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Montag, 8. Juli 2024

HANSEMACHINE: Künstliche Intelligenz im Recruiting - ein Leitfaden für strategische Vorteile im Unternehmen.

HANSE DIGITAL GASTBEITRAG


Zwei Drittel der C-Level-Führungskräfte sind der Überzeugung, dass KI die Personalarbeit signifikant verändern wird. 

Hays HR-Report 2024



Immer mehr Bewerbungstools arbeiten mit eingebauter KI.
KI-Grafik: Oliver Welling

Die Digitalisierung hat nahezu jeden Bereich unseres Lebens beeinflusst, und das Recruiting bildet da keine Ausnahme. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, offene Stellen schnell und effizient mit qualifizierten Kandidaten zu besetzen, während sie gleichzeitig - zumindest im Idealfall - auch gegen den Fachkräftemangel mit einer Vielzahl an Bewerbungen umgehen müssen. In diesem Kontext gewinnt Künstliche Intelligenz fast täglich an Gewicht und entsprechend an Bedeutung. Norddeutschlands KI-Experte Oliver Welling mit neuesten Insides:

Was genau ist KI im Recruiting und wie kann sie den Prozess optimieren? In diesem Artikel habe ich das Thema „Künstliche Intelligenz im Recruiting“ ausführlich beleuchtet. Wie immer gibt es mehr Informationen, als in einen Artikel passen - aber der Inhalt gibt eine sehr gute Basis für weiterführende Gedanken. Ein Blick auf die aktuelle Lage, aus der sich die Notwendigkeit des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz im Recruiting leicht erkennen lässt, bieten die folgenden Zahlen, die aus der Hays-HR-Report 2024 stammen:

Zwei Drittel (66%) der C-Level-Führungskräfte sind der Überzeugung, dass KI die Personalarbeit signifikant verändern wird. Trotz dieser Überzeugung betonen knapp 75% der befragten Unternehmensentscheider, dass HR-Abteilungen sich beim Thema KI weiterbilden müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Aktuell fühlen sich 58% der C-Level-Entscheider nicht ausreichend sicher, dass ihr HR-Team die notwendigen technischen und analytischen Fähigkeiten besitzt, um mit der digitalen Transformation Schritt zu halten. Dies zeigt einen klaren Bedarf an Weiterbildung und strategischer Entwicklung innerhalb der HR-Abteilungen.

Datenbasierte Entscheidungen sind ein weiterer wesentlicher Vorteil, den KI im Recruiting bietet. 71% der befragten C-Level-Führungskräfte halten es für entscheidend, dass Kennzahlen und Metriken zeigen, wie die HR-Abteilung auf die Geschäftsziele einzahlt. Die Digitalisierung erleichtert HR-Teams durch die Automatisierung wiederkehrender, administrativer Aufgaben, sodass sie sich stärker auf strategische Themen konzentrieren können. Die Bedeutung von HR nimmt laut 66% der Führungskräfte in Zukunft weiter zu, wobei 34% HR als strategischen Partner wünschen. Dennoch geben rund 47% der C-Level-Führungskräfte zu, nicht genau zu wissen, wie sie ihr HR-Team effektiv und strategisch einsetzen können. 
Obwohl bereits 40% der befragten Unternehmen KI nutzen und fast 60% in der Umsetzungsphase sind, fehlt vielen Organisationen eine klare Strategie zur Nutzung dieser Technologie. Nur 32% der Organisationen verfügen über eine KI-Nutzungsstrategie, während 40% der KI-nutzenden Unternehmen noch keine entwickelt haben. Die größten Vorteile von KI sehen Unternehmen in der Beschleunigung von Prozessen (45%) und der Verarbeitung großer Datenmengen (34%). 
Herausforderungen wie Datenschutzbedenken (32%) und der Verlust von Kompetenzen bei Mitarbeitenden (31%) bleiben jedoch bestehen. Dennoch zeigt sich, dass der Einsatz von KI im Recruiting unerlässlich ist, um die Effizienz zu steigern, fundierte Entscheidungen zu treffen und letztlich die besten Talente für das Unternehmen zu gewinnen.
Künstliche Intelligenz im Recruiting nutzt fortschrittliche Technologien wie Machine Learning (ML), Natural Language Processing (NLP) und Predictive Analytics, um verschiedene Aufgaben im Bewerbungsprozess zu automatisieren und zu verbessern. Diese Technologien ermöglichen es, große Mengen an Daten in kurzer Zeit zu analysieren, Muster zu erkennen und noch fundiertere Entscheidungen zu treffen, als es bisher möglich war.
Von der Vorauswahl der Bewerber bis hin zum Matching von Stellenprofilen mit Kandidaten bietet KI vielfältige Lösungen, die den Recruiting-Prozess effizienter und präziser gestalten. Unternehmen können dadurch nicht nur Zeit und Kosten sparen, sondern auch die Qualität ihrer Einstellungen verbessern und die „Candidate Experience“ (also die Erfahrung, die ein Bewerber mit dem Unternehmen bereits im Bewerbungsprozess macht) optimieren.

Ein entscheidender Vorteil von KI im Recruiting ist die Fähigkeit, unbewusste Vorurteile zu reduzieren und eine objektivere Bewertung der Bewerber zu gewährleisten. KI-Systeme können standardisierte Kriterien anwenden, um Bewerber fair und transparent zu bewerten, wodurch die Vielfalt und Inklusion im Unternehmen gefördert werden. 

Obwohl natürlich auch KI-Systeme aufgrund ihrer Trainingsdaten gewisse Vorurteile enthalten können, sind sie dennoch in der Regel in der Lage, objektivere und konsistentere Entscheidungen zu treffen als Menschen. Zudem ermöglichen KI-gestützte Tools eine personalisierte und meistens auch schnellere Ansprache und Betreuung der Kandidaten, was die Chancen erhöht, die besten Talente für das Unternehmen zu gewinnen. Diese Technologien tragen dazu bei, den gesamten Rekrutierungsprozess effizienter und angenehmer für die Bewerber (und auch für die HR-Abteilung des Unternehmens) zu gestalten. 

Trotz dieser Vorteile müssen jedoch auch ethische und rechtliche Aspekte beachtet werden, um den verantwortungsvollen Einsatz von KI sicherzustellen und das Vertrauen der Bewerber in den Prozess zu stärken.
Vorteile von KI im Recruiting
Der Einsatz von KI im Recruiting bietet zahlreiche Vorteile, die den gesamten Bewerbungsprozess effizienter und effektiver gestalten, als dies heute „klassisch“ möglich ist. 
Hier zeige ich einige der wichtigsten Vorteile:

  •  Automatisierte Bewerbervorauswahl: KI-Systeme können heute bereits Lebensläufe scannen und bewerten. Anhand von definierten Kriterien wie Qualifikationen, Berufserfahrung und Soft Skills filtern sie geeignete Kandidaten heraus. Dies spart Zeit und ermöglicht es Recruitern, sich auf die vielversprechendsten Bewerber zu konzentrieren.

  • Stellenmatching: Eine der bedeutendsten Anwendungen von KI im Recruiting ist das Stellenmatching. KI-gestützte Systeme vergleichen die Profile von Bewerbern mit den Anforderungen der offenen Stellen. Durch Algorithmen und maschinelles Lernen wird eine präzise Passgenauigkeit zwischen Bewerber und Position gewährleistet. Dies führt zu schnelleren und besseren Einstellungsentscheidungen. Und entlastet die HR-Abteilung im administrativen Bereich.
  • Predictive Analytics: Durch die Analyse historischer Daten kann KI Vorhersagen über die Eignung von Kandidaten treffen und Trends im Bewerbungsprozess erkennen. Dies hilft, den gesamten Recruiting-Prozess zu optimieren.
  • Chatbots und virtuelle Assistenten: KI-gestützte Chatbots, oder virtuelle Assistenten können Fragen von Bewerbern beantworten und den Kommunikationsaufwand für Recruiter reduzieren. Sie können auch automatisierte Vorstellungsgespräche durchführen und erste Screenings vornehmen.
Herausforderungen und ethische Aspekte
Trotz der vielen klaren Vorteile von KI im Recruiting gibt es – wie immer bei KI - auch Herausforderungen und ethische Aspekte, die berücksichtigt werden müssen:
  • Datenschutz und Diskriminierungsverbot: Der Einsatz von KI im Recruiting muss den datenschutzrechtlichen Vorgaben entsprechen. KI-Systeme dürfen keine unzulässigen Diskriminierungen aufgrund von Merkmalen wie Geschlecht, Alter oder Herkunft vornehmen. Transparenz und Fairness sind essenziell.
  • Transparenz der Entscheidungsfindung: Bewerber sollten nachvollziehen können, wie das KI-System zu seinen Empfehlungen gelangt. Dies erfordert eine verständliche Kommunikation der zugrunde liegenden Kriterien und Mechanismen.
  • Verantwortung und Rechenschaftspflicht: Unternehmen müssen für die Entscheidungen der KI-Systeme verantwortlich sein. Menschliche Aufsicht bleibt unverzichtbar, insbesondere bei kritischen Prozessen.
Praktische Anwendung: Kühne + Nagel
Ein beeindruckendes Beispiel für den erfolgreichen Einsatz von KI im Recruiting ist das globale Logistikunternehmen Kuehne + Nagel mit Hauptsitz in Hamburg. Um die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter zu steigern und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, setzte das Unternehmen auf eine KI-gestützte interne Rekrutierungsstrategie. 
Durch den Einsatz eines intelligenten Talentmarktplatzes, der darauf ausgelegt ist, Mitarbeiter mit Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu verbinden, konnte Kuehne+Nagel offene Stellen an ihre Mitarbeiter vermarkten, personalisierte Jobempfehlungen bereitstellen und den internen Recruitern ein intelligentes Tool zur Verfügung stellen, um qualitativ hochwertige Talente innerhalb des Unternehmens zu finden und entsprechend in neue Positionen zu setzen.
Mit diesem Talentmarktplatz verwandelten sich die internen Recruiter in „interne Headhunter“, die aktiv nach passenden Mitarbeitern suchten, diese vorab prüften und ihnen interessante Jobmöglichkeiten anboten, bevor externe Kandidaten in Betracht gezogen wurden. Dies führte zu einer stärkeren internen Talentpipeline, verkürzten Einstellungszeiten und einer insgesamt besseren Mitarbeitererfahrung. 
Innerhalb von nur zweieinhalb Monaten konnte Kuehne + Nagel die Konversionsrate interner Kandidaten um 22 % erhöhen, die Zeit zur Besetzung interner Positionen um 20 % reduzieren und eine Mitarbeiterzufriedenheitsrate von 74 % erreichen. Darüber hinaus ermöglichte der Talentmarktplatz den Mitarbeitern, ihre beruflichen Netzwerke für offene Stellen zu empfehlen, was die Rekrutierungsbemühungen beschleunigte und zur langfristigen Mitarbeiterbindung beitrug. 
Innerhalb eines Jahres wurden 11.000 Empfehlungen ausgesprochen, 6.000 Bewerbungen eingereicht und 500 Einstellungen vorgenommen – eine beeindruckende Konversionsrate von 10 %, die zehnmal höher ist als bei rein externen Ausschreibungen.


Fazit und persönliches Statement
Aus meiner Sicht bietet der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Recruiting ein enormes Potenzial, um die Effizienz zu steigern und die Qualität der Einstellungen signifikant zu verbessern. Durch die Automatisierung von Routineaufgaben können sich HR-Teams endlich wieder auf strategische Themen konzentrieren, anstatt in administrativen Tätigkeiten zu versinken. 
Dies ermöglicht es HR-Abteilungen, als strategische Partner der Unternehmensführung zu agieren und einen entscheidenden Beitrag zur Erreichung der Geschäftsziele zu leisten. Für Entscheidungsträger bedeutet dies, dass Investitionen in KI-Technologien und entsprechende Schulungen unerlässlich sind. Nur so können die erforderlichen technischen und analytischen Fähigkeiten entwickelt werden, die notwendig sind, um mit der digitalen Transformation Schritt zu halten. 
Ebenso wichtig ist die Entwicklung von Richtlinien zur ethischen Nutzung von KI, um sicherzustellen, dass diese Technologien fair und transparent eingesetzt werden.
Angesichts des globalen Talentmarktes bietet KI die Möglichkeit, einen internationalen Talentpool zu erschließen und effizient zu verwalten. Dies ist besonders in Zeiten des Fachkräftemangels von unschätzbarem Wert. Die strategische Bedeutung von KI im HR kann nicht genug betont werden: Sie ist ein Schlüsselelement für die Transformation des Personalwesens und die Sicherstellung, dass Unternehmen die besten Talente anziehen und halten können.
Mit der richtigen Herangehensweise kann KI das Recruiting stark unterstützen, entlasten und Unternehmen im Wettbewerb um die besten Talente einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Es liegt an den Führungskräften, diese Chance zu erkennen und proaktiv Maßnahmen zu ergreifen, um die Vorteile von KI voll auszuschöpfen – und wer bisher Boden verloren hat und Digitalisierung noch nicht ausreichend integriert hat, hat mit dem Einsatz von KI die Chance extrem schnell aufzuholen. 

Über KI-Experte und Publizist Oliver Welling:

Foto: Oliver Welling, privat
Oliver Welling hat digitale DNA im Blut: Heute 56, hatte Oliver bereits mit 14 den ersten PC. Den ersten Chatbot hat Oliver schon 1987 mit "ELIZA" kennengelernt. Die Faszination für IT und digitale Wirtschaft mündete in der Gründung der Digital-Agentur "Spot-Media", die Oliver als Vorstandsvorsitzender führte und 2008 verkaufte. Seitdem hat er strategische Unternehmensberatung im deutschen Mittelstand durchgeführt. 


Als Kurator des "Reeperbahnfestivals" konnte er das Thema Künstliche Intelligenz nicht nur in Hamburg weiter vorantreiben. Als Gründer der KINEWS24.de berichtet er täglich über aktuelle News und die besten Tools auf dem Markt. Heute berät er mittelständische Unternehmen beim Einsatz von KI zur Steigerung von Effizienz, hält Vorträge über das Thema und hilft Unternehmen die eigene KI-Strategie zu entwickeln.

 Hanse Digital Background: 

Gastbeitrag Oliver Welling:
Die stille Revolution der KI-Sprachmodelle."

Gastbeitrag Oliver Welling:
"Prompt Engineering - Mit besseren Prompts zu viel besseren Ergebnissen"
hansevalley.de/2024/02/hansemachine-gastbeitrag-olliverwelling.html

 Hanse Digital Service: 

HANSEMACHINE - Das Hanse KI Magazin:

Oliver Welling bei LinkedIn: 
linkedin.com/in/oliver-welling-58529653/

Die KINEWS24 im Netz:

Montag, 19. Juni 2023

HANSEMACHINE: Prof. Marlis Prinzing: "KI-Technik ist ein Hammer!"

HANSEMACHINE


Die Journalistin, Hochschullehrerin und Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Marlis Prinzing von der bundesweit engagierte Macromedia Hochschule 
spricht im Gast-Interview für das Hanse KI Magazin HANSEMACHINE über die Verbindung von Journalismus und Künstlicher Intelligenz.

Prof. Marlis Prinzing weiß, wie sich KI wie ChatGPT auf den Journalismus auswirkt.
Foto: Macromedia Hochschule

Künstliche Intelligenz (KI) ist gerade in aller Munde und verändert aktuell viele Lebensbereiche. Inwieweit wird sich dies auf den Journalismus auswirken? Marlis Prinzing, Professorin an der Hochschule Macromedia, erklärt im Hanse Digital Interviews, welche Auswirkungen KI-Technik haben kann:

Sie haben verschiedene Fachbeiträge über „Journalismus im digitalen Aufbruch“ veröffentlicht. Inwiefern verändern digitale Technologien die öffentliche Kommunikation?

Eine sehr große Frage. Digitale Techniken ermöglichen es, sich besser zu vernetzen, zu informieren und zu artikulieren denn je. Über sie lässt sich die öffentliche Meinungs- und Willensbildung massiv prägen. Global agierende Tech-Unternehmen haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht: 

Indem wir auf sozialen Medien rasch und emotional auf Inhalte reagieren, die uns ein darauf ausgerichteter Algorithmus dort anbietet, erzeugen wir Daten, aus denen diese Unternehmen ihren Erlös erzielen. Das konkurriert teilweise mit Geschäftsmodellen für Journalismus, bei denen öffentliche Relevanz, Werte und damit Faktenprüfung und Recherche zentrale (und kostspielige) Größen sind.

Journalismus ist zweifach gefragt: KI-Techniken beeinflussen z. B. alltägliche journalistische Arbeitsroutinen und sie sind ein wichtiges Thema, zu dem Journalisten recherchieren und über das sie berichten müssen. Die Anwendungen solcher Techniken und die Abschätzung negativer wie positiver Folgen, also Fragen nach digitaler Ethik, reichen in viele gesellschaftliche Bereiche hinein, sind also nicht ausschließlich „Tech-Themen“. 

Journalisten müssen sie dringend als das behandeln, was sie sind: ressortübergreifend bedeutsame Querschnittsthemen. Im Journalismusstudium an unserer Hochschule sensibilisieren wir in mehreren Kursen für solche Zusammenhänge.

Neben routinemäßigen Aufgaben sind KI-basierte Systeme zunehmend auch in der Lage, kreative Prozesse zu übernehmen und selbst Texte zu verfassen. Aktuell erlangt die Anwendung ChatGPT große Popularität. Inwieweit werden künstliche Intelligenzen bereits im Journalismus eingesetzt?

Wir können drei Phasen unterscheiden. In Phase 1 lag der Fokus auf der Automatisierung von datengesteuerten Informationen (Spielergebnisse, Wahlergebnisse, Börsenkurse etc.). Viele Redaktionen sowie Agenturen (Reuters, AFP, AP etc.) begannen, solche Werkzeuge einzusetzen. In Phase 2 rückten Datenjournalismus-Projekte in den Fokus, denn maschinelles Lernen und Sprachverarbeitungstechnik ermöglichten, große Datenmengen zu analysieren sowie Trends, Muster und interessante Zusammenhänge für Geschichten zu entdecken. 

In manchen Redaktionen wurden Datenjournalismus-Teams gebildet und KI- oder Innovations-Labs installiert. Nun haben wir Phase 3 erreicht: Der Fokus liegt auf generativer KI, also auf Sprach-, Code- und Bilder-Generatoren, einer davon ist der oft zitierte Chatbot GPT. Ein solches Sprachmodell kann im Handumdrehen immense Mengen Erzähltext erzeugen. In etlichen Redaktionen wird mit generativer KI mehr oder weniger intensiv experimentiert.

Welchen Einfluss hat das auf die journalistische Qualität?

Unterschiedlichen Einfluss. KI-Technik kann ein nützliches Werkzeug sein, das einem Routinearbeiten abnimmt und diese präzise und hoch konzentriert ausführt. Man kann sie zum Sparring nutzen, um blitzschnell Überschriften-Alternativen zu produzieren, sie Textgerüste erstellen lassen, die man überprüft und ergänzt. Das schafft zeitliche Freiräume, um zu recherchieren, zu analysieren, Ideen zu entwickeln – Arbeiten, die KI-Technik gar nicht schafft.

KI-Technik kann aber auch die journalistische Glaubwürdigkeit kosten, wenn man nicht kontrolliert, welche Texte und vermeintliche Fakten sie ausgibt, wenn man nicht transparent macht, wo sie eingesetzt wird, oder das Publikum täuscht, wie etwa die Zeitschrift „aktuelle“ im April 2023, die vorgab, ein Interview mit dem verunglückten Rennfahrer Michael Schumacher geführt zu haben, und dann auflöste, dass sie das mittels KI vorgespielt hat. 

Qualitätsentscheidend ist: Wer ein KI-Werkzeug einsetzt, muss wissen, wie es wirklich funktioniert, und sich bewusst sein, dass er sich der Verantwortung nicht entziehen kann: Richtet ein Algorithmus Schaden an, kann man nicht ihn bestrafen, sondern nur beispielsweise die Entwickler und Anwender.

Wie schätzen Sie künstliche Intelligenz in Bezug auf Fake News ein?

KI-Technik ist wie ein Hammer. Man kann mit ihm einen Nagel für ein Bild einschlagen, den man mit den Fingern nicht in die Wand bekäme. Man kann eine Macke in die Wand schlagen. Oder jemanden erschlagen. Dem Hammer ist das egal. Und der KI ist egal, ob der Text, den sie ausgibt, stimmt, alles Mögliche verdreht oder kompletter Bullshit ist. KI-Technik generell wird immer leistungsfähiger. 

Entsprechend wird Desinformation raffinierter und täuschend echt, Fehler bei Text- wie bei Bild-Manipulationen lassen sich immer schwerer erkennen. Doch nicht KI-Technik an sich ist das Problem, sondern Anwender, die mit dem Werkzeug nicht umgehen können oder die Böses im Schilde führen, Menschen manipulieren, verunsichern und Wahrnehmungen vortäuschen wollen.

An der Hochschule Macromedia betreuen Sie den Studiengang Journalismus und beschäftigen sich unter anderem mit dem Thema Ethik im Journalismus. Was genau ist damit gemeint?

Ethik zeigt, wie sich Werte in praktisches Handeln umsetzen lassen und wer auf welcher Grundlage wofür in der Verantwortung steht. So können wir unseren Kompass ausrichten und eine begründete Vorstellung davon entwickeln, was geht und was zugemutet werden muss. Das richtet sich an jeden, ist redaktionell, individuell und unternehmensethisch relevant. 

Zentral ist meist nicht das „Ob“, sondern das „Wie“: wie wird über Krieg und Katastrophen berichtet, wie ist die Qualität der Datensätze, mit denen KI-Instrumente trainiert werden, wie werden Inhalte personalisiert: So stark, dass Filterblasen entstehen, oder offener?

Wie sieht die Zukunft des Journalismus aus? Brauchen wir überhaupt noch Journalisten, wenn zunehmend Teile der journalistischen Arbeit durch KI basierte Systeme abgelöst werden?

Diese Frage wird oft gestellt, trifft aber nicht den Kern. Bei allem, was bislang entwickelt wurde, handelt es sich um eine sogenannte „schwache KI“, die keinesfalls einen Menschen ersetzen, sondern ihm nur bestimmte Aufgaben abnehmen kann. Kein Werkzeug kann Journalismus und damit das Rückgrat einer digitalen demokratischen Gesellschaft ablösen. 

KI arbeitet auf Basis bestehender Datensätze, die nach bestimmten Vorgaben durchforstet werden, Journalismus hingegen ist eine Instanz für den Austausch über Dinge, Personen und Ereignisse, die Menschen umtreiben, die sie verstehen und einordnen wollen, vor denen sie gewarnt werden müssen oder zu denen sie Ideen suchen, was sie tun oder wie sie helfen können. Noch zu regeln sind zudem unter anderem rechtliche und ökonomische Fragen.

Gegenwärtig füllen Tech-Unternehmen beispielsweise Sprachmodelle mit journalistischen Inhalten, ohne für sie zu bezahlen und ohne das Einverständnis der Urheber dieser Inhalte einzuholen.

Spricht klare Worte in Sachen Journalismus.
Foto: Martin Jepp


Was würden Sie Ihren Studentinnen und Studenten mit auf den Weg geben?
  • Hartnäckig recherchieren, Dingen auf den Grund gehen, hinhören, hinterfragen (auch sich selbst!)
  • Falsifikatorisch vorgehen, also Sachverhalte aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, und überlegen, was gegen eine These spricht, insbesondere wenn sie naheliegend erscheint.
  • Sich der hohen Verantwortung von Journalismus der Gesellschaft gegenüber bewusst sein.

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Marlis Prinzing ist Studiendekanin am Campus Köln der Macromedia Hochschule, Local Head der Kölner Wirtschaftsfaktultät sowie Professorin für Journalistik. Sie leitet das bundesweite, hochschulinterne das Study Program Journalism. Ihre journalistische Laufbahn begann sie bei einer Regionalzeitung, als freie Journalistin schrieb sie u.a. für „Die Zeit“, die „Financial Times Deutschland“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Sie ist Partnerin der Initiative „Qualität im Journalismus“.

 Hanse Digital Background: 

Macromedia Hochschule - Standort Hamburg:

Macromedia Hochschule - Fachbereich Journalismus Köln: