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Dienstag, 4. Februar 2020

HANSEADMINISTRATION: Algorithmen und künstliche Intelligenz in der Verwaltung.

HAMBURG DIGITAL AUTOREN


Friedrich-Joachim Mehmel:
9 Thesen zu Chancen und Risiken, demokratischer Legitimation und rechtsstaatlicher Kontrolle bei der Algorithmisierung der Verwaltung

Der ehem. Verfassungsgerichtspräsident Friedrich-Joachim Mehmel
Foto: Privat
Die Digitalisierung unserer Welt führt in Staat und Gesellschaft dazu, dass technische Systeme in Entscheidungsprozesse einbezogen werden oder sogar autonom entscheiden. Diese Entscheidungssysteme basieren auf Algorithmen, auf die sich zunehmend die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit richtet. 

Werden Systeme, die Algorithmen – zunehmend basierend auf „künstlicher Intelligenz (KI)“ – nutzen, in die Steuerungs- und Entscheidungsprozesse der öffentlichen Verwaltung einbezogen, wirft dies Fragen in Bezug auf die demokratische Legitimation ihres Einsatzes, den Grundrechtsschutz, das Rechtsstaatprinzip und den effektiven Rechtsschutz durch die Verwaltungsgerichte auf. 

Die Freie und Hansestadt Hamburg ist ein Vorreiter in Sachen der Digitalisierung der Verwaltung. Vor etwas über einem Jahr haben sich Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen aus Wissenschaft und Praxis in einer u. a. vom Rechtsstandort Hamburg e. V., dem Hans-Bredow-Institut für Medienforschung und dem Fachbereich Informatik der Universität Hamburg unter Mitwirkung der Senatskanzlei der Freien und Hansestadt Hamburg im Hamburger Rathaus in einer Fachtagung thematisch in der Schnittstelle von Technik und Recht ausgetauscht. 

Gegenstand waren Wirkungen und Nutzen von Algorithmen und künstlicher Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung, die aus ihrer Einbindung erwachsenden Probleme für den Grundrechts- und Datenschutz, das Rechtsstaats- und Demokratieprinzip und die Verwaltungsgerichtsbarkeit und mögliche Lösungsansätze (www.ki-und-verwaltung.de).

Vor dem Hintergrund dieser Diskussionen haben Professor Dr. Wolfgang Schulz, Direktor des Leibniz-Institut für Medienforschung, Hans-Bredow-Institut (Hamburg) und ich als Mitveranstalter die folgenden 9 Thesen verfasst, um Impulse für die weiteren Diskussionen der Digitalisierung in der Verwaltung zu geben. Nach wie vor werden die Debatten über den Einsatz künstliche Intelligenz in erster Linie technisch geführt. Zunehmend werden auch immer wieder ethische Fragen aufgeworfen. 

Darüber hinaus wird immer deutlicher, will man Chancen und Risiken der Digitalisierung in einer vernünftigen Balance halten, dass das Augenmerk auch auf die sich aus dem demokratischen Rechtsstaat unseres Grundgesetzes ergebenden Implikationen zu werfen ist. Ohne normativer Anforderungen wird dies nicht zu erreichen sein. Dabei bieten die neun Thesen auch Ansatzpunkte für den Einsatz künstliche Intelligenz nicht nur in der Verwaltung, sondern auch darüber hinaus.


9 Thesen zu Chancen und Risiken, demokratische Legitimation und rechtsstaatliche Kontrolle bei der Algorithmisierung der Verwaltung

1) Das Potential für die Unterstützung von Verwaltungsentscheidungen durch auf algorithmischer Datenverarbeitung basierende Systeme ist groß. Hinter dem  - missverständlichen – Begriff der „künstlichen Intelligenz“ verbergen sich Leistungssteigerungen der Systeme in Hinblick vor allem auf das Klassifizieren, Optimieren, das Entdecken von Anomalien und das Vorhersagen angeht. Das Verwaltungsverfahren kann effektiver und effizienter gestaltet werden.

2) Bei der Entwicklung und Implementierung von technischen Systemen in der Verwaltung ist die Überprüfbarkeit auch durch Verwaltungsgerichte mitzudenken. Dies schließt den Einsatz von Systemen auf Basis maschinellen Lernens und neuronaler Netze nicht aus, stellt aber Anforderungen vor allem an Nachvollziehbarkeit, Erklärbarkeit, Inspizierbarkeit und Transparenz.

3) Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit, die Notwendigkeit demokratischer Legitimation und die durch Grundrechte gezogenen Grenzen sollten bereits bei der Gestaltung der Systeme beachtet werden („Rule of Law by Design“). Dies wird um so wichtiger, je autonomer die technischen Systeme agieren. Entsprechende Zertifizierungen könnten helfen, bei neuen Projekten auf gute Praktiken aufzubauen, die anderswo entwickelt wurden. Dazu gehört auch die Qualitätssicherung der Datensätze, die für maschinelles Lernen genutzt werden.

4) Entscheidend für die rechtliche Beurteilung der Einbeziehung von Algorithmen ist das gesamte sozio-technische System. Dass – wie oft gefordert – letztlich ein Mensch entscheidet, verändert nur dann die Entscheidungsqualität, wenn er oder sie im Prozess tatsächlich eine eigenständige Entscheidung treffen kann. Die Einführung neuer Technologien sollte zudem aus (berufs-)ethischer Perspektive beständig reflektiert werden.

5) Vor jedem Einsatz von Systemen, die Künstliche Intelligenz nutzen, sollte eine einsatzfeldspezifische Folgenabschätzung stattfinden, die veröffentlicht und später regelmäßig mit der tatsächlichen Entwicklung abgeglichen wird.

6) Bei der Entwicklung von Systemen hat die Verwaltung als Nachfrager die Möglichkeit, den Alternativreichtum von am Markt verfügbaren Systemen zu erhöhen und so Pfadabhängigkeiten und Vermachtungen zu reduzieren. Dabei kann die Kooperation mit der Startup-Szene hilfreiche Impulse geben. 

7) Eine gerichtliche Entscheidung kann aus rechtlichen Gründen nicht von technischen Systemen selbständig getroffen werden. Der reflektierte, assistierende Einsatz von technischen Systemen kann aber eine Antwort auf die Zunahme der Komplexität richterlicher Tätigkeit bei erhöhtem Bedürfnis nach rascher Entscheidung sein.

8) Die Einführung der Systeme in Verwaltung und Verwaltungsgerichtsbarkeit setzt entsprechendes Wissen voraus; dies betrifft auch den Gesetzgeber, der die Grundlagen für das Handeln schafft. Modellprojekte sollten daher Wissenspartnerschaften zwischen Verwaltung, Verwaltungsgerichtsbarkeit, Wissenschaft und Wirtschaft fördern. Das experimentelle Ausprobieren von neuen Regeln (bspw. durch „Sandboxing“) gehört dazu.

9) Die Optimierung des Einsatzes technischer Systeme mit Blick auf die rechtlichen Anforderungen ist ein fortlaufender interdisziplinärer Prozess. Er setzt voraus, dass innerhalb der Einsatzfelder aber auch übergreifend gelernt werden kann. Wegen der Erfahrung mit der Zusammenarbeit über die Grenzen von Disziplinen und Theorie und Praxis hinweg bietet sich Hamburg als Plattform dafür an.


*   *   *

Friedrich-Joachim Mehmel ist Präsident des Hamburgischen Oberverwaltungsgerichts und des Hamburgischen Verfassungsgerichts a. D. sowie Vorsitzender des Rechtsstandort Hamburg e. V. Die inhaltliche Verantwortung für den Gastbeitrag liegt beim Autor. 

Mittwoch, 11. Dezember 2019

HANSEPERSONALITY Nick Gehrke: Die verteilte KI-Expertise am Standort bündeln.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

ARIC-Cofounder und KI-Experte Prof. Dr. Nick Gehrke
Foto: Nick Gehrke

HANSEMACHINE: Hamburg. Intelligent.

Vergangene Woche im Dockland. Über 100 visionäre Menschen treffen sich an der Elbe. Der Anlass: Das Artificial Intelligence Center Hamburg - kurz - ARIC - öffnet offiziell seine Pforten. Die Co-Initiatoren: Nordakademie-Professor Nick Gehrke und Innovations-Transfer-Manager Alois Kritl. Die Freie und Hansestadt organisiert die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz im Norden.

Mit Ahoi Digital, HITeCH, der IKS, Lufthansa Industry Solutions, der Nordakademie, Pilot und Zapliance geht ein Verbund aus Großunternehmen, MIttelständlern und Startups, Technologie-Transfer-Experten sowie staatlichen und privaten Hochschulen an den Start. Unser HANSEPERSONALITY ist Co-Gründer Prof. Dr. Nick Gehrke:

Zum Einstieg werfe ich gleich einen Stein in die Binnenalster: Es gibt in Hamburg öffentlich geförderte Wirtschaftscluster für die Leitbranchen - 2 davon überregional. Jetzt kommt ein KI- bzw. AI-Netzwerk mit 400.000,- € Förderung hinzu. Braucht es tatsächlich ein Technologie-Netzwerk oder reicht nicht die Kompetenz in den Branchenvereinen, wie bei der Konferenz "Disrupt Now" präsentiert?

Das Thema KI ist ein Querschnittsthema, das über (fast) alle Branchen hinweg immer mehr an Relevanz gewinnt. Branchennetzwerke und Cluster orientieren sich an ihren spezifischen Zielgruppen. Eine branchenübergreifende und thematische Auseinandersetzung mit dem Thema KI kann da an ihre Grenzen stoßen.


Opening des ARIC-Headquarters in der Nordakademie im Dockland.
Foto: Felix Hünecke

In diesem Kontext könnte man das ARIC als ein thematisches „Verbindungsglied“ zwischen all diesen Clustern sehen; aber auch clusterfremde Unternehmen, Gesellschaft und Wissenschaft können sich aufgrund der thematischen Fokussierung und Spezialisierung des ARIC leicht anschließen. Schließlich hat sich das ARIC die Aufgabe gesetzt, die verteilte KI-Expertise am Standort zu bündeln und für alle Interessierten einfacher zugänglich zu machen.

Wenn das ARIC - wie auf Präsentationsfolien zu sehen - "The Home of Artificial Intelligence in Hamburg" werden soll: Was soll unter dem Dach des Netzwerkes alles angesiedelt werden - über Weiterbildungsangebote, Wissenschaftstransfer und Vernetzung von Playern hinaus?

Das ARIC möchte auch Industrieprojekte voranbringen und Konsortien von Unternehmen helfen zu befähigen, Projekte im Bereich KI und Data Science aufzusetzen und durchzuführen. Das ARIC hat dazu jüngst ein Vorgehensmodell diskutiert. Als Initiative der Stadt Hamburg kann ARIC auch helfen, interessierten Unternehmen einen Überblick über Fördermöglichkeiten im Bereich KI zu verschaffen. 


ARIC treibt auch die Vernetzung von KI-Initiativen in Deutschland voran.

Im Rahmen der Vernetzung von Unternehmen und Hochschulen sollen auch die verschiedenen Labore (Data Science Labore, Virtual Reality, Usability Labore etc.) von Teilnehmern im ARIC gegenseitig zugänglich gemacht werden. ARIC treibt auch die Vernetzung voran, nicht nur von Unternehmen in der Region untereinander, sondern auch von den KI-Initiativen in Deutschland und auch international.

ARIC plant als Hamburger KI-Netzwerk - wie erfolgreiche Vereinigungen - in Arbeitskreisen an Zukunftsthemen zu arbeiten - "Chapter" genannt. Woran werden sich die KI-Cluster orientieren - eher an Technologiethemen oder eher an Hamburger Branchen, wie die Finanzbranche, die Logistik oder die Luftfahrtindustrie?

Die thematischen „Chapter“ orientieren sich natürlich zunächst an Mitgliedern, die sich hierfür engagieren wollen. Der Engpass ist – wie häufig – engagierte und fachkundige Leute, die sich einbringen wollen. Wir wünschen uns auch mehr engagierte Frauen für das Thema KI, denn bislang treffen wir in dieser Domäne überwiegend Männer an. 


ARIC: Use Cases für KI und Data Science in der Praxis.

Das ARIC avisiert natürlich Branchen und Themen, die in der Metropolregion „groß“ sind; zu nennen wären etwa Logistik und Aviation. Aber es gibt auch interessante Themencluster entlang den betriebswirtschaftlichen Funktionen, wie z.B. Finanzen, Human Ressources, Produktion oder auch Recht und Steuern. Das ARIC ist transfer- und anwendungsorientiert ausgerichtet und richtet sich insofern an den Use Cases für KI und Data Science in der Praxis aus.

Die Nordakademie ist eine der privaten Wirtschaftshochschulen in unserer Stadt - mit einem starken BWL-Schwerpunkt. Zugleich gibt es einen Fachbereich Informatik - z. B. für Wirtschaftsinformatiker inkl. Coding-Lektionen in Elmshorn. Wie passt die Informatik und die Heimat des neuen Netzwerks ARIC an eine private Management-Hochschule? Ist es mehr als die Personalunion?

Die Nordakademie trägt den Zusatz „Hochschule der Wirtschaft“ im Namen. Das trifft auch vollkommen das „Gesamtsetting“ der Hochschule. Im Bachelor bilden wir dual aus, d. h. jeder Student hat auch einen Arbeitgeber, der ihn beschäftigt und auch sein Studium bezahlt. Auch sind viele Betriebe, die bei der Nordakademie ausbilden, gleichzeitig Aktionäre der gemeinnützigen Trägergesellschaft AG. Allein aufgrund dieser Untrennbarkeit zwischen Unternehmen und Hochschule trifft der Zusatz „Hochschule der Wirtschaft“ gut. 


Studiengänge mit Informatikbezug sind stark gewachsen.

Allerdings lässt der Zusatz „Hochschule der Wirtschaft“ inzwischen nicht mehr darauf schließen, dass Managementthemen und die klassische BWL absolut prägend für die Studieninhalte sind. Ganz im Gegenteil kann man deshalb feststellen, dass die Studiengänge mit Informatikbezug (z.B. Wirtschaftsinformatik und angewandte Informatik) in den letzten Jahren stark gewachsen sind. 

Die Unternehmen suchen sehr stark nach IT-Kompetenzen und das zeigt auch die starke Nachfrage in den technischen Studiengängen. Etwa die Hälfte der Studienanfänger sitzen mittlerweile in Studiengängen mit Informatikbezug und dann kommen noch die Wirtschaftsingenieure dazu. Man könnte fast schon sagen die Nordakademie ist eine Art technische Hochschule der Wirtschaft. Das ist aber nicht der offizielle Sprachgebrauch.


Die Nordakademie: Eine Art technische Hochschule der Wirtschaft.

Im Dockland in Hamburg, wo auch das ARIC seinen Sitz hat, bieten wir ca. 10 verschiedene Masterstudiengänge an. Auch bei den Masterstudiengängen ist die Wirtschaftsinformatik sehr stark. Studieninhalte im Bereich KI und Data Science werden definitiv immer relevanter. Um den Studierenden interessante Themen z.B. in Studienprojekten zu bieten, eignet sich das Engagement im ARIC perfekt. 

Und Unternehmen aus dem ARIC Umfeld können Projektthemen in die Hochschule geben, die dann von unseren qualifizierten Studierenden bearbeitet werden. Eine absolute Win-Win-Situation für alle Beteiligten und der Transferauftrag der Hochschule wird auch noch sehr befördert durch diese Kooperation zwischen der Nordakademie und dem ARIC. Und letztlich sind es die jungen Absolventen, die in den Firmen später datengetriebene Geschäftsmodelle umsetzen.

Gehen wir auf die Potenziale der Künstlichen Intelligenz z. B. in der Wirtschaft ein. Das am KI-Netzwerk beteiligte Startup Zapliance beschäftigt sich mit Compliance- und Governance-Themen und prüft gebuchte Posten auf der Suche nach Unregelmäßigkeiten. Wie weit ist Künstliche Intelligenz im praktischen Einsatz bereits marktreif - und was ist eher Utopie?

Im Finanz- und Rechnungswesen haben wir es mit sehr strukturierten Daten zu tun. Methoden des Machine Learnings oder Data Minings sind hier sehr vielversprechend. Dieses Potenzial will Zapliance identifizieren und für passende Use Cases Produkte anbieten. Ein Beispiel für eine solche Fragestellung ist das Identifizieren von doppelt bezahlten Rechnungen. Dies kommt zwar selten vor, aber auf ein großes Einkaufvolumen gehen doch immer wieder hunderttausende Euros verloren, wenn man diese Fälle nicht mit Machine Learning identifiziert. Dieser Use Case wurde auch schon bei Zapliance umgesetzt.

Eine weitere Idee ist die Prediction der umsatzsteuerlichen Behandlung von eingehenden und ausgehenden Rechnungen mit Data Mining Methoden. Das ist insbesondere interessant im Umfeld von Betriebsprüfungen und betrifft die Zusammenarbeit mit dem Finanzamt. Hier können Fehlhandhabungen empfindliche Einbußen durch Abgaben die Folge sein. Wenn das Finanzamt erst soweit ist und solche Methoden strukturiert und flächendeckend einsetzt, dann müssen sich die Unternehmen als Steuerpflichtige gut wappnen.


Die heutigen KI-Methoden sind eher überaus datenhungrig.

Auch die Verarbeitung von Eingangsrechnungen, insbesondere in Papierform ist ein Anwendungsgebiet von KI. Bald werden Maschinen die Rechnungen lesen und die Kontierung bis in die Buchführung übernehmen. KI hat das Potenzial (leidige) und wiederkehrende Bürokratie automatisch und selbstlernend zu übernehmen.

Es gibt aber sicher auch Grenzen, die man mit KI im Bereich Governance und Compliance nicht in den Griff bekommt. Die großen Manipulationen von Bilanzen stecken z. B. nicht in den repetitiven Prozessen, die man mit Machine Learning aufgreifen kann, sondern es handelt sich z. B. um individuelle Fehlbewertungen von Vermögensgegenständen oder dubiose Rechtsgestaltungen. Dies ist sehr einzelfallorientiert und deshalb für KI-Methoden erstmal schwer zugänglich. Die heutigen KI-Methoden sind eher überaus datenhungrig und müssen mit großen Stichproben „gefüttert“ werden.

Hamburg ist eine starke Metropole. Dennoch braucht man an der einen oder anderen Stelle Partner aus anderen Branchen, mit anderen Themen und aus anderen Regionen. Es gibt engagierte KI-Initiativen an den führenden deutschen Technologie-Standorten, wie Berlin, München oder Karlsruhe. Wird ARIC über den eigenen Tellerrand der Süderelbe hinaus schauen - und wenn, wie?

Wir haben bereits bei der Vorbereitungsphase des ARIC vielfältige Kooperationspartner, Unterstützer und Förderer aus ganz Deutschland und darüber hinaus (u. a. aus Estland, Israel und Kanada) kennengelernt und ins Konzept involviert. Beispielsweise ist einer unserer Beiräte, Dr. Andreas Günter, seit Jahren insbesondere in der Deutschen KI-Szene eine Institution. Er bringt sein langjähriges KI-Netzwerk mit ein. Das 

ARIC ist weiterhin Teil der deutschlandweiten Initiative „AI4Germany“, bei der es darum geht, gemeinsam mit Technologie- und KI-Standorten das Thema in Deutschland voranzubringen. Im kommenden Jahr sind standortübergreifende Projekte und Austausch geplant, die u. a. auf KI-Aspekte wie Ethik, Erklärbarkeit, Regulations und Compliance einzahlen.

*  *  *

Vielen Dank für die neuen Einblicke!
Das Interview führte Thomas Keup.

Grafik: Schäfer Shop
www.hansemachine.de

 Hamburg Digital Background: 

Prof. Dr. Nick Gehrke, Nordakademie
https://www.nordakademie.de/nick-gehrke

ARIC e. V. im Internet
https://www.aric-hamburg.de

Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz gegründet
hamburg.de/pressearchiv-fhh/13006160/2019-09-30-bwvi-kompetenzzentrum-ki/

Zapliance GmbH Hamburg
https://www.zapliance.com/de/

Donnerstag, 5. Dezember 2019

HANSEPERSONALITY Andreas Moring: Ich will, dass Hamburg die Nr. 1 in Deutschland in Sachen KI wird.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW


Will Hamburg zur führenden KI-Metropole machen: Andreas Moring.
Foto: Andreas Moring

HANSEMACHINE: Hamburg. Intelligent.

Im Jahr 2030 wird jeder 4. in der Wirtschaft verdiente Euro durch Daten beeinflusst. Die Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Rund 1/3 aller Einsatzmöglichkeiten in Unternehmen haben in Zukunft mit Geschäftsprozessen und Produktionsketten zu tun, rd. 20% mit Marketing und Vertrieb. Die Wirtschaftsmetropole Hamburg bereitet sich auf die datengetriebene Zukunft vor.

Andreas Moring ist Experte für Innovationsmanagement, Business Modelling und Digitalisierung sowie ... Künstliche Intelligenz. Der 41-jährige Professor der ISM Hochschule Hamburg bringt das Thema KI mit seiner Initiative "WeGoFIve" in die breite Öffentlichkeit. Unser HANSEPERSONALITY ist KI-Spezialist Prof. Dr. Andreas Moring:

Ganz Hamburg spricht über KI. Ihr habt an der ISM Hamburg eine eigene Konferenz gemacht, in Hammerbrooklyn gab es gerade eine große Cluster-Konferenz zu AI und das Event-Netzwerk 12min.me hat eine eigene Eventreihe dazu gestartet. Fangen wir am Anfang an: Wo macht Künstliche Intelligenz wirklich Sinn?

KI macht immer da Sinn, wo ich definierte Prozesse automatisieren kann und wo es um Mustererkennungen geht. Je genauer Abläufe beschrieben werden können, desto schneller, einfacher und zuverlässiger kann eine KI sie lernen und dann selbstständig ausführen. Das gilt nicht nur in der Produktion, sondern zunehmend auch in den sogenannten Verwaltungsjobs. Hier wird es sogar mehr Veränderungen geben, als sich manche heute vorstellen wollen. 


Jobs werden von Maschinen übernommen werden, neue Jobs werden entstehen. Bei den meisten Jobs wird sich aber das Profil verändern: Weniger Routine, mehr in Zusammenhängen denken und mit anderen zusammenarbeiten und mehr ein System am Laufen halten und verbessern, als einzelne Jobs abzuarbeiten.

Bei den Mustererkennungen geht es um vielfältige Bereiche in Medizin, Marketing, Logistik, genauso, wie in der Finanzbranche oder im Bereich Green Tech. Denn schließlich gibt es überall Muster, typische Abläufe und Korrelationen. Einige sind leicht zu erkennen und von KI zu lernen, andere sind schwerer zu erkennen. Deswegen ist zunächst wichtig, zu definieren, was eine KI für ein Unternehmen leisten soll. Dann kann man daraus auch ableiten, nach welchen Mustern gesucht und welche gelernt werden sollen. Un diese Zieldefinition ist eine Aufgabe für den Menschen.

Künstliche Intelligenz ist nicht unbedingt ein Thema, bei dem jeder von uns sofort vor Begeisterung in die Luft springt und enthusiastisch "Hier!" ruft. Du bist Betriebs- und Volkswirt mit vielen Jahren Tech-Background. Was sind Deine ganz persönlichen Treiber, das Thema KI an der ISM und mit Deiner Firma WeGoFive voranzubringen?

Als Professor fasziniert es mich, dabei zu sein, die technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten einer neuen Technologie zu erforschen und zu entdecken. Ich denke, dieser Entdeckergeist ist typisch für Wissenschaftler und Unternehmer. Als Hochschule wollen wir natürlich hier auch vorne mit dabei sein. Sowohl, was die Forschung und Projekte angeht, aber auch, weil es unsere Aufgabe ist, junge Leute fit zu machen, für die Berufswelt von heute und vor allen Dingen von Morgen.


Leider haben wir schon gegenüber München, Berlin oder auch Aachen etwas den Anschluss verloren.

Ich will mit der ISM einen Teil dazu beitragen, dass Hamburg die Nummer Eins in Deutschland in Sachen KI wird. Leider haben wir hier schon gegenüber München, Berlin oder auch Aachen etwas den Anschluss verloren. Aber das sollte gerade Ansporn sein. 
Die Initiative WeGoFive habe ich zusammen mit Sascha Dem vor knapp zwei Jahren ins Leben gerufen. Hier wollen wir Wissen und Know-How zur Umsetzung von KI in Unternehmen sammeln. 

Kollaboration und Vernetzung bringen uns voran. Am besten ist es, wenn wir voneinander lernen. Mit WeGoFive wenden wir uns vor allem an mittlere und kleinere Firmen, die ganz konkret vor den Frage stehen: Wo macht KI bei mir Sinn und wie bringe ich das Ganze in mein Unternehmen und zu meinen Mitarbeitern? Denn die müssen mitmachen wollen. Dieser entscheidende Faktor wird bei aller Technik unserer Meinung nach leider noch zu sehr übersehen. 

Lass uns "Butter bei die Fische" packen: Wo stehen wir mit dem Thema aktuell - insbesondere bei wichtigen in Hamburg starken Branchen und Bereichen, wie Mobilität, Medizin, Marketing oder Personal? Und wo ist Künstliche Intelligenz schon weit fortgeschritten oder sogar marktreif?

In den Bereichen Marketing, Kommunikation, Logistik und Medizin sehen wir schon viele Anwendungen in Hamburg. Ebenfalls in Produktionsprozessen in verschiedenen Branchen und zunehmend auch Anwendungen im Human Resources Bereich in unterschiedlichen Branchen und Unternehmen. Da kann man ohne Bedenken von Marktreife sprechen. Bei Mobilität und Finanzen geht es gerade los, ebenso im Bereich Immobilienwirtschaft.

Im Bereich von Green Tech und Nachhaltigkeit sehe ich eine große Dynamik und vor allem für Hamburg realistische Möglichkeiten, zu dem KI-Standort in den Bereichen in Deutschland und Europa zu werden. 

In der Immobilienwirtschaft sehe ich sehr großes Potenzial, weil sich hier gerade der Trend zur allgemeinen Digitalisierung mit dem Fortschreiten von KI verbindet und eine besondere Dynamik gewinnt. Sowohl beim Planen, als auch beim Bauen, als auch beim Betreiben von Immobilien. Im Bereich von Green Tech und Nachhaltigkeit sehe ich ebenfalls eine große Dynamik und vor allem für Hamburg realistische Möglichkeiten, zu dem KI Standort in den Bereichen in Deutschland und Europa zu werden. 

Vor allem, wenn die Metropolregion Hamburg einbezogen wird, beispielsweise bei erneuerbaren Energien, die dann mithilfe von KI „intelligent“ gesteuert, gespeichert und verteilt werden. Diese Kooperation sollten wir sogar noch ausbauen, mit unseren Partnern im Ost- und Nordseeraum. München ist in Süddeutschland und der Ecke Europas in dieser Hinsicht sehr aktiv und erfolgreich. Wir in Hamburg können das doch auch?!

Wir müssen auch die Kehrseite der Medaille ansprechen: Müssen Menschen Angst haben, dass ihre Arbeitsplätze durch Artificial Intelligence abgeschafft werden? Und wenn ja, in welchen Branchen? Dazu ein "Deep Dive": Welche Aufgaben kann eine KI wirklich übernehmen - und wo sind die Grenzen?

Die Frage kann sich jeder selbst beantworten. Denn es gilt: je genauer Du Deinen Job und Deinen Tagesablauf beschreiben kannst, desto schneller und sicherer wird dieser Job von einer (intelligenten) Maschine übernommen werden. Das gilt in der Produktion, aber vor allem - wie vorhin gesagt - in der „Verwaltung“; egal ob öffentliche Verwaltung oder in privatwirtschaftlichen Unternehmen. Und es betrifft wirklich alle Branchen: 

Grenzen für den KI-Einsatz gibt es überall da, wo es auf individuelle Interaktion ankommt.

Von der Stadtreinigung über die Landwirtschaft oder Landschaftspflege über die Herstellung oder den Bau von Dingen bis in die Medizin, die Vermarktung, Finanzen, Recht und selbst Lehre oder Programmierung. Mir macht das keine Angst, denn das ist nie ein guter Ratgeber. Ich kann aber verstehen, wenn sich viele Menschen deswegen zunehmend Sorgen machen. Grenzen für den KI-Einsatz gibt es überall da, wo es auf individuelle Interaktion ankommt:

Eine KI kann eine Diagnose machen, aber das Gespräch davor und danach mit den Patienten muss der Arzt oder die Ärztin führen, wo es um Kreativität geht (das geht von Kommmunikationskampagnen, über Produktentwicklung oder strategischen Aufgaben bis hin zur Kindererziehung oder der Organisationsentwicklung) und wo unterschiedliche Domänen zusammenkommen und es deshalb eben keine eindeutigen Muster und Zusammenhänge mehr gibt (wenn sich also beispielsweise unternehmerische Interessen und politische Interessen überlappen) überall da ist der Mensch gefragt. 
 
Von Grundlagen über Deine Motivation, der Nutzen und die Folgen zu den Grenzen. In Verbindung mit Künstlicher Intelligenz steht immer wieder die Frage im Raum: Welche Entscheidungen kann man einer Maschine übertragen? Und wo sind die moralischen Grenzen von Maschinen?

Gute Frage. Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Eine eindeutige Grenze ist in jedem Falle da, wo die Würde oder die Unversehrtheit des Menschen in Gefahr sind. Alles andere kann meiner Meinung nach nicht definitiv und allumfassend festlegen. Letztlich werden wir herausfinden, wie wir mit diesen neuen Möglichkeiten umgehen wollen. Das war bei allen technischen Neuerungen in der Vergangenheit auch so. Die Würde und die Unversehrtheit sollten der moralische Kompass sein. Allerdings sollten wir hier aufpassen, dass unter der Überschrift Moral und Menschenwürde nicht alles tot diskutiert und mit Bedenken überlastet wird. 

Wenn Europa eine eigene Stimme haben und die eigenen Werte bewahren will, dann können wir nicht nur diskutieren und abwägen, sondern müssen mit dabei sein - am besten vorne.

Wie gesagt: Wir finden es nur heraus, wenn wir es machen. Und wir sollten uns auch immer klar darüber sein: In China oder Russland oder auch in den Ölstaaten wird massiv in die Entwicklung von KI investiert und da zähen solche Überlegungen zu Moral und Menschenwürde einfach nicht. Wenn Europa hier eine eigene Stimme haben und die eigenen Werte bewahren will, dann können wir nicht nur diskutieren und abwägen, sondern müssen mit dabei sein - am besten vorne. 

Zu guter Letzt unsere traditionelle Hamburg-Frage: In welchen Unternehmen oder Branchen siehst Du Hamburg beim Einsatz von KI bereits gut aufgestellt? Und wo wünscht Du Dir ein stärkeres Engagement in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik

Am besten aufgestellt sind die Bereiche Medizin und Marketing in Hamburg. Bei Logistik, Produktion und Immobilien tun die Unternehmen in Hamburg auch wirklich viel. Ein stärkeres Engagement von politischer Seite wünsche ich mir im Bereich Green Tech. Vor allem aber brauchen wir in Hamburg branchenunabhängig mehr Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Da gibt es gute Ansätze, wie beispielsweise das Artificial Intelligence Center ARIC, bei dem ich Themenpate für Mensch-Maschine-Kollaboration bin, oder an der TU Harburg oder beim Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung und es gäbe noch mehr Beispiele. 

Ich bin optimistisch, das wir das in Hamburg durchaus hinbekommen.

Da geht aber noch mehr. Es kommt nicht auf die Anzahl der Initiativen an, sondern auf die Dynamik und die Ernsthaftigkeit. Die ist bei vielen (nicht allen) Akteuren aus Wissenschaft und Wirtschaft da, politisch könnte hier sicherlich noch mindestens eine Schippe drauf gelegt werden. Denn solche Aktivitäten brauchen ja auch immer eine Zeit, um ihre volle „Performance“ zu erreichen. Bei der schnellen internationalen Entwicklung haben wir aber eben nicht allzu viel Zeit. Ich bin aber ungeachtet dessen optimistisch, das wir das in Hamburg durchaus hinbekommen.

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Herzlichen Dank für Deine Offenheit!
Das Interview führte Thomas Keup.

Grafik: Schäfer Shop
www.hansemachine.de

 Hamburg Digital Background: 

Prof. Dr. Andreas Moring:

Initiative WeGoFive:

Freitag, 25. Oktober 2019

HANSEPERSONALTIY Dr. Kevin-Lim Jungbauer: Auch eine Maschine kann diskriminieren.

HAMBURG DIGITAL GASTINTERVIEW

Dr. Kevin-Lim Jungbauer, ‎HR Diagnostics & Talent Assessment
Expert bei der Beiersdorf AG - Foto: Roger Günther

Künstliche Intelligenz im Personalbereich

Bei der FOM-Veranstaltung „Künstliche Intelligenz im Personalbereich: Wer ist hier der Boss?“ sprach Dr. Kevin-Lim Jungbauer von der Beiersdorf AG in Hamburg über Chancen und Grenzen von KI in der Eignungsdiagnostik. Im Interview verrät der Psychologe, der beim Hautpflegekonzern in Eimsbüttel Auswahlprozesse gestaltet, warum seine HR Abteilung die selbstlernenden Maschinen noch nicht auf Beiersdorf-Bewerber loslässt. Unser HANSEPERSONALITY ist Kevin-Lim Jungbauer:

Haben Bewerber bei Beiersdorf während eines Telefoninterviews schon einen maschinellen Ansprechpartner in der Leitung, einen Chatbot?

Nein, das haben sie nicht. Wir setzen im Auswahlprozess auf klassische psychometrische Verfahren und persönliche Interviews. Wir beobachten die Entwicklung von KI genau. Ein solches Instrument muss unseren Qualitätsansprüchen genügen und einen Mehrwert stiften, damit wir es nutzen.

Tun heutige Tools das nicht?

Selbstlernende Systeme bieten HR-Abteilungen schon viele Möglichkeiten, etwa als Vorfilter bei einem hohen Bewerbungsaufkommen. Aber je kleiner die Zahl der Kandidaten im Verlauf des Recruiting-Prozesses wird, desto mehr kommt es darauf an, diese umfassend kennenzulernen. Das machen wir persönlich.

Es gibt bereits KI-Instrumente, die Sprache, Texte oder Videos von Bewerbern analysieren.

Aus unserer Sicht sind diese Tools noch nicht gut genug. Es sind viele Fragen offen, allen voran: Misst ein Algorithmus das, was wir messen wollen, und können wir damit vorhersagen, dass jemand für eine bestimmte Position geeignet ist? Neben der Validität geht es um Messgenauigkeit: Eine automatisierte Sprachmessung kann man möglicherweise täuschen. Ein Bewerber, der weiß, auf welche Schlüsselworte oder Intonation eine KI anspringt, könnte sich darauf einstellen – das würde das ganze Verfahren konterkarieren. 

Eine weitere Schwachstelle der bestehenden Tools ist die algorithmische Voreingenommenheit, der sogenannte „Algorithmic Bias“. Es heißt immer, dass eine KI vorurteilsfreier bewertet als ein Mensch –  aber ob das so ist, hängt von der Qualität der Daten ab, mit denen der Algorithmus trainiert wurde. Theoretisch kann auch eine Maschine diskriminieren.

Sind konventionelle Tests der KI in ihrem Vorhersagepotenzial also noch überlegen?

Aus meiner Perspektive ja. Bei Beiersdorf gehen wir nach einer multimodalen Auswahlstrategie vor. Wir arbeiten mit psychometrischen Verfahren, die wissenschaftlichen Gütekriterien genügen, etwa kognitiven Leistungstests und Persönlichkeitsfragebögen. Dazu kommen klassische Interviews, die wir mit Case Studies anreichern, die ein Bewerber während des Gesprächs bearbeitet und anhand derer wir konkretes Verhalten beobachten können. Mit dieser Bandbreite ist es uns möglich, aus verschiedenen Facetten ein möglichst ganzheitliches Bild eines Menschen zu gewinnen.

Wie bewerten Sie die Chance, dass Künstliche Intelligenz in absehbarer Zeit auch den „Human Factor“ abbildet?

Das Potenzial von KI ist faszinierend – man denke nur daran, dass sie Schachweltmeister besiegen kann. Aber: Ich persönlich glaube eher nicht daran, dass Künstliche Intelligenz den „Human Factor“ abbilden kann. Intuition, Selbstreflexion, Interaktion in einem Gespräch, wie Menschen miteinander Kontakt herstellen oder mit zweideutigen Informationen umgehen: Der menschliche Geist ist nicht nur komplex, sondern ein Wunder der Natur.

In der Forschung wird KI bei Beiersdorf schon eingesetzt. Ist der Einsatz von Algorithmen im HR-Bereich die größere Herausforderung?

Ja, eben weil wir es mit Menschen zu tun haben und damit immer mit Schattierungen und Unklarheiten. Wir wollen Mitarbeiter finden, die zu uns passen, und wir wollen der Verantwortung den Bewerbern gegenüber gerecht werden, für die unsere Zu- und Absage eine große Rolle spielen kann. Persönliche Wertschätzung hat in unserer Unternehmenskultur einen hohen Stellenwert.

Ist das eine grundsätzliche Absage an Künstliche Intelligenz bei der Gewinnung neuer Mitarbeiter?

Nein, gar nicht: Chatbots in der Kandidatenkommunikation kann ich mir sehr gut vorstellen, auch den Einsatz von KI-Elementen bei Eingangstests – die Technologie entwickelt sich ja schnell weiter. Unsere Strategie bei der Bewerberauswahl besteht schon heute aus verschiedenen Verfahren. KI kann dieses Baukastensystem ergänzen und befruchten.

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 Hamburg Digital Background 

Konferenz "Künstliche Intelligenz im Personalbereich - Wer ist hier der Boss?"

Freitag, 2. August 2019

HANSEPERSONALITY Karel J. Golta: Hamburg kann mehr als Hafen.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW


Industriedesigner und pragmatischer Innovator: Karel J. Golta
Foto: HANSEVALLEY

Es ist keine Agentur. Es ist keine Organisationsberatung: Das Hamburger Unternehmen Indeed Innovation geht einen ganz eigenen Weg. Fernab austauschbarer Prozessfolien konzentriert sich das 45 Mann starke Team um individuelle Problemlösungen und technische Möglichkeiten. Gründer aus eine, Management Buy-out füllt Indeed Innovation eine Lücke zwischen Unternehmensberatungen und IT-Dienstleistern.

Beim "Digital Kindergarten" lernten wir Karel J. Golta kennen  - mit spannenden Aussagen zur Zukunft der Arbeitswelt in einer durch Künstliche Intelligenz veränderten Arbeitswelt. HANSEVALLEY hat die Chance genutzt und den Schweizer Industriedesigner zu Vogel-Strauss und Innovationen, Technologien und Möglichkeiten interviewt. Unser HANSEPERSONALITY ist Karel J. Golta:

Lieber Karel Golta: Sie sagen 'Eigentlich dürfte es Indeed gar nicht geben' - wenn Unternehmen ihre Innovationen selbst treiben würden. In Hamburg haben sich Hapag-Lloyd, die HPA, die Otto Group oder auch Tchibo auf den Weg gemacht. Hand aufs Herz: Was ist der schwerwiegenste Fehler in der digital-vernetzten Geschäftswelt, den Firmen machen können - und warum? 

Ein schwerer Fehler ist darauf zu vertrauen, dass es früher ja auch immer gut gegangen ist, und man deshalb einfach nur im Flow bleiben muss. Oder kurz gefasst: Sich zurücklehnen und nicht aktiv die Zukunft gestalten. 

Seit 20 Jahren verändern neue Geschäftsmodelle immer mehr Branchen. Dabei geht es eben nicht mehr nur um das Wie oder das Was sondern oftmals ums Warum. Menschen nutzen zum Beispiel AirBnB nicht nur, weil es günstiger als ein Hotel ist, sondern weil sie auch mit Einheimischen in Kontakt treten wollen. Die Motivation verändert sich. Das bedeutet, im Unternehmen muss sich auch das Mindset entsprechend anpassen. 

Methoden, Prozesse, Strategien - einfach alles ändert sich systemisch. Es ist ein Irrsinn, wenn Firmen glauben, sie könnten eine Digital Unit oder Abteilung aufbauen, die das dann losgelöst vom restlichen Unternehmen abarbeitet.

Besuchen wir Hamburgs Vorstandsetagen: Das Geschäft läuft dank steigendem Welthandel gut, Zukäufe (z. B. von Container-Terminals) sichern das Wachstum und Verlagerung von Produktion (z. B. Fracht von Bremen nach Hamburg) sichert den Standort. Wie kommen Vorstände aus ihrer bequemen Blase raus, um wirklich die Zukunft anzupacken?

Einsicht ist der erste Schritt zur Veränderung. Vor 160 Jahren konnte man Eis nur gewinnen, indem man an einem See den kalten Winter abgewartet hat, um dann mit einer Säge das Eis zu ernten. Produktionskapazität war die Größe des Sees. Die Nachfrage durch steigernde Bevölkerung gesichert. Und wenn ein heißer Sommer kam, war spätestens im Herbst das Eis ausverkauft.

Heute gibt es keine „Eis-Bauern“ mehr. Sie wurden durch Eisfabriken ersetzt. Und schließlich die Eisfabriken durch Kühlschränke. Kein Eis-Bauer wurde zum Eisfabrikant. Kein Eisfabrikant zum Kühlschrankhersteller.

Wenn Vorstände die schöpferische Zerstörung nicht als Geschäftsrealität für ihr Unternehmen akzeptieren und proaktiv die Zukunft gestalten, dann wurden sie vom Aufsichtsrat falsch berufen.

Das System des Shareholder Value börsennotierter Aktiengesellschaft ist aus Ihrer Sicht für Innovationen eher schwierig. Zugleich betreuen Sie NASDAQ- und DAX-Konzerne ebenso, wie Familienunternehmen und Startups. Wie helfen Sie einer Company, aus den ausgetrampelten Pfaden herauszukommen? Gibt es ein Innovationssystem? 

Etablierte Unternehmen betreiben leider oftmals nur noch Produktentwicklung. Sie haben ja eine bestehende Kundenbasis und wollen denen noch mehr Produkte verkaufen. Start-Ups hingegen betreiben Customer Sourcing, denn ihnen fehlen die Kunden. Dadurch sind sie viel eher an den wirklichen Bedürfnissen von Kunden und Nutzern interessiert.

Der erste Schritt heißt also Nutzerzentrierung und Kundenfokus, indem man relevante Einsichten in deren Ökosystem und Bedürfnisse gewinnt. Und diese nicht nur durchs Marketing, sondern auch durch Produktmanagement und vor allem durch die Entwicklungsabteilung. Empathie für die Nutzer ist ein essenzieller Schlüssel für Innovationen.

Im Weiteren gehört Mut und Risikobereitschaft dazu, um aus den Erkenntnissen wirklich neue und gute Lösungen zu entwickeln. Dabei kann man sehr agil vorgehen und sich vom Prototyp, den man durch die Zielgruppe validiert, zum MVP weiterhangeln. 

Am Ende geht es aber auch hier um die Kultur. Ein Unternehmen muss mit allen seinen Mitarbeitern Innovationen entwickeln wollen – Silo übergreifend und mit Fokus auf Umsetzung. Solange eine Idee nur in der Schublade schlummert, so lange wird es auch keine Innovation geben können. Leider gibt es für diese komplexe Aufgabe keine einfache Lösung.

Stellen Sie sich vor, ich leite ein Traditionsunternehmen und lade Sie zum Pitch ein. Sie berichten mir von branchenübergreifender Denke, von individueller Herangehensweise. Butter bei die Fische: Warum soll ich meine Firma mit Ihnen innovieren, und nicht mit Accenture, Deloitte oder durch eine Tech-Agentur? Sie haben ja auch rd. 2/3 Techis an Board...

Der Vorteil unserer Größe ist, dass wir eine absolut persönliche Betreuung bieten. Bei uns gibt es keine Overheads in Form von Executives, Partnern oder Vertical Leads, die alle viel Geld kosten aber nicht die ganze Zeit mit 100% Engagement auf ihrem Projekt sitzen und Verantwortung übernehmen.

Die Büros von Indeed Innovation in Hamburg.
Foto: Indeed

Unsere Kollegen sind alles besondere Menschen und hervorragende Fachkräfte, die erst dann ruhen, wenn das Projekt die Ziellinie passiert hat. Denen geht es nicht um Titel und Headcounts, sondern darum täglich Neues zu schaffen. Innovation ist People Business. Das Zwischenmenschliche muss stimmen, nicht die Marke des Beraters.
Eines der aktuell heißesten Themen ist die Künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf die digital-vernetzte Arbeitswelt. Zur Zeit sind die skizzierten Szenarien für viele Menschen ein Schreckgespenst. Sie sagen, in 5 Jahren kommen wir in eine Zeit Domain-übergreifender KI, die Kontexte versteht. Was heißt das für das Berufs- und Geschäftsleben?

Wir werden endlich mehr wirklich gute und wichtige Arbeit leisten können. Viele Aufgaben in den meisten Berufen, vom Anwalt über den Arzt bis hin zum Architekten sind bürokratisch. Sie brauchen weder viel Gehirnschmalz noch bringen sie Spaß. Dennoch sind sie relevant. 

Wie viele E-Mails beantworten Sie jeden Tag, die eigentlich sinnbefreit sind? Wieviel Zeit verwenden Sie für Dokumentation oder die Suche nach Informationen? 

Wenn KI Kontext zwischen zwei und mehr Domains schafft, dann werden wir viele der eher stumpfen und unkreativen Arbeiten einfach wegdelegieren können. Im besten Fall wird es dann nur noch spannende und herausfordernde, also menschliche Arbeit geben – wie eben das innovieren.

Bleiben wir einen Augenblick bei Künstlicher Intelligenz: Was müssen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen in den kommenden 5 Jahren machen, um nicht durch selbstlernende KI überrascht und in der Folge verdrängt zu werden. Und vor allem: Welche Branchen sollten aus Ihrer Sicht langsam aber sicher loslaufen?

KI ohne Daten ist nutzlos. Und wenn ich nicht weiß, was ich mit den Daten beabsichtige zu tun, sind diese sinnlos.
Insofern muss sich jedes Unternehmen zuerst einmal überlegen, ob, wo und wie es Daten generiert oder generieren könnte. Dann kann im Rahmen eines ersten KI-Innovationsprojektes geschaut werden, was mit diesen Daten alles zu erreichen wäre, bzw. welchen Wert, welchen Output mit ihnen fürs Unternehmen oder seine Kunden geschaffen werden könnte.

Unternehmen, die schon heute ein hohes Datenvolumen mittels Kundendaten, Messdaten, etc. generieren, sollten dringend ein KI-Projekt anstoßen. Denn ihre Branche könnte sehr schnell durch neue Geschäftsmodelle und Services disruptiert werden. Aber Achtung: KI-Projekte sind keine IT-Projekte.

Sie sind ein 'neugieriger Mensch' - professionell ganz vorn als Innovator, persönlich eher ein Multiplikator funktionierender Möglichkeiten. Nach 19 Jahren "schönste Stadt" und persönlicher Bindung in Volksdorf: Was läuft in Sachen Innovationen in Hamburg richtig gut? Aber warum verliert Hamburg jede Marktführerschaft wieder an andere Städte und Regionen?


Jede Stadt hat ihr "Beast": Der Hamburger Hafen von der Elphi
Foto: HANSEVALLEY

Richtig gut ist das Clustermanagement. Mit acht Clustern, die clever aufgesetzt und gut vernetzt sind, schafft Hamburg eine enorm gute Innovationspolitik. Da ich selbst in zweien als Vorstand und als Beirat aktiv bin, erlebe ich wöchentlich, welche Vielfalt die Hansestadt bietet und welches Potenzial vorhanden ist. 

Hamburg steckt jedoch selbst im „Innovators Dilemma“. Als ewige Handelsstadt mit Krämerseele hat sie sich immer um den Hafen gekümmert. Bis heute. Alles andere ist zwar interessant, aber eben nicht so wichtig wie das etablierte System des Handels. Dies kann sich nachteilig auswirken, denn Monokulturen waren noch nie für ihre Resilienz bekannt. 

Die hiesige Politik schiebt zwar regelmäßig Dinge an, in der Hoffnung sich später im Lichte des Erfolges sonnen zu können. Was aber unerlässlich ist: Man muss das Baby auch über die Ziellinie tragen (wollen). Man muss Neues soweit und solange (auch nach Rückschlägen) fördern und global denken, bis die ganze Welt verstanden hat: Hamburg kann mehr als Hafen.

*  *  *

Vielen Dank für die spannenden Antworten!
Das Interview führte Thomas Keup.


 Hamburg Digital Service: 

Indeed Innovation:
indeed-innovation.com

Hamburger Wirtschaftscluster:
hamburg.de/wirtschaft/clusterpolitik/


 Hamburg Digital Background: 

HANSEEXKLUSIV Staatsrat Jan Pörksen:
Die Dienstleistungen des Staates vom Nutzer her denken.
hansevalley.de/2019/04/hanseexklusiv-dr-jan-poerksen.html

HANSEPERSONALITY Benny Bennet Jürgens:
In unserer Jetzt-und-Sofort-Gesellschaft muss der Mehrwert sofort spürbar sein.

hansevalley.de/2019/04/hansepersonality-benny-bennet-juergens.html

HANSEPERSONALITY Henning Schneider:
Hamburg sollte sich den digitalen Vorsprung nicht nehmen lassen.
hansevalley.de/2019/03/hansepersonality-henning-schneider.html

Sonntag, 24. Juni 2018

HANSEPERSONALITY Olaf Rotax: "Da muss mehr sein als das, was wir heute haben."

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

20 Jahre digitaler Background, über 100 Transformationsprojekte in mehr als 50 Konzernen, Familienunternehmen und Startups. Mit der Erfahrung von tchibo.de, otto.de, shopping24.de, karstadt.de ist der gebürtige Hamburger Olaf Rotax ausgewiesener E-Commerce-Spezialist. Der Buchautor zur "Web-Exzellenz im E-Commerce" sieht sich jedoch als Generalist für die Transformation von Unternehmen.


Visionär mit klaren Vorstellungen: Olaf Rotax
Foto: dgroup
Seit 4 Jahren beschäftigt sich der 45-jährige Vater dreier Kinder mit der dgroup um Verständnis zu Wirtschaft und Technologien sowie Kultur und Politik Chinas, baut Brücken zwischen Berlin und Peking, Hamburg und Shanghai. Der Blick nach Osten eröffnet neue Perspektiven - zu Plattformen, Ecosystemen und künstlicher Intelligenz. Wo ist Europas Platz zwischen Darvinismus und Sozialismus? Ein Hamburg Digital Interview mit dem Visionär und Innovator Olaf Rotax:

Während Ihres Schülerpraktikums erlebten Sie mit 16 Jahren in einem großen Verlagshaus, dass hochspezialisierte Lochkartenprogrammierer auf Grund verjährter Kompetenzen in die Kantine versetzt wurden. Haben Sie sich an der FH Wedel zum Wirtschafts-Ingenieur ausbilden lassen, um als Generalist niemals in die Gefahr geraten, aussortiert zu werden und - bildlich gesprochen - in die Kantine versetzt zu werden?

Am Ende hat mich das Erlebnis sicherlich dazu gebracht, nicht nur auf die ursprünglich favorisierte Informatik und eine praxisnahe Ausbildung zu setzen. Viel entscheidender war aber, dass ich mich dadurch schon sehr früh mit Megatrends auseinandergesetzt habe, die unser Leben in Zukunft verändern können – und dabei stößt man zwangsläufig auf den Wirtschaftsingenieur als „Brückenbauer“ der Veränderungen und Disziplinen. Der damit verbundene Anspruch, dass dafür durchschnittliche Leistung nicht ausreicht, hat mich dann zusätzlich angespornt.

Trainee bei Tchibo, Nr. 4. mit E-Mail-Adresse @tchibo.de, Entrepreneur bei der Gründung von tchibo.de, Mitarbeiter Nr. 14 für "Neue Medien" bei otto.de, Gründer der E-Commerce-Agentur Mindwyse und der Beratungsfirma Diligenz, Gründer der Digitalberatung dgroup, nach der Übernahme Vorzeigeexperte bei Accenture, Brückenbauer zwischen Europa und China. Wann werden Sie mit Ihrem Erreichten zufrieden sein?

Zuerst einmal klar und deutlich: Das klingt nach einem klaren Plan von Anfang an, ist aber eine Kombination aus Chance, Glück und sicherlich dem Streben nach „da muss mehr sein, als das, was wir heute haben“. Ich habe früh Chancen bekommen, mich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen und die Freiheiten erhalten, diese dann auch konsequent zu verfolgen. Dafür bin ich meinen Führungskräften in den ersten 10 Jahren meiner Entwicklung sehr dankbar – dabei bin ich hier sicherlich nicht immer nur den „eingetretenen“ Weg gegangen, durfte auch mal Fehler machen. 


Olaf Rotax - Gründer und Geschäftsführer der dgroup
Foto: dgroup
Die Selbständigkeit und der gemeinsame Firmenaufbau mit meinen Partnern hat mich dann erst einmal Demut gelehrt, aber ebenso wieder bestärkt, dass beim Zusammenkommen einer klaren Vision und eines starken Teams fast alles möglich ist. Plus die Erkenntnis nach fast 20 Jahren Auseinandersetzung mit „What‘s Next“ – was viele heute mit Digitaler Transformation gleichsetzen - dass ich mich noch einmal verändern muss, wenn ich die Zukunft wirklich aktiv gestalten möchte. 

Zufrieden werde ich realistisch sein, wenn ich dazu beigetragen habe, für meine drei Kinder das Gute von heute mit dem Neuen von Morgen verbunden zu haben. Ich habe eine klar positive Vision unserer Zukunft und möchte sicherstellen, dass diese auch so eintritt.



Sämtliche intellektuellen Modelle, die heute z. B. von Startups umgesetzt werden, stammen aus der Zeit zwischen 1998 und 2000, z. B. Online-Bestellungen, Abo-Modelle über das Netz oder Vermittlungsplattformen. Gibt es überhaupt eine wirklich neue Methode, wenn selbst "KI" bereits 1956 erstmals beschrieben wurde. Ist das alles nur "alter Wein in neuen Schläuchen"?


Ein sehr fairer Punkt. Intellektuell wurde „Digital“ zwischen 1995 und 2000 quasi vollständig durchdacht, wenn auch auf Basis damaliger Technologie und ihrer entsprechenden Adaption. Was wir heute sehen, ist tatsächlich auf dem Meta-Level gleich zu dem vor 20 Jahren, aber eben der aktuellen Technologie und verzögert laufend technologischer Adaption angepasst. Die kurzfristige Veränderung zur Kernvision der Zukunft um 2000 wurde unterschätzt, die langfristige Wahrscheinlichkeit der dann iterierten Vision wird aber nach wie vor unterschätzt. 

Wie schnell dann Veränderung ablaufen kann, können wir aktuell am besten in China beobachten, wenn eine Nation aktuell einfach eine Stufe in der Entwicklung überspringt. Und die aktuelle Erkenntnis, dass Spitzenleistung und Innovation eigene Organisationsformen braucht, ist eigentlich auch bereits seit Jahrzehnten und nicht erst seit ein paar Jahren bekannt. Ich möchte es mal so ausdrücken: 


Alle Einzelteile waren eigentlich schon immer da – sie werden aktuell nur neu geordnet und mit neuen Methoden zusammengebaut.

Seit rd. 5 Jahren kommen die Innovationen zunehmend aus China. Alibaba will ein voll automatisches Lager in Hamburg errichten. Sie haben im vergangenen Jahr mit dem "D20 Sino-German Digital Leadership Forum" eine Brücke zwischen Hamburg und Hangzhou, zwischen Deutschland und China gebaut. Warum sollten wir uns auf den "Silicon Dragon" einlassen?

Wenn es um (digitale) Trends geht, haben wir uns angewöhnt, zunächst nach Westen ins Silicon Valley zu schauen. Das ist nach wie vor nicht vollkommen falsch, aber definitiv nicht mehr ausreichend. China verbinden wir wiederum viel zu sehr mit einem Niedriglohn-Produktionsland oder großen Entwicklungsabsatzmarkt für unsere westlichen Produkte. 


Weiß, was in China online, mobil und digital passiert.
Foto: dgroup
Was wir lange Zeit übersehen haben ist, dass China zwar am Anfang gut kopiert hat, aber längst mit hoher Agilität iteriert und weiterentwickelt. WeChat ist keine WhatsApp-Kopie, sondern WhatsApp plus Paypal plus Amazon plus X – WeChat ist ein neuartiges Ecosystem, dass jetzt wiederum von WhatsApp und Facebook teilweise kopiert wird.  Bei der technologischen Adaption hat China die Entwicklung der letzten Jahre bei uns einfach übersprungen – Online Retail ist bereits größer als der klassische Retail und das „New-Retail-Konzept“ aus China wird realistisch ein weiteres Role-Model auch im Westen werden. 

Die alles entscheidende Frage wird sein: wird es auch „echte“ Innovation aus China geben? Die Zeichen stehen dabei sehr positiv – bei Future Mobility, Future Banking, New Retail und Technologien wie Quantum Computing, AI und Blockchain ist China bereits auf Augenhöhe und zum Teil führend. 


Wer also Zukunft gestalten möchte, sollte sich auf den „Silicon Dragon“ einlassen!

Europa steckt in der Zwickmühle: Einerseits die Vereinigten Staaten mit den GAFAs (Google, Apple, Facebook, Amazon), andererseits China mit den BAT-Riesen Baidoo (Suche), Alibaba (E-Commerce) und Tencent (u.a. WeChat-Services). Auf beiden Seiten massive Anstrengungen in datenbasierte Geschäftsmodelle. Wie kommt das zersplitterte Europa aus dieser Zwickmühle heraus?


Klare Worte, klare Perspektiven: Wie soll unsere Zukunft aussehen?
Foto: dgroup
Zunächst einmal muss man sich klarmachen, dass es eigentlich keinen Grund gibt, warum es keine „dritte Lösung“ aus Europa geben sollte. Mir persönlich würde eine pluralistische Welt mit Alternativen besser gefallen als eine Welt, in der nicht zwangsläufig europäische Werte im Vordergrund stehen. Gleichzeitig ist aber auch eine realistische Einschätzung, dass kein Einzelspieler aus Europa in der Lage sein wird eine echte Alternative zu den skalierenden aktuellen Eco-Systemen aufzubauen, von Nöten. 

Es ist uns bereits einmal gelungen beim ursprünglichen Aufbau der Europäischen Union Einzelinteressen zu Gunsten eines größeren Ganzen zurückzustellen – jetzt müssen wir zeigen, dass wir trotz aktueller wiedererstarktem Eigeninteressenfokus gemeinsam etwas sehr Lohnenswertes schaffen können, denn wie bereits gesagt – die kurzfristige Auswirkung von GAFA und BAT auf unsere Wirtschaft und Werte wird vielleicht zum Teil überschätzt, die langfristige Wirkung ohne Veränderung bei uns aber sehr naiv unterschätzt. 


Wir brauchen – wie übrigens vorbildlich orchestriert und gemanagt in China – eine digitale Zukunftsvision von Europa als drittem Eco-System neben GAFA und BAT.

Die Entwicklung geht vom klassischen Geschäftsmodell zur offenen Plattform, daraus zum umfassenden Eco-System und über allem steht eine konsolidierende Künstliche Intelligenz (AI). Sie sagen: die GAFAs werden bei der Datenauswertung zusammenarbeiten, im chinesischen System ist dies keine Frage. Was bedeutet es für international agierende Player aus Deutschland und Europa, wenn alles auf Artificial Intelligence hinausläuft?

Lassen Sie es mich so sagen: Weder die USA noch China überlassen die Entwicklung zum Aufbau des AI Meta-Ecosystems dem Zufall oder der reinen freien Marktentwicklung. Eine Dualität aus Förderung, Lenkung und Protektionismus eigener Lösungen ermöglicht es neuen Spielern, kritische Masse zu entwickeln und diese effektiv einzusetzen. Beide Faktoren werden bei uns in Europa viel zu wenig koordiniert und viel zu wenig auf ein klares Ziel gerichtet angewendet. Das Spiel um die Führungsplätze in der neuen Weltliga AI wird im Doppelpass zwischen Politik und Wirtschaft und mit hohem Einsatz gespielt. 


Hat eine konkrete Idee für das datenbasierte Europa.
Foto; dgroup
Für das Einzelunternehmen mache ich gerne folgende bewusst vereinfachte Rechnung auf: Der Aufbau eines wirklich relevanten und überlebensfähigen dritten AI Meta-Ecosystems wird vermutlich über die nächsten 10 Jahre mehr als 1.000 Milliarden kosten. Kein Einzelunternehmen wird diese Mittel alleine aufbringen können. 1.000 Unternehmen mit jeweils 1 Milliarde in einer neuen Art von "Genossenschaft" könnten das aber erreichen. Aktuell sind es diese 1.000 Unternehmen, die entscheiden müssen, ob sie mit ihren aktuellen Daten lieber für kurzfristigen Erfolg die AI der bestehenden Eco-Systeme GAFA und BAT füttern wollen oder den „Rohstoff der Zukunft Daten“ für eine eigene gemeinschaftliche Plattform einzusetzen.

Zu guter Letzt unser Hamburg-Frage: Sie sind gebürtiger Hamburger, leben heute mit ihrer Familie in Rellingen bei Pinneberg. Sie haben fast 10 Jahre für Tchibo und Otto das Online-Geschäft aufgebaut. Hand aufs Herz: Wie gut ist die Hamburger Wirtschaft aus Ihrer Sicht auf die digital-vernetzte Daten-Zukunft vorbereitet? Der Medienstandort ist bekanntermaßen bereits verloren das Marketing ist eine globale Disziplin. Wo hat die Hamburger Wirtschaft deutlichen Nachholbedarf?

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass wir noch in keiner Disziplin aus meiner Sicht final verloren haben, auch wenn in der zweiten Halbzeit schon einige Zeit verstrichen ist, wir nicht vorne liegen und nun das Spiel umstellen müssen. Am Ende sind es drei Dinge, die ich mir wünschen würde: 

1. Mehr Mut für echte disruptive Visionen für unsere Stadt genauso, wie für die hier führenden Unternehmen – Wir werden zwar noch Jahre vom Erreichten profitieren, aber müssen heute bereits den Grundstein für die nächste Generation von digitalisierten Geschäftsmodellen legen 


Zwei, die Brücken bauen: Petra Vorsteher (Smaato) und Olaf Rotax.
Foto: dgroup
2. Mehr Kooperation zwischen den Unternehmen und der Regierungsseite – keiner wird das Ziel alleine erreichen und unsere historische Partnerschaft zwischen Hamburg und China wird eine wichtige Brücke für uns sein 

3. Mehr Fokus auf Agilität – unsere Welt wird sich immer schneller verändern und die meisten Unternehmen sind nach wie vor für ein relativ stabiles Umfeld organisiert – eine exponentielle Zukunft braucht aber exponentielle Unternehmensorganisationen.

*  *  *

Herzlichen Dank für die zukunftsweisenden Antworten!
Das Interview führte Chefredakteur Thomas Keup.

 Hamburg Digital Background: 

Xing - Business-Profil von Olaf Rotax:
https://www.xing.com/profile/Olaf_Rotax/

Turi2 - Homescreen von Olaf Rotax:
http://www.turi2.de/allgemein/mein-homescreen-olaf-rotax/

dgroup - Ein Unternehmen von Accenture:
www.dgroup.com