital Interview bringt der Digitalunternehmer Peter Schmid von WLW in dieser Woche auf den Punkt: Hamburg hat mit der Elbphilharmonie einen internationalen Leuchtturm für Tourismus bekommen. Der Leiter der Landesfachkommission Internet & Digitale Wirtschaft im Wirtschaftsrat fordert: Hamburg braucht einen Leuchtturm für die digitale Entwicklung - inkl. Bildung und Wissenschaft, Fachkräften und Wirtschaft, Infrastruktur und der Hamburger Bürgerschaft. 

Mittelmaß in der Wirtschaftsstruktur, Mittelmaß in der Dynamik.

Ja, Hamburg ist laut Institut der Deutschen Wirtschaft Nr. 3 der digitalsten Städte und Kreise Deutschlands - nach Köln & Stuttgart und vor Berlin & München. Verantwortlich dafür sind 1. die Glasfaser-Infrastruktur und 2. der Grad der Digitalisierung in der Wirtschaft. Punkt Eins berücksichtigt die 71%-ige Versorgung der Privathaushalte. Hafenunternehmen dürfen ihren Mitarbeitern noch immer USB-Sticks mit nach Hause geben... Und Zweitens: Die Digitalisierung bei Otto, Haspa oder Jungheinrich hat sicher nichts mit Impulsen der Wirtschaftspolitik zu tun.

Wenn man das Regional-Ranking 2017 der 401 Städte und Kreise Deutschlands liest, kommt man zu diesem Ergebnis: Aktuelle Wirtschaftsstruktur? Hamburg auf Platz 18. Auf den forderen Plätzen: München und Starnberg, Frankfurt und der Main-Taunus-Kreis. Dynamik in der Entwicklung? Hamburg auf Platz 108. Vorn weg: der Burgenlandkreis, der Landkreis Dahme-Spreewald und Darmstadt. Zum Mitschreiben: Dahme-Spreewald mit dem Regionalflughafen Berlin-Schönefeld und der kleinen (aber feinen) TH Wildau, die ich viele Jahre unterstützen durfte. Sorry, aber das ist peinlich - für Hamburg.

Die Freie und Wirtschaftsmetropole geht den Weg des HSV.

Es gibt Menschen in Hamburg, die sorgen sich angesichts des Abstiegs in die Mittelklasse um unsere Stadt. Dazu gehört die Unternehmensberaterin und Deutsch-Israelische Netzwerkerin Andrea Frahm, der Wirtschaftsförderer und Hamburg@work-Macher Uwe Jens Neumann, der Business Developer und 12min.me-Gründer Oliver Rößling, der Geschäftsführer und HSBA-Macher Dr. Uve Samuels und der Wissenschaftler und HWWI-Direktor Prof. Henning Vöpel. Sie alle sehen, wie an Rathausmarkt und Adolpshplatz die alten Gefechte gefochten und ansonsten der Kopf in den Sand gesteckt wird.

Und was machen die "Besitzstandwahrer*innen", um sich vor den "Revoluzzern" zu schützen? Sie schreiben justiziable Briefe, führen hinterlistige Telefonate, ignorieren Presseanfragen, lästern hinterrücks und verabreden Ausgrenzung. Man kann gar nicht so blind sein, um die selbstentlarvenden Aktivitäten nicht mitzubekommen. Wie hilflos und dümmlich wirken derartie Sandkastenspiele angesichts der Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft. Mauermentalität hat mit Stolz nichts zu tun - das ist arrogant und erbärmlich.

Hamburg wird weiter abrutschen und verlieren, wenn die ewig Gestrigen aus einer abgewanderten Medienbranche, einer vollautomatisierten Marketingindustrie, einer konsolidierten Handelssparte, einer rückwärts gewandten Logistikbranche und einer schrumpfenden Finanzwirtschaft sich weiter mit Medaillen und Franzbrötchen selbst feiern. Es wäre nich das erste Mal, das ein "Königreich" dem Untergang geweiht wäre - der König is' ja schon weg. Ein Untergang mit gerümpfter Nase, in dunkelblauem Zweireiher und goldenen Manschettenknöpfen. Man gönnt sich ja sonst nichts ...

*  *  *

 Hamburg Digital Background: 

Wirtschaftsrat: Hamburgs Digitalwirtschaft verpasst nationalen Anschluss:
www.wirtschaftsrat.de/wirtschaftsrat.nsf/id/4A81E6BD8B41C27AC1258272004F2BC9/$file/WR%20HH_Digitalwirtschaft%20in%20Hamburg.pdf

IW Consult: Hamburg im Regional-Ranking auf dem Weg in die Mittelmäßigkeit:
www.iwconsult.de/leistungen-themen/branchen-und-regionen/staedteranking-2017/

Abendblatt: Wirtschaftsrat warnt vor digitalem Abstieg Hamburgs:
www.abendblatt.de/hamburg/article214070779/Wirtschaftsrat-warnt-vor-digitalem-Abstieg-Hamburgs.html

 Hamburg Digital Views: 
  
HANSERANKING: Die Tops + Flops der Hamburger Wirtschaft:

HANSESTATEMENT: Peter's Hamburg - Hafenfolklore oder Hightechmetropole?

HANSESTATEMENT: Dorothee Bär - die richtige Frau zur richtigen Zeit:

Sonntag, 18. Februar 2018

HANSEINVESTIGATION: "Startup Dock sehe ich als notwendiges Übel".


HAMBURG DIGITAL RECHERCHE

Rd. 16,- € pro Quadratmeter für ein Startupbüro in Harburg hinterm Fußgängertunnel. Rd. 80,- € pro Monat für eine Internetleitung ohne Flatrate, Ex-McKinsey-Berater als Studentenjobber in der Startupberatung mit zweifelhaften Leistungen nach der Förderung: Was Hamburgs "Startup Dock" für Hochschulgründungen im 4,5 Mio. € teuren "Innovation Campus Green Technology" liefert, scheint alles andere als vorbildlich. Ein "abgedockter" Gründer spricht Klartext, wie es hinter den Kulissen der Startupberatung der Technischen Universität in Harburg zugeht. Eine Hamburg Digital Recherche:


"Wenn Du aus der TU kommst, kommst Du gar nicht daran vorbei." Mit einem einfachen Satz bringt der Hamburger Startupgründer auf den Punkt, was das "Startup Dock" in der Harburger Schloßstraße ist: ein Monopol für Fördermittelanträge, wenn es um "Exist" mit Gründerstipendium und Forschungstransferförderung sowie um das - unabhängig von "Startup Dock" erfolgreiche - Innorampup-Programm der Förderbank IFB geht. "Im Anträge schreiben sind sie gut", fasst der Techi im Recherchegespräch seine Erfahrungen zusammen.

Echte Hilfe? "Wenn Du da sitzt, verweisen sie dich."

Was mit Bierdeckeln, Kugelschreibern, Jutebeuteln und dem rauf und runter bestellten Werbemittelkatalog beginnt, hat nach der Bewilligung der Fördermittel ein jähes Ende. Dann hat das "Startup Dock" sein Geld verdient - mit Fördermittelbeantragung und Startuphosting im luxussanierten "TuTech Haus" unweit des Harburger Hafens. Auf die Frage, was "Startup Dock" Jungunternehmen zu bieten hat, bekommen wir eine klare Aussage: "Alles, bis Du Exist hast." Von da an gehts "bergab" mit Beratung und Betreuung. Der Informant bringt auf den Punkt: "In der Vorgründungsphase helfen Sie Dir. Wenn Du dann da sitzt, verweisen sie Dich."


Verantwortlicher Leiter des "Startup Dock": Christian Salzmann
Foto: Startup Dock

Mentoring-Angebot? "Gibt es in diesem Kontext nicht."

Der Nachwuchsunternehmer bescheinigt den Beratern des "Startup Dock" viel Engagement, Studenten anzusprechen, sie an Gründungen heranzuführen und die Antragstellung zu erledigen. Konkrete Empfehlungen für Mentoring z. B. in den wichtigen Bereichen Vertrieb oder Steuern? "Gibt es so in diesem Kontext nicht." Unser Gesprächspartner nennt als Gegenbeispiel das Mentoringprogramm der Familienunternehmer, betreut von einem Hamburger Startupnetzwerk. Die Unterschiede klingen wie Tag und Nacht.

Startup-Support? "Sie haben sich stets redlich bemüht."

'Sie haben sich stets redlich bemüht', werfen wir als Beurteilungsvorschlag in den Ring. Der junge Geschäftsmann bestätigt: "So ein Zeugnis würde ich Ihnen ausstellen." Wenn das Jahr Förderung vorbei ist, wird's zudem richtig teuer: Wie in der Hamburg Digital Recherche unter dem Titel "Die Startup-Abzocke von Harburg" vorgestellt, kassiert der Verbund aus TechTech Innovation und "Startup Dock" von Jungmietern nach der Förderung als unverschämt geltende 16,- € pro Quadratmeter, lässt sich über einen Anteil i. H. v. 25% der Mietfläche Klos, Kaffeeküche und Kuschelecke mitfinanzieren. 16,- € pro Quadratmeter warm - hinterm Fußgängertunnel, 14 km von der Hamburger Innenstadt entfernt.


Das TuTech-Haus mit dem "Startup Dock" in Harburg.
Foto: Eigenwerbung TuTech

Internet-Flatrate? 'Die Leute sollen hier ja arbeiten.'

Wären überhöhte Mieten das einzige Übel, hätte der "abgedockte" Ex-Kunde des "Startup Dock" in den sauren Apfel gebissen, wenn sich die Vermieter nicht als äußerst unflexibel zu erkennen gegeben hätten: Für rd. 80,- € im Monat wollten die Startupförderer ein 300 GB-Internetpaket verkaufen - an ein Tech-Startup, das Software in Produktentwicklung und Vermarktung komplett in der Cloud nutzt. Jedes weitere GB wird extra abgerechnet. Die Erwiderung auf den Wunsch nach einer Internetflatrate lautete sinngemäß: 'Die Leute sollen hier ja arbeiten, und nich YouTube gucken'.

300 GB?: "Für das normale Arbeiten sollte das reichen."

Unser Gründer glaubte seinen Ohren nicht. Auf Nachfrage legte der Mitarbeiter des "Startup Dock" noch eine Schippe nach: "Für das normale Arbeiten sollte das reichen." Hintergrund für die "Internet-Abzocke" ist eine überteuerte, individuell abgerechnete Standleitung, die man sich Ende der neunziger Jahre aufschwatzen lassen hat. Eine 2. Leitung mit der Möglichkeit günstiger Flatrates wurde immer wieder versprochen, jedoch nie gehalten. Für Startups, die nach ihrer Förderung als Mieter im Luxus-Bau in Harburg bleiben, eine unglaublich teure Angelegenheit.

Telefon-Gebühren? Keine verbindlichen Informationen.

Überzogene Mietkosten, überteuerte Internetleitung - doch das ist nicht alles, was man im "Startup Dock" für Jungunternehmen zu bieten hat: Was in Sachen Internet recht ist, ist in der Telefonie nur billig; Auf Nachfrage konnten die Mitarbeiter keine Preise für die minutenweise abgerechneten Telefonkosten mitteilen. Für erforderliche Telefonate zu Mitarbeitergewinnung und Kundenakquise eine unglaubliche Geschichte. Seitens des "Startup Dock" und der verantwortlichen TuTech Innovation wurde trotz IT-Personal über Jahre hinweg keine Lösung im Interesse der Startups umgesetzt.


TuTech: Neue Möbel, altes Problem - überteuerte Internetleitungen.
Pressefoto: TU Harburg/Startup Dock

Startup-Beratung: Auch schon mal 2 Monate vergangen.

Bleibt die Frage nach der Betreuung durch die beim "Startup Dock" oder bei der TU angestellten Startupconsultants. Das durch Landes-, Bundes- und Europamittel finanzierte Projekt rühmt sich online, 'Existenzgründer und technologieorientierte Startups während des erfolgreichen Unternehmensaufbaus zu fördern', u. a. durch Beratung und Coaching. Die Praxis sieht etwas anders aus: In der Antragsphase hat sich unser Interviewpartner 2 bis 3 mal in 14 Tagen getroffen, manchmal war der Kontakt auch häufiger. Außerhalb vergingen auch schon mal 2 Monate zwischen den Gesprächen.

Schaut man sich die Personalseite des "Startup Dock" an, stellt man fest, dass allein 4 Köpfe in der Leitung sitzen, 3 Leute fürs Trommeln mit Marketing, PR und Event zuständig sind und lediglich 3 Consultants und 1 Academy-Leiter inhaltliche Arbeit leisten. Der Rest sind Finanzmanager, Hilfskräfte und ein gern vorgezeigter Bürohund. Fragt sich der Beobachter, ob die von Insidern als zweifelhaft bewerteten Leistungen eine qualifizierte Rechtfertigung für ein 10 Mio. € teures Startup-Portal mit angeschlossener Gründerberatung names "Beyourpilot" sind - oder doch nur ein "notwendiges Übel".

 Hamburg Digital Background: 

HANSESTATEMENT:
Steuerverschwendung "Beyourpilot" - 10 Millionen Euro für was?

HANSINVESTIGATION:
Die Startup-Abzocke von Harburg.

HANSESTATEMENT:
Von Harburger Subventiontsrittern zur hanseatischen Metropole.