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Sonntag, 6. Mai 2018

HANSEPERSONALITY Peter Schmid: Ein Leuchtturm für die Digitalwirtschaft in Hamburg.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

Hamburg droht im Vergleich der Metropolen und Wirtschaftszentren Deutschlands abzurutschen. Zu diesem Ergebnis kommt die Landesfachkommission Internet und Digitale Wirtschaft des Wirtschaftsrats. Die Unternehmer warnen: Hamburgs Digitalwirtschaft verpasst den nationalen Anschluss. Senatspolitik und Wirtschaftsförderung haben sich zu lange auf den Lorbeeren von "Medienhauptstadt" und "Elbvalley" ausgeruht. Der Senat verschleudert jährlich einen Millionenbetrag für eine wirkungslose Landesinitiative "Next Media Hamburg".


Sorgt sich um den Digitalstandort Hamburg: Unternehmer Peter Schmid
Foto: WLW

Peter Schmid ist Vorsitzender der Landesfachkommission, seit 1995 mit Autoscout in der Internetwirtschaft zu Hause und als Geschäftsführer des an Alster und Elbe beheimateten B2B-Marktplatzes "Wer liefert was" einer der digitalen Köpfe Hamburgs. Wo läuft's noch richtig rund im "Elbvalley"? Wo knirscht es mächtig im Gebälk? Und wo ist der Zug für die Freie und Hansestadt schon abgefahren? Unser HANSEPERSONALITY ist Peter Schmid:

Die Hamburger Digitalwirtschaft aus Hard- und Softwarebranche sowie den Internetunternehmen spielt bundresweit nicht mehr in der ersten Liga mit. Nach wie vor ist die Stadt mit Facebook, Google, Smaato oder WLW ein führender Marketingstandort. Woran machen Sie als Autor der Studie den "Niedergang" der einst so stolzen "Internethauptstadt" fest?

Sie haben einige der hier ansässigen Digital-Unternehmen genannt. Aber nehmen wir zum Beispiel Google: Der deutsche Hauptsitz ist nach wie vor Hamburg. Aber warum baut Google einen neuen Standort für über 1.000 Mitarbeiter nicht in der Hansestadt, sondern in München? Warum investiert Google in die Münchner TU und nicht in eine Hamburger Institution? 

Darüber hinaus fehlt eine Exzellenz-Universität von wenigstens bundesweitem, noch besser internationalem Ruf und die regionale Politik malt rosarote Wolken, indem sie sagt, Hamburg gehöre immer noch zur digitalen Sperrspitze in Deutschland. Diese und weitere Punkte beleuchten wir in unserer Studie.

Schauen wir zusammen in Ihren Forderungskatalog für die Digitalwirtschaft unter dem Titel "Rahmenbedingungen verbessern - Perspektiven schaffen". Lassen Sie uns die wichtigsten Aspekte zusammenfassen. Welche Top 5-Themen schmerzen Sie als langjähriger Internetunternehmer u. a. bei Parship und WLW? Hand auf's Herz!

Was mir am meisten fehlt, ist ein digitales Leuchtturmprojekt, das eine Anziehungskraft auf die kreativen Köpfe der Digitalwirtschaft ausübt – quasi eine „Elphi der Digitalwirtschaft“. Das könnte zum Beispiel freies WLAN im gesamten Stadtgebiet sein. Wenn die kreativen Köpfe dann nach Hamburg kommen, müssen sie gute infrastrukturelle Rahmenbedingungen vorfinden, also ein funktionierendes Integrations- und Relocation-Programm. 

Eine Hochschule von internationalem Ruf hatte ich bereits angesprochen. Weitere Punkte sind eine strategische Vernetzung mit internationalen Hotspots wie dem Silicon Valley oder Tel Aviv in Israel sowie die Verbesserung des lokalen VC-Angebots, zum Beispiel durch die zügige Umsetzung des beschlossenen Innovations-Wachstumsfonds.

Das Wirtschaftsratspapier ist eine Metastudie aus mehr als 10 renommierten deutschen Datenquellen. Welche Quellen haben Sie für das Positionspapier herangezogen und welche Themenbereiche haben Sie besonders beleuchtet, um daraus eine Essenz der für Hamburg besonders relevanten Aufgaben herauszuschälen?

Es gibt zu den Themen Digitalisierung, Digitalstandort Deutschland, Startup-Standorte aber auch zur technischen Infrastruktur genügend jährlich aufbereitetes Datenmaterial, auf das wir zurückgreifen konnten. Darunter sind der "Startup-Monitor Deutschland" von KPMG und das "Startup Barometer" von Ernst & Young, das statistische Jahrbuch der Hansestadt Hamburg, Informationen des Bundesverbandes Breitbandkommunikation e. V. und des Bundeswirtschaftsministeriums sowie des Statistikportals Statista.

Aus diesen und weiteren Quellen haben wir die Informationen in den Themenbereichen „Hamburg als Startup-Standort“, „Gesellschaftliche Rahmenbedingungen“, „Hochschule und Netzwerke“ sowie „Technische Infrastruktur“ zu unserem Positionspapier zusammengefasst. Jedes Themengebiet schließt mit einem Katalog von drei bis sieben konkreten Forderungen an die Hamburger Politik.


In Ihrem Positionspapier fordern Sie die Umsetzung der zehn Jahre alten Forderungen zur flächendeckenden Gigabit-Vernetzung von Gewerbe- und Bürostandorten in ganz Hamburg. Hand aufs Herz: Warum lässt die Hamburger Politik die Hafenunternehmer mit USB-Sticks und schäbigem Kupferkabel allein? Was läuft in Rathaus und BWVI schief?

Wenn ich die Antwort darauf hätte, bräuchten wir die Forderung nicht aufzustellen. Fakt ist, dass es Unternehmen gibt, die aufgrund der schlechten technischen Infrastruktur in ihrer Leistungsfähigkeit limitiert sind und enorme Anstrengungen aufbringen müssen, um eine adäquate Lösung zu finden.


In einem hochentwickelten Industrieland wie Deutschland und in einer reichen Stadt wie Hamburg über Bandbreiten im Gigabit-Bereich überhaupt diskutieren zu müssen, wird dem Anspruch eines Digitalstandorts nicht ansatzweise gerecht. Hier muss dringend ein Umdenken und daraus resultierend eine Verschiebung von Prioritäten und Ressourcen einsetzen.

Hamburg hat mit der Elbphilharmonie einen "touristischen Leuchtturm". Sie fordern einen neuen Leuhtturm für die Digitalwirtschaft - und nicht nur viele kleinere Maßnahmen zur Schmerzlinderung. Ist die "Digital Society University" der entscheindende Schlüssel, um Hamburg aus der Mittelmäßigkeit der TU Harburg herauszuholen?

Warum bauen Google und Microsoft ihre Standorte in München aus? Warum ist Berlin der Digitalstandort Nummer 1? Und warum entwickelt sich um Karlsruhe oder Aachen die nächste ernstzunehmende Digitalregion? Bestimmt nicht wegen Isar, Spree und Rhein. Es ist die Nähe zu den Exzellenz-Universitäten. 

Die Unternehmen wissen, dass sie hier die am besten ausgebildeten Köpfe finden. Und die Studenten können bereits während des Studiums die ersten Karriereschritte bei attraktiven Arbeitgebern machen. Hier hat Hamburg das Nachsehen. Denn wegen des Elbstrands allein kommt niemand in die Hansestadt – weder Unternehmen, noch Absolventen oder Fachkräfte.

Sie sagen als Geschäftsführer von "Wer liefert was": Alles, was im Consumerbereich passiert ist, wird auch im B2B-Geschäft passieren. Müssen sich Maritime und Hafenwirtschaft, Logistik und internationale Dienstleistungen in Hamburg jetzt warm anziehen? Der Senat scheint ja vor allem auf "Weiter so" mit 7.000 Franzbrötchen für osteuropäische Brummifahrer zu setzen?

Ich bin aufgrund dieser Überzeugung bei „Wer liefert was“ eingestiegen und ich bin immer noch dieser Meinung. Auch wenn im B2B die Mühlen langsamer mahlen. Dennoch: Was digitalisiert werden kann, wird früher oder später digitalisiert werden. Man darf die digitale Revolution aber nicht stigmatisieren oder mystifizieren. 

Denn jede Revolution hat gezeigt, dass die Arbeitsplätze, die dadurch vernichtet wurden, in vielfacher Form an andere Stelle neugeschaffen wurden. Sei es bei der Erfindung des Rades oder bei der industriellen Revolution. Die traditionelle Hamburger Wirtschaft wird eine Lösung dafür finden, sie muss nur langsam mal aufwachen. 

Zu guter Letzt unsere Hamburg-Frage: 

Sie sind seit rd. 5 Jahren an Alster und Elbe zu Hause, seit gut 8 Jahren hier engagiert. Wenn wir mal ihre eigene Wünsche aus dem Positionspapier des Wirtschaftsrates nehmen: Was ist für Sie und ihre Familie besonders wichtig, was sich in Hamburg schleunigst ändern sollte? Kostenloses WLAN überall?

In Bezug auf den Digitalstandort Hamburg wäre das wie bereits erwähnt eine Möglichkeit. WLAN überall würde auch davor schützen, was passiert, wenn der private Router einmal ausfällt. Was meinen Sie, was bei mir zu Hause los ist, wenn kein Netflix oder Spotify mehr funktioniert. Aber Spaß beiseite: 

Neben dem Leuchtturm für die Digitale Wirtschaft ist bezahlbarer Wohnraum wichtig, damit sich Fachkräfte in Hamburg ansiedeln. Und die Elbphilharmonie hilft auf ihre Weise auch: Denn wenn Hamburg aktuell schon keine Strahlkraft aufgrund digitaler Themen entwickelt, dann immerhin auf kultureller und architektonischer Ebene. 



*  *  *

Vielen Dank für Ihre Offenheit!
Das Interview führte Thomas Keup

 Hamburg Digital Background: 

Wirtschaftsrat: Hamburgs Digitalwirtschaft verpasst nationalen Anschluss:
www.wirtschaftsrat.de/wirtschaftsrat.nsf/id/4A81E6BD8B41C27AC1258272004F2BC9/$file/WR%20HH_Digitalwirtschaft%20in%20Hamburg.pdf

IW Consult: Hamburg im Regional-Ranking auf dem Weg in die Mittelmäßigkeit
www.iwconsult.de/leistungen-themen/branchen-und-regionen/staedteranking-2017/

Abendblatt: Wirtschaftsrat warnt vor digitalem Abstieg Hamburgs:
www.abendblatt.de/hamburg/article214070779/Wirtschaftsrat-warnt-vor-digitalem-Abstieg-Hamburgs.html

Dienstag, 21. Februar 2017

HANSEPOLITICS Michael Kruse: Cluster für Unternehmensgründer öffnen!

Das Hamburg Digital Magazin bietet Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft die Möglichkeit, interessante Positionen z. B. zu Technologien, Digitalisierung, Wirtschaftsförderung und digitalem Leben in als Gastbeitrag vorzustellen.


FDP-Digital- und Startupexperte Michael Kruse:
Foto: Patrick Lux
Michael Kruse ist als wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion einer der führenden Ansprechpartner, wenn es um die Förderung der Gründerszene geht. 

Aus aktuellen Anlass schreibt der parlamentarische Geschäftsführer und Digitalexperte heute als Gastautor auf HANSEVALLEY:


Hamburg hat sehr gute Voraussetzungen, zur Gründerhauptstadt Deutschlands zu werden. Allerdings muss der Senat dafür erheblich mehr tun. Was wir brauchen ist eine echte Gründeroffensive.

FDP möchte freien Zugang für Startups zu Hamburger Clustern

Ein wesentlicher Vorteil Hamburgs gegenüber anderen Standorten wie Berlin ist die starke, gewachsene Wirtschaftsstruktur. In der Vernetzung von Startups mit bereits etablierten Unternehmern liegt daher ein wesentlicher Schlüssel für erfolgreiche Unternehmensgründungen. Das wollen wir stärker unterstützen.

Wir Freie Demokraten wollen deshalb die bestehenden Cluster für Gründer öffnen und ihnen zwei Jahre kostenfreien Zugang zu den Branchennetzwerken bieten. So finden Gründer leichter Pilotkunden, Investoren, Geschäftspartner und Mentoren.

Es ist gut, dass auch Rot-Grün diese Notwendigkeit erkannt hat und den Forderungen der Freien Demokraten folgt. Die Öffnung der Cluster für Gründer ist ein wichtiger Schritt für die Startup-Stadt Hamburg und ein notwendiger Impuls für die Startup-Szene.

Öffnung der Cluster nutzt Gründern und Etablierten

Durch die schnellere Vernetzung von Old Economy und New Economy schaffen wir Vorteile für beide Seiten. Gründer können von Etablierten Unternehmen im Bereich Entrepreneurship lernen und junge Unternehmen helfen etablierten beispielsweise dabei, die richtigen Antworten in Sachen Digitalisierung zu finden.

Nicht zuletzt brauchen innovative Startups Kapital, wobei der kostenfreie Zugang zu relevante Branchennetzwerken wie den Hamburger Clustern helfen kann.

Hamburg zur Startup Hauptstadt machen

Neben dem Zugang zu Netzwerken und Kapital müssen weitere Maßnahmen zur Unterstützung der Unternehmensgründer kommen. Beispielsweise die einfache und digitale Anmeldung von Startups, weniger Bürokratiepflichten in der Gründungsphase und die stärkere unternehmerische Bildung bereits in Schulen und später in den Universitäten, z.B. durch Gründertage und Praxisseminare.

Bestehende Angebote der Gründungsförderung müssen in Hamburg zudem besser miteinander verknüpft werden. Die Unübersichtlichkeit der Fördermöglichkeiten spricht für die Schaffung eines einheitlichen Ansprechpartners für Gründer.

Ebenso dringend muss der Ausbau der digitalen Infrastruktur, des Breitbandnetzes voran gebracht werden. Denn gerade für Startups ist eine schnelle und zuverlässige Internetverbindung essenziell.

Mit all diesen Maßnahmen unterstützen wir die Hamburger Gründer dabei, dass sie die erfolgreichen Unternehmer von morgen werden.

Die redaktionelle Verantwortung des Beitrags liegt beim Autor. Haben Sie ein interessantes Thema zu Digitaler Wirtschaft, Verwaltung oder Stadtleben in Hamburg? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter hamburg@hansevalley.de.


 Redaktionelle Ergänzung: 


Am heutigen Dienstag beschäftigt sich der Wirtschaftsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft auf Antrag der FDP-Fraktion mit dem Thema. Die Kernforderungen des heute beratenen FDP-Antrags zur Clusteröffnung sind:

Die Bürgerschaft möge beschließen,
Der Senat wird aufgefordert,
  • eine Gesamtstrategie für die Hamburger Gründerpolitik zu entwickeln,
  • die Hamburger Cluster auf die Förderung von Unternehmensgründungen auszu- richten und dabei Zielzahlen 
  • für die Cluster im Bereich Aufnahme und Unterstüt- zung von Start-ups zu definieren,
  • Unternehmensgründern eine zweijährige kostenlose Mitgliedschaft in für sie beruflich relevanten Clustern zu ermöglichen,
  • in Absprache mit der Handelskammer, den Clustern und anderen Standortinitiativen einen einheitlichen Ansprechpartner für alle gründungsrelevanten Fragestellungen zu etablieren

Die rot-grüne Koalition hat einen eigenen Antrag zum Thema Clusteröffnung eingebracht. Die Forderungen orientieren sich am FDP-Antrag und werden so im Interesse Hamburger Startups verabschiedet werden:

Die Bürgerschaft möge beschließen,
Der Senat wird ersucht,

  • innerhalb der Cluster zu prüfen, wie junge Unternehmen in die jeweilige Branche zum beidseitigen Nutzen für etablierte Unternehmen sowie für Gründerinnen und Gründer eingebunden werden können.
  • die Einführung von Sonderkonditionen für die Mitgliedschaft von Startups (z.B. Startup-Tarife, Betragsfreiheit im ersten Jahr) flächendeckend für alle bestehenden Clustervereine bzw. deren Fördervereine anzuregen.
  • das Alleinstellungsmerkmal Hamburgs als Wirtschaftsstandort mit starken Clustern in die Marketingstrategie der FHH einzubeziehen.

Terminhinweis: Wer sich für das Thema interessiert, kann am Wirtschaftsausschuss als Zuhörer teilnehmen. Der Ausschuss tagt heute (Di) um 17.00 Uhr im Rathaus, Raum 186.


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