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Sonntag, 21. Februar 2021

HANSEINVESTIGATION: Hamburger Senat lässt Informatik-Studiengänge ausbluten.

HANSE DIGITAL INVESTIGATION
* 3. Update 24.02.2021 *

Schluss mit lustig: Die Informatik der UHH geht auf die Barrikaden.
Grafik: Universität Hamburg

Genderstudies werden an der Universität Hamburg groß geschrieben - ganz zur Freude des rot-grünen Senats mit Wissenschafts- und Frauensenatorin Katharina Fegebank. Die Informatik am größten IT-Fachbereich aller Hamburger Hochschulen lässt man jetzt dagegen ausbluten. Zuvor verordnete die Fegebank-Behörde bereits der Technischen Universität in Harburg, ihr Defizit gefälligst selbst auszugleichen. 

Neben fehlenden Professuren zu Zukunftsthemen wie Digitale Transformation und Ethik in Data Science, verunsicherten Studenten und weniger Studienplätzen hat die grüne Wissenschaftsbehörde das erste handfeste Opfer zu verantworten: Auf Grund fehlender Anschlussfinanzierung und unterfinanzierter Hochschulen wird die Hamburger Informatik-Initiative "Ahoi Digital" zu Grabe getragen.

Aktuelle Zahlen, Daten und Fakten sowie Hintergründe und Einordnungen zum Schlusslicht des Informatikstudiums in Deutschland von Chefredakteur Thomas Keup:

Die Ausbildung von jungen Informatikern für die digital-vernetzte Zukunft der Wirtschaft droht in der Freien und Hansestadt einen schweren Rückschlag zu erleiden. Sieben bestehende und geplante Professuren für Informatik an der Universität Hamburg werden durch den umstrittenen Präsidenten Dieter Lenzen kurzfristig ersatzlos gestrichen. Informatik-Studenten müssen sich jetzt Sorgen über Ihr Studium an der Universität machen, die Zahl der Studienplätze für Erstsemester wird sinken.

Ein Informatik-Lehrstuhl wird laut Experten mit rd. 100.000,- € pro Jahr berechnet, was jährliche Einsparungen von fast einer dreiviertel Million Euro bedeutet. Die mit 23 von 74 Hamburger Informatik-Professuren größte IT-Ausbildungsstätte an Alster und Elbe droht mit der aktuellen Rotstift-Politik - wie zuvor bereits die TU in Harburg - auszubluten. Schon jetzt beklagen wissenschaftliche Mitarbeiter fehlende Lehrkräfte und mangelhafte Lehrinhalte. Aus Kreisen der UHH-Informatik wird ein jahrelanges Verschleppen von Berufungen ans Informatikum kritisiert, so die "Eimsbütteler Nachrichten".

2 betroffene "Ahoi Digital"-Professuren, 1 "ITMC"-Stiftungsprofessur

Von den Streichungen auf Grund eines jährlichen - auf den Seiten des Informatik-Bereichs diskutierten - Hochschul-Defizits i. H. v. 20 Mio. € sind allein 13 neu geplante Professuren im Rahmen der Informatik-Initiative "Ahoi Digital" betroffen, ebenso wie eine neu geplante Stiftungsprofessur des von rd. 20 Partnern aus Hamburger Wirtschaft und Verwaltung unterstützten Fachbereichs "IT-Management und -Consulting - ITMC" in Stellingen.

In einer aktuellen Mitteilung schlüsseln die Betroffenen des Fachbereichs Informatik die Auswirkungen der Sparmaßnahmen auf: Durch die Streichung der drei neu geplanten "Ahoi Digital"-Professuren inkl. der "ITMC"-Stiftungsprofessur "Digitale Transformation und Technochange" sind allein 100 künftige Informatik-Studenten direkt betroffen. Durch den Abbau von vier bestehenden Professuren ist die weitere Hochschul-Ausbildung von bis zu 150 Studenten gefährdet. Das sind allein fast 25 % der allgemeinen Informatik-Studienplätze pro Jahr an der Universität Hamburg.

Auslöser für den Sparkurs des Präsidiums ist die Unsicherheit bei der weiteren Finanzierung der Hochschule. Als mögliche Maßnahmen werden auf den Seiten des Fachbereichs Informatik - wie jetzt geschehen - die Nichtberufung von Professoren oder die Nichtbesetzung frei werdender Stellen genannt. Anfang Februar d. J. lobte sich die Fegebank-Behörde noch für die mit insgesamt acht Hamburger Wissenschaftseinrichtungen geschlossenen "Zukunftsverträge" und einer jährlichen Steigerung des Grundbudgets der Einrichtungen von über 3 %.

Februar 2017: Der Informatik-Verantwortlichen von HAW, HCU, TUHH und HCU
freuen Sie über die Unterstützung für mehr Professuren + Studienplätze.
Foto: BWFG Hamburg

Die Anfang 2017 mit großem Aufwand und 32,9 Mio. € Budget - davon allein 13,6 Mio. € aus Hochschulmitteln - als "Informatik-Allianz" gegründete Initiative "Ahoi Digital" der Hamburger Hochschulen HAW, HCU, TUHH und UHH steht mit dem Kahlschlag der Informatik an der Uni vor dem Aus. Die Anschubfinanzierung der Wissenschaftsbehörde lief Ende vergangenen Jahres aus, die Hochschulen müssen "Ahoi Digital"-Professuren seit Jahresbeginn 2021 selbst stemmen. Mit der Plattform sollten bis zu 1.500 neue Studienplätze in den Informatik-Fächern sowie bis zu 35 neue Professuren, 10 Junior-Professuren und 37 Stellen für neue Wissenschaftsmitarbeiter an den vier beteiligten Hochschulen geschaffen werden.

Zu den Themenschwerpunkten der Universität Hamburg gehörten im Rahmen der Landesinitiative der Bereich "Cognitive/Learning Systems" für Robotik, Logistik und Medizin (zusammen mit dem UKE) sowie "Information Governance Technologies" für die digitale Verwaltung (mit der TU in Harburg und dem Hans-Bredow-Institut). "Ahoi Digital" sollte sich insgesamt um die vier Themenfelder "Cross-Modal Learning“, "Cyber-physikalische Systeme und Smarte Systeme“, "Information Governance Technologies“ und "Data Science“ kümmern. Das Ziel, Hamburgs Informatik mit den drei Säulen Lehre, Forschung und Transfer auf Spitzenniveau zu bringen, ist damit weitgehend gescheitert.

Politik und Wirtschaft warnen vor Verlust der Zukunftsfähigkeit.

Wie die Hamburger CDU-Fraktion am Montag zur aktuellen Lage mitteilte, praktiziert die Uni der Hansestadt einen noch umfassenderen Kahlschlag quer durch die MINT-Fächer und darüber hinaus: "Über 1.500 Studienplätze sollen abgebaut werden, davon fast 150 in der Informatik, 174 in Mathematik, minus 220 in der BWL, minus 36 in Jura sowie Einstellung aller Arbeitsgemeinschaften. Auch die Lehramtsstudiengänge trifft es deutlich, hier vor allem in Biologie, Mathe und Physik." Die norddeutsche Metropole droht, ins wissenschaftliche Mittelalter zurückzufallen.

Wohlstand und Attraktivität Hamburgs sind nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis klugen und vorausschauenden Wirtschaftens: Dieses kann in der Zukunft nicht allein auf Hafen, Handel oder Tourismus beruhen. Wir brauchen weitere Standbeine. Ganz vorrangig gehört dazu die Wissenschaft als Innovationstreiber und Anstoßgeber für künftiges unternehmerisches Handeln“, pointiert Dr. Hubert Baltes, Vorsitzender der Landesfachkommission "Wachstum & Innovation“ des Wirtschaftsrates in Hamburg.

Hamburger Persönlichen intervenieren gegen den Kahlschlag.

Auf Grund der aktuellen Entwicklungen intervenieren zahlreiche Hamburger Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung in einer konzertierten Aktion gegen das Zusammenstreichen der Informatik an der städtischen Universität und das ersatzlose Streichen der Stiftungsprofessur für Digitale Transformation. Das HANSEVALLEY vorliegende Schreiben unterzeichneten die "ITMC"-Kuratoriumsmitglieder Karsten Kirsch ("Direkt Gruppe"), Michael Müller-Wünsch ("Otto Group"), Sebastian Saxe (vorm. "HPA"), Dirk Weske ("PPI AG") und Tobias Zierau ("BPC AG").

Der Vorsitzende des "ITMC"-Kuratoriums und frühere Chief Digital Officer der Hamburger Wirtschaftsbehörde und der Hafenverwaltung "HPA" - Sebastian Saxe - erklärte gegenüber HANSEVALLEY: "Ohne Forschung und Lehre gäbe es keine Menschen, die neue Erfindungen oder neue Ideen in die Praxis umsetzen. Statt 'Ahoi Aufbruch' steht 'Ahoi, wir gehen unter' auf der Tagesordnung! Wir dürfen Hamburgs Informatiklandschaft nicht schwächen, sondern müssen diese weiter stärken."

IT-Executive Club, ThIS The Interface Society  und die Rotary-Clubs.

Der "IT-Executive Club" im Digitalcluster "Hamburg@work" mit mehr als 150 IT- und Digital-Experten sowie Vertretung von mehr als 40.000 angestellten IT-Experten in Hamburger und norddeutschen Unternehmen richtete sich mit einer Petition an Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank und Wirtschaftssenator Michael Westhagemann, die Streichungen zu verhindern.

Auch der renommierte Digital-Thinktank "ThIS - The Interface Society" interveniert gegen das Ausbluten der Informatik an der UHH. "ThIS" will in den kommenden Tagen Stellungnahmen Hamburger Persönlichkeiten zum Informatik-Kahlschlag auf der Website digitale-zukunft.hamburg veröffentlichen. Darüber hinaus wurden alle 23 Hamburger Clubs des norddeutschen "Rotary"-Districs 1890 mit rd. 1.200 namhaften Mitgliedern über die Entwicklung informiert.

Sinnbild für das Ausbluten der Informatik an der TU in Harburg.
Foto: HANSEVALLEY

Im Oktober 2020 wurde bereits an der TU in Harburg bekannt, dass die Technische Universität auf Anordnung der Wissenschaftsbehörde das erwartete Defizit von 10,5 Mio. € im laufenden Jahr selbst ausgleichen muss. Im Januar d. J. hatten Vertreter des Studentenparlaments, der Studentenvertretung und des Akademischen Senats an der Technischen Universität Hamburg einen befürchteten Kahlschlag veröffentlicht.

Der öffentliche Brandbrief spricht von sieben Wachstumsprofessuren, die gestrichen werden - darunter eine Ethik-Professur als Grundstein für den neuen Studiengang Data Science, ein Lehrstuhl in Computational Biomechanics und drei Professuren, die essenziell für den digitalen Maschinenbau sind. Auch in Harburg droht die Informatik auszubluten, da die Theoretische Informatik als auch der Bereich Bildverarbeitungssysteme nicht nachbesetzt werden sollen. Um den Forderungen der Behörde nachzukommen, müssen auch südlich der Elbe laufende Berufungsverfahren abgebrochen werden - z. B. jetzt selbst zu finanzierende "Ahoi Digital"-Professuren in der Informatik.

Hamburg trägt die rote Laterne der Informatik-Ausbildung im Land.

Laut des letzten "Länderchecks Informatik" des "Stifterverbandes" liegt die norddeutsche Millionenmetropole mit 3,9 % Anteil Informatikern bei allen Studienanfängern auf dem letzten Platz der Bundesländer (Bundesdurchschnitt: 7,7 %). Auch bei den Informatikstudiengängen trägt die Freie und Hansestadt mit 4,1 % an den grundständigen Studiengängen die rote Laterne aller Länder. Der Bundesdurchschnitt liegt hier bei 7,8 %. Dahinter steht die insgesamt schwache Anzahl von 74 Hamburger Informatik-Professuren. Zum Vergleich: In der Startupmetropole Berlin mit dem Hochschulverbund aus FUB, HUB und TUB gibt es rd. 190 Informatik-Professuren, in der Technologiemetropole München mit den beiden Spitzenuniversitäten LMU und TUM 150 IT-Lehrstühle.

Nach der Absage des - mit 100 Mio. € geplanten und von den Fraktionen der rot-grünen Regierung wie der bürgerlichen Opposition Anfang 2016 beschlossenen - "Innovations-Wachstums-Fonds" für Tech-Startups in der Skalierungs- und Internationalisierungsphase sind die aktuellen Sparmaßnahmen an Universität Hamburg und Technischer Universität und das Einstampfen der Informatik-Initiative "Ahoi Digital" weitere Rückschläge, die in den traditionellen Dienstleistungsbranchen Handel und Logistik verankerte Wirtschaftsmetropole Hamburg mit Wissenschaft und Innovationen auf Zukunftskurs zu bringen.

Als weitere Unsicherheit gilt die bereits rd. ein halbes Jahr in Verzug geratene Einführung des "Hamburger Digitalbonus" mit bis zu 17.000,- € Zuschuss zur Digitalisierung von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die Handelskammer hat die in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein mit 10.000,- bis 50.000,- € praktizierte KMU-Förderung direkt nach der Bürgerschaftswahl gegenüber dem alten und neuen Wirtschaftssenator Michael Westhagemann eingefordert.

Wird vom Bremer Senat auch nach der Corona-Krise nicht im Stich gelassen:
Die Universität Bremen mit mehr als 40 Jahren KI-Kompetenz.
Foto: Michael Ihle

Im Hilferuf an die 23 Hamburger "Rotary"-Clubs vom 16. Februar d. J. werden die Zukunftsinvestitionen der Freien Hansestadt Bremen für die Zeit nach der Corona-Pandemie als beispielhafter Kurs für die Informatik in Norddeutschland vorgestellt. So investiert die Wesermetropole im Rahmen des 181 Mio. € umfassenden Paketes aus dem "Bremen Fonds" allein Maßnahmen zur digitalen Transformation i. H. v. 60 Mio. €. Dazu gehören u. a. umfassende Investitionen in die KI-Forschung mit der Universität Bremen, dem "DFKI"-Standort, dem "AI-Center for Space Robotics" und dem "AI-Center for Health Care" (nachzulesen im Hanse KI Magazin unter hansemachine.de).

Die ausführliche Meldung des Fachbereichs Informatik der Universität Hamburg inkl. der aktuellen Diskussion kann hier nachgelesen werden. Zahlen und Fakten zur Entwicklung der Informatik an der UHH gibt es auf den Seiten des Fachbereichs. Hintergrundinfos zur Informatik an den vier staatlichen Hamburger Hochschulen HAW, HCU, TUHH und UHH sind hier zu finden.

*  *  *

 Hanse Digital Background: 

HANSEINVESTIGATION:
Startup-Förderung in Hamburg Teil 2 - Die Stunde der Wahrheit!

HANSEINVESTIGATION:

Startup-Förderung in Hamburg Teil 1 - Wer sagt hier die Unwahrheit?

HANSESTATEMENT: 

HANSEPOLITICS: 

 Hanse Digital Service: 

HANSEINVESTIGATION - Das Hanse Investigativ Magazin:
www.hanseinvestigation.de

HANSEMACHINE - Das Hanse KI Magazin:
www.hansemachine.de

HANSESCIENCE - Die Hanse Digital Scientists:
www.hansescience.de

HANSESTARTUPS - Das Hanse Startup Magazin:
www.hansestartups.de

Donnerstag, 12. November 2020

HANSEINVESTIGATION: Startup-Förderung in Hamburg - Die Stunde der Wahrheit!

Ein HANSE DIGITAL INVESTIGATIV von
- Landeskorrespondent Gerd Kotoll -

Oder: Wer plündert hier das Hamburger Steuersäckel? 

Den Schein wahren ... und manchmal auch die Scheinchen:
Der rot-grüne Hamburger Senat 2020-2025
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Knapp 50 Mio. € Fördersumme für staatliche Startup-Förderprojekte in gerade einmal drei Jahren. Fast 60 Experten für Beratung, Ausgründung, Transfer und Finanzierung von Startups und ihren Innovationen an Alster und Elbe. Aber: Ein “Innovations- und Wachstumsfonds” mit geplanten 100 Mio. € Volumen, der nach fast 5 Jahren abgeblasen wird. Willkommen im Startup-Universum hinterm Deich.

Was ist aus der 2014 für dieses Jahr versprochenen “Innovationsregion” des SPD-geführten Senats geworden? Warum musste der viel beschworene Investitionsfonds für Startups scheitern? Wie hat sich eine Startup-Unit mit 1,5 Mitarbeitern zum Fixstern des Hamburger Gründeruniversums aufschwingen können, und welche neue Idee hat sich die staatliche Förderbank IFB ausgedacht, um doch noch Investoren das Geld abzunehmen? Landeskorrespondent Gerd Kotoll mit den Fakten:


Auf welches Ergebnis kommen Sie?

Grob überschlagen sind es rd. 50 Mio. Euro, die aus dem Hamburger Haushalt seit gut 3 Jahren in die Strukturen der (halb)staatlichen Förder- und Beratungseinheiten geflossen sind und weiter üppig fließen. Auch hier gilt: Unsere Aufzählung ist sicher weder in Bezug auf die Anzahl der Institutionen noch auf die aus dem Steuersäckel zur Verfügung gestellten Summen vollständig.

Anders formuliert: Seit dem Zeitpunkt des Bürgerschaftsbeschlusses zur Einrichtung des “Innovations- und Wachstumsfonds” im Januar 2016 hat die Stadt Hamburg durch den Senat rund die Hälfte des Volumens des jetzt abgeblasenen Fonds in den Aufbau von Strukturen, Stellen und Zuständigkeitswirrwarr gesteckt - ohne dass ein Startup mit einem einzigen Euro direkt gefördert wurde. Die Stadt hätte also eigenhändig einen Fonds auf den Weg bringen können, ohne private Kapitalgeber mitzunehmen.

Die hatten übrigens aufgrund der für sie unattraktiven Konstruktion des geplanten Fonds kein Interesse an einer Beteiligung, wie wir aus dem Umfeld des beauftragten Initiators erfuhren - womit dann auch der wahre Grund dieses Fiaskos genannt ist. Dabei hatte man die Hamburger Senatsgesandten auf ihrer Investorensuche in Berlin bereits 2016 unverrichteter Dinge zurück in die schönste Stadt der Welt geschickt. Aber man wollte ja nicht hören.

Nicht hören möchte man in diesem Zusammenhang auch die Aussagen aus der Finanzbehörde, die es als nicht vermittelbar ansieht, wenn durch einen mit 100% aus Steuermitteln ausgestatteten Fonds finanzielle Risiken eingegangen werden, die zum Totalverlust führen können. Stimmt, möchte man reflexartig meinen. Aber ist das Schaffen redundanter Strukturen sinnvoller? In Bezug auf das eingesetzte Steuergeld sicher nicht, denn das ist in jedem Fall weg. Bei gleichzeitig noch niedrigerer Renditeerwartung.

Und die Strukturen der Beratungsinstitutionen? Die sind ja alle noch da. Haben Sie mitgezählt? Auf wie viele sind Sie gekommen? Mehr als zehn? Mehr als fünfzehn? Wir hatten Sie im ersten Teil gewarnt: Hefte raus, Mathe-Klausur (auch im Corona-Lockdown)! Genannt haben wir zwölf - denke ich. Dabei ist die Aufzählung - wie gesagt - in keinem Fall vollständig oder abschließend. Gerade deswegen drängt sich aber folgende Frage auf:

Wozu braucht eine Stadt mehr als ein Dutzend Gründungsberatungsstellen? Wohlgemerkt: eine Stadt, die einen Startup-Förderfonds nicht auf die Beine gestellt bekommt. Eine Stadt, die aber noch im Dezember 2018 von sich behauptete, auf dem Weg zur “Innovationshauptstadt Europas(!) ein gutes Stück vorangekommen” zu sein (Spoiler: Dank der IFB). Wir konnten das auch kaum glauben, haben es aber schwarz auf weiß. Und jetzt?

Was haben Sie übersehen? Na? Entschuldigung, die Frage war gemein, denn Sie konnten gar nichts sehen. Weil es sie nicht gibt, z. B. die Mittel für die Schaffung bzw. den Ausbau von Entrepreneurship-Professuren an den Hamburger Hochschulen. Vielfach gefordert, von der zuständigen Senatorin freundlich-unverbindlich als wichtige Aufgabe öffentlich bekräftigt, ist in Sachen Entrepreneuship an Hamburgs Hochschulen … nichts passiert. Außer ein “Startup Dock” und ein “Startup Port” in Harburg - u. a. dank üppiger “EXIST”-Mittel des Bundes.

Falsche Prioritäten - fehlgeleitete Mittelverwendung!

Genau das würden die Programmbetreuer der IFB Innovationsstarter GmbH den sich bewerbenden Startups wohl vorhalten - und dann eine Förderung ablehnen. Diese Erkenntnis fehlt dem Senat aber. Für einen Senat mit einem derart hohen Anspruch ist das alles zusammen ein niederschmetterndes Ergebnis. Senat? Geht es nicht ‘ne Nummer kleiner? Die Wirtschaftsförderung ist ja “nur” bei der Wirtschaftsbehörde aufgehängt. Ja, genau. Und dort strampelt sie weitgehend ohne Bodenkontakt vor sich hin.

Wie wir darauf kommen? Schauen Sie sich doch mal an, wie viele Menschen bei “Hamburg-Invest” für Immobilien zuständig sind, und dann wie viele für die Startup-Förderung? (Und ziehen Sie den gern mehrfach verkauften Pressesprecher bitte ab). Ach so?! Das geht trotzdem, meinen Sie, weil es ja die vielen anderen Startup-Beratungs-Förderungs-Vernetzungs- und (nur nicht) Finanzierungs-Dingens gibt? Jaja. Nur sagt “Hamburg-Invest” dazu Folgendes (Zitat, entnommen aus dem unten genannten Artikel):

“Mit der Bündelung unterschiedlicher Services unter dem Dach der Hamburg Invest professionalisieren wir das rasant wachsende Startup-Ökosystem zwischen Elbe und Alster.” (Hervorhebung durch die Redaktion) 

Soso. Wenn das mit der aktuellen Personalzahl der Startup-Unit (1 Leiterin + 1 Aushilfe) bei “Hamburg-Invest” funktioniert, dann kann man die anderen rd. 60 gezählten Akteure wohl in der Tat als unprofessionell bezeichnen (z. B. “Be your pilot”: 11 Team-Mitglieder, “IFB Innovationsstarter”: 11 Finanzierungsprofis, “Ahoi.digital”: 8 Hochschul-Koordinatoren, Handelskammer: 5 Gründungsprofis, “HEI Hamburg”: 4 Gründungsprofis, “IKS Hamburg”: 4 Transferprofis, “DESY Startup Office”: 4 Gründungsberater). Vielleicht sieht man sich deswegen auch nicht als Konkurrenz, wie es in dem Artikel weiter heißt.

Dennoch bleibt es ein Problem das ganzen Senats, da sich auch die Wissenschaftsbehörde nicht mit Ruhm bekleckert: zu wenig Ausgründungen (2018: 14 in Hamburg zu 59 in Lüneburg), zu wenig MINT-Studenten (200 neue zu 1.500 mit “Ahoi digital” geplanten), zu wenig Entrepreneurship-Kurse. Alles im “Deutschen Startup-Monitor” 2019 und 2020 für Hamburg belegt. Wenn in einer Stadt erheblich mehr Lehrstühle für Genderstudies als für Entrepreneurship an den staatlichen Universitäten finanziert werden, wundert es nicht, dass es keine Hamburger Hochschule unter die Top Ten der Gründer-Unis schafft, im Gegensatz zu Bremen ...

Solange universitäre Exzellenz im Elfenbeim-Turm der wissenschaftlichen Unantastbarkeit verharrt, solange werden teure Programme wie “Ahoi digital” erfolglos bleiben - mit allen negativen Konsequenzen für die Stadt. Pro-Tipp: Suchen Sie den Begriff “Ahoi digital” doch mal im aktuellen Koalitionsvertrag. Ist ja ein Programm, was über fünf Jahre aufgelegt wurde.*

Bestimmt konnte man weder bei “Hamburg-Invest” noch bei der Wirtschaftsbehörde Anfang September d. J. ahnen, dass das mit dem “Innovations- und Wachstumsfonds” nach fast fünf Jahren nun doch nichts wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass in einem Interview - nachzulesen auf der Homepage von “Nextmedia Hamburg” - auf die Frage, was den Hamburger Gründungsstandort so besonders macht, folgende Antwort von “Hamburg-Invest” kommt. Zitat:

“Es gibt hier viele mittelständische und familiengeführte Gesellschaften, die unternehmerisch denken und sich als Business Angel für Startups engagieren.” 

Für ein finanzielles Engagement beim Innovations- und Wachstumsfonds reichte die Überzeugungskraft dann wohl doch nicht aus. Das erklärt sicher auch, warum die neueste Idee der "IFB" - das “Hamburger Investorennetzwerk” - erst einmal getagt hat - aber mit einem eigenen Mitarbeiter bei der Förderbank glänzt. Insgeheim hofft man in der Wirtschaftsbehörde an der Wexstrasse jetzt wohl auf den Startup-Fonds des Bundes. Der ist 10 Mrd. Euro schwer, und davon könnte doch in Hamburg was vom Laster fallen.

“Weil wir Hamburg sind” - so lautet der neue Hamburger Werbeclaim. Und der bekommt mit dem aktuellen Wissen aus mehr als einem Dutzend staatlicher Startup-Förderer einen ganz neuen, allerdings eher peinlichen Klang. Denn er ist offensichtlich mehr Schein als Sein. Früher war das in der ehrbaren Kaufmannsstadt mal umgekehrt.

Apropos “Jaja”. Sie wissen was “Jaja” bedeutet? Genau: ‘Klei mi an de Feut!’

*  *  *

 Hanse Digital Investigation: 

HANSEINVESTIGATION:
Startup-Förderung in Hamburg Teil 1 - Wer sagt hier die Unwahrheit?

 Hanse Digital Background: 

* “Ahoi digital” im Koalitionsvertrag (Seite 90): 
hamburg.de/senatsthemen/koalitionsvertrag/

Bericht des Haushaltsausschusses: Nr. 21/12652
buergerschaft-hh.de/

Kleine Anfrage der Bürgerschaft an den Senat: Nr. 21/13117
buergerschaft-hh.de/

Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft: Nr. 21/15571
buergerschaft-hh.de/

Öffentlich zugängliche Information genannter Institutionen:
ahoi.digital/

und weitere Recherchen und mathematisch gelöste Aufgaben. 

 Hanse Digital Recherche: 

HANSEINVESTIGATION:
Der Fuchs im Hühnerstall.

HANSEINVESTIGATION: 
Ein Startup Port für Hamburg.
HANSESTATEMENT: 

Mittwoch, 28. Oktober 2020

HANSEINVESTIGATION: Startup-Förderung in Hamburg - Wer sagt hier die Unwahrheit?

Ein HANSE DIGITAL INVESTIGATIV von
- Landeskorrespondent Gerd Kotoll -

Oder: Die Fehlgeburt des Hamburger Innovations- und Wachstumsfonds. 

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann gibt den Startschuss für "Be your pilot".
Foto: Hamburg Innovation


100 Mio. € für einen Innovationsfonds, der nie kommen wird. Mehr als 50 Mio. € in den vergangenen drei Jahren, die die Stadt für ihre Beratungs- und Förderangebote ausgegeben hat. Dazu fast 60 Mitarbeiter und Experten, die über 1.300 Hamburger Startups im Zweifelsfall ratlos ohne finanzielle Hilfe alleine lassen. Das sind die Fakten des nur noch drittgrößten Startup-Standorts der Republik.

HANSEVALLEY hat die Aussagen von staatlichen Vertretern und die öffentlichen Zahlen und Daten einem erhellenden Faktencheck unterzogen. Ergebnis: Mindestens einer sagt hier die Unwahrheit - und produziert womöglich Hamburger Fakenews. Landeskorrespondent Gerd Kotoll öffnet die Kellertüren von mehr als einem Dutzend staatlich subventionierten Startup-Initiativen - mit erstaunlichen Ergebnissen:

Anfang Oktober 2020, ein Donnerstag-Abend: Via Zoom vermittelt die Wirtschaftsfördergesellschaft “Hamburg-Invest” Einblicke in die Gedankenwelt amerikanischer Investoren, die sich auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert haben und bietet gleichzeitig ausgewählten Startups aus Hamburg eine Präsentationsmöglichkeit. Eine der zentralen Aussagen:

‘Es ist genug Geld im Markt, so viel wie nie zuvor, besonders für Gesundheitsthemen.’

Nur gut eine Woche zuvor, Ende September d. J.: Die zuständige Wirtschaftsbehörde teilt per Pressemeldung in wenigen dürren Sätzen mit, dass der Anfang 2016(!) von der Bürgerschaft beschlossene “Innovations- und Wachstumsfonds” das Licht der Welt niemals erblicken wird. Das “aktuelle wirtschaftliche Umfeld” (seit 2016?, Frage der Redaktion) habe das Fundraising deutlich erschwert. Auch sei vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie die Bereitschaft der Investoren, risikoreiche Investments einzugehen, weiter gesunken. Soso.

Wer sagt hier in Hamburg nicht die Wahrheit?

Ganz anders lesen sich die Erfolgsmeldungen von “Hamburg-Invest”: Diese verkünden allein in den zurückliegenden drei Monaten Investitionen in junge Hamburger Unternehmen mit einem Volumen von über 100 Mio. Euro. Also ziemlich exakt die Summe, die der Hamburger Senat in vier Jahren nicht zusammen bekommen hat. Damit bestätigt sich, dass trotz des “aktuellen wirtschaftlichen Umfelds” und des Bedauerns seitens der Behörde zum gescheiterten Fonds mehr als 100 Mio. Euro nach Hamburg geflossen sind - sogar während der Corona-Pandemie. Wirklich.

Zur Einordnung: “Hamburg-Invest” ist die staatliche Wirtschaftsförderungsgesellschaft in Hamburg und der Wirtschaftsbehörde des Senats direkt unterstellt.

Klappern gehört zum Handwerk - eigentlich ...

Meldungen über erfolgreiche Finanzierungen gehören zu den Aufgaben von Wirtschaftsförderern, ganz klar. Das ist Teil des Standortmarketings - und vielleicht sogar dessen vornehmste Aufgabe. Quasi das Klappern, das zum Handwerk gehört: ‘Seht her, in Hamburg gibt es Geld!’ Welche Botschaft könnte ein Wirtschaftsförderer verkünden, die noch schöner wäre?

Während also ein Teil der Hamburger Wirtschaftsbehörde - trotz wirtschaftlich herausfordernder Zeiten durch Corona - mit hübscher Regelmäßigkeit erfolgreiche Fundings vermeldet, kommt aus dem gegenüberliegenden Häuserblock der gleichen Behörde kleinlaut die Aussage ‘Nö, das klappt aktuell nicht.’ HANSEVALLEY übersetzt das gerne für Sie: ‘Wir kriegen das nicht hin’. Dass heisst auch, dass damit ein Beschluss von Regierungsfraktionen und bürgerlicher Opposition der Hamburger Bürgerschaft nicht umgesetzt wird.

Anders formuliert: ‘Hier gibt es kein Geld!’ ist jetzt die offizielle Hamburger Positionierung. Vermutlich ist den handelnden Personen gar nicht bewusst, welchen Schaden sie jungen, begeisterten Unternehmern, in Hamburg entwickelten Innovationen und dem Startup-Standort anrichten. Stellt sich die Frage, ob sich die Startuphauptstadt (Berlin), die Technologiehauptstadt (München) und die Medienmetropole (Köln) jetzt heimlich ins Fäustchen lachen, dass Hamburg für sie Standort-Marketing betreibt.

Mitzählen und Mitrechnen - versuchen Sie es mal!

Um von dieser Peinlichkeit abzulenken, verweist die besagte Pressemeldung eilig auf andere ‘attraktive Fördermöglichkeiten’ - und zwar aus dem Haus der Investitions- und Förderbank, kurz: IFB. Diese versorgt - als nach eigenen Angaben aktivster Finanzierer der Stadt - innovative und wachstumsträchtige Startups seit 2012 u. a. mit Geld aus dem “Innovationsstarterfonds”. Natürlich nicht zum Nulltarif: So müssen Gründer Anteile ihrer GmbH abgeben. Zusätzlich fließen rund 600.000,- Euro pro Jahr als Honorar an die IFB, pauschal rd. 20% der Fördersumme - u. a. für 11 Mitarbeiter.

Eine Verknüpfung an den Erfolg der Förderung ist damit nicht verbunden. Das erscheint uns doch recht … üppig - und erklärt im Nachhinein auch die so tadellos geputzten Schuhe unseres hauptverantwortlichen Gesprächspartners der Hamburger Förderbank, was seinerzeit so gar nicht zum Schmuddel-Wetter passte. Tja, man hält eben was auf sich. Ganz Hamburg-typisch, den Schein wahren. Mit Verlaub: Hier sind es wohl eher viele Scheine.

Das aktuelle Umfeld: 3 Mio. € Crowdfunding in 300 Min.

Machen wir weiter mit den Zahlen: Ausweislich der eigenen Landingpage hat die IFB mit ihren drei Programmen rund 175 Gründerteams Geld gegeben, seit 2012 rd. 25 Mio. €. Das macht pro Jahr rund 3 Millionen aus. Mmmh. Jaja, das ist Hamburgs aktivster Gründungsfinanzierer... Lesen Sie jetzt oben doch gern nochmal nach, wie viel Investitionskapitial von privater Seite “Hamburg-Invest” für die letzten drei Monate(!) für die Hansestadt veröffentlicht hatte (kleiner Tipp: vorn eine Eins und dann zwei Nullen).

Psst! Das Hamburger Banking-Startup “Tomorrow” warb die Jahresleistung des “Innovationsstarterfonds” i. H. v. 3 Mio. Euro gerade per Crowdfunding allein für sich ein - innerhalb von 300 Minuten! Und, ganz unter uns: Eigentlich wollte man nur 2 Mio. Euro reinholen, aber weil das so gut lief, hat man sich breitschlagen lassen, das Ziel um 50% zu erhöhen. Das muss dieses ‘aktuell wirtschaftliche Umfeld’ und die Corona-Pandemie sein, von der in der Pressemitteilung des Wirtschaftssenators die Rede ist.

Offenbar ist niemandem in Hausleitung, Fachabteilung und Pressestelle der Wirtschaftsbehörde bewusst, dass mit jeder weiteren Finanzierungsmeldung die Aussagen aus der eigenen Pressemitteilung immer weiter ins Absurde abgleiten. Weil es eben auch nur Ausreden sind. Womit die Frage beantwortet wäre, wer in der schönsten Stadt die schönsten Märchen erzählt - aber nicht weitersagen ...

Übrigens, wo wir gerade über Investitionen im Krisenjahr 2020 sprechen: Der BVK - also der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften - bestätigt in seiner aktuellen Statistik, dass es im ersten Halbjahr 2020 zu keinem massiven Einbruch bei Investitionen in innovative Unternehmen gekommen ist. Im Gegenteil zeige sich gerade der Bereich der frühphasigen Beteiligungen unverändert stark. Sieh an, sieh an.

Die (weiteren) “Bruchpiloten” des Hamburger Senats:

Quasi hausintern hat sich eine Konkurrenz aufgebaut, die sich ebenfalls über einen reichen Geldsegen aus dem Hamburger Haushalt freuen durfte (aka: Schein(e) wahren): “Be your pilot”. Hier ist nicht nur die Namensgebung bereits unglücklich, sondern auch die Erfolgsbilanz eher dürftig - mit ganzen 15 “EXIST”-Förderungen von 2019 bis 2020, wie die Protagonisten über Twitter stolz vermelden. Ganz im Gegenteil zum Funding:

Über 10 Mio. Euro hat der Senat hier über fünf Jahre zur Verfügung gestellt für…. ja, für was eigentlich? Laut eigener Homepage wird in vielen Worten die Förderung wissensbasierter (Aus-)Gründungen staatlicher Hamburger Hochschulen gefördert - mit allem, was man meint, heutzutage anbieten zu müssen. Man könnte also verführt sein zu denken, dass es sich hier um innovative Gründungen handeln muss. Ach nee, die werden ja von der IFB gefördert.

Apropos “dürftige Erfolgsbilanz”: Da geht noch was!

Ahoi! Wie bitte? Ja, ahoi! Und zwar digital. Also: “Ahoi digital”. Die Namensgebung ist eine weitere kognitive Herausforderung, bei der es hinterher wieder niemand gewesen sein will, aber sei’s drum, es kommt ja auf die Inhalte an. Und die haben es in sich! Also, sie hätten es in sich haben sollen. Denn die Initiative “Ahoi digital” sollte das Informatik-Profil der vier beteiligten Hamburger Hochschulen schärfen, 35 Professuren schaffen und gut 1.500 zusätzliche Studenten für IT-Fächer gewinnen.

Gute 30 Mio. Euro war das Projekt dem Senat 2017 wert, das die Hafen- und Handelsstadt in die wissenschaftliche Champions League von Data Science & Co. katapultieren sollte. Bis Ende 2019 waren gerade 4 (in Worten: vier) Professoren-Stellen besetzt und keine 200 Studenten hatten sich für die Zukunfts-Wissenschaften mehr eingeschrieben. Bonus-Gag: Werfen Sie gern mal einen Blick auf die Instagram-Seite unter @ahoi_digital. Geht schnell, versprochen. Die ist nämlich leer. Passt irgendwie zu der am 1. Januar 2018 gestarteten Initiative, oder?

Übrigens: Wussten Sie, dass die Wissenschaftsbehörde mit der Handelskammer die “Innovationskontaktstelle” - kurz: IKS - eingerichtet hat und aus EU- und Landesmitteln bezahlt? So ist es die Aufgabe der IKS, Gründer von (staatlichen) Hamburger Hochschulen mit Unternehmen zu vernetzen, sie zu fördern und zu unterstützen - genau jenen Hochschulen von “Ahoi digital”. Laut Gründungsmitteilung von 2011 sollte die IKS die Hansestadt bis 2020 zu einer ‘führenden Innovationsmetropole Europas’ machen. Jaja.

Und, nein, wir fassen uns jetzt nicht an den Kopf, dass es für 105 Mio. € inkl. Bau und Betrieb (davon 95 Mio. Bundesmittel) 
über 2 Gebäude eine weitere Einrichtung dieser Art im neuen Epizentrum der Hamburger High-Tech-Wissenschaften - der 2025 teilweise fertigen “Science City Bahrenfeld” - geben soll. Ganz wichtig: Gründer-Förderung. Und natürlich GründerInnen-Förderung. Dazu wurde (heute) schon mal über 2,5 Stunden der Startschuss online feierlich schöngeredet. Okay, ein kleiner verzweifelter Griff an den Kopf passiert jetzt doch. 

Während die “DESY Innovation Factory” zumindest ein wenig Klang im Namen hat, ist das mit dem “Startup-Port” (nicht zu verwechseln mit dem “Startup-Dock” für Harburg, das ist zwei Türen weiter - also der selbe Betreiber) wieder die eher “Was mit Hafen”-Nummer. Immerhin gab es 3,5 Mio. Euro (in diesem Fall vom Bund) für…. ja, genau, für die Förderung der Startup-Gründung aus der Wissenschaft. Man wünscht sich sogar noch den Austausch mit Wirtschaft und Gesellschaft - und das ganze sogar in der Metropolregion (die aber auch nur bis Wedel und Lüneburg reicht).

Wo wir gerade so schön beim Buddeln sind ...

By the way: Die Anzahl der - vom Bund “EXIST”-geförderten - Gründungen aus allen staatlichen Hamburger Hochschulen wurde in 2018 mit 14 (in Worten: vierzehn) gezählt. Von 2019 auf 2020 sind es laut “Be your pilot” auch nur 15. Von 2012 bis einschließlich 2017 hat die IFB ihrerseits gerade einmal 35 Startups unterstützt - von aktuell gut 1.300 Startups. In gut fünf Jahren. Jaja, Hamburgs aktivster… ach, lassen wir das. Und hinter dem Deich, in der Metropolregion? Wissen Sie, wie viele “EXIST”-Ausgründungen es 2017 an der “Leuphana” in Lüneburg gab? 55. Und 2018? 59. An einer einzigen mittelgroßen Universität.

Hoppla! Hätten Sie es beinahe auch übersehen, das Gründerzentrum der Handelskammer? Auch an dieses können sich Gründer selbstverständlich wenden, werden auch dort natürlich mit dem Ökosystem vernetzt - z. B. mit den Wirtschaftsjunioren der altehrwürdigen Kammer. Die verleihen jährlich den “Hamburger Gründerpreis”, was aber in der Stadt kaum bekannt ist. Diesbezügliche Ähnlichkeiten mit dem umso lauter promoteten Gründer-Preis von Abendblatt und Haspa sind nur rein zufällig. Bestimmt. Nicht.

Jaja, alles klar strukturie ... Nee. Nochmal, so ist’s richtig: So vielfältig ist die Gründerförderung in Hamburg! Jaajaa, denn außerdem gibt es ja auch noch die “H.E.I.” Gründerberatung der staatlichen Bürgschaftsbank und die “TU Tech Innovation” und ihre Schwester “Hamburg Innovation”, die den “Hamburg Innovation Summit” veranstaltet. Ganz ordentlich getrennt in öffentlich finanzierten GmbHs. Dazu kommen diverse privat-wirtschaftliche Initiativen mit ähnlicher Stoßrichtung. Haben Sie damit alles im Blick, also: die ganze (Gründer-)Stadt?

Nicht? Macht nichts. Der Wahlkampf-Slogan ist bei Politik und Verwaltung auch längst im Schredder gelandet. So hat man auch aus der fundierten Kritik, die Anfang März d. J. bei der Vorstellung des 2019er Startup-Monitors vor mehreren hundert Hamburger Jungunternehmern, Förderern und Journalisten vorgebracht wurde, wenig gelernt. Und die 2020er Zahlen manifestieren es: In den relevanten Kennzahlen und Messgrößen ist Hamburg niemals unter den Top 3 - also in der Realität völlig anders, als offenbar in der eigenen Wahrnehmung und den Verlautbarungen des Hamburger Senats.

So schneidet das oben - im Zweifel unvollständig - aufgezählte Ökosystem bei den örtlichen Startups mit der geringsten Zufriedenheit ab; im Vergleich finden in keiner anderen Metropole Startups die Unterstützung so schwach wie in Hamburg. Und: Der Anteil derer, die dazu nichts sagen können oder wollen und deshalb “neutral” angekreuzt haben, macht fast die Hälfte der befragten Gründer aus. Übrigens war ”Hamburg-Invest” Mit-Gastgeber der Vorstellung des Startup-Monitors im Frühjahr d. J. ... Jaja.

Damit kommen wir zu einer kleinen Bitte an Sie: Merken Sie sich bitte die genannten Zahlen und Fakten - für den Schnack mit Ihren Freunden - und für unseren zweiten Teil. Da fragen wir sie nochmal ab. Stichwort: Hefte raus, Mathe-Klausur auf HANSEVALLEY. Das meinen wir ernst!

Wie viele Mitarbeiter durch die Subventionen von Startup-, Beratungs-, Ausgründungs-, Transfer- und Finanzierungs-Institutionen in Hamburg ihr Lohn und Brot aktuell verdienen, wie sich eine der staatlichen Einrichtungen mit ganzen 1,5 Mitarbeitenden selbst zum Mittelpunkt des Startup-Universums kürt und warum der “Innovations- und Wachstumsfonds” wirklich geplatzt ist - und platzen musste.

Lesen Sie hier, wer in Hamburg noch die Unwahrheit sagt:


NACHTRAG


Per Vibrationsalarm meldet sich am Montag, den 2. November ‘20 gegen 17.00 Uhr das Handy, dass es einen neuen, einen ersten Instagram-Beitrag gibt. Und zwar auf dem Account von @ahoi_digital. Ist das bemerkenswert? An sich ... nicht. 


Nachdem wir am Freitag-Mittag zuvor per HANSELETTER über die Fehlgeburt des Innovations- und Wachstumsfonds (nach über vier Jahren in den Wehen), aber äußerst ineffiziente und wirkungsarme Mittelzuwendungen u. a. bei “Ahoi digital” berichtet haben, kommt nun also das erste Bildchen bei Instagram. 


Origami-Giraffen statt 35 Informatik-Professuren und 1.500 -Studenten?
Quelle: Instagram @ahoi_digital

Die bisherige inhaltliche Leere hatten wir dankbar mit dem verwaisten Instagram-Account von @ahoi_digital versinnbildlichen können. Damit Sie nicht erst zu Instagram wechseln müssen: Das besagte Bildchen zum Thema Informatik an den staatlichen Hamburger Hochschulen zeigt … eine Origami-Papier-Giraffe (s. o.). 


Das scheint irgendwie Informatik zu sein, findet man bei “Ahoi digital”. Wir können unsererseits feststellen: HANSEVALLEY wird nicht nur gelesen, man reagiert auch ganz hektisch darauf und fühlt sich womöglich ein klitzekleines Bisschen aus dem Tiefschlaf gerissen. Und sei es nur bei den eigenen, beispielhaften Social Media-Aktivitäten. Na dann ... 


*  *  *
 Hanse Digital Investigativ: 

HANSEINVESTIGATION:
Startup-Förderung in Hamburg Teil 2 - Die Stunde der Wahrheit!

 Hanse Digital Background: 

* “Ahoi digital” im Koalitionsvertrag (Seite 90): 
hamburg.de/senatsthemen/koalitionsvertrag/

Bericht des Haushaltsausschusses: Nr. 21/12652
buergerschaft-hh.de/

Kleine Anfrage der Bürgerschaft an den Senat: Nr. 21/13117
buergerschaft-hh.de/

Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft: Nr. 21/15571
buergerschaft-hh.de/

Öffentlich zugängliche Information genannter Institutionen:
ahoi.digital/

und weitere Recherchen und mathematisch gelöste Aufgaben. 

 Hanse Digital Recherche:

HANSEINVESTIGATION:
Der Fuchs im Hühnerstall.

HANSEINVESTIGATION: 
Ein Startup Port für Hamburg.
HANSESTATEMENT: 

Dienstag, 9. Juni 2020

HANSESTATEMENT: 205 Seiten Hamburg analog: Oder warum Rot-Grün digital nicht kann.

Ein Hanse Digital Statement von
Landeskorrespondent Gerd Kotoll

* Update 10.06.2020 *

Handels- und Logistikmetropole an der Elbe: Freie und analoge Stadt Hamburg.
Foto: Bernd Staerck, Pixabay

195 mal taucht das Wort “digital” im neuen Koalitionsvertrag von Rot-Grün für Hamburg auf. Auf 205 Seiten stellen die Koalitionäre ihr Programm für die Senatspolitik der Jahre 2020 bis 2025 vor. HANSEVALLEY hat die digitalen Ideen, Konzepte und Pläne von SPD und Grünen in einer journalistische Analyse offengelegt. Landeskorrespondent Gerd Kotoll ordnet das vermeintliche Leitthema des neuen Senats neben Klimaschutz und Verkehrswende ein.

Dass man zum Abschluss eines langen Vertrages blumige Worte findet, ist üblich und zu erwarten. Leider war es ebenso erwartbar, dass diese Worte mit der Realität wenig zu tun haben. Von der Blumigkeit bleibt das schnelle Verwelken der inhaltlichen Relevanz der Worte. Hinzu kommt, dass die digitalen Innovationen - und was man im Senatsgehege dafür hält - unter einem allgemeinen Finanzierungsvorbehalt stehen. Angesichts der wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns offenbar der einzig dauerhafte Bezug zum wirklichen Leben. 

Freie und analoge Stadt Hamburg

Da Hamburg in den letzten 9 Jahren vom überwiegend gleichen Personal regiert verwaltet wurde, kennt man es schon: Im allerschönsten Buzzword Bingo wird mit (d)englischen Begriffen um sich geworfen, ohne dass diese mit einer irgendeiner Bedeutung für Hamburg oder gar einem Nutzen für die Menschen in der Stadt gefüllt würden. Stattdessen wird das digitale Wolkenkuckucksheim versprochen, dass seinesgleichen - wenn überhaupt - nur noch in chinesischen Metropolen findet. Wir halten uns da an die PR-bewährten Vergleiche eines Wasserstoffsenators ... 

Man schwelgt in Träumen von Datenmengen, ohne geklärt zu haben, wer sie zu welchem Zweck nutzen kann und darf. Dieser juristisch belegbare Kritikpunkt ist übrigens bereits gut ein Jahr alt. Trotzdem gibt es dazu keine Klärung. Da ist es konsequent, dass weder aus der hastig, kurz vor der Wahl veröffentlichten digitalen Verwaltungs”strategie” des Senats noch aus den von uns veröffentlichten Wahlbausteinen von Rot oder Grün im Koalitionsvertrag nennenswerte Positionen auftauchen (nein, das “Haus der Digitalen Welt” ist nichts Besonderes, da eine geklaute abgekupferte Idee nach einem Helsinki-Ausflug). Da nützt auch die 195-fache Nutzung des Wortes “digital” nichts, wenn man es nur analog denkt.

Große Worte - k(l)ein(es) Budget

Wer morgen in einer sinnvoll nutzbaren digitalen Welt leben will, muss dafür heute die Grundlagen legen (ja, eigentlich hätten die schon längst liegen müssen...). Bildung & Wissenschaft sind der Schlüssel dafür. Zu dieser Erkenntnis sind auch die Landesregierungen von - lassen Sie mich kurz überlegen - genau: 4 der 5 Nordländer gekommen. Und wer hat den Unterricht geschwänzt? Stimmt, die Freie und Hansestadt. “Nicht an den Worten, sondern an den Taten sollt Ihr Sie erkennen!” Diese biblische Erkenntnis gilt auch heute noch - auch für die Hamburger Koalition, auch für den neuen Hamburger Senat unter Rot-Grün.

Schauen wir mal in die Schulen. Da gibt es den “Digitalpakt Schule”. Wie nötig der auch für Hamburgs Schüler und Lehrer ist, zeigt sich während der Corona-Schulschließungen mit größter Dramatik. Das Versenden von eingescannten Aufgaben ist zwar auch irgendwie digital, das war’s dann aber auch schon. Jetzt hofft der Senator medienwirksam, dass die aus den üppig klingenden 128 Mio. € Bundesmitteln für 340 allgemeinbildende Schulen in Hamburg angeforderten Laptops und Tablets zum Beginn des kommenden Schuljahres da sein werden, so dass für jeden fünften Schüler ein Gerät zur Verfügung stehen soll. Die rund 40 neu geplanten Schulen sind da übrigens nicht berücksichtigt. 

38.000 digitale Geräte für 20% Schüler

Ja, genau: 80 % der Schüler werden an den Schulen keinen Zugriff auf ein digitales Endgerät haben. Wie wenig sich der Senator an die Digitalisierung heran traut, zeigt sich, wenn man ihn an den Taten misst: Hamburg wird sagenhafte 12 Mio. € aus dem eigenen Haushalt zur Verfügung stellen. Vom Haushalt 2020 mit etwa 15,2 Mrd. € entspricht das 0,08 % - aufgerundet. So sieht in Hamburg das Bekenntnis zur digitalen Bildung jenseits blumiger Worte im Koalitionsvertrag faktisch aus. Würde dem Senat hierfür ein Zeugnis ausgestellt, wäre es nicht mal ein “mangelhaft” - es wäre ein Armutszeugnis. 

Das ist der nächste Schlag ins Gesicht der Lehrer und der Eltern schulpflichtiger Kinder. Der nächste? Ja, der nächste. Denn welcher Bereich wurde bei der Hamburger Corona-Soforthilfe “HCS” vollständig ausgespart? Richtig: der Bildungsbereich. Während andere Bundesländer eigene Mittel mobilisierten - z. B. Mecklenburg-Vorpommern 1 Mio. € aus dem Sozialfonds für sofort bereitgestellte Laptops zugunsten sozial schwacher Schüler -, wartete man in Hamburg ab, bis die Bundesmittel flossen. 

Tablets oder mehr digitales Know How?

Hamburg spart sogar noch mehr: Nämlich bei der digitalen Aus- und Fortbildung der Lehrer. So ist es heute immer noch möglich, praktisch ohne elektronische Unterstützung das Lehramtsstudium zu beenden. Ebenso bei der Fortbildung: die wurde seit März d. J. überhaupt erst spürbar digital begonnen. Ein hanseatischer Blick über die Stadtgrenzen zeigt: auch in diesem Punkt sind die Nachbarländer bereits unterwegs, z. B. Schleswig-Holstein, das die digitale Lehrerbildung bereits systematisch betreibt. 

Dafür lobt sich der Hamburger Senator öffentlich umso lieber selbst, am schnellsten am meisten Bundesmittel abgerufen zu haben. Anderer Leute Geld ausgeben ist natürlich leicht. Ist dies die weitgehend bekannte sozialdemokratische Regierungs(un)tugend?

Große Träume - noch weniger Budget?

Immerhin soll die TU Hamburg jetzt DIE “führende technische Universität im Norden” werden. Gut, das sollte sie in der letzten Legislatur auch schon. Immerhin wird schon mal fleißig gebaut. Ansonsten zeigen die Universitäten von Bremen, Lüneburg und Osnabrück, wo der Hammer bei den Zukunftsthemen Informatik, Entrepreneurship und Zukunftstechnologien hängt. Selbst die Hansestadt Greifswald gräbt parallel mit ihrer hanseatischen Schwester Lübeck beim Zukunftsthema KI und Medizin der Freien und analogen Hafenstadt das Wasser ab. Nochmal zum Mitschreiben: KI, Medizin, Greifswald, Lübeck, Punkt.

Noch vor Anker, im schlickigen Hafenbecken des politischen Unvermögens, liegt das Projekt “Ahoi Digital” (bei dieser Formulierung hatte ich wirklich Spaß …). Statt der gern gefeierten 35 Professuren sind jetzt vielleicht gerade mal fünf besetzt, die auch noch von den Hochschulen selbst mitfinanziert werden müssen. Wenn von den erwarteten 1.500 zusätzlichen Student*innen jetzt wenigstens weitere 200 die Angebote der Hamburger Universitäten im Bereich IT wahrnehmen könnten, dann wären es viele. Das hat selbst das Plenum der Handelskammer mittlerweile öffentlich gebrandmarkt.

Und wie soll jetzt die TU zur führenden Universität “ertüchtigt” werden? Mit dem vergleichbaren TU-Engagement, wie bei “Ahoi Digital”? Von den gleichen handelnden “Akteur*innen und Akteuren - m/w/d”, wie bei “Ahoi Digital”? Mit der gleichen getricksten Finanzierungsverpflichtung für die Hochschule, wie bei “Ahoi Digital”? Für das digitale Ahoi! waren rund 32 Mio. € bewilligt. Warum schaffen andere Städte in der Metropolregion mit weniger Geld eigentlich viel mehr für Ihre Universitäten? Ach, darüber spricht man lieber nicht? Stimmt: “Ahoi Digital” wurde von der Koalition auch nur einmal erwähnt, in einem Nebensatz. 

Ahnungslos, orientierungslos, mutlos

Wenn man sich die Pressestatements des Senats zur Bewältigung der Corona-Krise, aber auch zur Regierungsbildung ernsthaft ansieht, dann findet man viele Aussagen, Willensbekundungen und Absichtserklärungen - immerhin mit 195 mal “digital”. Ein Wort, das gleichzeitig eine Haltung ausdrückt, kommt aber nicht vor: “Mut”. Profi-Tipp für die Koalitionäre: “Mut” findet man als Botschaft am Eingang der Bucerius Law School - vis-a-vis des Helmut-Schmidt-Auditoriums. Nur zur Orientierung, sollten Sie das mal für Ihre Politik suchen. Könnte ja passieren ... 

Keinen “Mut” findet man in der Auflistung von allgemeinen Unverbindlichkeiten zum Thema Wirtschaft im Koalitionsvertrag. Kein Wort zu konkreten digitalen Impulsen für die meist kleinen und mittleren der 160.000 Hamburger Unternehmen nach Corona. Stattdessen das typische Hamburger Klein-Klein: überall ein bisschen, aber nichts richtig - ein bisschen Gießkanne und noch weniger Strategie. Zieldefinition? Fehlanzeige. Konkrete finanzielle Anreize zur eigenverantwortlichen Digitalisierung der Wirtschaft? Nicht geplant, nicht gewollt, nicht existent. 

Cluster und Brücken statt Zukunft

In Hamburg werden die analogen Branchen-Cluster gehegt, gepflegt und jetzt auch noch mit “Cluster-Brücken” gezwungen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Impulse für zukunftsweise Branchen? Null, null in Hamburg. Wie es besser geht? Mit 1.850 Anträgen seit September ‘19 ist der “Digitalbonus Niedersachsen” das beliebteste Förderprogramm der kleinen und mittleren Betriebe. Mit knapp 2.000 Anträgen wurden bislang 14,7 Mio. € bewilligt und lösten mehr als 41 Mio. € Investitionen in digitale Hardware, Software und IT-Sicherheit aus. Ursprünglich waren 15 Mio. € geplant. Auf Grund des Erfolgs wird das Volumen um weitere 10 Mio. € auf 25 Mio. € erhöht. Danke an die Handelskammer, den Ball aufgenommen zu haben. Aber bitte nicht zu viel Hoffnung für Hamburg.

Wo wir gerade über Hoffnung, Visionen, Zukunft plaudern: Erinnern Sie sich noch, wie oft in den zurückliegenden Jahren vom “ITS-Weltkongress 2021” in Hamburg in Koalitionsreden und Presseterminen die Rede war? Mindestens drei städtische Institutionen vernetzen, verplanen, verkaufen das Leuchtturmprojekt. Weil der Kongress doch DIE entscheidenden Impulse für die rot-grüne Verkehrswende bringen sollte. Und jetzt? Im Koalitionsvertrag kommt er noch auf einen bescheidenen Absatz. Einzig genanntes Projekt: der Ausbau der Dauerzählstellen für den Radverkehr. Impulse für einen autonomen Verkehr wie auf den 280 km Teststrecke in Niedersachsen? Bitte, wie kann man das in Hamburg nur fragen!

Bereits fast schon so gut wie China...

Die Buchstabenkombination “ITS” kommt übrigens mehr als 300 mal im Koalitionsvertrag vor - z. B. im Wort “bereits” (genau 88x). Womit deutlich wird, dass die rot-grünen Pläne (bereits) aus der Vergangenheit stammen und nicht (bereits) die Zukunft beschreiben. Deswegen finden sich auch keine Überlegungen, wie man (bereits) die Wettbewerbsfähigkeit als Medienstandort zurückgewinnen könnte oder welche Impulse als Standort für deglobalisierte Produktion (z.B. mit einem 3D-Druck-Zentrum im Hafen) (bereits) gesetzt werden könnten - von den Zukunftsbranchen IT, Internet und digitale Medien gar nicht erst zu reden. Der Zug ist längst in Berlin eingetroffen.

Bleiben wir bei was Bodenständigem: Der für 156.000 Arbeitsplätze wichtige Hamburger Hafen bekommt immerhin etwas ab. Das HPA-Projekt “Smart Port”, das es bereits in der Version 2.0 gibt und (bereits) in den vergangenen 5 Jahren mehrfach ausgebremst werden sollte und von der Hafenverwaltung über Jahre nur unter der Bettdecke vorangetrieben wurde. Jetzt ist der “Smart Port” laut Papier sogar Hoffnungsträger für exportierbare maritime IT-Anwendungen. Nein, bitte gucken Sie jetzt nicht nach Rotterdam und Antwerpen, um festzustellen, wie viel weiter die (bereits) sind. 

So wird das nichts für Hamburg

Es droht die größte anzunehmende Gefahr Wirklichkeit zu werden: ein “Weiter so”! Und zwar weitgehend unreflektiert und uninspiriert. Man versucht, es Jedem und Allen in der eigenen, subventionierten Community recht zu machen und möglichst Niemanden zu verprellen. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Das ist die Devise der neuen, alten, bekannten Senatoren von Rot und Grün. 

Natürlich, Politik ist die Kunst des Machbaren und lebt vom Kompromiss, erst Recht bei der Aushandlung einer Koalition, die fünf Jahre halten soll. Unter den erschwerten Rahmenbedingungen der Corona-Situation gilt das sicher ganz besonders. Aber warum muss es immer der kleinste gemeinsame Nenner sein, auf den man sich einigt? Warum werden Dinge vermengt, die per se nichts miteinander zu tun haben, erst recht wenn Perspektive und Strategie fehlen? 

Solange Digitalisierung vor allem Verkehrswende, Klimaschutz und Geschlechtergerechtigkeit bedienen soll, werden wertvolle Chancen für eine 2 Mio.-Einwohner-Stadt mit 1 Mio. Arbeitnehmern in traditionellen, der Transformation unterworfenen, Branchen vertan. Natürlich können wir uns nicht alles leisten, was wünschenswert ist, erst recht nicht vor dem Hintergrund der Kosten für die Bewältigung der Shutdown-Folgen. Am allerwenigsten können wir uns aber leisten, Chancen nicht wahrzunehmen.

Dass sich diese gerade im Feld der Digitalisierung bieten könnten, scheint nicht im Bereich des Vorstellbaren dieses Senats zu liegen. Denn nur so ist zu erklären, dass es in Hamburg weder einen Digital-Senator noch Staatsrat geben wird - als einziges Land in der Metropolregion und darüber hinaus. 

Wo es an einem eigenständigen Werteverständnis für Digitalisierung als notwendige Grundlage für die technische, organisatorische aber auch die kulturelle Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft fehlt, gibt man das Heft des Handelns aus der Hand: so werden wir nicht transformieren, so werden wir aus den USA und China transformiert werden.

*  *  *

 Hamburg Digital Background: 

HANSEPOLITICS: Wie Rot-Grün Hamburg in die digitale Zukunft bringen will.
hv.hansevalley.de/2020/06/hansepolitics-koalitionsvertrag-hamburg-2020.html

 Hamburg Digital Statements: 

Digitalisierung und Verwaltung
HANSESTATEMENT: Klimaschutz-App in Hamburg - auf dem chinesischen Weg?

Digitalisierung und Bildung
HANSESTATEMENT: Wenn Du einen toten Gaul durch die Schule reitest ... steig' ab!

Digitalisierung und Wissenschaft
HANSESTATEMENT: Das digitale Wolkenckuckucksheim. Wer hat hier die letzten 5 Jahre eigentlich regiert?
HANSESTATEMENT: Rot-Grün: Digitalstrategie? Echt jetzt?

Digitalisierung und Wirtschaft
HANSESTATEMENT: Die Digitalisierung wartet nicht auf Hamburg.

 Hamburg Digital Wahlprüfsteine: 

Digitalisierung und Stadtentwicklung
HANSEPOLITICS: Die stadtentwicklungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020
https://hv.hansevalley.de/2020/02/hansepolitics-stadtentwicklung-hamburg-2020.html

Digitalisierung und Verwaltung
HANSEPOLITICS: Die verwaltungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Digitalisierung und Bildung
HANSEPOLITICS: Die bildungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020
HANSEPOLITICS: Die forschungspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020

Digitalisierung und Wirtschaft
HANSEPOLITICS: Die wirtschaftspolitischen Wahlprüfsteine zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2020