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Freitag, 5. Oktober 2018

HANSESAFETY: Der digital-vernetzte TÜV für die digital-vernetzte Industrie 4.0

HAMBURG DIGITAL REPORT

Es ist die 2. Welle der Digitalisierung: Nach Information und Kommunikation mit Medien und Marketing rollen vernetzte Technologien über Produktion und Logistik hinweg. Digitale Industrie- und Verkehrsanlagen verändern Standorte, Fabriken und Transportwege. Sensoren für Maschinen und Geräte sind preiswert geworden, Datenpakete wachsen exponentiell an, Software für die Auswertung mittels künstlicher Intelligenz wird extrem leistungsfähig. 


Elektrifizierung und Automatisierung finden nach 20 Jahren in Digitalisierung und Transformation ihre nächsten evolutionären Schritte. Der TÜV Nord ist mit 150 IT-Security-Spezialisten seit jeher eine der IT-relevanten Prüforganisationen im TÜV-Verbund. Kraftwerksleittechnik, Bahntechnik, Kreditkartensicherheit oder kritische Infrastrukturen - wie Daten- oder Stromnetze - stehen auf der Tagesordnung des 13.000 Mitarbeiter großen Konzerns aus Hamburg, Hannover und Essen mit über 100 Gesellschaften in 70 Ländern. Ein Hamburg Digital Report:

"Ich glaube, es hat sich nichts geändert in den letzten 20 Jahren", überrascht Ulf Theike, verantwortlich für die Transformation im Bereich Industrie Service des TÜV Nord. Statt von einer Revolution zu sprechen, argumentiert der seit 2008 beim TÜV Nord als Geschäftsführer engagierte Volkswirt mit einer Evolution. Sein Bereich Industrie Service ist von der Digitalisierung jetzt betroffen: von den Elphi-Aufzügen bis zu Windrädern in Schleswig-Holstein, vom Pizzawerk in Wittenburg bis zum Kohlekraftwerk in Moorburg. Als verantwortlicher Manager für Transformation kümmert sich der Münsteraner um die Steuerung des Innovations-; Akkreditierungs- sowie des globalen Prozessmanagements.


Digitalisierung - ein unverzichtbarer Baustein der TÜV Nord-Strategie
Bild: TÜV Nord

Schon vor 10 Jahren beschäftigte sich der Familienvater beim TÜV Süd als Leiter Innovationen mit dem "heissen Scheiss". Datenschutz und IT-Security fesseln ihn damals wie heute, 'Welche Normen und Regeln gelten in welchem Markt?' Nur eine Schlüsselfrage für den langjährigen Tech-Vordenker. Seine These von '20 Jahren Kontinuität' begründet er mit der unveränderten Nutzung von Hardware und Software, von Sensorik und Daten sowie ihrer Auswertung. Allerdings haben sich der technische und wirtschaftliche Rahmen verändert. Neue Bedingungen ermöglichen neue Geschäftsmodelle und Produkte - und sie bedeuten neue Herausforderungen auch für die Produktprüfung des TÜV.

Wehe die online-vernetzte Insulinpumpe wird gehackt.

Beispiel Medizinprodukte: eine elektrische Insulinpumpe. Sie erspart Diabetikern täglich erforderliche Spritzen und Stifte zur Insulingabe. Längst sind die kleinen Geräte am Hosengürtel ausgestattet mit Bluetooth und WLAN. Neben der Safety-Frage zu mechanischer und elektrischer Sicherheit der lebenserleichternden Pumpen stehen nun auch Fragen der Security für die Prüfer des TÜV auf der Tagesordnung: Können die Insulinpumpen gehackt werden? Können die Programme zur Messung und Abgabe des Insulins manipuliert werden? Gefährden die technischen Möglichkeiten womöglich das Leben von Nutzern? Ging es bislang vor allem und mechanische und elektrische Sicherheit, werden die Prüfer zunehmend auch zu IT-Security-Spezialisten.


Accu-Chek Insulinprüfer mit Wireless-Adapter zur Mysugr-App
Foto: Accu-Chek/Roche

Das Problem für die Prüfer von Industrie- und Haushaltsartikeln: Bis heute gibt es keine verbindlichen Standards für die Industrie-, wie für die Massenproduktion von digital-vernetzen Produkten. Zwar gibt es die Common Criteria für IT-Produkte. Doch die Modelle, Anforderungen und Zertifizierungen gelten vornehmlich für Sicherheit auf Staatsschutz-Niveau. Für den berühmt-berüchtigten Kühlschrank mit WLAN wäre das Werk wie Kanonen auf Spatzen. Um der Flut online-vernetzter Industrie- und Gebrauchsgüter Herr zu werden, hat man sich beim TÜV ein eigenes Vorgehen erarbeitet. Mit "Security4Safety" setzt der TÜV auf ein Team mit einem Regelwerk, die mit einer Sprache sprechen.

Ulf Theike: "Wir haben das Thema für Sie geregelt."

Bei vielen Herstellen sind Produkt und Vernetzung - sprich Software, Daten und Services - bislang getrennt. Dass das nur bedingt Sinn macht, weiß man beim TÜV Nord seit mehr als 20 Jahren. Solange prüft die TÜV-Tochter IT Informationssicherheit mittlerweile Chiphersteller wie Chipkartenproduzenten, Hardware- und Softwarehersteller, Banken und Versicherungen. Zu den Referenzen zählen u. a. der auch in Hamburg beheimatete Chipriese NXP sowie Microsoft. So sind die Ingenieure beim TÜV auch für die IT-Security serienmäßig mit verantwortlich, sei es nach eigenen Regelwerken (IT-Security) oder dem Stand der Technik (Safety+IT-Security).


Weiterbildung der Mitgarbeiter für den digitalen TÜV.
Foto: TÜV Nord/Udo Geisler

Für den TÜV Nord bedeutet Digitalisierung jedoch weit mehr, als Kühlschränke und Toaster sowie Aufzüge und Windkraftanlagen sicher gegen Hackerangriffe zu machen. Intern bestimmen papierlose Prozesse den Zertifizierer mit seinen drei großen Standorten in Essen, Hannover und Hamburg. Portale, Onlinetools und Schnittstellen zu Kundensystemen gehören zum Arbeitsalltag von Ulf Theike und seinem Team. Waren es bisher Ingenieure, die beim TÜV für Sicherheit sorgten, kommen zunehmend IT-Spezialisten oder Cybersecurity-Experten in gemischten Teams hinzu. "Wir müssen alle Mitarbeiter auf eine Reise der Weiterbildung mitnehmen", pointiert der frühere DNV GL-Experte die Herausforderungen des TÜV mit seinen Mitarbeitern von China über Indien bis nach Brasilien.

Daten kommen zum Prüfer statt Prüfer gehen zur Technik

Die für Techis wirklich spannenden Veränderungen finden bei der Prüfung von Anlagen und Geräten statt. In der Vergangenheit galt hier: Die Prüfer gehen zur Technik - und prüfen. Das Problem: Mit der klassischen Methode - bekannt aus Kfz-Haupt- und Abgasuntersuchung - ist Sicherheit nur zu einem bestimmten Zeitpunkt feststellbar. Mit digital-vernetzten Industrieanlagen und -geräten kommen die Daten zu den Prüfern. Wie beim Schiffsklassifizierer kann der Zustand technischer Anlagen so an 7 Tagen der Woche rund um die Uhr festgestellt werden. Das "Lifecycle Monitoring" läuft bereits an den Containterbrücken eines Hamburger Terminalbetreibers mittels vernetzter Teststreifen. 


Digitale Aufzugsprüfung durch eine TÜV-Expertin.
Foto: TÜV Nord/Hauke Haas
Außerdem laufen rd. 30 Aufzugsanlagen testweise im Echtzeitmonitoring. Immer mehr Anlagen werden von den Herstellern vorgerüstet, so dass die Daten zu den Prüfern auf den Monitor kommen können. Somit stellen sich für die Experten in der technischen und digitalen Prüfung neue Fragen: 'Welche Daten werden für die Prüfung benötigt? Und wie können wir sicher sein, dass die Daten echt sind?' Heute hat die Vor-Ort-Prüfung im Schnitt rd. 70 Prüfpunkte, die abgearbeitet werden. Welche Punkte können künftig rund um die Uhr beobachtet werden? Erste Erfahrungen zeigen: Rund 1/3 der Inspektion können remote erfolgen, rd. 2/3 bleiben der Vor-Ort-Besichtigung vorbehalten.

Daten: "Das Recht kann nur bei demjenigen liegen, der die Daten erzeugt."

Um gemischte Services anzubieten und die Prüfung von Produktions- und Transportanlagen auf eine neue Stufe zu heben, bedarf es einheitlicher Schnittstellen für einen normierten Zugang zu gesicherten Daten. Bislang gibt es keine Regelung zu digital-vernetzten Industrieanlagen vom Typ 4.0. Damit stellt sich die Glaubwürdigkeitsfrage für zugelieferte Daten. Der TÜV-Experte schlägt für dieses Thema ein Trustcenter vor, das keine eigenen Interessen verfolgt, wie globale Datensammler aus der Kategorie Amazon, Facebook, Google & Co. Ulf Theike hat noch mehr Wasser für den Wein: Wer ist der Eigentümer der Daten? Der Hersteller, der Betreiber oder der Nutzer von Maschinen oder Geräten?


Kompetenz des TÜV Nord mit eigenen Rechenzentren.
Foto: TÜV Nord

Für persönliche Daten ist die Antwort aus Sicht des Experten klar: "Das Recht kann nur bei demjenigen liegen, der die Daten erzeugt hat." Beispiel: Der Patient als Nutzer von "Vivy" oder "TK-Safe", den digitalen Gesundheitsakten der Krankenkassen. Auch beim Autofahren sollte klar sein; Nicht BMW, Daimler, Ford, Opel oder VW gehören die Daten - sondern dem Autofahrer. Im B-2-C steht für den TÜV-Mann fest: Persönlichkeitsrechte vor Industrieinteressen. Doch bei Industrieanlagen wird es schon kniffliger: Längst gibt es Personenerkennungssysteme in Aufzügen, werden SIM- und Handydaten im WLAN ausgelesen. Das beginnt bei Kamerasystemen für den Notruf und endet in neuen Geschäftsmodellen von Otis, Schindler oder Thyssen-Krupp.

Schutzorganisation der Verbraucher, nicht der Hersteller.

"Es darf nicht jeder in Europa seinen ökonomischen Gelüsten nachkommen und gegen Persönlichkeitsrechte verstoßen"; warnt der Kenner. Kein Wunder: Sind die Technischen Überwachungsvereine doch entstanden, weil industrielle Güter Gefahren ins sich bergen. Und der TÜV stellt sich als Schutzorganisation der Verbraucher auf. So fordert Ulf Theike als Top-Manager des TÜV Nord ein Trust-Center für neue, datenseitig heikle Themen, wie Autonomes Fahren oder Medizinprodukte. Diese sollten behördlich betrieben - oder auch in Partnerschaft mit den zur Neutralität verpflichteten TÜV-Organisation. Gerade bei Medizinprodukten nimmt die Datenrelevanz mit Patientendaten zu.


Der TÜV Nord in Hamburg-Stellingen
Foto: TÜV Nord

In Hamburg und Essen arbeiten unter dem gebürtigen Münsteraner allein 15 Digitalexperten im eigenen Innovation Center - neben den Digital Academys zur Weiterbildung mit jeweils rd. 250 Trainingsexperten. Als ein spannendes Thema aus seinem Bereich nennt der Experte z. B. Next Reality mit AR und VR, die Blockchain-Technologie und den 3D-Druck. 'Wie kann man sicher gehen, dass der Drucker tatsächlich unverfälschte CAD-Zeichnungen bekommen hat, um einwandfreie Teile aus Kunststoff oder Metall zu drucken?' Genau daran arbeiten Technologie-Experten und Sachverständige aus der Prüfung Hand in Hand in den beiden Innovation Centern an Alster und Ruhr. 

Die Frage: "Wie stellen wir wieder ganzheitliche Sicherheit her?" 

Es gibt tausende von Angriffen auf Industrieunternehmen - jeden Monat. Desto vernetzter die Unternehmen, desto höher die Gefahr, wie der "No Petya"-Angriff durch ein Softwareupdate in der Personalabteilung einer ukrainischen Beiersdorf-Tochter beweist. Die Folge: 4,5 Tage weltweiter Produktionsausfall und rd. 35 Mio. Schaden - laut offizieller Angaben. Wie können Experten vom TÜV zusammen mit Herstellern wieder ganzheitliche Sicherheit herstellen? Dabei ist das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik nicht immer nur hilfreich. Vielmehr sehen die Sachverständigen einen zunehmenden Trend des BSI, in den Bereich Akkreditierungen und Zertifizierungen zu gehen. Neue Konkurrenz seitens des Staates?

Digitale Prüfiung am PC beim TÜV Nord.
Foto: TÜV Nord/Koyou

Der TÜV-Experte hält dagegen: "Wir prüfen gegen anerkannte ökonomische Risiken." Damit nicht genug: In Zukunft werden Prüfer vor Ort ebenso präsent sein, wie Informatiker, die z. B. kritische Infrastrukturen prüfen. Gerade die kritischen Infrastrukturen werden zunehmend entscheidender. Schon heute gibt es in Deutschland rund 1.800 sogenannte "KRITIS"-Unternehmen - Tendenz steigend. Das Thema digital-vernetzter Unternehmen und ihrer datenbasierter Produkte und Services nimmt weiter zu. Der TÜV bietet deshalb Unternehmen auch an, vor Ort von der Digital Academy fit gemacht zu werden. Gut zu wissen, dass der TÜV dabei ist, Hersteller und Verbraucher in der digitalen Welt nicht allein zu lassen.

 Hamburg Digital Background: 


TÜV Nord - Innovation Space, Hamburg:
tuev-nord.de/explore/de/erzaehlt/innovationskultur-tuev-innovation-space/

TÜV Nord - Digitalisierung am Beispiel V2X:
tuev-nord.de/de/privatkunden/ratgeber-und-tipps/technik/digitalisierung/

TÜV Nord - Digitalisierungsstudie 2018 Automotive:
tuev-nord.de/de/unternehmen/verkehr/autohaus-und-werkstatt/effizienz-steigern/tuev-nord-digitalisierungs-studie-2018/ 

TÜV Digital Academy für Mitarbeiter:
tuev-nord-group.com/leitbild/digital-academy/

TÜV IT in der TÜV Nord Gruppe, Essen:
tuvit.de

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HANSEPERSONALITY 
BSI-Präsident Arne Schönbohm: "Die Lage ist ernst."

Common Criteria in der Wikipedia:
de.wikipedia.org/wiki/Common_Criteria_for_Information_Technology_Security_Evaluation

Mittwoch, 18. April 2018

HANSECHAMPIONS: Auf dem Weg zur digital-vernetzten Industrie 4.0

HAMBURG DIGITAL REPORT

8. Februar d. J., Albert-Schäfer-Saal in der Handelskammer am Adolphsplatz. Gut 150 Vertreter aus Großindustrie und Mittelstand, Wissenschaft, Kammer und Politik treffen sich zum 2. Dialogforum Industrie 4.0. Die Präsentationen, Workshops und Diskussionen sind das Follow-up der Anfang 2015 aus der Taufe gehobenen Plattform zur Sensibilisierung und Vernetzung der Hamburger Industrie - auf dem Weg in die digital-vernetzte Zukunft.


Industrieller Vordenker an der Alster: Andreas Pfannenberg
Foto: Pfannenberg Group

Diplom-Ingenieur Andreas Pfannenberg sitzt in der 1. Reihe, ist Initiator und Motor der industriellen Vernetzung rund um die Alster. Er ist Geschäftsführer der gleichnamigen Industrieholding in Bergedorf und Sprecher der Dialogplattform Industrie 4.0. Was macht Industrie 4.0 aus? Und welche Chancen bieten sich für Hamburger Produzenten auf dem Weg in die Zukunft. Ein Hamburg Digital Report:

"Die Digitalisierung erlaubt, Dinge viel transparenter zu machen und den Kunden zielgerichteter zu analysieren und anzusprechen." Andreas Pfannenberg ist ein offen wirkender Unternehmer. Im Konferenzraum seiner Verwaltung im Industriegebiet von Moorfleet steht er Rede und Antwort. Gut 260 Mitarbeiter arbeiten in Hamburg für den Elektro- und Elektronikspezialisten, rd. 500 Mitarbeiter sind es weltweit in der Firmengruppe. Der Familienunternehmer produziert industrielle Kühlanlagen, Steuerungsanlagen für die Klimatisierung und Signaltechnologie. 


Pfannenberg-Kundenssoftware "PSS" zur Industrieanlagen-Planung
Foto: Pfannenberg Group

Pfannenberg ist Unternehmer in 2. Generation. Der Vater einer 28-jährigen Tochter hat mehr als 35 Jahre Industrieerfahrung. Der studierte Elektrotechniker ist 1987 ins Familienunternehmen eingestiegen. Der Wellingsbütteler ist stolz auf den Industriestandort: mit Kupfer, Aluminium und Stahl, mit Geräten und Maschinen und dem traditionsreichen Schiffs- und Flugzeugbau ist Hamburg der größte Industrieproduktionsstandort der Republik. Dazu kommen neue Kompetenzen, wie der 3D Druck, zunächst mit Metalldruck für Airbus & Co. - mittlerweile auch in Kunststoffen unterwegs. Das Laserzentrum Nord und die Partner im neuen 3D Druck-Netzwerk Hamburg machen's möglich.

Wer schiebt sich zwischen die eigenen Produkte und Kunden?

Industrie 4.0 ist eines der Buzzwords des Jahr: ob Dialogforum, Kompetenzzentrum oder Masterplan - die digital-vernetzte Industrie gilt neben der additiven Fertigung von Kunststoff- und Metallteilen eines der Wachstumsthemen zu sein. "Ich kann nicht verstehen, wenn Unternehmen sich mit der Digitalisierung nicht aktiv beschäftigen", fasst es der stellvertretende Vorsitzende des Industrieverbandes Hamburg zusammen. Es sei keine Zeit zu verlieren, denn die Gefahr ist da: Wer schiebt sich zwischen die eigenen Produkte und Kunden? Globale Plattformen - z. B. in schneller, agressiver Startup-Methodik - erobern immer mehr Bereiche des B2B-Sektors.


Fördern Industrie 4.0 in Hamburg: BWVI, DGB, HK und IVH
Foto: BWVI 

Der Dreh- und Angelpunkt: Wenn eine Plattform reine Leistung statt eines physischen Produkts anbietet, wird der Hersteller zum Lieferanten im Hintergrund - und ist austauschbar. Beispiele, wie Airbnb mit Privatunterkünften und Booking.com mit Hotelzimmern, Uber mit Limousinen und Amazon mit Marktplatzhändlern sprechen eine eigene Sprache. Der (End-)kunde kauft lediglich die Leistung, zusammen mit Kundendienst und Liefergarantien. Wie die Leistung erbracht wird und zu welchem Preis, tritt in den Hintergrund.

Mit veränderten Geschäftsmodellen steht Performance im Mittelpunkt

Andreas Pfannenberg sieht einen eindeutigen Wandel von Verkauf und Dienstleistungen zur Lieferung und Betreuung von Leistungen. Beispiel: Rolls Royce vermietet heute bereits Flugzeugtriebwerke auf Basis von Betriebsstunden. Der Wandel von der reinen Produktion zur Lieferung garantierter Leistung kommt. Und sie setzt industrielle Hersteller unter Druck. Standen bisher die Produktion, Fehlquote und der Absatz im Mittelpunkt des unternehmerischen Handelns nicht nur Hamburger Familienunternehmer, wird's in einer Welt garantierter Leistung knifflig.


Daten stehen im Mittelpunkt in Industrie und Dienstleistung.
Foto: HPA

Plötzlich stehen reale Daten in Echtzeit im Fokus des Interesses, um seinen Job machen zu können. Andreas Pfannenberg, neben Handelskammer und Industrieverband als Vorsitzender des Zentralverbandes der Elektroindustrie in Hamburg und Schleswig-Holstein engagiert, hat genau für die Herausforderung vor 4 Jahren die Dialogplattform Industrie 4.0 gegründet. Grund: Mit veränderten Geschäftsmodellen rund um garantierte Leistungen stehen nicht mehr nur Produkte und Garantien, sondern Performance und Kommunikation im Mittelpunkt des Geschäfts.

"Die Digitalisierung hilft, neue Geschäfte aufzubauen, die nicht möglich waren"

Damit ist weitgehende Transparenz in Fabrikhalle und Geschäftsbetrieb A und O für den Geschäftserfolg. Forschung und Entwicklung, Produktion und Geschäftsführung müssen ganz andere Fragen beantworten: Was muss ich tun, bevor etwas ausfällt? Um das zu wissen ist eine kontinuierliche Erfassung von Produktions- und Betriebsdaten notwendig - und genau das ist jetzt ohne größere Probleme möglich. Denn Daten bieten die Transparenz, mit servicebasierten Geschäftsmodellen nicht Schiffbruch zu erleiden. 


Engagiert für die digital-vernetzte Industrie: Die Handelskammer
Foto: HANSEVALLEY

"Die Digitalisierung hilft, neue Geschäfte aufzubauen, die bislang so nicht möglich waren"; gibt Andreas Pfannenberg im tiefgreifenden Gespräch auf Moorfleet zu Protokoll. In seiner eigenen Firmengruppe investiert er jährlich bis zu 7% weltweit in Forschung und Entwicklung. Und das ist auf Nachfrage ein Millionenbetrag. Zu den Geschäftsmodellen hat er eine logisch aufeinander aufbauende "Produkttreppe" für das künftige Geschäft mit garantierter Leistung zu marktgerechten Konditionen.

"Digitalisierung ist ein Enabler für neue Geschäftsmodelle."

Wurde in der Vergangenheit der Monteur gerufen, wenn die Maschine ausfiel, waren die Kosten durch Produktionsausfall, Reparaturleistung und Ersatzteile hoch. Von der reaktiven Instandsetzung sind wir zu vorausschauender Wartung (Preventive Maintenance) gekommen. Wie bei VW oder Airbus gehen auch Industriemaschinen in regelmäßige Wartung, um Verschleissteile auszutauschen und den Betrieb zu sichern. Dank realer Daten in Echtzeit sind nun vorausschauende Wartung und Pflege (Predictive Maintenance) möglich.


Daten schaffen Transparenz in der vernetzten Industrieproduktion
Foto: nIT Lemgo, Lizenz: CC BY-SA-30

Mit Echtzeit-Daten durch Sensoren und Sender können reale Erfahrungswerte analysiert und zu vorausschauenden Empfehlungen aufgewertet werden. Der Effekt: nicht nur vorausschauende Wartung von Industrieanlagen, sondern auch flexible Wartungsintervalle, wenn sie wirklich nötig ist. Damit erzeugen Hersteller als Betreiber der Maschinen wertvolle Informationen - und die sparen beim Kunden bares Geld. Digitalisierung in der Industrie heißt für den Hamburger Unternehmer Pfannenberg nicht umsonst: Wie erzeuge ich den Pull-Effekt? 

"Was wir lernen müssen, ist übergreifender zu kooperieren."


Bleibt die Frage, welche Rolle Startups spielen in einer Welt Daten und Geschwindigkeit. Andreas Pfannenberg - mit seinem Unternehmen seit 3 Jahren zusammen mit einem strategischen Partner am Hamburger Middleware-Softwarestartup "Cybus" beteiligt - hat einen klaren Blick für das Mögliche: "Die Skalierung im B2B ist wesentlich schwieriger." Zugleich sieht er pfiffige Tech-Startups durchaus als Chance für die Hamburger Wirtschaft. Und ermutigt Startups zugleich: "Die sollen auch ihre eigenen Märkte entwickeln." 

Kundenorientiert, schnell, flexibel: Startups helfen bei Innovationen
Foto: mediaserver.hamburg.de / Timo Sommer + Lee Maas

Wenn sich interessante Perspektiven ergeben, sieht der Familienunternehmer auch in Zukunft die Option, sich selbst zu beteiligen. Als Mentor von Jungunternehmen sieht er Kultur, Arbeitsweisen und die Kommunikation als Chance für traditionelle Firmen. "Was wir lernen müssen, ist übergreifender zu kooperieren." Pfannenberg greift die "Hamburger Bescheidenheit" auf. In kundenzentrierten Märkten spielen Daten und damit verbundene Services die Schlüsselrolle. Sie werden in der eigenen Produktion ebenso erhoben, wie in der Distribution und im Betrieb beim Kunden. Und das bedeutet Kollaboration. 

Hamburger Unternehmen sind nicht besonders gut im verschwinden.

Nachgefasst, wie es mit der Digitalisierung in der Pfannenberg-Gruppe aussieht, ist der Firmenlenker sympathisch direkt: "Das geht nicht von heute auf morgen." Er sieht im eigenen Haus eine offenere Kommunikation, mehr Projektstrukturen und eine übergreifende Zusammenarbeit der IT - im Datenmanagement ebenso, wie im Marketing. Die Herausforderung auf Moorfleet ist ebenso, wie überall der kulturelle Wandel. "Wir haben den Weg bewußt eingeschlagen und wir sind schon ein gutes Stück vorangekommen. Aber wir denken nicht in Quartalen", fasst Andreas Pfannenberg zusammen.


Die Digitalisierung erfasst alle Bereiche der Hamburger Wirtschaft
Foto: mediaserver.hamburg.de / Doublevision

Auf die Herausforderung anderer Hamburger Familienunternehmer in Industrieverband, Elektroindustrie und Handelskammer, nach gut 800 Jahren Tradition erfolgreich in die digital-vernetzte Zukunft zu kommen, hat Andreas Pfannenberg zwei interessante Perspektiven: 1. "Digitalisierung allein kann ein Unternehmen nicht bewegen". Und 2.: "Wenn sie nicht innovativ sind, verschwinden sie. Ich glaube nicht, dass Hamburger Unternehmen besonders gut im verschwinden sind." Das wollen wir alle hoffen.

 Hamburg Digital Background: 

Nachbericht Dialogplattform 08.02.2018:
hwww.hk24.de/servicemarken/presse/pressemeldungen/pm-08-02-18-industrie40-mittelstand/3978100

Hamburger Dialogplattform Industrie 4.0:
www.hk24.de/produktmarken/branchen-cluster-netzwerke/branchen/industrieplatz_hamburg/Industrie_4_0/Hamburger_Dialogplattform_Industrie_4_0/1152124

Mittelstand 4.0 - Kompetenzzentrum Hamburg:
https://kompetenzzentrum-hamburg.digital/

3D Druck-Netzwerk Hamburg:
www.3d-druckhamburg.de/

Branchenüberblick Industrie in Hamburg:
www.hk24.de/produktmarken/branchen-cluster-netzwerke/branchen/industrieplatz_hamburg/branchenueberblick/3162454

Handelskammer-Initiative "Digital Voraus":
www.hk24.de/produktmarken/beratung-service/digitalisierung

Montag, 2. April 2018

HANSEEXKLUSIV Klaus von Dohnanyi: "Alles bleibt anders."

HAMBURG DIGITAL EXKLUSIV
in Zusammenarbeit mit Hamburg@work

Hamburgs Vordenker Klaus von Dohnanyi.
Foto: Exspect
Die Digitalisierung ist der größte Umsturz, den die Menschheit je gehabt hat.

Nichts wird so bleiben, wie es war. Weder in der Geschäftswelt noch in der persönlichen Welt. Alles wird anders. Anders. weil die zeitgleiche, umfassende, weltweit umspannende Information und dieser weltweite Dialog, der dadurch möglich wird, eine totale Veränderung der Beziehungen der Menschen und der Politik und der Wirtschaft und der Wissenschaft bedeutet.

Dem kann man sich nicht entziehen. Das ist wie aller technischer Fortschritt. Es ist wenig sinnvoll, sich gegen die Digitalisierung zu stemmen, wie gegen die Eisenbahn oder das Telefon oder das Radio und das Fernsehen. Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit HANSEVALLEY-Chefredakteur Thomas Keup:

'Alle Unternehmen werden in einer digital-vernetzen Welt Nachbarn', brachten Sie anläßlich des Neujahrsempfangs des "IT Executive Club" am 12. Januar d. J. im Norddeutschen Regattaverein auf den Punkt. Sie sprechen von einer Veränderung der Kommunikation, die eine Veränderung der Gesellschaft zur Folge hat. Was meinen Sie damit?

Es ist eine ganz tiefgreifende Veränderung der Kommunikation. Ursprünglich redeten die Menschen miteinander, indem sie sich in die Augen sahen. Jetzt ist man in der Lage, mit einem chinesischen Geschäftspartner oder mit einer Freundin in Tokyo zeitgleich zu korrespondieren, nicht nur, in dem man miteinander redet, man kann sich auch per Skype sehen. Man überwindet alle Distanzen, in denen Menschen miteinander gelebt haben. Das verändert die menschlichen Beziehungen, verändert die Unternehmen, verändert aber auch die Politik. Die Digitalisierung ist der größte Umsturz, den die Menschheit je gehabt hat.

Olaf Scholz mahnte immer wieder unermüdlich und in klaren Worten, dass die Digitalisierung alle Bereiche unserer Gesellschaft umfassen wird und wir es uns nicht leisten können, abzuwarten. Wie nehmen Sie mit ihrem Erfahrungsschatz die Entwicklung der Digitalisierung wahr, welche Themen faszinieren und welche Themen verängstigen Sie ganz persönlich?

"Uns fehlt die Infrastruktur für die Geschwindigkeiten"

Es ist ein vitales Element der Konkurrenz geworden. Man kann sich dem schon deswegen nicht entziehen, weil man in der weltweiten Konkurrenz zurückfallen würde. Das ist das, was auch Olaf Scholz und alle, die sich mit dem Thema befassen, beschäftigt. Deutschland ist in einer Beziehung sehr gut. z. B. bei der Umsetzung von Industrie 4.0. Auf der anderen Seite fehlt uns noch die notwendige technische Infrastruktur, um die erforderlichen Geschwindigkeiten der Kommunikation über das digitale Netz zu ermöglichen.

"Die wirklich guten Leute haben of gar keine Ausbildung"

Wir kommen auch deshalb nicht so gut damit zurecht, weil wir ein hierarchisches System haben, in dem z. B. in der Verwaltung die Beförderungen nach Grundsätzen von Ausbildungsformalitäten entschieden werden. Die wirklich guten Leute im digitalen Handwerk kommen oftmals aus ganz anderen Ausbildungen oder haben gar keine formale Ausbildung - und sind trotzdem mit die besten Leute. Da kommt der deutsche Staat mit seinen formalisierten Vorstellungen natürlich nicht mit voran, weder in der Beurteilung der Befähigung noch in der entsprechenden Bezahlung. Da verliert er zwangsläufig im Wettbewerb mit der Wirtschaft.

"Ihr dürft Kinder nicht zu früh am Netz operieren lassen"

Mich besorgt, dass eine so tiefgreifende strukturelle Veränderung in der Kommunikation auch Nebenfolgen hat, die man nicht übersehen darf. Es gibt Warnungen von klugen Pädagogen, die sagen, ihr dürft die Kinder nicht zu früh am Netz operieren lassen. Sie werden Fähigkeiten der Empathie, der sozialen Zusammenhänge nicht mehr richtig lernen. Und dann gibt es Probleme des Datenschutzes. Es gibt eben nichts in dieser Welt, dass neben seinen positiven Seiten nicht auch negative Folgen hätte und Probleme aufwerfen würde. Um die müssen wir uns auch kümmern.

THEMA POLITIK:

Politisches Engagement findet in engen Systemgrenzen von Parteien und Karrieren statt. Unsere Bürgergesellschaft interessiert sich vor allem für eine lebenswerte Stadt. Welche Impulse und Initiativen bedarf es, dass wir in Zeiten digitaler Verunsicherung nicht nur Klientelgruppen in der politischen Willensbildung von Parlamenten wiederfinden?



Mahnende Worte von Klaus von Dohnanyi.
Foto: HANSEVALLEY
Die Beratung innerhalb der Volksparteien findet in einem relativ geschlossenen Kreis relativ fester Überzeugungen statt - und wird oft auch mit einem recht begrenzten Informationshorizont geführt. Aber auch die politischen Aufgaben und die Methoden der Politik verändern sich natürlich. Wir sehen gegenwärtig, dass in den USA der Präsident keines der klassischen Informationsmittel der Politik überhaupt noch ernst nimmt, geschweige denn bedient. Ihn interessieren nicht Gespräche mit den großen Zeitungen, die eine Auflage von einer halben Millionen haben, er twittert und erreicht fast 50 Mio. Follower.

"Manch altes Gebäude wird dem Sturm nicht gewachsen sein"

Das verändert die Politik, das verändert auch die Chancen in der Politik. Ich glaube, dass wir deswegen auch einen tiefgreifenden Wandel in der Parteienstruktur bekommen werden, vielleicht sogar in der Demokratie wie wir sie gewohnt sind. Wir müssen uns intensiver als bisher um diese Entwicklung bemühen. Trump war kein Zufall. Ich vermute, dass auch in dieser Beziehung die USA nur weiter in der Entwicklung sind. Manches, was heute als altes Demokratie-Gebäude steht, wird dem Ansturm der neuen digitalen Welt nicht gewachsen sein.

Es gibt verschiedene gesellschaftliche Möglichkeiten, sich mit dem Status Quo von Unsicherheit oder Unzufriedenheit auseinanderzusetzen: z. B. durch Anpassung, den Ausstieg oder die Rebellion. Welchen Weg empfehlen Sie Menschen, die sich mit der für sie z. T. dramatisch verändernden Welt nicht zufrieden geben und etwas verändern wollen?

Klare Worte beim IT Executive Club.
Foto: HANSEVALLEY
Mein erster Tipp ist, dass jeder wissen muss, was er für sich selbst braucht und will, und das muss er lernen. Und wenn sich die Welt verändert muss er lernen, wie er in der Welt so sein kann, wie er gern möchte. Mehr bewusste Eigenverantwortung heißt die Devise! Man kann sich nämlich selbst auch manchem Einfluss der Digitalisierung entziehen.


"Wahrgenommene Eigenverantwortung ist die Rettung"

Ich versuche mich jenseits von Twittern und Apps immer noch in der Tiefe zu informieren. Andere mögen das anders sehen, aber das hängt davon ab, wie sie sich selbst verstehen. Mein Rat an alle ist, sich selbst zu betrachten und zu überlegen, was kann ich, was will ich, was will ich tun, was muss ich dafür lernen - also: eine wahrgenommene Eigenverantwortung ist die Rettung vor einer Vermassung durch die digitalisierte Welt.

THEMA TECHNOLOGIEN:

Die Metropolregion ist ein traditionsreicher Produktionsstandort mit Schiff- und Flugzeug-, Anlagen- und Maschinenbau. Industrie 4.0 bietet mit digital-vernetzten Produktions- und Lieferprozessen sowie Echtzeitdaten neue Chancen zur Entwicklung weltweit erfolgreicher Produkte? Reicht das aus Ihrer Sicht aus oder wird die Industrie in Europa zwischen den USA und China zerrieben?

Das hängt sehr davon ab, wie wir damit umgehen. Die Vielfalt in Europa - die auch Brüssel nicht versuchen sollte sinnlos einzuebnen - hat dazu geführt, dass die letzten Jahrhunderte europäische Jahrhunderte waren. Europa hat eine große Chance, wenn wir uns auf das besinnen, was wir können, wenn wir die Dinge, die im großen Stil gemacht werden müssen - wie z. B. den Airbus -, gemeinsam machen. Und wenn wir zugleich in Hamburg, in Lübeck, in Osnabrück, in Frankfurt, in Stuttgart - getragen durch gute kommunale Politik - unsere unterschiedlichen Kräfte entfalten. Das ist nämlich erst wirklich "europäisch": Dezentralisation, Vielfalt und Unterschiede.

In den digitalen Angeboten von Amazon, Apple, Facebook oder Google verbirgt sich bereits künstliche Intelligenz zum Erkennen von Befehlen und Übersetzen von Sprachen. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in der Nutzung von Artifical Intelligence - insbesondere für den internationalen Dienstleistungsstandort Hamburg mit zehntausenden Arbeitsplätzen?

Die Artifical Intelligence ist ein nächster Schritt und wiederum: wer sich dagegen versucht zu stemmen, wäre verloren. Aber die Auswirkungen von AI sind heute noch unüberschaubar, also müssen wir den Prozess auch steuern, soweit das geht. Eine schwierige Aufgabe für die Politik.

THEMA ARBEIT:

Unsere zentrale Ausbildung mit Lehrling, Geselle und Meister stammt aus dem 13. Jahrhundert. Wir haben eine erfolgreiche Entwicklung der Universitäten seit dem 19. Jahrhundert. Wie kann ein lineares Bildungssystem für eine flexible und individuelle Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts geöffnet und erfolgreich weiterentwickelt werden?

Wir haben ein Bildungssystem, das einen großen Erfolg hinter sich hat. Sie können den deutschen Erfolg des vergangenen Jahrhunderts nicht denken ohne ein erfolgreiches Bildungssystem. Jetzt ändert sich natürlich viel. Man muss dafür sorgen, dass auch in den Schulen digitale Instrumente genutzt werden. Aber ich würde das nicht zu früh machen. Ich glaube, Kinder machen heute genug mit dem Smartphone, schon wenn sie 3 Jahre alt sind und man braucht ihnen das in der Grundschule nicht auch noch beizubringen. Rechnen und Lesen lernen ist in diesem Alter vermutlich wichtiger.

Zwischen 10 und 20 Mio. Arbeitsplätze könnten durch Digitalisierung und Transformation in Deutschland in den nächsten Jahren wegfallen. Die Herausforderung wird mit einem bedingungslosen Grundeinkommen als Chance für neue, Sinn stiftende Wertschöpfung diskutiert. Wie stehen Sie zu dem von DM-Gründer Götz Werner in die Diskussion gebrachten Modell?


Da bleibe ich zunächst einmal sehr skeptisch. Ich glaube, dass der Mensch auch eine Anregung braucht, um zu arbeiten. Wenn man ihm das Arbeiten sozusagen wegfinanziert, weil er das gar nicht mehr machen müsste, wird das weder zum Frieden in der Gesellschaft beitragen, noch zur Beseitigung der Unterschiede. Aber es ist auch ein von sehr intelligenten Menschen vorgetragenes Konzept und es wird immer weiter diskutiert werden und vielleicht eines Tages sogar kommen.

"In die Richtung lenken, in der sie einen guten Beruf finden"

Im Übrigen glaube ich nicht Ihre These von den 10 oder 20 Mio. Arbeitsplätzen. Aber es kommt deswegen schon jetzt darauf an, dass man die Arbeitsplätze die Zukunft haben könnten, heute durch eine entsprechende Ausbildung fördert. Ich halte nicht soviel davon, dass so viele Leute an der Universität Kulturwissenschaften studieren, anstatt Informatik. Da muss man die Leute schon ein wenig mehr in die Richtung lenken, in der sie am Ende auch wirklich einen zukunftssicheren Beruf finden werden.

THEMA HAMBURG:

Hamburg ist geprägt von traditionellen Branchen, wie der maritimen Wirtschaft, der Transportlogistik, dem Groß-, Außen- und Einzelhandel. Die Dienstleistungen von Banken, Versicherungen und Medien unterlagen in den vergangenen Jahren erheblichen Umbrüchen. Wie gut ist Hamburg aufgestellt, um die kommenden Herausforderungen zu meistern?

"Ein Fehler, den Wissenschaftsstandort Hamburg zu unterschätzen"

Klaus von Dohnanyi im Dialog mit Olaf Scholz.
Foto: HANSEVALLEY

Hafen und Handel sind heute natürlich lebenswichtig für Hamburg. Und wir müssen alles tun, um hier stark zu bleiben. Aber Transport, Logistik und Handel werden durch Digitalisierung und die Globalisierung im Kern getroffen. Hamburg braucht ein zweites Standbein. Deswegen glaube ich machen wir einen Fehler, indem wir die Bedeutung eines Wissenschaftsstandortes Hamburg noch immer unterschätzen.

"Hamburg wird ohne Wissenschaftsmetropole nicht überleben"


Ich habe deswegen schon 1983 in meiner ersten Übersee-Club-Rede gesagt: 'Hamburgs Zukunft liegt auf dem Land und nicht auf dem Wasser'. Ich bleibe bei dieser Überzeugung: Hamburg wird auf die Dauer ohne einen Schwerpunkt Wissenschaftsmetropole nicht erfolgreich überleben, gerade wenn die Chinesen jetzt ihre Seidenstraße über die Schiene ausbauen und ihren Schiffsverkehr zum Teil nach Südeuropa lenken. An dieser Stelle sind wir noch nicht gut aufgestellt.

"Versuchen, nicht erneut vom Süden abgehängt zu werden."

Das führt natürlich auch dazu, dass wir z. B. bei Startups nicht vorn sind, sondern München oder Berlin. Und das führt auch dazu, dass wir bei anderen Schwerpunkten, z. B. bei Banken von Frankfurt überlagert werden, weil dort das Zentrum der Banken entstanden ist. Wir müssen deswegen mit Wissenschaft versuchen nicht erneut vom Süden abgehängt zu werden. Bürgermeister Scholz hat jetzt versucht, in diese Richtung etwas zu tun, aber nach meiner Meinung ist das noch immer nicht genug.

Der Erfolg unserer Stadt basierte bislang zu einem Großteil auf der weltweit geschätzten Verlässlichkeit - und dies über Generationen hinaus. Reichen in Zeiten digital beschleunigter Veränderungen und global forciertem Wettbewerb hamburgische und hanseatische Werte aus - und welche Werte empfehlen Sie den Hamburgern für die Zukunft?

Die Werte reichen aus, aber sie werden derzeit unterspült von den digitalen Medien. D. h., man verhält sich natürlich anders im Geschäft mit Leuten, die man nicht persönlich kennt. Der "Ehrbare Kaufmann" in Hamburg, bei dem nicht mal ein Handschlag notwendig war und ein gegenseitiger Blick in die Augen reichte, wird durch die großen Entfernungen bei Geschäften und die immer größere Anonymität der Geschäfte vermutlich so nicht fortbestehen.

Es geht nicht darum, das wir neue Werte brauchen. Die große Frage ist, wie wir die alten Werte, mit denen Deutschland so gut gelebt hat, in einer digitalen Welt erhalten werden. Und da sollten wir sorgsam hinschauen.



Ein visionärer Blick in die Zukunft: Klaus von Dohnanyi
Foto: HANSEVALLEY

Herzlichen Dank für die inspirierenden Worte!
Das Interview führte Thomas Keup persönlich.

Das Hamburg Digital Exklusiv ist in Zusammenarbeit mit Hamburg@work entstanden und ab 3. April 2018 auf dem Portal www.digitalcluster.hamburg veröffentlicht.

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 Hamburg Digital Background: 

Klaus von Dohnanyi in der Wikipedia:

Klaus von Dohnanyi in der "F.A.Z":

Klaus von Dohnanyi in der "Welt":

Mittwoch, 14. Februar 2018

HANSECHAMPIONS: Schraubst Du noch oder druckst Du schon?

HAMBURG DIGITAL REPORT

Der Hamburger Senat macht ernst: Der Industriestandort Hamburg soll nicht aufgegeben, die industrielle Produktion auf neuestem Stand gefördert werden. Ende 2017 nahm die Wirtschaftsbehörde zusammen mit Gewerkschaftsbund, Handelskammer und Industrieverband die digital-vernetzte Industrie 4.0 und den industriellen 3D-Druck in den Masterplan Industrie auf. Vergangene Woche bestätigte Amtsdirektor Dr. Torsten Seveke: Hamburg wird den Industriestandort weiter fördern. 



Macht mit dem Komptenzzentrum Druck in 3D: Ralf Siebert
Foto: HANSEVALLEY
Am Donnerstag zündet Hamburg die nächste Stufe: Wirtschaftssenator Frank Horch gibt den Startschuss für das neue, durch Hamburger Unternehmen initiierte 3D Druck-Netzwerk. Auf der Tagesordnung stehen die Themenfelder Materialien, Prozessketten, Geschäftsmodelle sowie Finanzierung und Förderung. 150 Gäste erwarten gespannt, ob der Luftfahrt-, Schiff-, Fahrzeug- und Maschinenbau-Standort wie gedruckt in die Zukunft kommt. Ein Hamburg Digital Report:

Wenn Hamburgs "3D Druck-Papst" Prof. Dr.-Ing. Claus Emmelmann am Donnerstag-Früh im Innovation-Campus am Adolphsplatz in seiner Keynote die Bedeutung der Bionik für den additiven Druck präsentiert, ist Innovator Ralf Siebert schon einen Schritt weiter. Der Gründer und Geschäftsführer des "Komptenzcenter Innovation" ist einer von 4 Leitern des künftigen Cluster-Netzwerks, engagiert sich für neue Geschäftsmodelle und sieht den seit 25 Jahren bekannten 3D Druck als alles andere, als eine Revolution.

Additiver Druck aus Hamburg: "Live Cooking in 3D"

Ralf Siebert mit seinem 15 Jahre alten Geschenk.
Foto: HANSEVALLEY
Vor 17 Jahren bekam der frühere Minolta-Außendienstmitarbeiter in Kassel ein 3D-gedrucktes Modell geschenkt: Eine stilisierte DNA, gedruckt als Doppel-Helix. Wert: 800,- €. 

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit Bürosystemen. Angefangen als Thermofax-Kind, über die bunte Welt der digitalen Farbkopiersysteme ahnte er nie, wie die additive Fertigung von Kunststoffen, Metallen oder Lebensmitteln sein Berufs- und Geschäftsleben verändern werden. Vor 6 Jahren übernimmt er am Heidenkampsweg den Canon-Partner für Kopiergeräte und Drucker "Copynet". Mittlerweile haben mind. 50.000,- € teure 3D-Drucker die Kopierer in die Ecke verwiesen, wie Wirtschaftssenator Frank Horch morgen früh selbst feststellen wird. 

Der gelernte Koch Ralf Siebert nennt es "Live Cooking in 3D". Wenn Hamburgs Wirtschaftssenator im Innovation-Campus über die Zukunft des Industriestandorts sprechen wird, hat er die Bilder vom Morgen aus Hammerbrook im Kopf. Bilder, wie ein für ihn live repariertes Zahnrad, einen 3D-Schädel mit Tatverwerkzeug, der 2013 in Hammerbrook im Auftrag des LKA gedruckt wurde und half, durch haptische Visualisierung verschiedene Szenarien durchzuspielen. half, einen Mord aufzuklären. Bilder, wie die neue, 3D-gedruckte Abdeckung für den Innenspiegel eines 75 Jahre alten Oldtimers, den Siebert - Vater eines 21-jährigen Sohnes - 2014 für den Verlagsgeschaftsführer des Axel Springer Verlags druckte. 

Additiver Druck bei Airbus wie bei Meyle Autoteile

3D-Metalldruck für die maritime Wirtschaft in Hamburg
Foto: Hamburg Transport Consultancy
Ein Thema, mit dem sich auch Hamburgs Ersatzteile-Lieferant Meyle beschäftigt hat. Der Hamburger Spezialist und St. Pauli-Handballsponsor hält in seinem Hamburger Hochregallager rd. 25.000 Ersatzteile vor. Vorstandschef Dr. Karl Gaertner von Wulf Gartner Autoparts ist sich sicher: Wo die Autos repariert werden, werden in Zukunft die Teile gedruckt. Siebert ergänzt: "Meyle hat 3D-Druck und Daten gelernt." 2015 griff Meyle zusammen mit "Auto Bild" das Thema auf, lies zur "Euro Classica" Oldtimer-Ersatzteile nachdrucken. 

"Wir sollten die Technik aktiv nutzen, und als Chance für das Neue sehen", bringt der engagierte 3D-Druck-Experte im HANSEVALLEY-Gespräch vor Ort auf den Punkt. 19 Mitarbeiter beschäftigt der langjährige Kopiergeräte-Spezialist heute in seiner Hamburger Firma, 4,5 Mio. € machte er im vergangenen Jahr Umsatz. Bemerkenswert: rd. 30% seines Geschäfts erwirtschaftet der am Rothenbaum beheimatete Unternehmer heute mit 3D-Aufträgen. Zu seinen Themen gehören das Prototyping in Forschung & Entwicklung, in der Bildungsarbeit der Nordakademie oder Aufträge aus dem Maschinenbau. Dabei spielen z. B. die führenden Drucker des amerikanischen Herstellers "3D Systems" mit bis zu 7 verschiedenen Technologien eine wichtige Rolle, die das langjährige Unternehmen vertreibt.

3D Druck für Prototyping und Kleinserien-Produktion

 Aktuelle Technologie: Hochleistungs-3D Drucker von 3D Systems
Foto: HANSEVALLEY
Heute sind 3D-Drucker längst kein Luxus mehr: für rd. 750,- € bis 2.500,- € monatlicher Leasingrate arbeiten im Showroom unweit des Berliner Tors die neuesten Maschinen im "Kompetenzzentrum Innovation", wie z. B. der "Projet 660" - der schnellste aktuell verfügbare 3D-Farbdrucker auf dem Markt. Auf die besonderen Potenziale angesprochen, sind für den heute 49-jährigen Unternehmer die Themen Prototyping und Kleinserienfertigung von hoher Bedeutung. Dazu gehört die individuelle Fertigung von Fertigprodukten sowie die additive Herstellung von Werkzeugen für die Produktion.

Mussten für die Werkzeugherstellung früher grundsätzlich Metallblöcke mit einem Kostenaufwand von 5.000,- € und mehr gefräst werden, macht es heute eine 3D-gedruckte Kunststoffvorlage für unter 100,- €. Die Metallvorlagen hielten zwar 10.000 "Schüsse" - sprich Produktionsläufe. Bei individuellen Kleinserien oder Einzelteilen ist die Haltbarkeit der Kunststoffvorlagen für 100 "Schüsse" jedoch völlig ausreichend. Womit sich der wirtschaftliche Einsatz bei kleinen Stückzahlen erklärt und zum Vorteil wird.

"Es ist die Technologie, die zu neuen Ergebnissen führt."


Praktische Beispiel für Kunststoffdruck aus Hammerbrook
Foto: HANSEVALLEY
Der 3D Druck ist im Business angekommen: ob Beratung für eine neue 0,5 Liter-Wasserflasche eines Lebensmitteldiscounters", ob in der Forschung und Entwicklung eines Amaturenherstellers oder bei der Fortentwicklung eines Schnellkochgeräts - Ralf Siebert hat sich zu einem gefragten Experten entwickelt, berät Partner bei ihren bundesweiten Projekten und kann einen inhaltlichen Vorsprung von rd. 3 Jahren vermelden - sicherlich nicht zuletzt ein Grund, warum Wirtschaftssenator Frank Horch sich am Donnerstag-Früh durch den Praktiker aufschlauen lässt.

Wenn Architekten wie Modedesigner, Spielzeug- wie Küchengerätehersteller und Airbus wie Lufthansa auf 3D-gedruckte Modelle und Teile setzen, ist es auch für Hamburg Zeit, das Thema ernst zu nehmen. "Mit der Digitalisierung wird sich die Welt in fast allen Bereichen verändern", fasst es Ralf Siebert auf seiner Firmenseite zusammen - und ergänzt: "Wir gehen neue Wege und sind Ansprechpartner als Innovations-Botschafter." Mit fast 30 Jahren Vertriebserfahrung, der Kooperation mit der Einkaufsgenossenschaft Soennecken und einem eigenen Partner-Modell dürfte das eine gute Voraussetzung für den erfolgreichen Aufbau des Themenfeldes "Neue Geschäftsmodelle" im Rahmen des 3D-Druck-Netzwerkes Hamburg sein. 


Wir wünschen ihm viel Glück und Erfolg!




 Hamburg Digital Knowhow: 

  • Druckbare Materialien sind u. a. Kunststoffe, Kunstharze, Keramiken und Metalle. So wird geschmolzenes Plastik Schicht für Schicht aufgetragen und härtet anschließend aus.
  • Fertigungstechniken sind heute u. a. das selektive Laserschmelzen, das Elektronenstrahlschmelzen, die Schmelzschichtung, das 3D-Pulverdrucken, die Stereolithographie und das Digital Light Processing für Kunstharze.
  • Der amerikanische Internet-Gigant Google arbeitet an der Produktion von Lebensmitteln aus dem 3D Drucker. Nudeln wurden bereits erfolgreich gedruckt - und sollen sogar geschmeckt haben.
  • Die kalifornische Universität UCLA in Los Angeles hat ein Herzmodell in 3D gedruckt, um eine komplizierte Operation an einem 66-jährigen Patienten vorab zu simulieren. Die anschließende OP war ein voller Erfolg.
  • Am Wake Forest Institute in North Carolina werden im 3D Drucker durch Kartuschen mit verschiedenen Zellen menschliche Organe gedruckt, angereichert u. a. um Proteine, um das Wachstum zu ermöglichen.
  • Speditionen, Containerdienste und Terminals werden in Zukunft weniger Fertigprodukte von Asien nach Europa transportieren und umschlagen, da Produkte und Ersatzteile vor Ort gedruckt werden können.

 Hamburg Digital Background: 



3D-Druck im Kompetenzcenter Innovation:

Frauhofer-Zentrum IAPT (Laser Zentrum Nord):


Handelsblatt: Marktbeurteilung 3D Druck:
www.handelsblatt.com/technik/forschung-innovation/grosse-wachstumschancen-3d-druck-steht-vor-dem-durchbruch/20907682.html

3D-Netzwerk der Wirtschaftsförderung Solingen:
www.3dnetzwerk.com/


Oldtimer-Ersatzteile mit Meyle HD-Manier:

3D Drucker-Produzent 3D Systems: