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Montag, 27. Oktober 2025

HANSEMACHINE: Die KI-Startups auf dem AI-Summit 2025 in Hamburg

HANSEMACHINE + HANSESTARTUPS


„Mit dem AI-Summit wollen wir zeigen, dass Deutschland Vorreiter sein kann, wenn Technologie, Unternehmergeist und gesellschaftliche Verantwortung zusammenkommen“



AI-Group-Gründerin Petra Vorsteher bringt Frauen rund um KI zusammen.
Foto: Tobi Carl / laetters.com

Mehr als 800 Millionen User des KI-Chatbots ChatGPT weltweit - nach nur drei Jahren öffentlicher Nutzbarkeit, ein globaler KI-Markt von 638 Milliarden US-Dollar allein in diesem Jahr, bis zu 27 Billionen Dollar globaler Wertschöpfung durch AI in den kommenden Jahren - fasst AI-Summit-Gründer Ragnar Kruse die Bedeutung Künstlicher Intelligenz zusammen. 85 Millionen Arbeitsplätze werden durch KI in den nächsten Jahren wegfallen, aber 97 Millionen neuer, KI-basierter Jobs dazu kommen. Was wie eine Utopie wirkt, ist die harte Realität nach Cloud, Data und Digitalisierung.

Rund 2.000 KI-Startups gibt es aktuell in Deutschland, davon offiziell 269 an Alster und Elbe. Zwar gibt es in Hamburg rd. 10.000 Studenten in IT, Machine Learning und KI - doch die Elbmetropole gilt nicht wirklich Vorreiter oder Hub für Künstliche Intelligenz zu sein. Mit den langjährigen Tech-Enthusiasten Petra Vorsteher und Ragnar Kruse wollen zwei Hamburger aus Leidenschaft die Industrie- und Wirtschaftsmetropole aus dem KI-Dornröschenschlaf holen. Die Gründer der AI-Group mit Investmentarm, Startupförderung und Weiterbildungsangeboten veranstaltet den jährlichen AI-Summit in Hamburg. 

Mit Andreas von Bechtolsheim - Gründer von Sun Microsystems -, Marc Teermann vom Roboter-Hersteller Boston Consultants und Fabian Westerheide von der Berliner Rise of AI-Konferenz beweisen Petra Vorsteher und Ragnar Kruse, daß Hamburg gemeinsam auch groß denken und machen kann. Mit hunderten Industriegrößen, spezialisierten Experten und über 25 innovativen KI-Startups aus den Bereichen Enterprise-AI, Industrial-AI und AI-Tools + Plattformen zog der international ausgerichtete AI-Summit im Emporio Tower am 21. Oktober d. J. das Who is who der noch jungen Top-Technologie an.

Kümmern sich andere Kammer-/Konferenzen eher um Grundlagen sowie um KMUs und ihre Mitarbeiter, KI näher zu bringen und Berühungsängste abzubauen, hat sich die AI-Group der renommierten Digital-Unternehmer Petra und Ragnar mit dem AI-Summit und mehr als 450 Teilnehmern an die Spitze der KI-Bewegung in Hamburg und Norddeutschland gesetzt. HANSEVALLEY covert an dieser Stelle gern die diesjährigen KI-Startups auf dem AI-Summit im Emporio-Tower in der Hamburger Neustadt.


Die KI-Startups@AI.Summit 2025

Die AI Group beweist, dass man auch in Hamburg groß denken kann.
Grafik: AI Group


Startup-Fokus Enterprise AI

in alphabetischer Reihenfolge:


913.ai - Hamburg

913.ai entwickelt spezialisierte KI-Agenten, die operative Prozesse in großen Unternehmen - speziell in der Industrie - automatisieren können. Dadurch werden Arbeitsabläufe z. B. in Einkauf und Personal, Marketing und Vertrieb sowie in der Schadensregulierung effizienter und Firmen können Ressourcen optimaler einsetzen.

Amber - Aachen

Amber ist heute einer der führenden Anbieter von Business-KI. Das Unternehmen kombiniert generative KI mit intelligenter Automatisierung, damit Firmen nahtlos auf interne Informationen zugreifen und Prozesse optimieren können. Die Plattform ist DSGVO-konform, in Deutschland
gehostet und darauf ausgelegt, Wissen langfristig zu sichern und digitale Transformation zu ermöglichen.



Blockbrain - Stuttgart

Blockbrain bietet eine Plattform für Unternehmens-KI-Agenten, die Wissen sofort zugänglich, nutzbar und automatisierbar macht. Die B2B-Lösung integriert unterschiedliche Datenquellen und Anwendungen, sodass Mitarbeiter Informationen schnell finden und effizienter arbeiten können. Individuelle KI-Agenten lassen sich ohne Programmierkenntnisse erstellen. 


Elephant Company - Berlin

Elephant Company hat eine KI-gestützte Plattform für „Frontline Excellence“ entwickelt. Sie kombiniert spielerisches mobiles Training, einen KI-Assistenten und gezielte Kommunikationslösungen, um die Effizienz und Produktivität von Frontline-Teams nachhaltig zu steigern.

elephantcompany.com


FlowShare - Hamburg

FlowShare erstellt automatisch Schritt-für-Schritt-Anleitungen, während Nutzer ihre
Aufgaben in einer Software erledigen. Jede Aktion wird dokumentiert und am Ende in
einem fertigen Leitfaden zusammengestellt, der sich ideal für die Schulung von Teams
eignet.



Neuland.ai - Köln

Neuland.ai ist deutsches KI-Technologieunternehmen. Es entwickelt sichere, zuverlässige und vertrauenswürdige KI-Lösungen. Mit seiner Plattform „neuland.ai HUB“ unterstützt das Unternehmen zahlreiche Branchen bei der Prozessautomatisierung, Effizienzsteigerung und dem sicheren Einsatz von KI, individuell zugeschnitten auf die Anforderungen jedese Kunden.


TextCortex AI - Berlin

TextCortex ist eine KI-Plattform, die bereits von DAX- und Fortune-500-Unternehmen eingesetzt wird. Firmen können in wenigen Minuten eigene KI-Agenten erstellen – ganz ohne Programmierung. Kunden berichten von erheblichen Produktivitätssteigerungen, die dem Einsatz zahlreicher neuer Mitarbeiter entsprechen. Die Plattform ist DSGVO-konform, EU-gehostet und ermöglicht den flexiblen Einsatz führender KI-Modelle.


WeShyft AI - Hamburg

WeShyft ist ein SaaS-Unternehmen, das KI einsetzt, um Nachhaltigkeitsmanagement
effizienter zu gestalten. Ziel ist es, ESG-Manager und Teams mit Lösungen zur Automatisierung unterstützen, die Berichterstattung, Compliance und Strategiearbeit erleichtern. So können Unternehmen steigende regulatorische und Investorenanforderungen erfüllen und gleichzeitig Produktivität und Unternehmenswert steigern.



Hinweis: Die Beschreibungen zur Tätigkeit stammen größtenteils von den Unternehmen selbst und sind nur teilweise überprüft, ergänzt oder korrigiert. Daher keine Gewähr für Richtigkeit und Vollständigkeit. Änderungen und Irrtümer vorbehalten. Stand: Oktober 2025.


Blockbrain aus Stuttgart stellte in Hamburg seine KI-Agenten vor.
Foto: Tobi Carl / laetters.com


Startup-Fokus Industrial AI

in alphabetischer Reihenfolge:


Aidocr - Wollerau (Schweiz)

Aidocr ist eine KI-Plattform für die Bau- und Immobilienbranche (AECO). Sie verknüpft
fragmentierte Daten aus BIM/IFC, DWG, IoT, ERP-Systemen und unstrukturierten Dokumenten. Dank einer sicheren, ontologiebasierten Architektur ermöglicht Aidocr
intelligente Suche, Datenanalyse und Workflow-Automatisierung.

Evy Solutions - Köln

Evy Solutions entwickelt KI-gestützte Software für Dokumentenmanagement und -analyse. Der Schwerpunkt liegt auf datenschutzkonformer Prozessautomatisierung. Mit der Technologie unterstützt das Unternehmen seine Kunden bei der digitalen Transformation, steigert Effizienz und verschafft Wettbewerbsvorteile.



Threedy - Darmstadt

Threedy ist ein Deep-Tech-Unternehmen, das sich auf leistungsfähiges 3D-Streaming
spezialisiert hat. Mit dem Produkt „instant3Dhub“ können Firmen große, komplexe 3D-Daten in Echtzeit visualisieren und bearbeiten – auf jedem Gerät, ohne Umwandlung oder leistungsstarke Hardware.



Hinweis: Die Beschreibungen zur Tätigkeit stammen größtenteils von den Unternehmen selbst und sind nur teilweise überprüft, ergänzt oder korrigiert. Daher keine Gewähr für Richtigkeit und Vollständigkeit. Änderungen und Irrtümer vorbehalten. Stand: Oktober 2025.


Talk of the Town: Startups und Corporates beim AI Summit '25.
Foto: Tobi Carl / laetters.com



Startup-Fokus AI Tools & Plattformen

in alphabetischer Reihenfolge:


Beyond The Loop - Hamburg

Beyond The Loop unterstützt Unternehmen bei der sicheren Einführung von KI. Die Plattform bietet DSGVO-konformen Zugang zu führenden Sprachmodellen (LLMs) und ermöglicht flexible, kosteneffiziente Nutzung.

Cloudsupplies Intellimation - Hamburg

Cloudsupplies hat es sich zur Aufgabe gemacht, wiederkehrende IT-Aufgaben zu automatisieren. Mit der eigenen Plattform „MILTON“ werden Routineprozesse automatisch erkannt, bearbeitet und dokumentiert.

Dealcode - Hamburg

Dealcode ist auf Vertriebsautomatisierung spezialisiert. Die Plattform setzt KI-Agenten ein, die Verkaufsprozesse wie Lead-Generierung, Datenanreicherung und personalisierte Kundenansprache automatisieren.

Dealcode and friends auf dem AI Summit in Hamburg 2025
Foto: Tobi Carl / Laetters.com

Unser Hanse Digital Interview mit Dealcode-Gründer Alexander Weltzsch:




Embraceable Technology - Karlsruhe

EmbraceableAI entwickelt KI-Systeme mit einer kognitiven Architektur, die auf Logik und Kausalität basiert. Jede Schlussfolgerung wird auf Einhaltung von Regeln, Gesetzen und Normen geprüft.


Kauz.ai - Düsseldorf

Kauz.ai bietet mit der aiSuite eine No-Code-Plattform, mit der Unternehmen KI- Chatbots und KI-Agenten mit Schwerpunkt auf Vertrieb und Kundendienst einfach erstellen und verwalten können.


Kuyua - Hamburg

Kuyua hilft Unternehmen, ihre Abhängigkeiten von natürlichen Ressourcen und die damit verbundenen Risiken zu verstehen. Mit seiner Plattform wandelt Kuyua komplexe Umweltdaten in konkrete Strategien um.



SlidesGPT / Lightstone - Köln

SlidesGPT ermöglicht es, PowerPoint-Präsentationen in wenigen Sekunden mit KI zu erstellen. Nutzer erhalten einen ersten Entwurf mit Texten, Bildern und Design, den sie an ihre Marke anpassen können.


Qdrant Solutions - Berlin

Qdrant ist eine Open-Source-Vektordatenbank, die semantische Suche, Empfehlungen, RAG (Retrieval-Augmented Generation) und multimodale Anwendungen ermöglicht.


RevOS.ai - Bonn

RevOS.ai entwickelt semantische KI-Agenten für Unternehmens-Workflows. Die Lösung unterstützt Firmen wie Volkswagen und Wolters Kluwer bei der Automatisierung komplexer Entscheidungen.



Scavenger - Frankfurt/Main

Scavenger ist eine KI-gestützte Analytics-Plattform im Arbeitsfeld Business Intelligence, die komplexe Geschäftsdaten in sofort nutzbare Einblicke verwandelt.


VITAS - Nürnberg

VITAS aus Nürnberg bietet virtuelle Telefon- und Chatassistenten, die Unternehmen helfen, ihre Erreichbarkeit zu verbessern und Fachpersonal im Telefonsupport aktiv zu entlasten.



Yasp.ai - Freiburg

Yasp.ai entwickelt eine tiefgreifende Technologie, die eine einheitliche Beschleunigungsschicht für KI bereitstellt. Damit schließt Yasp.ai den Gap zwischen Künstlicher Intelligenz und Hardware.


Zive - Hamburg

Zive hilft Unternehmen dabei, KI sicher und zentral in allen Teams auszurollen. Die Plattform bietet Governance, Sicherheitsfunktionen und Integrationen, sodass Unternehmen KI im großen Maßstab nutzen können.


Hinweis: Die Beschreibungen zur Tätigkeit stammen größtenteils von den Unternehmen selbst und sind nur teilweise überprüft, ergänzt oder korrigiert. Daher keine Gewähr für Richtigkeit und Vollständigkeit. Änderungen und Irrtümer vorbehalten. Stand: Oktober 2025.


 Hamburg Digital Background: 

Welt Hamburg: 



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Fotos: Tobias Carl / Laetters.com

Dienstag, 24. September 2024

Frischer Wind aus Hamburg für Startups, Vertrieb und eine KI aus Germany.

HANSE DIGITAL INTERVIEW

"Entweder Deutschland ergreift jetzt die Initiative, oder wir verlieren unter Garantie den Anschluss in einem der entscheidendsten technologischen Rennen unserer Zeit."

- Alexander Weltzsch, Dealcode AI Hamburg - 


Gründerteam Hamburger Tech-Enthusiasten im Founders Running Club.
Foto: Dealcode

Laufen, Pitchen, Zukunft machen: So sieht das Leben des Hamburger Gründers Alexander Weltzsch aus. Mit dem Founders Running Club bringt er seit Sommer laufbegeisterte Entrepreneure und Tech-Enthusiasten an der Alster zusammen, mit seiner Dealcode AI bietet er hochautomatisierte Prozesse im Vertrieb von Unternehmen. 

Immer hart am Wind segelnd, unternahm er mit AI.Hamburg in diesem Jahr auch den Sprung über den großen Teich - und pitchte in New York und San Francisco vor US-Investoren. Das wollen wir genauer wissen - und hatten die Chance, Alexander für ein HANSE DIGITAL INTERVIEW zu befragen. 

Hier die spannenden Antworten für unsere führenden Verticals HANSESTARTUPS und HANSEMACHINE:

HANSEVALLEY: Alexander, Du bist seit einigen Wochen City Lead Hamburg des internationalen Founders Running Club, einem Gründer-Netzwerk. Kannst Du einmal erzählen, was Ihr genau macht?

Jeden Samstag um 9.30 Uhr treffen sich zahlreiche Gründer und Gründerinnen, darunter namhafte Persönlichkeiten aus der Startup- und Tech-Community, an der Laeiszhalle zum gemeinsamen Laufen. Die Strecke führt durch den zentral gelegenen Park Planten un Blomen. 
Später tauschen wir uns beim gemeinsamen Kaffee bzw. Brunch über alle möglichen Themen rund um die Themen Startups, Finanzierung und Geschäftsideen aus. 

Das Interesse ist groß und die Gruppe wächst ziemlich schnell. Wir sind im Juni gestartet und zählen bereits über 300 Mitglieder. Noch in diesem Jahr wollen wir das erste größere Networking-Event veranstalten.

HV: Woher stammt die Idee zum Founders Running Club? Die Idee eines Gründer-Netzwerks an sich ist ja nicht neu....

Ich denke, was unsere vielen Tausend Mitglieder weltweit eint und begeistert ist die Idee, Sport, Netzwerken und innovatives Denken zu vereinen. Schon Steve Jobs war dafür bekannt, lange Spaziergänge zu unternehmen, um mit anderen über seine großen Ideen und Innovationen zu sprechen. 

Der Founders Running Club - kurz FRC - bietet genau das. Unsere Non-Profit-Initiative stammt ursprünglich aus den USA und wurde dort 2022 im Silicon Valley gegründet als eine Gemeinschaft, in der die Bindung zu anderen im Mittelpunkt steht. Der FRC will Menschen vereinen, die sich leidenschaftlich für das Laufen, Schaffen und Verwirklichen von innovativen Ideen begeistern. 

"Ein neuer Networking-Ansatz, bei dem sich Verbindungen echt anfühlen."

Tech-Gründer und Läufer Alexander Weltzsch von Dealcode.
Foto: Dealcode

Damit wird ein neuer Networking-Ansatz geboten, nämlich einer, bei dem sich Verbindungen echt anfühlen. Im Zentrum stehen wöchentliche Run- und Network-Events an Standorten in den USA, Asien und Europa. Zielgruppe sind Gründer - einschließlich aufstrebender und ehemaliger Gründer, Investoren, IT-Profis und Kreative aller Art und alle, die daran interessiert sind, sich uns anzuschließen. 

Der Club hat bereits über 10.000 Mitglieder an 17 Standorten in 10 Ländern und über drei Kontinente - geplant sind für dieses Jahr mindestens 20 Standorte und 40 im Jahr 2025.

HV: Und wie bist Du zu deiner Rolle als City Lead Hamburg gekommen?

Ich war im Juni d. J. zusammen mit verschiedenen deutschen KI-Initiativen, darunter dem AI.Startup.Hub und der AI.Group, sowie diversen KI-Events und Startup-Pitches in New York und San Francisco bzw. im Silicon Valley. Als leidenschaftlicher Unternehmer und Netzwerker habe ich mich vor Ort mit zahlreichen Personen getroffen und Initiativen kennengelernt, darunter auch den FRC in San Francisco.

Die Idee, ein Chapter in Hamburg - immerhin die drittgrößte Startup-Hochburg in Deutschland - zu etablieren, lag für mich sofort auf der Hand und auch Tim Tkachenko, initialer Gründer des FRC, war gleich offen dafür. Zufälligerweise meldete ich am selben Tag auch Lena Klochko, die bei Google arbeitet, mit der gleichen dee bei ihm. 

Jetzt bin ich mehr als glücklich, dass Lena meine Mitgründerin des Hamburg Chapters ist und wir gemeinsam etwas aufbauen können, das aus unserer Sicht das Potential hat, die größte Startup-, Tech- und Investoren-Community in Hamburg zu werden. Bislang bestätigen uns alle Teilnehmer, dass es so etwas in Hamburg vorher nicht gab, und wie sehr ein großes Startup-Netzwerk in Hamburg fehlt. 

"Hamburgs Startup-Öko-System ist leider überhaupt nicht sichtbar."

Hamburgs Startup-Ökosystem ist groß, vielseitig und unglaublich innovativ - leider ist dies überhaupt nicht sichtbar. Auch tut die Politik viel zu wenig für die Hamburger Startup-Szene. Ich persönlich bin überzeugt, dass persönliches Netzwerken - gerade in unserem digitalen Zeitalter - immer wichtiger wird. Auch das Zusammenarbeiten an Ideen in einem Raum, finde ich trotz aller Vorteile von Remote Work wichtiger denn je. 

Daher würde ich mehr in Hamburg auch mehr Initiativen wie bspw. den AI Campus aus Berlin wünschen, also Orte, an denen übergreifende Startup-Kooperationen, Forschung und Unternehmen zusammenfinden.

HV: Schon während deines Studiums hast Du Dein erstes Unternehmen gegründet, später bei Facelift fast 10 Jahre als Unternehmer im Unternehmen gearbeitet. Dort hast Du auch Dennis Hilger kennengelernt, mit dem Du 2021 das KI-Startup Dealcode ins Leben gerufen hast. Was macht ihr genau?

Mit Dealcode und unserer gleichnamigen Software Dealcode AI wollen wir nicht weniger, als den Vertrieb durch KI zu revolutionieren - und das für Branchen wie den Maschinenbau oder das produzierende Gewerbe, die es durch zunehmende Konkurrenz u. a. aus China immer schwerer haben. Sogenannte KI-Agenten oder AI Agents übernehmen - einmal gebrieft - völlig selbständige Aufgaben wie die Identifizierung von Leads, die Datenpflege für das CRM, die Ansprache von Neukunden sowie die Priorisierung der richtigen Deals. 

So können sich Vertriebsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter auf den Aufbau von Beziehungen, das Verstehen der Kundenbedürfnisse und den Abschluss von Geschäften konzentrieren. Das hilft den Firmen, bei gleichbleibender Personalstruktur die Vertriebseffizienz zu steigern und so dem Fachkräftemangel aktiv zu begegnen. In einem Satz: Produktivität und Effektivität werden gesteigert, was zusätzliche Kapazitäten schafft und den Umsatz erhöht. 

Dealcode AI wird bereits erfolgreich in unterschiedlichen Branchen wie Maschinenbau, Fertigung, Health Tech, Logistik, sowie Medien, IT und Beratung eingesetzt. Und die Marktchancen sind groß: Der globale Markt für Vertriebsautomatisierung wird bis 2029 auf ein Volumen von 30 Milliarden Dollar geschätzt. Die digitale Transformation quer durch alle Branchen wird darüber hinaus schätzungsweise zu einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 12 % führen.

HV: Und jetzt sucht Ihr Kapital, um weiter zu wachsen ... ?
 

Genau, wir haben bereits namhafte Business Angels und Investoren an Bord, darunter Benjamin Schroeter, Heiko Hubertz, Dr. Ewald Walgenbach sowie die Frühphasen-Fonds APX von Axel Springer und Porsche. Aber wir haben ehrgeizige Ziele und möchten unseren Umsatz in den nächsten 24 Monaten verfünffachen und expandieren.

HV: Bist Du dafür extra zu Investorengesprächen in die USA gereist? Haben die denn überhaupt Interesse an deutschen KI-Startups und gibt es hier in Deutschland nicht genug Investoren?

Das Interesse von US-Investoren an deutschem Know-how ist sehr groß. Unsere deutschen und europäischen Startups können allemal mit der US-Konkurrenz mithalten. Hier in Deutschland fehlt es jedoch an Tempo und Kapital. Laut Statista wurden 2023 in den USA mehr als 35 mal so viel private Mittel in KI investiert wie in Deutschland. Diese enormen Summen ermöglichen es amerikanischen Firmen, ihren ohnehin schon großen technologischen Vorsprung immer weiter auszubauen.

In den Staaten profitieren hiesige Start-ups also von einem größeren Markt und technikaffinen Investoren, die bereit sind, erhebliche Summen in innovative Ideen zu investieren. Dabei geht es ja nicht darum, KI-Startups in die USA zu verlegen, sondern US-Kapital einzuwerben, um mehr Software-Entwicklungen in Deutschland aufbauen zu können, was hier übrigens auch kostengünstiger ist.

Dealdcode-Pitch von Alexander Weltzsch im Silicon Valley
Foto: Dealcode

Besonders in den Bereichen KI und Vertriebsautomatisierung sehen wir enorme Potenziale. In den USA erhalten AI-Agent-Startups, die die Effizienz steigern oder ganze Prozesse automatisieren, bereits nennenswerte Finanzierungen. Wir sind stolz darauf, Teil dieser aufregenden Entwicklung zu sein und Lösungen zu bieten, die Unternehmen helfen, im globalen Wettbewerb zu bestehen.

HV: Immer wieder bemängeln Unternehmer wie Du ein zu geringes Tempo und eine mangelnde Investitionsbereitschaft in Deutschland. Was ist Deiner Ansicht nach die Ursache für diese deutsche Zögerlichkeit?

Zum einen ist das sicher eine Mentalitätsfrage. Die sogenannte "German Angst" ist nicht umsonst ein weltweit verwendeter Begriff. Vom Thema Überbürokratisierung ganz zu schweigen. Manchmal frage ich mich tatsächlich, ob wir in Deutschland bereits in einem Technologie-Entwicklungsland leben. Deutschland, einst Pionier in der industriellen Innovation, steht nun am Rand der technologischen Irrelevanz – einmal mehr zu beobachten im Bereich KI. 

"Deutschland steht nun am Rand der technologischen Irrelevanz"

Laut des AI-Readiness-Index von Cisco sind nur 7% der deutschen Unternehmen wirklich auf das KI-Zeitalter vorbereitet​. Während in den USA private Investitionen in KI auf astronomische Summen anwachsen, hält sich Deutschland zurück. Der Mangel an strategischer Vision und finanzieller Aggressivität könnte uns jedoch teuer zu stehen kommen. 

Zugleich zeigen Initiativen wie die zur AI.Group gehörenden AI.Hamburg, K.I.E.Z. - Künstliche Intelligenz Entrepreneurship Zentrum, hessian.AI, Merantix AI Campus, Munich Innovation Ecosystem oder IPAI, dass es durchaus Gründe für Hoffnung gibt. Diese Initiativen beweisen, dass es in Deutschland den Willen und Mut gibt, mehr mit KI zu schaffen. Sie alle generieren Aufmerksamkeit, aber ohne eine massive Steigerung der Investitionen in KI reicht das nicht. 

"Den Förderalismus über Bord werfen"

Zudem sind dies bislang alles lokale Bemühungen. Deshalb ist mein Appell, an dieser Stelle den Föderalismus über Bord zu werfen und mehr auf nationaler, wenn nicht europäischer Ebene zu agieren.

HV: Können wir aus Deiner Sicht denn überhaupt noch eine führende Rolle im Bereich KI spielen?

Ja, noch blicke ich optimistisch in die Zukunft, auch wenn wir die großen KI-Modelle aus den USA und China mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr einholen werden. Wir haben jetzt die Chance, im Bereich industrieller KI bzw. bei KI-Anwendungen Marktführer zu werden. Aber die Dringlichkeit, mit der wir handeln müssen, kann nicht unterschätzt werden. 

Es geht ja nicht nur um Wirtschaftswachstum und technologische Innovationen, sondern um den Wohlstand unseres Landes in den kommenden Jahrzehnten. Wir stehen an einem Scheideweg: Entweder Deutschland ergreift jetzt die Initiative, oder wir verlieren unter Garantie den Anschluss in einem der entscheidendsten technologischen Rennen unserer Zeit.

Es ist Zeit für alle Beteiligten - Unternehmen, Investoren und Politiker - den notwendigen Mut und Weitblick zu zeigen.



HV: Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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 Hanse Digital Background: 

Über das KI-Unternehmen Dealcode

Dealcode GmbH ist ein deutsches Softwareunternehmen, das sich seit Anfang 2021mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI bzw. AI) in Vertriebsorganisationen beschäftigt. Das Unternehmen hat Büros in Berlin, Hamburg, Jerewan und Valencia. Dealcode ist vor allem für seine Software zur Vertriebsautomatisierung bekannt. 

Sogenannte KI-Agenten (engl.AI Agents) übernehmen - einmal gebrieft - völlig selbständige Aufgaben wie die Identifizierung von Leads, die Datenpflege für das CRM, die Ansprache von Neukunden sowie die Priorisierung der richtigen Deals. 

So können sich Vertrieberinnen und -mitarbeiter auf den Aufbau von Beziehungen, das Verstehen der Kundenbedürfnisse und den Abschluss von Geschäften konzentrieren. Das hilft den Firmen, bei gleichbleibender Personalstruktur die Vertriebseffizienz zu steigern und so dem Fachkräftemangel aktiv zu begegnen. 

Dealcode AI wird bereits erfolgreich in unterschiedlichen Branchen wie Maschinenbau, Fertigung, Health Tech, Logistik, sowie Medien, IT und Beratung eingesetzt. Zu den Kunden gehören namhafte B2B-Unternehmen, darunter apo.com Group, BearingPoint, Fiege Logistik oder die Süddeutsche Zeitung. Weitere Informationen unter https://de.dealcode.ai/

 Hanse Digital Service: 

Linkedin-Profil Alexander Weltzsch

Linkedin-Gruppe Founders Running Club Hamburg

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Dienstag, 24. Mai 2022

HANSESTARTUPS: Hier trifft sich die Startup-Szene aus dem ganzen Norden.

HANSE STARTUP MAGAZIN
- HANSEPARTNER-Interview -

Startup-Highlight im Norden: www.startup-days.de

Startup-Gründungen in Deutschland: Schleswig-Holstein hat in den vergangenen Jahren massiv aufgeholt. Der echte Norden ist bei den Neugründungen heute unter den Flächenländern Top Nr. 2. Einer der Startup-Hubs zwischen Nord- und Ostsee ist in Lübeck zu Hause. Der Startup-Accelerator "Gateway 49" bietet Neugründungen und Startups im Wachsrtum ein neunmonatiges Förderprogramm auf dem Weg zu Produktreife und Marktexpansion.


Nach mehr als zwei Jahren Corona-Pandemie erwacht auch auf dem Hanse Innovation Campus im Lübecker Hochschulstadtteil das Leben. Anfang Juni treffen sich bis zu 400 Studenten, Gründer, Jungunternehmer sowie Mentoren, Förderer und Partner von "Gateway 49" zu den "StartUp Days 2022". Wir haben mit Programm-Manager Stefan Stengel gesprochen, welche Highlights Gäste aus Lübeck, der Metropolregion und den ganzen Norden erwarten:

Warum veranstaltet Ihr am 1. und 2. Juni d. J. die "StartUp Days 2022"?

Bringt Startups im Norden voran: Gateway 49-Programm-Manager Stefan Stengel.
Foto: TZL

Rund um das Technikzentrum Lübeck (TZL) am Hanse Innovation Campus hat sich ein spannendes StartUp-Ökosystem entwickelt. Diesen Menschen und Institutionen möchten wir mit den StartUp Days Lübeck eine Bühne bieten. Wir wollen nach einer langen Phase des digitalen Netzwerkens endlich wieder Begegnung und direkten Austausch ermöglichen. Dafür stehen dem TZL als Veranstalter viele Partner aus der Region zur Seite. Wenn wir unsere Kompetenzen noch besser verknüpfen, uns noch intensiver gegenseitig unterstützen, dann können wir hier im echten Norden noch viel mehr bewegen.

Für wen sind die Startup-Days eventuell richtig spannend, zu besuchen?

Das beginnt bei Studierenden, die mit dem Gedanken spielen, irgendwann ein Unternehmen zu gründen, und geht bis zu Investoren, die an hoch spannenden Innovationen interessiert sind. Die StartUp Days Lübeck bringen Akteure aller Ebenen in Kontakt, sowohl aus der regionalen Wirtschaft als auch aus den Lübecker Hochschulen.

Wer wird bei den Startup-Days im Hochschulstadtteil denn alles erwartet?

Fangen wir mal ganz vorne an: Wir freuen uns sehr, dass sich Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz die Zeit nimmt, um die StartUp Days Lübeck zu eröffnen. Bei der Keynote der StartUp Days Lübeck erklären die Berliner Business-Aktivisten Jule und Lukas Bosch als Gründerinnen von Holycrab, was heutzutage der eigentliche Antrieb sein sollte, um ein StartUp zu gründen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dürfen sich auf inspirierende Speaker und Experten aus der StartUp-Szene Schleswig-Holsteins freuen, die Gründerinnen und Gründer dabei unterstützen, neue Türen für die Zukunft zu öffnen.

Welche Highlights bietet Ihr an den zwei Tagen für Studenten, Gründer & Co.?

Tag 1 steht unter dem Motto „How to StartUp?“. Gründungsinteressierte, Studierende und Early Stage StartUps erfahren unter anderem, wie man ein Business Model konkretisiert, finanzielle Förderung erhält oder gute Pressearbeit für das eigene StartUp macht. An Tag 2 lautet die Devise „How to ScaleUp!“ Nationale und internationale Fachexperten mit viel Erfahrung zeigen auf, was Later Stage StartUps beherzigen sollten, um erfolgreich zu wachsen – von der Personalsuche über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Darüber hinaus haben wir eine Messe, um die unterstützenden Institutionen besser kennen zu lernen, und nicht zu vergessen die Party mit der Live-Band Atomic Playboys am 1. Juni ab 19 Uhr.

Hast Du einen besonderen Tipp, was man auf keinen Fall verpassen sollte?

Als Programm-Manager und Coach von GATEWAY49 freue ich mich natürlich besonders auf alle Teams, die wir mit unserem Accelerator unterstützen. Für viele Gründerinnen und Gründer aus Batch 4 ist es das erste Mal, dass sie auf einer großen Bühne stehen, um ihre innovativen Geschäftsideen zu präsentieren. Dabei können die frühphasigen Teams auch viel von den erfahrenen Gründern wie z.B. Moritz von Grotthuss von Bareways lernen. Aber um die Frage zu beantworten: Am besten sollte man an beiden Tagen kommen und sich nichts aus dem hochkarätigen Programm entgehen lassen.


Vielen Dank für die spannenden Insides!
- Das Interview führte Thomas Keup -

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 Hanse Digital Service 

Alle Infos zu den "StartUp Days 2022" gibt es auf der Eventseite unter www.startup-days.de

Kostenlose Tickets für Studenten und Gründer können direkt bei Eventbrite gebucht werden. 

Infos rund um das Accelerator-Programm "Gateway 49" gibt es auf der Programmseite.
 
 Hanse Digital Partner 

HANSEVALLEY-Chefredakteur stellt am 1. Juni d. J. auf den "StartUp Days" Dos and Don'ts für die eigene Startup-PR vor. Das Hanse Digital Magazin ist Medienpartner des Lübecker Accelerator-Programms "Gateway 49".   

Mittwoch, 13. April 2022

HANSEFUTURE: Der Onlinezugang und die digitale Illusion der Verwaltung.

HANSE DIGITAL FUTURE
- Stand: 27.04.2022, Version: 1.3 -

"Die Beamtenmentalität muss ins digitale Zeitalter transformiert werden."
Sven Jung, Manager Public Sector, ReqPool Deutschland

Die digitalen Services der Kommunen hinken noch massiv hinterher.
Foto: Senatskanzlei Hamburg

Formulare ausfüllen, Nachweise kopieren, Anträge einschicken. Wochenlang warten, Ämtern hinterher laufen, keine klaren Auskünfte bekommen: Die Arbeit vieler Verwaltungen in Städten und Landkreisen ist auf gut deutsch "unter aller S.u". Das Verwaltung nicht schell sein kann, ist bei ängstlichen Mitarbeitern auf geschützten Arbeitsplätzen verständlich. Das Verwaltung aber schusselig, schlusig und schlampig daher kommt, ist nicht verzeihbar. Mit digitalen Wegen soll das eigentlich der Vergangenheit angehören.

Anhand topaktueller Entwicklungen in den ehrwürdigen Rathäusern der Hansestädte Hamburg und Lübeck zeigt HANSEVALLEY systematisch auf, wie man die Digitalisierung kommunal organisieren kann und sollte - neun Monate, bevor in Bund, Ländern und Kommunen der große Hammer fällt. Ein Deep Dive zur Digitalisierung - und wer sich doch mal besser einen Berater holen sollte. Thomas Keup mit Facts & Figures fernab des üblichen Gesabbels:

Zum 1. Januar kommenden Jahres müssen Bund, Länder und Kommunen insgesamt 575 Verwaltungsleistungen online oder mobil über Service-Portale bzw. Service-Apps für Einwohner, Unternehmen und die Verwaltung anbieten. So steht es im bereits 2017 auf Bundesebene verabschiedeten Onlinezugangsgesetz - kurz: OZG. Der Bund hat für die Digitalisierung der Verwaltung im Coronajahr 2020 noch einmal 3 Mrd. € aus Corona-Hilfsmitteln auf den Tisch gepackt.

Damit wollte und will die Politik aus der jahrelangen Lethargie um die Modernisierung der Verwaltung aka E-Government endlich herauskommen und mit Online-Services und Mobile Apps doch mal den Anschluss an die digital-vernetzte Realität bekommen. Der Normenkontrollrat im Bundeskanzleramt - die zentrale Kontrollinstanz für Bürokratiekosten auf Bundesebene - watschte in seinem 6. Monitor zur "Modernen Verwaltung" Anfang September '21 Politik und Verwaltung jedoch hart ab:

"Die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes ist bis Ende 2022 nicht mehr zu schaffen."

Ende 2021 rückt auch der Bund mit der Wahrheit raus: Bundes-CIO Markus Richter verkündet auf dem "Zukunftskongress Staat & Verwaltung" kleinlaut: "Es wird uns nicht gelingen, alles flächendeckend in jeder Kommune digital zu haben". Mit Stand Dezember '21 sind zwar 90 der 115 Verwaltungsleistungen auf Bundesebene digitalisiert. Bei 460 Leistungen der Länder und Kommunen sieht es dagegen düster aus: Hier gibt es ein Jahr vor dem Stichtag gerade einmal 50 "Referenzimplementierungen" in mind. einer Kommune - 50 von 460, die bis Ende 2022 bundesweit flächendeckend am Start sein müssen. 100 werden zurzeit laut Medienberichten umgesetzt, 100 weitere sind in Planung.

Von wegen "digitale Verwaltung". Die INSM zeigt die bittere Wahrheit.
Grafik: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Ende März dieses Jahres wird die schlimme Befürchtung durch weitere harte Fakten erneut bestätigt. Die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" bringt auf den Punkt: Bis heute sind gerade einmal 80 der insgesamt 575 Verwaltungsleistungen digital verfügbar. 495 Leistungen sind gar nicht oder nicht flächendeckend online nutzbar. Dabei sollen sich Bund, Länder und Kommunen nach dem Prinzip "Einer für alle" die digitalen Anwendungen teilen. Geschäftsführer Hubertus Pellengahr tritt der Ampel-Koalition kräftig auf die Füße, befürchtet weitere 30 Jahre bis zur Behörden-Digitalisierung:
 
"Es kann nicht sein, dass die Behörden nur für amerikanische Elektroautohersteller serviceorientiert und schnell arbeiten."

Bereits im Juli vergangenen Jahres kritisiert der junge und ambitionierte Bürgermeister der Hansestadt Lübeck - Jan Lindenau - auf offener Bühne im "Hansetalk" zum "Digitaltag 2021" des "EnergieClusters Digitales Lübeck": "Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung ist in den letzten 15 Jahren nur bedingt ein Thema gewesen." Lindenau gibt seiner Verwaltung auf einer Skala ganze 3 Punkte - 3 von 10. Der SPD-Lokalpolitiker wird noch deutlicher: 

"Die wirklich großen Veränderungen stehen noch vor uns, und sie werden mit Sicherheit noch Jahre dauern, bis sie konsequent umgesetzt werden." 

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die meisten der 575 Verwaltungsleistungen Ende des Jahres lediglich oberflächlich digital daherkommen. Auf Grund veralteter und inkompatibler Software - sogenannter Fachverfahren - werden die meisten Anfragen auf Auskunft und Anträge zur Genehmigung weiter per Hand bearbeitet - inkl. Faxen, Ausdrucken und Abtippen. Dazu kommt die lästige Verpflichtung für Bürger und Betriebe, auch weiterhin Nachweise auf Papier vorlegen zu müssen. Medienbruchfreie Geschäftsprozesse in der digital-vernetzten Welt? Im Rathaus eher Fehlanzeige. 

Lübecks Bürgermeister Lindenau geht davon aus, dass Anfragen und Anträge erst 2030 voll digital erledigt werden können - von der einmaligen Eingabe persönlicher Daten im Service-Portal, der Übernahme von bereits erhobenen Daten bis zur automatischen Bearbeitung und Entscheidung von Anträgen und Genehmigungen. Wie Teile der Wirtschaft hat auch die Kommunalpolitik mit ihrer Verwaltung kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem, wie das Beispiel Lübeck zeigt. Vollversagen von Politik und Verwaltung im Jahr 5 des OZG - Made in Norddeutschland.

Wenn die Lokalpresse Hofberichterstattung macht, muss der Rechnungshof ran.
Foto: HANSEVALLEY

Mitte Februar dieses Jahres platzt eine weitere OZG-Bombe im Norden: Der Rechnungshof der ehrwürdigen Kaufmannsstadt Hamburg stellt in seinem Jahresbericht für 2021 fest: "Die Freie und Hansestadt droht von den anderen Bundesländern abgehangen zu werden". Grund: Für alle von Hamburg erarbeiteten und vom Bund bezahlten Programme vor allem im Bereich "Unternehmensführung & -entwicklung" mussten bis Juli '21 die Konzepte vorliegen, um die digitalen Dienste bis Ende des Jahres an den Start zu bekommen. Dazu gehören so entscheidende Themen wie Mutterschutz, Arbeitsschutzregelungen und die Hilfe für Menschen mit Behinderungen.

Die bittere Realität bei den Pfeffersäcken: Das zuständige Amt für IT und Digitalisierung unter Chief Digital Officer Christian Pfromm mit fast 150 Beamten und Verwaltungsangestellten in der Verantwortung der Senatskanzlei von SPD-Staatsrat Jan Pörcksen schaffte es für NICHT EIN EINZIGES Programm, die Frist einzuhalten. Damit nicht genug: Der Hamburger Senat weiß weder, wie viel Geld für die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes an Alster und Elbe notwendig ist, noch wie viel der Betrieb Hamburg in den kommenden Jahren kosten wird, so der Rechnungshof in seinem Jahresbericht

Das völlig ahnungslose Amt für IT und Digitalisierung des Senats

Statt die notwendigen Hausaufgaben zur Vermeidung einer Bruchlandung fünf Jahre nach Verabschiedung des OZG zu erledigen, feiert sich der Hamburger Senat für den Vorsitz 2021 im "IT-Planungsrat" von Bund und Ländern - und damit für die Koordinationsrolle beim bereits im vergangenen Jahr als gescheitert erkennbaren OZG. Der Senat setzt einen eigenen Chief Digital Officer für die Bezirke ein, der erst sechs Monate später im Februar '22 überhaupt Personal und Mittel durch Rot-Grün bewilligt bekommt und nun für die Digitalprojekte auf Bezirksebene verantwortlich sein soll. Bezirks-CDO Benjamin Schock bringt in der hauseigenen Pressemeldung offenherzig auf den Punkt:

"Der Startschuss ist gesetzt!"
Fünf Jahre nach Verabschiedung des Digitalisierungsgesetzes - OZG.

Mittwoch, 6. April '22: Die Pressestelle des Hamburger Senats verkündet stolz den Start eines neuen Portals unter dem hochtrabenden Namen "Hamburg digital". Hier soll - Zitat - "eine Vielzahl von Hamburger Digitalisierungsprojekten und -prozessen gebündelt präsentiert werden" - zusammen mit allen Behörden. Unter der Regie des laut Rechnungshof ahnungslosen Amts für IT und Digitalisierung feiert sich der Senat gemäß seiner - von uns auseinander gepflückten - 60 bunten Seiten "Digitalstrategie" in acht "digitalen Räumen", die alle Lebenssituationen rund um Alster und Elbe abdecken sollen - und müssen.

Hier träumt der Senat mit seinen Behörden, Betrieben und Beteiligungen vom digitalen Leader hinterm Deich. Highlights der Eigentor-PR aka Schaufenster-Seite: 

- eine Homepage von "Hamburg Tourismus" mit Musical-Tickets und Hotel-Paketen, wie sie jede Stadt und jeder Kreis online auf die Kette bekommt. Es gilt: "Weil wir Hamburg sind."

- ein "digitaler Zugang zur Kultur" aka "eCulture" ... ohne ein einziges, praktisches Projekt - dafür aber mit einer - Achtung! - 127 Seiten dicken Strategie der Kulturbehörde BKM - erarbeitet 2019.

- Manager stadteigener Behörden und Betriebe, die sich ganz weltmännisch zweisprachig! loben ... u.z. über sich selbst und ihre eigenen Schaufensterprojekte. Kein Kommentar.

- ein verschlossener "KI-Showroom" (s. u.) inkl. des allseits abgenudelten "Starship"-Zustellroboters, vom überdimensionalen Empfangstresen ganz abgesehen. "KI - Made in Hamburg".  

- ein "Haus der digitalen Welt", das Kultursenator Brosda in Helsinki abguckte - und bis heute nicht mehr als ein feuchter Traum ohne Baugenehmigung und Budget ist. Kosten: mind. 120 Mio. €.


"Hier stellen wir eine Auswahl städtischer Digitalisierungsprojekte aus allen Bereichen vor."
- Zitat "Hamburg digital" -

KI-Showroom der KI-Initiative "ARIC" in der Nordakademie Hamburg.
Foto: ARIC

Um nicht in den Verdacht zu geraten, mit bösem Rosinenpicken die Freie und Hansestadt kritisieren zu wollen, ergänzend ein paar Zahlen und Fakten aus den "digitalen Räumen" von "Hamburg digital": Gesundheit - 3 Projekte, Wirtschaft - 3 Projekte, Sicherheit & Recht - 3 Projekte, Achtung: Verwaltung - 4 Projekte. Dazu kommt eine Vorstellung von Verkehrsprojekten namens "TLF", "HaRaZäN" oder "aVME" sowie Stadtprojekten, wie "CUT", "DIPAS", "eWA" sowie "UDP" und "DigITAll", z.T. rauskopiert aus der "Digitalstrategie" von 2020. Das unaussprechliche Sammelsurium von Behördenhighlights macht den Blindflug der "Digitalen Stadt Hamburg" für jedermann sichtbar. Vielen Dank!

Hamburg Digital, Future Hamburg, Stadt der Zukunft ... und überhaupt.

Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre: Die Stadt hat bereits einen toten Gaul - pardon - ein totes Portal mit dem hochtrabenden Titel "Future Hamburg" der Wirtschaftsförderung - inkl. der Lieblingsthemen des finanzierenden Senators Michael "Westwasserstoffman" - nämlich Wasserstoff, Klimaschutz und Impact Startups. Hier präsentiert die städtische Werbeabteilung "Hamburg Marketing" die "Stadt der Zukunft", mit Abrufraten der "Future Talks" im unteren zweistelligen Bereich, dafür aber mit den Buzzword-Themen IoT, KI und Blockchain sowie Startups und Drohnen. Das ganze wird angereichert mit gegoogelten Fakten und vermeintlich führenden, auf jeden Fall aber subventionierten Initiativen, Projekten und Konferenzen, die schon in Norderstedt und Lüneburg keine S.u kennt.

Damit sind wir am verschlickten Grund der digitalen Verwaltung angekommen. Wenn die meisten der 575 Verwaltungsleistungen für Einwohner und Unternehmen im Norden auch in den kommenden Jahren hinter den Kulissen analog von fleißigen Behördenbienchen inkl. Faxgerät abgearbeitet werden, wie kommt dann eine analoge Stadt - wie Hamburg oder Lübeck - zu einer wirklich digital-vernetzten Stadt? Oder sind mehr als 200 Mio. € Mehrkosten für maßgebliche Digitalprojekte Hamburgs, ganze 25 termingerechte von 83 Hamburger IT-Projekten der Maßstab für "Hamburg digital"? Das sagt zumindest der Rechnungshof. 

Die Hansestadt Lübeck will bei der kommunalen Digitalisierung aufholen.
Foto: KarinKarin, Pixabay

Wieder einmal ist eine Diskussion bei der benachbarten Königin der Hanse ein erleuchtender Moment - und nein, wir werden nicht für das Szenario "Gutes Lübeck, böses Hamburg" bezahlt. Unter dem Titel "Quo vadis, Digitalisierung" quälen sich Anfang April d. J. zwei mehr oder eher weniger im Thema fitte Lokaljournalisten der "Lübecker Nachrichten" mit brav vorformulierten Stichwortkarten über fast 4,5 Stunden durch die Themen a) Kundenzugang durch globale Plattformen vs. analoge Kommunen, b) echte Digitalisierung in der lokalen Wirtschaft und c) Landespolitiker und ihre Versprechen im Wahlkampf. 4,5 Stunden, weisste Bescheid ...

Den echten Impuls auf der Promotionbühne der "Stadtwerke Lübeck Gruppe" gibt Christoph Bornschein, der ein wenig schlusig wirkende aber umso hochtrabender argumentierende Gründer und Geschäftsführer der Berliner Digitalberatung "TLGG". Der laut "Handelsblatt "Young Global Leader" (was immer das auch sein mag) skizziert einen "Bottom-up Wandel", bei dem die gut 11.000 Kommunen in den 16 Bundesländern die Digitalisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge treiben sollten. Wir kennen den Grundsatz bereits aus der Wirtschaft, nämlich "think global, act local". Wird uns hier von einem cleveren Berater alter Wein in neuen Schläuchen verkauft?

"All business is local" heißt nicht Hofberichterstattung

Bornschein holt die Vertreter aus Politik und Verwaltung sowie Wirtschaft und Wissenschaft ab, wo sie leben - lokal, vor Ort. Hier werden von den Menschen all die Leistungen abgefordert, um die es jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr geht: die lokale Versorgung mit Strom, Gas und Wasser, um Müllabfuhr und Stadtreinigung, um Tickets für Busse und Bahnen, um Öffnungszeiten und Eintrittkarten für Schwimmbad und Museen, um Kindergartenplätze, die richtige Schule und das Studium. Der CEO der "TLGG" stellt fest:

"Eigentlich ist der Verbund der öffentlichen Unternehmen zusammen mit der Kommune oder dem Land der Träger von Identitätsleistungen und muss die Frage beantworten, wie der Fahrschein für den öffentlichen Personennahverkehr mit der selben App erworben werden kann, mit der ich auf der anderen Seite den Kindergartenplatz beantragen kann."

Wir haben uns die Empfehlungen des Unternehmensberaters näher angeschaut und fern ab von Reklameblöcken Schicht für Schicht die Digitalisierung der Verwaltung auf kommunaler Ebene näher zur Brust genommen und um Erfahrungen und Empfehlungen ergänzt:

Das "Hamburg Service"-Portal: 180 Online-Dienste und viel Luft nach oben.
Screenshot: HANSEVALLEY

Die kommunale Identität:

Grundlage für Leistungen unter einem Dach ist eine einheitliche "Bürger ID". Sie erfüllt drei Aufgaben: 1. den zentralen Zugang zu den öffentlichen Verwaltungsleistungen einer Stadt oder eines Kreises, 2. die Nutzung weitergehender, vernetzter Services, z. B. der (öffentlichen) Unternehmen und 3. die Nutzung von digitalen Leistungen über den Deich hinaus - z. B. Landes- und Bundesleistungen. In Hamburg ist das Service-Konto für den "Hamburg Service" der Ansatz - für Bürger, Betriebe und Behörden - ein digitalisierter Bürgerservice, wie auch in Bremen, Hannover, Kiel, Lübeck oder Rostock. Der Streit findet hinter den Kulissen zwischen Verwaltungen und Unternehmen statt, so Bornschein. Hier geht es um die Kundenschnittstelle und wer Herr des Kundenkontakts ist, wird oder bleibt.

Die kommunalen Services:

Dreh- und Angelpunkt der Digitalisierung für das Zusammenleben vor Ort sind öffentliche Dienstleister, die die Federführung zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Infrastruktur und vernetzter Anwendungen und Plattformen übernehmen sollten. An Alster und Elbe ist dies u. a. die städtische "Hochbahn" - mit einer eigens entwickelten Mobilitäts-App zur intelligenten Vernetzung von Bussen, Bahnen und Shared Services für E-Scooter, Fahrräder, Mitfahrgelegenheiten und Mietwagen. Knackpunkt: Bis auf "Miles", "Moia", Sixt" und "Tier" ist kaum jemand dabei. Hier scheinen unrealistische "Hochbahn"-Träume wichtige Player abzuschrecken, oder warum sind bei der privaten Hamburger Konkurrenz von "Free Now" alle dabei?

Die kommunale Strategie:

Dreh- und Angelpunkt jeder Digitalisierung ist eine Strategie, was man wie digital aufstellen will oder muss. Genau hier scheitern die Kommunen. Sven Jung von der Berliner Software-Beratung "ReqPool" spitzt zu: 

„Im OZG, dem Online-Zugangs-Gesetz, ist häufig vom ‚digitalen Amt‘ die Rede. Kommunen, Landkreise und staatliche Verwaltungen arbeiten daran, viele Prozesse digital zu ermöglichen. Leider ist das wenig konzertiert und viel Stückwerk.“ 

Das entspricht ziemlich genau der Inhaltsangabe von "Hamburg digital". Jung erinnert an die Schmerzen bei der Beantragung der Corona-Hilfen für Unternehmen: "Da nutzt es nichts, wenn der Antrag digital eingereicht wird. Es müsste auch unmittelbar digital entschieden werden – in Kenntnis aller Faktoren und Rahmenbedingungen.“ Autsch! Jung verabschiedet sich an dieser Stelle von der aktuellen Stümperei in den Amtstuben und fordert einen Schritt weiter die "selbstfahrende Organisation" mit Hilfe von KI-basierter Software, die auch entscheidet. 

Hier scheint die Landesregierung in Kiel den Schuss gehört, und mit dem neuen Digitialisierungsgesetz die Rahmenbedingungen für den KI-Einsatz in der Verwaltung gesetzt zu haben. Bleibt zu hoffen, dass Städte und Kreise von ihren vereinzelt digitalisierten Analogprozessen zu einer strategischen Denke mit zukunftsweisenden Ansätzen kommen. Der Ansatz des Digitalberaters: die Beamtenmentalität muss ins digitale Zeitalter transformiert werden. Denn Digitalisierung beginnt bei Kulturwandel, nicht bei analogen Prozessen. Mal so als Tipp für tote Gäule, wie "Hamburg digital" und Future Hamburg" ...

Das kommunale Portal:

Auch wenn die meisten digitalen Services in Hamburg noch in weiter Ferne liegen, eines hat das laut Rechnungshof ahnungslose Amt ITD bereits hinbekommen: ein zentrales Services-Portal auf einer neuen, webbasierten Plattform - nicht zuletzt dank der Unterstützung des öffentlichen norddeutschen IT-Dienstleisters "Dataport", und damit für alle Kommunen in den "Dataport"-Ländern. Im Moment ist das 2003 gestartete und 2017 aufgefrischte "Hamburg Service"-Portal noch vor allem eines: Eine strukturierte Sammlung von Fragen, weniger von Antworten. Mit Stand heute gibt es zwar rd. 180 Online-Dienste, diese stammen großteils aber noch aus der Vor-OZG-Zeit und reichen von "quick & dirty" bis neu und zukunftsweisend.

Die kommunale Infrastruktur:

Die Grundlagen der kommunalen Digitalisierung im Norden.
Grafik: Dataport

Grundlage für jedes Portal ist die flexible Arbeitsebene - z. B. die "Online-Service-Infrastruktur" der "Dataport", gemeinsam gebaut für Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt. Seit 2018 wurde die Basis für das "Service-Portal" in Hamburg einführt, rd. 80 alte Service-Leistungen an die neue Struktur angepasst. Diese besteht aus Basismodulen für personenbezogene Daten, die Kommunikation und Bezahlmöglichkeiten. Dreh- und Angelpunkt ist das API-Gateway, dass externe Dienste an die Plattform anbinden soll. Darunter liegen dann die Fachanwendungen aus Bund, Ländern und Kommunen, die die eigentliche Arbeit machen und teilweise 10 Jahre und älter sind. Was die Sache schwierig bis unmöglich macht.

Die kommunale Datenhaltung:

Nach millardenschweren Investitionen der US-Techriesen - wie "Amazon" in "AWS", "Google" in seine Cloud und "Microsoft" in "Azure" scheint in Deutschland die Gefahr einer Abhängigkeit bei der Datenhaltung und Verarbeitung bittere Realität zu werden - vergleichbar mit zwingend notwendigen Gas- und Öllieferungen aus Russland. Hier kommen die kommunalen Rechenzentren wie "Dataport" für Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein, "DVZ M-V" und "IT Niedersachsen" ins Spiel. Nur wenn Daten frei von kommerzieller Vermarktung erhoben und genutzt werden, werden Menschen die dazu gehörenden Services auch online in Anspruch nehmen. Dies ist für sensible Bereiche, wie Anträge auf öffentliche Hilfsleistungen essenziell. Hier haben "Amazon", "Google" und "Microsoft" nichts zu suchen.

Die kommunale Sicherheit:

Das neue Cyber Defence Center für die Hauptstadt Berlin.
Foto: ITDZ Berlin

Eine Sollbruchstelle digitaler Daseinsvorsorge ist für Berater Bornschein aus Berlin die kritische Infrastruktur. Jeder per LoRaWAN angeschlossene Sensor an Mülltonnen, Straßenlaternen und öffentlichen Parkpätzen ist ein möglicher Angriffspunkt für Attacken auf die Netze von Kommunen. Allein in Hamburg gibt es mit Stand August '21 über 10.000 öffentliche Sensoren, von tausenden weiterer durch die acht Partner des Hamburger Projekts unter Leitung von "Stromnetz Hamburg" geplanter Funksensoren ganz zu Schweigen. Berlin hat bereits ein eigenes, lokales "Security Defence Center" für sein Landesnetz in Betrieb genommen. Die Botschaft der Lübecker Diskussion: Bislang haben die meisten weggeguckt und sich nicht mit den immer größeren Gefahren durch Cyber-Security beschäftigt. Wie traurig und brandgefährlich.

Die kommunale Entwicklung:

Hinter Konten, Portalen, Services, Datenhaltung und Infrastruktur steht wie immer in der Digitalisierung das Thema Software. Hier bietet sich ein mehrstufiger Weg der Zusammenarbeit an - von der Unterstützung kommunaler Entwicklungen durch extern angedockte Experten, über die Zusammenarbeit mit anderen Kommunen und deren Dienstleistern (z. B. Rechenzentren und IT-Töchtern von Stadtwerken), der gemeinsamen Entwicklung mit lokalen oder regionalen IT-Partnern bis zur Beteiligung an Startups, um deren Kompetenz z. B. für Identitätslösungen und Cyber-Security langfristig zuverlässig nutzen zu können.

Auch hier ist - man höre und staune - das bei Kosten ahnungslose und bei seinen "Digital First"-Projekten fünf Jahre in Verzug geratene Hamburger Amt für IT und Digitalisierung bereits einen Schritt weiter: Mit einem modularen Softwarebaukasten - dem "Modul F" - sollen vor allem für kleinere Fachanwendungen erforderliche Bausteine wiederverwendet werden können. Dies gilt z. B. für Registerabfragen, die Vier-Augen-Prüfung, die Ausstellung von Bescheinigungen oder die Archivierung von Vorgängen. Der Innenstaatssekretär und Bundes-CIO Markus Richer fasst es treffend in einen Satz:

"Mit einer standardisierten Vorgehensweise wird das MODUL-F den Transfer von analogen Verwaltungsleistungen in das digitale Zeitalter beschleunigen."

Bislang wurden Programme Schritt für Schritt händisch geschrieben.
Fotro: RAEng_Publications

Das Besondere: Die Module werden auf Basis von "Low Code" mit visuellen Tools geplant und mit vorgefertigten Elementen zusammengesetzt. Klassischerweise werden Programme in Textform geschrieben und anschließend in maschinenlesbaren Quellcode umgewandelt, was mehr Zeit erfordert und fehleranfälliger ist. 11,6 Mio. € legt der Bund aus Corona-Konjunkturmitteln für "Modul-F" in den Korb. Die Bundesebene und Hamburg leiten die Entwicklung. Die Software-Bausteine können dann sowohl in Hamburg, allen anderen Städten, Ländern und auf Bundesebene genutzt werden. 

Der kommunale Treiber:

Um die lahmende Digitalisierung der Verwaltung auf kommunaler Ebene in Schwung zu bringen, bedarf es eines zentralen Mitspielers, der nicht Verwaltung heissen kann, weil Verwaltung per Definition sorgfältig, damit aber nicht schnell ist - vgl. Hamburg. Hier kommt das Modell der öffentlichen Stadtwerke ins Spiel, die es in zentraler Form in Lübeck, aber nicht in der zersplitterten Landschaft Hamburger Landesbetriebe gibt. Drei Funktionen sollte ein kommunaler Treiber für kommunale Digitalservices übernehmen: 
  • Die Abstimmung von Anforderungen für Verwaltungs- und weitere kommunale Leistungen (wie Energie, ÖPNV, Bildung oder Kultur) inkl. der Beschaffung digitaler Lösungen, der Beauftragung von Softwareentwicklung und der Zusammenarbeit z. B. mit Startups
  • Die Beteiligung an kommunalen Digitalprojekten anderer Einrichtungen, z. B. von Hochschulen und Forschungsinstituten, privaten Unternehmen mit interessanten Möglichkeiten (wie "Dräger") und von jungen, innovativen Firmengründungen
  • Die Investition in kommunale und regionale Startups und ihre Govtech-Lösungen, um langfristig Zugriff auf technische Entwicklungen und Ressourcen zu haben, z. B. für künftige Problemlösungen. Hier kann eine eigene Beteiligungsgesellschaft Sinn machen. 

Unsere Erfahrung zeigt, dass eine kommerzielle Struktur, die auch investieren kann, häufig gut als Katalysator für sowas wirkt, die Dinge die Verwaltung nicht schnell machen darf, dann schnell zu erledigen.
- Christoph Bornschein, CEO TLGG Group -

Die kommunalen Partner:

In Hamburg hat man gerade zögerlich den Einstieg für Startups in die Digitalisierung der Verwaltung gewagt: Das städtische Projekt "TechGovHH" soll als Anknüpfungspunkt zur Stadt dienen, mit Austausch und Vernetzung sowie Abstimmung und Vermittlung. Zwar ist Projektleiter und Ex-HPA-Nachwuchs Paulo Kalkhake rundherum fit. Von kommerzieller Beauftragung oder Beteiligung an passenden Startups ist die One-Man-Show jedoch meilenweit entfernt. Hier verweist man auf die teilweise zweifelhaften Machenschaften der IFB-Förderbank und ihres Startup-Arms "Innovationsstarter". Damit ist schnell und flexibel an dieser Stelle in Hamburg tot, mausetot.

Auf Bundesebene werben "Tech4Germany" um Talente und "Work4Germany" um Kooperationen unter der Schirmherrschaft des Kanzleramts. Vergleichbare Programme lassen sich auch auf Kommunal- und Landesebene einrichten. Hier gilt es tatsächlich einmal, das viel gepriesene und noch häufiger missbrauchte "Hub"-Modell aus der Schublade zu holen, wie es z. B. "Philips" in Hamburg mir dem "Health Innovation Port" für interessante Startups im Bereich Healthtech nutzt. Voraussetzung ist jedoch eine privatwirtschaftliche Denke für kundenzentrierte Lösungen. Das ist mit Verwaltungsdenke praktisch ausgeschlossen. Eine Chance für Lübeck könnte z. B. das Accelerator-Programm "Gateway 49" sein. 

Das kommunale Netzwerk:

Neben neuen, auch jungen Ideen und Produkten spielt die Beteiligung von Einwohnern, Unternehmern und Interessenten eine entscheidende Rolle bei der Digitalisierung - nicht nur - auf kommunaler Ebene. Das "EnergieCluster Digitales Lübeck" ist Beispiel für "Alle an einen Tisch", weil es sichtbar macht, was bereits passiert ist, Ideen aufnimmt und gemeinsam in eigenen Arbeitskreisen an Lösungen arbeitet, die Abhilfe bzw. Verbesserung schaffen können. Das ist weit mehr als tote Webseiten mit krampfhaft zusammengekehrten Schaufensterprojekten der Hamburger Verwaltung ... 

Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau verrät den interessierten Teilnehmern der Diskussionsveranstaltung in den "Media Docks", wie man über Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft hinaus zu einer digital-funktionierenden Stadt kommen kann:

"Wenn man in der Stadtgesellschaft was gemeinsam erreichen will, dann geht das nur zusammen - und vor allem nicht so zu tun, als hätte man in der Stadt nicht genügend Know how."

Wie wäre es, wenn sich die arrogante - pardon - stolze Elbmetropole Hamburg mal dazu herablassen würde, neben mehr oder weniger sinnfreien Schaufenster-Webseiten wie "Hamburg digital" oder "Future Hamburg" die wirklich digital in der Stadt Engagierten offen an einen Tisch zu bringen; und damit meinen wir nicht den runden Tisch des Ersten Bürgermeisters als Closed Shop Event der mehr oder weniger exklusiven Gästeliste aus der Kulturbehörde BKM, eingerichtet noch unter Olaf Scholz. Wie der teilnehmende SPD-Funktionär Nico Lumma Digitalisierung versteht, durften wir gerade mit dem 9 Mio. € schweren, gescheiterten SPD-Verschiebebahnhof für einen sinnfreien Fintech-Accelerator erleben. 

Die kommunale Zukunft:

Sehenden Auges wird die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes zum 31.12.22 scheitern, so die Fakten. Zugleich brüten die Bundesländer einen Nachfolger - das "OZG 2.0" - aus. Damit sollen Themen, wie die Modernisierung öffentlicher Register, die Schaffung einer dezentralen Verwaltungs-Cloud und Fachverfahren zentral bereitgestellt werden. Komisch, dass man erst fünf Jahre nach dem Beschluss für ein OZG an den Punkt kommt, so entscheidende Themen, wie die Zusammenarbeit von Kommunen, Ländern und Bund sowie die essenzielle, vertrauensvolle Datenhaltung anzugehen.

Schaut man sich die von Bayern federführend entwickelten "Essentials" für neun der 16 Bundesländer einschl. Bremen (den "G9") an, fragt man sich, warum auch bei der Fortsetzung der Digitalisierung in der Verwaltung wieder jeder sein eigenes Süppchen kochen muss. Oder wo ist z. B. Hamburg, wo ist z. B. Niedersachen? Zudem stellt sich die entscheidende Frage, warum die "OZG-Steuerung und Finanzierung" erst nach dem Scheitern des "OZG 1.0" jetzt "effizienter und transparenter" werden soll. Wäre das nicht eine Aufgabe in den vergangenen fünf Jahren gewesen? 

"Dieses Jahr müsasen die Weichen für die Weiterentwicklung zu einem "OZG 2.0" gestellt werden."
Markus Richer, Bundes-CIO und amtierender Vorsitzender des IT-Planungsrates

61 % der Bundesbürger wünschen sich lokale Services zentral in einer App - zusammen mit Dienstleistungen und Angeboten. Bei der jungen Generation sind es mit 76 % sogar mehr als drei Viertel. Auch die Senioren fordern mit 53 % laut aktueller "Bitkom"-Umfrage mehrheitlich, alles Wichtige zentral auf dem Handy erledigen zu können.

Für 60 % der Deutschen sind digitale Bürgerservices der Verwaltung äußerst wichtig. Die Bundesbürger wünschen sich den Gang aufs virtuelle Amt ohne Wartenummer sogar mehr als Online-Shopping. Serviceportale und -Apps sollten dabei schnell und einfach Auskünfte und Genehmigungen möglich machen. 

Mehr als die Hälfte der Deutschen erwartet außerdem eine zentrale digitale Dokumentenablage im Netz, ohne Genehmigungen oder Belege immer wieder kopieren, einschicken oder hochladen zu müssen. Das sind die aktuellen Ergebnisse einer Umfrage des Berliner Marktforschungsinstituts "Civey" im Auftrag des Softwareherstellers "Salesforce".  Aber das werden wir wohl doch erst in 30 Jahren erleben.

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 Hanse Digital Background: 

22.01.2020 - HANSESTATEMENT: 
Rot-Grün: Digitalstrategie? Echt jetzt?

29.04.2019 - HANSEPERSONALITY Jan Pörcksen: 
"Die Dienstleistungen des Staates vom Nutzer her denken."

17.06.2018 - HANSEPERSONALITY Christian Pfromm: